Nachdem ich den Kommentar von KenFm über WikiLeaks jetzt relativ lange unkommentiert habe stehen lassen, sehe ich mich doch gezwungen, mich mal zu der ganzen Geschichte um Herrn Assange und die Freiheit der Informationen zu äußern.
Prinzipiell wurde zu diesem Thema ja von verschiedenen Parteien beinahe schon alles gesagt, und wer mich kennt oder auch nur ab und zu liest, der wird die Position, die ich dazu vertrete, ohnehin schon vorausahnen können.

Zugegeben, der Videokommentar im letzten Artikel trieft ja geradezu vor Pathos und schießt gerade am Ende damit ziemlich über’s Ziel hinaus.
Das ändert aber nichts daran, dass er im Grunde eine meiner Meinung nach sehr unterstützenswerte Position vertritt.

Machen wir’s mal kurz und prägnant (So kurz und prägnant wie das bei einem Laberkopf wie mir möglich ist);
Ich denke, das demokratische System ist bei uns, wenn nicht gar bei einem Großteil der westlichen Zivilisationen, mittlerweile bis zur Unkenntlichkeit untergraben und ausgehöhlt.
Das hat vielerlei Ursachen und ist eine Entwicklung, deren genauer Verlauf natürlich ganze Enzyklopädien füllen könnte, aber letzlich führe ich es auf eine Bevölkerung zurück, der es am Ende einfach egal ist.
Auf eine Bevölkerung, die so überfüttert ist mit banaler Information, dass sie nicht mehr dazu fähig ist, zu begreifen, was wirklich wichtig ist. Dass sie nicht mehr dazu in der Lage ist, alles, was ohne Bedeutung ist, weggleiten zu lassen. Auf eine Bevölkerung, die nach Mentalitäten lebt, die sich mit den Sätzen „Aber was kann ich als Einzelner schon tun?“ und „Es hilft doch sowieso nichts.“ einwandfrei zusammenfassen lässt, die aus Individuen besteht, die sich nicht darum scheren, solange sie persönlich nicht betroffen sind. Und die sich selbst in diesem Fall mit belangloser Scheiße ablenken und besänftigen lassen, die irgendwann das Interesse verliert, wenn man sie nur lange genug mit belanglosem Mist zumüllt.
Das gibt allen, die genug Macht und Verstand und zu wenig moralische Standfestigkeit haben, die Möglichkeit, sie nach Strich und Faden zu verarschen.
Als Resultat ist politische Korruption, ist Lobbyismus, ist Wählerverarschung in Deutschland schlicht und ergreifend Alltag. Als Resultat sind Verflechtungen zwischen Medien, Politik und Wirtschaft, die nach meinem persönlichen Verständnis mit Kriminalität gleichzusetzen sind, Realität. Als Resultat sind kartellartige Zustände, Politik im Namen der Wirtschaft und der Arbeitgeber, Medien, die gezielt Desinformation streuen und ihre selbst so hoch gepriesene Unabhängigkeit längst verloren haben, Normalzustand.
Für mich ist die Demokratie in diesem Land und in vielen anderen, die sich als freiheitlich, liberal, rechtsstaatlich ausgeben, längst derart ausgehöhlt, dass sie den Namen nicht mehr verdient.

Und ein nicht unwesentlicher, wenn nicht vielleicht sogar der ausschlaggebende Punkt daran ist, dass uns eine ganze Flut von Informationen vorenthalten wird, weil den Massenmedien bezüglich ihrer Pflicht, den Bürger umfassend und ausgewogen zu informieren, nur noch ein beschämendes totales Versagen attestiert werden kann.

Ich bin ja persönlich sehr an Geschichte interessiert, man könnte sagen, das ist eines meiner Lieblingsthemen.
Was ich dabei zu meiner Schulzeit irgendwie immer witzig und absurd fand ist die Naivität, mit der die breite Masse der Bevölkerung ihren Regierungen gegenüber steht.
In unseren Geschichtsbüchern haben wir Quellen und Dokumente als Beweisgrundlage, die zur damaligen Zeit völlig unbekannt waren, und die oft belegen, wie viel hinter den Kulissen geschah, wovon die Zeitgenossen außerhalb des entsprechenden Dunstkreises herzlich wenig Ahnung hatten. Wie viel im Endeffekt manipuliert und inszeniert wurde, um eine öffentliche Meinung zu erzeugen und zu erhalten, die den persönlichen Zielen diente. Diese Quellen reichen in einen Zeitraum bis vor wenigen Jahrzehnten, sie zeigen, dass solche Politik seit jeher Normalität war, und dass sich auch mit Machtwechseln oft genug nur der Personenkreis verändert hat, der sie verfolgt.
Und dennoch glaubt die überwältigende Mehrheit aller modernen Menschen, dass es heutzutage anders wäre. Denn wir sind ja fortschrittlich, wir haben eine humanitäre, soziale Verfassung, wir haben Kontrollinstitutionen, freie Medien und den ganzen Quatsch, von dem wir uns einbilden, dass er dem entgegenwirken würde.
Aber lasst euch sagen, auch diese Mechanismen lassen sich durch diverse Methoden derart effektiv aushebeln, dass ihre Existenz am Ende ohne Bedeutung ist. Die Verfassung lässt sich durch Wortspielerei und Haarspalterei umgehen, die Medien werden entweder von privaten, wirtschaftlichen oder politischen Interessen der Kapitalgeber korrumpiert, und die Politik ist heute nur noch der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
Dennoch glauben wir, dass etwas anders wäre als früher, dass unsere Regierungen heute ehrlicher und moralischer sind als die Beispiele von früher, über die wir in den Geschichtsbüchern lesen.
Mag es Optimismus sein, oder ein Schutzmechanismus, den wir uns selbst aufbauen, um unser Weltbild aufrecht zu erhalten. Aus Bequemlichkeit oder Angst. Weil wir sonst erkennen und akzeptieren müssten, dass die Guten nicht unbedingt bei uns in der Regierung sitzen und die Bösen da irgendwo ganz weit weg sind.

Um nun den Bogen zu WikiLeaks zu schlagen – Tatsache ist, hier wird uns gezeigt, wohin uns diese Naivität, dieses ausufernde Desinteresse und die Gleichgültigkeit bringen.
Wer sich mit den Dokumenten beschäftigt, die veröffentlicht wurden, realisiert sehr schnell, dass heuzutage noch genau so fleißig vertuscht, inszeniert, gelogen und verleumdet wird wie vor einigen Jahrzehnten.
Und ich will damit sagen, wer sich WIRKLICH mit diesen Dokumenten beschäftigt. Wir alle haben über die Depeschen des US-Außenministeriums erfahren, wo viele unserer Politiker mit witzigen Begriffen bedacht und ein kleines Bisschen verspottet wurden.
Ja, toll, interessant, amüsant, unterhaltsam.

Und absolut unwichtig.

Aber wie ausgiebig wurde in den Massenmedien darüber berichtet, dass die Dokumente auch belegen, dass Hillary Clinton, US-Außenministerin, ihre Diplomaten beauftragt hat, UN-Abgeordnete auszuspionieren? Dass hier auch Informationen wie Fingerabdrücke, Iris-Scans und Kreditkartennummern angefordert wurden?
Quelle

Nicht mehr ganz so amüsant.

Hat davon jemand was in den einschlägigen Massenmedien gesehen?

Irgendwie nicht so wirklich, allenfalls am Rande.
Sagt das nicht eine Menge über den Zustand unserer Medien und unserer Definition von Pressefreiheit?

Wir lachen lieber über „Teflon-Merkel“.

Und genau das ist für mich der Punkt an WikiLeaks. Wo eine dem Papier nach freie Presse in ihrer Aufgabe, die Bürger zu informieren, vollkommen versagt, sich nicht mehr darum schert oder gar gezielt dagegen arbeitet, weil sie von diversen Interessen aus Politik und Wirtschaft beeinflusst ist, wird eine Organisation notwendig, die die eigentlich journalistische Arbeit übernimmt – nämlich die Bevölkerung über all das zu informieren, was von Bedeutung ist. Über all das, was Personenkreise, die in zweifelhafte Machenschaften verstrickt sind, lieber vom öffentlichen Interesse fernhalten wollen.
Diese Sache, die man investigativen Journalismus nennt, und die sich nicht mit einer Seite der Medaille, mit öffentlichen Statements zufrieden gibt.
Diese Sache, die eigentlich normal sein sollte.

Ich kann nur lachen über Argumentationen, die immer wieder vorgebracht werden, dass Veröffentlichungen von WikiLeaks die nationale Sicherheit von Staaten und das Leben von zahlreichen Menschen gefährden würden.
An dieser Stelle sei gesagt, dass beispielsweise dem Pentagon angeboten wurde, die Dokumente des US-Außenministeriums durchzusehen und entsprechende Stellen zu markieren, damit WikiLeaks diese berücksichtigen kann. Das Pentagon hat diese Möglichkeit ausgeschlagen.
Und – nur ein Gedankenanstoß – wer ist der Schuldige, der Verbrecher oder derjenige, der die Tat aufdeckt?
Jeden, der diese Argumentation vorbringt, fordere ich an dieser Stelle auf, mir Beweise vorzulegen, dass durch die veröffentlichten Dokumente Leben in Gefahr gebracht wurden.

Das einzige Leben, dem möglicherweise Gefahr droht, scheint ironischerweise das von Julian Assange, dem Sprecher von WikiLeaks zu sein;

Kruder Sinn für Humor.
Ich dachte immer, wir hier in der unfehlbaren westlichen Hemisphäre mögen keine Leute, die die Liquidation unliebsamer Personen und politischer Gegner für ein angemessenes Mittel der Politik halten.
Kommt wohl immer auf den Blickwinkel an.

In diesem Zusammenhang möchte ich nämlich, um dem Titel gerecht zu werden, auch einmal auf die bewegte Geschichte eines Mannes namens Danny Ellsberg hinweisen.
Ich vermute, dass den Allermeisten dieser Name nicht besonders viel sagen wird, aber das ist ja nicht schlimm – Wikipedia ist unser Freund;

Daniel „Dan“ Ellsberg (* 7. April 1931) ist ein US-amerikanischer Ökonom und ehemaliger Informant über rechtswidrige Handlungen des Pentagons und des Weißen Hauses. Durch die Veröffentlichung der von ihm an die Öffentlichkeit gebrachten Pentagon-Papiere deckte er einen Skandal im Umfeld des Vietnamkrieges auf.

Ein wunderschönes Beispiel dafür, dass solche Machenschaften mitnichten der Vergangenheit angehören, vielmehr auch heute noch gängige Praxis sind, von der der Großteil der Bevölkerung nicht das Geringste ahnt.
Und der springende Punkt daran ist NICHT, irgendeiner Nation zu schaden, diplomatische Beziehungen zu belasten oder Menschenleben zu gefährden. Es geht darum, dass wir ein Recht haben, solche Dinge zu erfahren, es geht um Transparenz, es geht darum, dass Staaten und ihre Behörden keine Allmachtsfantasien entwickeln. Es geht um die Idee eines transparenten Staates als Gegenmodell zum heute viel eher verfolgten transparenten Bürger. Denn Kontrolle bedingt Transparenz, bedingt die Information der Bürger und deren Reaktion auf inakzeptable Methoden der modernen Politik.
Ihr wisst schon, das, was die Medien eigentlich tun sollten, wenn sie ihrer gottverdammten Pflicht nachkommen würden.

Denn, um mal auf den Vorwurf des Datendiebstahls zurück zu kommen, der von Seiten der geschädigten Behörden vielfach vorgebracht wird;
Ich sehe das etwas anders. Ich denke nämlich, durch WikiLeaks fallen diese Dokumente überhaupt erstmal in die Hände derer, denen sie eigentlich gehören – unsere. Sie sind nicht alleiniger Besitz dieser Behörden, einzelner Personen oder des Staates. Ihre Erhebung erfolgte mit Mitteln aus dem staatlichen Haushalt, mit Steuergelden – letztlich mit einem Teil UNSERES Geldes, dem, was wir täglich erwirtschaften und verdienen und von dem wir einen Großteil abdrücken, damit der Staat seinen Verpflichtungen uns gegenüber nachkommen kann.
Ja, es ist eine Schande, dass WikiLeaks diese Dokumente im Geheimen zugespielt wurden, damit sie veröffentlicht werden.
Es ist eine verfluchte Schande, dass so etwas überhaupt notwendig ist, damit wir über das informiert werden, das zu wissen unser Recht ist.
Und es ist mehr als eine unaussprechliche Schande, ein Skandal und ein erbärmliches Beispiel dreister Verlogenheit, die nicht in Worte zu fassen sind, dass Regierungen, die sich vordergründig damit brüsten, Ideale wie Demokratie und Pressefreiheit global zu verteidigen, auf Unterstützer von WikiLeaks Druck ausüben, um ihre Aktivitäten zu behindern – Ich weise an dieser Stelle nur darauf hin, dass Konzerne wie PayPal und Amazon ihre Unterstützung auf massiven Druck der US-Regierung und aus Angst vor juristischen Konflikten mit dieser eingestellt haben.

Die Geschichte von WikiLeaks und Julian Assange, das ist für mich irgendwie auch die Geschichte von Daniel Ellsberg und seiner Tätigkeiten rund um die Pentagon-Papiere.
Wer daran Interesse hat, auf youtube lässt sich die gesamte Dokumentation „Der gefährlichste Mann in Amerika – Daniel Ellsberg und die Pentagon-Papiere“ finden, die den damaligen Ablauf der Geschehnisse schildert.

Für die ganz Faulen liste ich hier mal alle Teile auf:

Part 1
Part 2
Part 3
Part 4
Part 5
Part 6
Part 7
Part 8
Part 9

So was schlägt einem irgendwie auf den Magen.
Zumindest, wenn man noch ein kleines Bisschen auf Gerechtigkeit gibt.

Und was übrigens diese interessanten Vorwürfe aus Schweden angeht, mit denen sich Julian Assange derzeit konfrontiert sieht – die sind ja auch sehr amüsant und unterhaltsam, wenn man sich über die Hintergründe informiert.
Dazu möglicherweise im nächsten Artikel mehr, das hier soll für’s Erste reichen.