Wir Spinner und Verschwörungstheoretiker Samstag, Jul 9 2011 

Nerds, Freaks, Weirdos, Außenseiter, Soziopathen, Zweifler und Zyniker kommt herbei! Versammelt euch um das virtuelle Feuer und wärmt eure Hände am Monitor, denn der alte, bärtige Eden will euch eine Geschichte erzählen.

Es ist eine zeitlose Geschichte, eine Geschichte vermutlich so alt wie die Menschheit selbst (Und wenn sich hier Kreationisten tummeln, nein, ich schreibe jetzt nicht über Adam und Eva – Und verpisst euch.) Eine Geschichte voller Hass, Wut, Trauer, Einsamkeit und Leid. Voller Ungerechtigkeit, zerschmetterter Hoffnung und gebrochenem Idealismus.
Eine Geschichte, bei der ich den Pathos jetzt lieber mal ein paar Stufen zurückdrehe und zum Punkt komme.

Nun – Seht mal aus dem Fenster. Da draußen seht ihr einen kleinen Ausschnitt dieser sehr seltsamen Welt, in der wir leben.
In dieser sehr seltsamen Welt gibt es sehr seltsame Menschen. Sehr seltsame Menschen, die seltsamerweise uns für sehr seltsam halten.
Und als wäre das alles noch nicht seltsam genug, sind diese sehr seltsamen Menschen seltsamerweise kolossal in der Mehrheit.
Ja, so ist das. Und das schon seit Langem. Vermutlich war es auf die eine oder andere Art schon immer so.
Wir sind eine Minderheit – zumindest zähle ich mich zu dieser, ob das bei euch auch der Fall ist, bleibt euch überlassen. Eine Minderheit, weil es uns nicht genug ist, „einfach nur unser Leben zu leben“, weil es uns nicht reicht, mit all den diversen Möglichkeiten, die die moderne Gesellschaft uns bietet, so viel Spaß und Glück wie möglich aus unserer kleinen, wertlosen Existenz zu pressen auf diesem Rennen mit der furchterregenden Ziellinie, die keiner zuerst überschreiten will. Weil wir nicht zu der überwältigenden Masse gehören, die vor sich hin lamentiert darüber, dass es doch sinnlos ist, sich über all das aufzuregen, was schief läuft auf dieser Welt, weil man „als Einzelner doch sowieso nichts erreicht“. Die sich mit etwas Zeit auch an jede noch so große Frechheit gewöhnt, die ihnen aufgebürdet wird.
Und, letzten Endes und vor allem, weil wir zweifeln.
Zweifeln an unserer Gesellschaft, zweifeln an all den Normen und Werten, die sie propagiert, zweifeln an dem Kurs, den sie nimmt. Und in meinem Fall, vermutlich auch in eurem, weil wir zweifeln an unseren Politikern und unseren Medien, an all den offiziellen Versionen, die wir da tagtäglich vorgesetzt bekommen.
Genau deshalb sind wir Wenige.

Ich habe es in meinem Artikel über die Ermordung Bin Ladens bereits angeschnitten; Allzuschnell werden Menschen wie wir, die kein Vertrauen mehr in die Massenmedien und die Glaubwürdigkeit von Politikern (Es tut schon fast weh, das überhaupt zu schreiben) haben, die offen sind für andere Erklärungen und Versionen, in denen „gut“ und „böse“ bei Weitem nicht so eindeutig verteilt sind wie in den offiziellen Nachrichten, mit dem Begriff Verschwörungstheoretiker abgetan, besonders von etablierten und sogenannten seriösen Medien. Die Intention ist für mich relativ klar – Am Ende stehen wir damit zusammen in einer Ecke mit Leuten, die behaupten, Elvis oder Michael Jackson seien noch am Leben oder irgendwelche extraterrestrischen Lebensformen hätten sich für ihren Darminhalt interessiert. Das macht uns lächerlich, das beraubt uns unserer Glaubwürdigkeit, das bringt am Ende doch noch eine große Mehrheit aller Menschen dazu, nur grinsend mit dem Kopf zu schütteln, wenn wir unsere Versionen vorbringen. Das bringt uns wiederum letztlich um die Möglichkeit und das Recht, dass man sich auf der Basis einer möglichst objektiven Disskusion mit unseren Argumenten auseinandersetzt.

Besonders bei Theorien, die gar nicht so weit hergeholt sind und bei näherer Betrachtung jede Menge sehr verdächtiger Indizien als Grundlage haben, bringt mich das regelmäßig zum Kotzen.
Ja, ich spreche von Indizien, nicht von Beweisen. Denn das ist am Ende sowieso alles, was wir kriegen. Das gilt ebenso für die „offiziellen“ Versionen von Geschehnissen. Oft genug beruft sich die Berichterstattung der meisten etablierten Medien auf ein und die selbe Meldung aus ein und der selben Quelle, hinterfragt wird sie in einer Vielzahl von Fällen gar nicht.
Und das ist womöglich dann eine Meldung der entsprechenden Behöre, ein Statement, eine offizielle Version. Wir sollen glauben, dass es so war, auch bei brisanten Themen oft ohne jemals etwas anderes als den Text vor unserer Nase zu sehen. Welcher Personenkreis hätte bitteschön ein Interesse daran, etwas zu veröffentlichen, das dem eigenen Ansehen schaden könnte?
Wir haben gesehen, was passiert, wenn Organisationen wie Wikileaks in solchen Fällen nachhelfen.
Vielleicht wollen viele dieser sehr seltsamen Menschen es auch gar nicht wissen.

Also woher kommt die Sicherheit, dass diese Personenkreise immer um eine möglichst objektive Berichterstattung bemüht sind? Wo sind auch hier mehr als nur Indizien? Weil es etablierte, populäre Medienanstalten sind?

Die Wahrheit ist, als Konsumenten von Nachrichten können wir uns nie wirklich sicher sein, dass das, was wir da lesen, auch wirklich so stimmt, und zwar in keinem Fall außer demselben, das wir beim entsprechenden Ereignis selbst anwesend waren. Etwas, was wohl höchst selten vorkommen wird.

Als jemand, der sich sehr für Geschichte interessiert, fand ich es ja immer sehr interessant, wie viele Quellen wir in unseren Geschichtsbüchern haben, die uns erzählen, was hinter den Kulissen der Macht vor sich gegangen ist, wie all das verschleiert und als etwas vollkommen Anderes nach außen verkauft wurde und wie naiv das Volk in der überwältigenden Vielzahl der Fälle der eigenen Regierung gegenüber stand.
Wir wissen das heute. Wir lernen es in der Schule.
Und doch versäumen wir, die eine wirklich wichtige Lektion daraus mit zu nehmen, die wir in unserem späteren Leben tatsächlich gebrauchen könnten. Für irgendwelche besonderen Daten, Namen und Termine braucht man sich meines Erachtens bei Geschichte gar nicht so sehr zu interessieren, aber was wirklich bedeutsam ist, was aus all dem zu lernen ist, das ist wer wir sind, warum wir so sind und wie wir uns dazu entwickelt haben.
Und in punkto Regierungen ist es für mich vor allem diese Lektion;

Regierungen haben über die ganze Menschheitsgeschichte hinweg, mal mehr, mal weniger, ihr Volk manipuliert, die Wahrheit verdreht, beschönigt oder schlicht und ergreifend gelogen. Gebt euch nicht der Illusion hin, dass sich das mit der Moderne geändert hätte, sie tun dies auch heute noch – Sie werden es mit Sicherheit bis zu einem gewissen Grad bis zum Ende der Menschheit tun.
Nun will ich nicht sagen, dass das nicht hin und wieder sogar nötig wäre. Menschen anzuführen kann beizeiten eine sehr unspaßige, sogar verdammt hässliche Angelegenheit sein. Gibt es Situationen, in denen man diejenigen belügen muss, die einem folgen, zu ihrem eigenen Wohl?
Ich kann es mir zumindest vorstellen.

Der Unterschied ist jedoch, oft genug geschieht es nicht aus der so verstandenen Verpflichtung dem Volk gegenüber, es geschieht im eigenen Interesse, aus der Gier nach (persönlichem) Profit, aus dem Streben nach Popularität, dem Willen zur Macht.
Als Beispiel muss man sich nur die Nebeneinkünfte vieler unserer Abgeordneten zu Gemüte führen, die faszinierend großzügigen Summen, die sie für lächerliche Aufgaben erhalten, wie einen Sitz im Aufsichtsrat eines Unternehmens mit offensichtlichen wirtschaftlichen Interessen, wo sie schätzungsweise einmal im Jahr des Protokolls halber anwesend sind.
Wer mir noch sagen will, dass diese Leute nicht darum bemüht wären, ALLERMINDESTENS die Interessen ihrer Taschengeldgeber in ihre Politik mit einzubeziehen, wenn nicht sogar sie in verdeckter Weise vollständig zu ihrer eigenen Agenda zu machen, dem werfe ICH Realitätsverlust vor.
Denn, wir lernen es als Kinder, wenn man von seinen Eltern Taschengeld will, dann ist man besser brav und tut, was sie sagen.

Was nur eines von vielen Beispielen für verdächtige Verflechtungen von Politik, Wirtschaft und Medien ist.
Ich empfinde das als sehr brüchige Basis dafür, irgendeinem dieser Kreise noch Vertrauen entgegenzubringen.

Dennoch stehen Leute wie wir sehr schnell am Rand und gelten als Spinner, wenn wir gegen die offizielle Berichterstattung Einspruch erheben und eine andere Version auf Basis verschiedener Indizien und Rückschlüsse aufstellen, und das, obwohl breite Schichten der Bevölkerung längst immer mehr Vertrauen in die Politik verlieren.
Warum?
Vielleicht, weil es in der Berichterstattung einen Mangel an Alternativen gibt?
Wir sind es gewohnt, unsere Nachrichten von Fernsehen und Zeitung zu bekommen, bequem im eigenen trauten Heim, ohne viel dafür tun zu müssen, selbst im Internet frequentieren viele dann die Plattformen der etablierten Medienanstalten. Wo würden wir auch sonst unsere Nachrichten herbekommen? Meiner Meinung nach haben wir längst ein Stadium kritischen Mangels an weiter gestreuter, differenzierter Berichterstattung erreicht.
Wir sind in dieser Hinsicht sehr abhängig.

Eine Option mag vielleicht das Internet sein.
Denn das Fantastische ist ja, dass es jedermann eine Plattform bietet. (Zugegeben, wenn ich an Ausgeburten wie Facebook denke, mag das irgendwo auch ein Nachteil sein…) Und so können einfache Menschen, nicht nur etablierte, große Medienanstalten prinzipiell jeden erreichen. So erhält man die Möglichkeit der Berichterstattung aus den verschiedensten Blickwinkeln, kann sich diverse Sichtweisen zum selben Thema zu Gemüte führen, und wählen. So macht das ja auch der alte, bärtige Eden, wenn er euch Geschichten erzählt.
Natürlich muss man auch dafür mal über den Tellerrand hinausblicken und auch nach diesen leisen Stimmen in der Ferne suchen.
Das zugrunde liegende Problem bleibt am Ende eben immer das Gleiche – Auch von diesen Stimmen wird niemals irgendeine die absolute Objektivität erreichen. Ich selbst maße mir gar nicht erst an zu behaupten, dieser auch nur nahe zu kommen.
Der Punkt ist, perfekt neutrale Berichterstattung ist ein Ding der Unmöglichkeit. In keiner einzigen Zeitung, auch nicht in der ach so seriösen Tagesschau. Denn überall sitzen Menschen, die, in kleinen Dosen, manchmal unbewusst, manchmal durchaus auch mit einer gehörigen Portion Absicht, die Dinge etwas anders aussehen lassen. Mal ganz davon abgesehen, wer da grade im Rundfunkrat oder in einflussreichen Positionen sitzt und was dieser jemand so hören will und was nicht.
Um sich in so einer Medienwelt zurechtzufinden, muss man eines verinnerlichen, was viele unterschätzen: Die Macht der Sprache ist gewaltig. Man muss begreifen, dass sich solche Institutionen keiner plumpen Inszenierungen bedienen müssen, sie müssen nicht einmal lügen. Als passionierter Schreiber habe ich eine gewisse Ahnung davon, wie sehr nur ein paar leicht veränderte Formulierungen, ein paar ausgetauschte Synonyme, ein anderer Ton, die Wirkung einer Nachricht verändern können.
Man muss nicht lügen. Man muss nur die Kunst der Sprache beherrschen, wissen, was man herunterspielt und was überhöht, wie man etwas formuliert, was man vielleicht etwas beschönigt und welche kleinen Details, die das Gesamtbild ändern, man verschweigt.

Ein Beispiel.
Nehmen wir eine Meldung wie…

Experten zufolge ist der Wirtschaftsstandort Deutschland im Laufe der letzten Jahre für Unternehmen wesentlich attraktiver geworden, hauptsächlich infolge einer deutlichen Reduzierung der Lohnnebenkosten.

Klingt klasse, oder?
Ja, Unternehmen, die sich in Deutschland niederlassen, sind immer gut. Arbeitsplätze, steigende Steuereinnahmen, Einsparungen bei der Arbeitslosenversicherung, Aufschwung, Schuldenabbau, hooray.
Und dazu ist es noch schön formuliert, in einem seriösen, fachlichen Ton, unter Verwendung von Worten, die für gewöhnlich positive Assoziationen wecken.

Glaube ich aber so alles nicht.
Denn es ist bei näherer Analyse komplett aus dem Blickwinkel der Wirtschaft geschrieben.
Was sind denn Lohnnebenkosten? – Die Kosten, die einem Unternehmen für die Anstellung eines Arbeitnehmers zusätzlich zu dem anfallen, was der am Monatsende überhaupt so kriegt. Das sind hauptsächlich Abgaben wie Renten-, Arbeitslosen-, Unfallversicherung und dergleichen.
Was bedeutet es, wenn diese deutlich gesenkt werden? – Nicht unbedingt, dass sie allgemein gesenkt werden, nur, dass sie für die Unternehmen sinken. Entweder durch Subventionierung oder durch den Klassiker, die Umverteilung der Abgaben zulasten des Arbeitnehmers.
(Wir erinneren uns ans Herrn Röslers berüchtigte Reform, die den Arbeitgeberanteil an der Krankenversicherung „eingefroren“ hat – alle künftigen Kostensteigerungen müssen also letztlich durch höhere Arbeitnehmeranteile gedeckt werden – Oder durch den Griff in einen anderen Topf, den letztlich auch wir füllen müssen. Danke, du Arsch.)
Falls hier noch irgendjemand ist, der da nicht mitkommt – das ist für uns nicht gut. Zumindest nicht, solange wir nicht im Betriebsrat irgendeines Großkonzerns sitzen.

Aber wenn das Experten sagen, dann muss das ja wohl doch stimmen.
Die Frage ist, aus welchem Blickwinkel diese Experten das betrachten. Wenn wir es auf den Punkt bringen also – Wer diese Experten bezahlt.
Sehr viele dieser hochseriösen Akademiker stehen nämlich wiederum auf der Gehaltsliste von Arbeitgeberverbänden – Ihr werdet zum Beispiel feststellen, dass eine erschreckende Anzahl dieser Menschen, die so oft und zu so vielen Themen stellvertretend als Stimme der Fachleute einer ganzen Branche im Fernsehen zu Wort kommen, für die INSM (Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft) arbeiten.
Schöner Name, was?
Klingt fast wie eine Hilfsorganisation oder eine Bewegung, die soziale Reformen anstrebt.

Jaaaaa. Klar.

Nicht so ganz.

So zerpflückt sieht die Meldung von oben nicht mehr ganz so positiv aus, nicht wahr?

Aber um hier endlich zum Ende zu kommen (Ich trete das hier schon wieder viel zu breit), was ich mir persönlich wünsche ist schlicht und ergreifend, dass die Menschen anfangen, Nachrichten mit einer anderen Mentalität zu konsumieren. Nicht nur die Nachrichten der gängigen Massenmedien, auch aus allen anderen Quellen. Auch das ganze Geschwalle, das ich euch hier entgegentexte.
Denn das ist eine Entscheidung, die man bewusst treffen kann, eine Wahl, die man dem eigenen Verstand lassen kann und meiner Meinung nach lassen sollte.
Wenn ihr euch also Nachrichten zu Gemüte führt, hakt das in eurem Gedächtnis niemals mit dem Gedanken „So ist das also.“ ab, nehmt vielmehr alles als „So könnte das also sein.“.
Das klingt billig, aber es ist auch nicht mehr und nicht weniger als das bewusste Vorbehalten der Möglichkeit, zu zweifeln. Wenn ihr für euch selbst die Möglichkeit anderer Erklärungen offen haltet, bleibt euer Verstand auch offener und sensibler dafür, solche Erklärungen zu finden und zu akzeptieren als wenn bereits etwas direkt Widersprechendes als Tatsache „verankert“ ist.
Es ist in dieser Hinsicht ein, man mag fast sagen, „Trick“, euer eigenes Unterbewusstsein aktiv und am Mitdenken zu halten.
Vielleicht würden nicht wenige mithilfe dieser Art des Denkens feststellen, dass Theorien, Erklärungen und Vermutungen, die sie als weit hergeholt, als Spinnerei oder Unfug abgetan hätten, doch so einiges für sich haben. Und dass die offiziellen Versionen von Geschehnissen im Lichte vorher unbekannter Fakten sehr viel unglaubwürdiger wirken können.

Dann gäb’s vielleicht auf einmal sehr viele Spinner und Verschwörungstheoretiker, wie ich manchmal als einer bezeichnet werde. (Oder Kommunist, das höre ich auch oft. Von Nazi ganz zu schweigen, aber das ist man bei Internetdisskusionen ja gewohnt.)

Behaltet euch die Möglichkeit des Zweifels vor, haltet euren Verstand scharf und sensibilisiert dafür, billige Manipulationsversuche zu durchschauen, und vor allem – Verlernt nicht, zu zweifeln.
Denn nicht zuletzt ist genau das meiner Meinung nach ein großer Teil dessen, was ein gewisser Herr Kant vor so langer Zeit mit dem „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ zu umschreiben suchte.

Etwas, dass ich auch heute noch nicht als vollbracht ansehe.
Denn natürlich ist das nicht einfach. Natürlich kann es sehr anstrengend sein, da es den Prozess der Meinungsbildung um so vieles komplizierter macht. Und natürlich nimmt das dem eigenen Leben am Ende auch sehr viel Sicherheit, wenn man sich daran gewöhnen muss, an jeder Version zu zweifeln.
Manchmal ist das in der Tat zum Ver-zweifeln.

Aber das ist eben der Preis.

Der Preis, den jemand zahlen muss, der in der ursprünglichsten, grundlegendsten Bedeutung des Begriffs ein frei denkender Mensch sein will.

ZOMG SEX LULZ! Freitag, Mai 7 2010 

Nein, das ist keiner dieser erbärmlichen Versuche, die Infotainment- und Boulevardmagazine zuweilen unternehmen, durch offenen Umgang mit dem Thema menschlicher Reproduktion Zuschauer/Leser/Hörer/Idioten zu gewinnen, in dem sie voyeuristische Tendenzen ausnutzen.
Na gut, doch, ist es.
Zumindest ein bisschen.

Und ihr seid drauf reingefallen.
Ha, ihr Idioten schmutzigen Perverslinge. =>

Aber hauptsächlich geht es hier um etwas Anderes, was mich wieder mal ernsthaft zu der Frage geführt hat, ob Lachen oder Kotzen jetzt das Näherliegende wäre.
Einige werden vielleicht mitbekommen haben, dass vor Kurzem bei einem Erbgutvergleich festgestellt wurde, dass die DNS des modernen Menschen Erbgut des Neandertalers aufweist. Ich weiß nicht, ob man das als wissenschaftliche Sensation bezeichnen darf, auf jeden Fall ist es sehr interessant, zumal man bisher davon ausging, dass die Neandertaler vom Homo sapiens verdrängt wurden – sozusagen die ersten Opfer aggressiver menschlicher Expansion.
Haha.

Nun liegt vielmehr die Vermutung nahe, dass die Neandertaler ihrerzeit zumindest in einem gewissen Rahmen durch Fortpflanzung zwischen beiden Spezies im modernen Menschen aufgingen. Zahlenmäßig waren sie ohnehin kaum dominant, Schätzungen zufolge lebten zu Hochzeiten nur zwischen 10.000 und 15.000 Neandertaler in ganz Europa.
Durchaus möglich also, dass die Neandertaler gar nicht im radikalen Sinne ausgestorben sind, sondern sich ihr Erbgut vielmehr mit dem des Homo sapiens vermischt hat.
Zumindest, soweit ich das alles mit meinem mangelhaften Wissen auf diesem Gebiet interpretieren kann.

Das alles fand ich eigentlich sehr interessant, als ich es heute morgen in der Zeitung las.
Und habe bis eben nicht weiter darüber nachgedacht.
Und dann kommt man mittags nach Hause, wirft Windows Live an und überfliegt die MSN-News, die man – nur zu meiner Verteidigung – aktiviert hat, weil sie als herausragendes Beispiel von Boulevardjournalismus immer mal wieder für einen Lacher gut sind.

Da klingt diese wissenschaftliche Entdeckung dann nämlich zum Beispiel so:

„Neandertaler und Menschen hatten Sex miteinander!“

JA!
Das ist natürlich die große Bedeutung dieser Entdeckung!
DIE HABEN GEBUMST! LOLOLOL
So kommt das nämliche zustande, liebe Kinder, mit Fortpflanzung und so weiter. Zum Beispiel damals bei euch, als euer Vater zwischen dem zwanzigsten Bier und der zweiten Halbzeit des Fußballspiels grade eben noch genug Zeit fand, eure Mutter zu bespringen, die nörgelnd und zeternd damit beschäftigt war, seine Kotze vom Laminatboden zu wischen.
Und deswegen erzählen wir euch nämlich immer diese Scheiße mit den Störchen.

Zumal die Feststellung, dass eine Paarung beider Spezies zu wiederum fruchtbaren Nachkommen führt, in der Hinsicht vermutlich viel weniger faszinierend ist als einfach nur die Einsicht, dass es zwei verschiedene Spezies miteinander getrieben haben.
Und in ein paar hunderttausend Jahren wird die moderne Zentaurengesellschaft von der wissenschaftlichen Entdeckung erschüttert, wie ihre Entwicklung aus den Pferden, ihren nächsten Verwandten heraus, vonstatten gegangen ist – wenn Archäologen eine alte Festplatte mit Beastporn ausgraben.
„Mit DENEN sind wir verwandt?“

Was man daraus alles für wissenschaftliche Folgeschlüsse ziehen könnte, wage ich jetzt noch gar nicht zu vermuten.
Ich bin mir allerdings relativ sicher, dass ein Vergleich des Paarungsverhaltens zwischen Neanderthaler und Hauptschüler weitere Erkenntnisse zu Tage fördern würde, die diese These untermauern.

Natürlich ist das alles nicht halb so interessant wie zum Beispiel die neuesten Infos über Mehrzad und Menowin oder wie die aktuellsten Endprodukte der C-Prominenz-Schmiede DSDS nochmal heißen, oder ein Video von einer vermeintlichen UFO-sichtung über LA und damit nur als Lückenbüßer gut. Aber hey, immerhin bringen wir irgendwie irgendwo das Wort „Sex“ unter. Ziel erreicht, Publikum zufriedengestellt, Klappe zu, Hirn tot.
Den intellektuellen Anspruch von prägnanten Eye-catchern wie „Sie haben es doch getan.“ oder „Es geschah im Nahen Osten.“ zweifle ich jedenfalls massiv an.
Aus dem Nahen Osten ist noch nie was Gutes gekommen.
Beispiel Christentum.

Zumal ich sowieso nicht verstehe, warum Boulevardmagazine mit der Taktik Promiskuität, Exhibitionismus, Freizügigkeit und allem, was auch nur im Entferntesten interessante Körperteile ganz uninteressanter „Prominenter“ behandelt – oder anders formuliert: Titten, Titten, Schwänze, Titten – heutzutage noch so viel Erfolg haben.
Leute, wenn ihr in eurem kümmerlichen Leben schon keinen findet, der mit euch ficken will, dann versucht’s doch im Internet, das besteht sowieso zu neunzig Prozent aus Pornographie. Warum da ein Nippelblitzer oder halbnackte Tussen, die um den Titel des Wasserrutschenchampions kämpfen, noch interessant sein sollen, ist mir schleierhaft.
Aber es geht ja nur um den sportlichen Aspekt.
Ist klar.
Außerdem wäre eine politische Disskusion im Bikini auch einfach nur noch absurd.
Könnte aber wieder Interesse für Politik wecken.

Claudia Roth und Angela Merkel, anyone?

Rrrrrr.