Wir Spinner und Verschwörungstheoretiker Samstag, Jul 9 2011 

Nerds, Freaks, Weirdos, Außenseiter, Soziopathen, Zweifler und Zyniker kommt herbei! Versammelt euch um das virtuelle Feuer und wärmt eure Hände am Monitor, denn der alte, bärtige Eden will euch eine Geschichte erzählen.

Es ist eine zeitlose Geschichte, eine Geschichte vermutlich so alt wie die Menschheit selbst (Und wenn sich hier Kreationisten tummeln, nein, ich schreibe jetzt nicht über Adam und Eva – Und verpisst euch.) Eine Geschichte voller Hass, Wut, Trauer, Einsamkeit und Leid. Voller Ungerechtigkeit, zerschmetterter Hoffnung und gebrochenem Idealismus.
Eine Geschichte, bei der ich den Pathos jetzt lieber mal ein paar Stufen zurückdrehe und zum Punkt komme.

Nun – Seht mal aus dem Fenster. Da draußen seht ihr einen kleinen Ausschnitt dieser sehr seltsamen Welt, in der wir leben.
In dieser sehr seltsamen Welt gibt es sehr seltsame Menschen. Sehr seltsame Menschen, die seltsamerweise uns für sehr seltsam halten.
Und als wäre das alles noch nicht seltsam genug, sind diese sehr seltsamen Menschen seltsamerweise kolossal in der Mehrheit.
Ja, so ist das. Und das schon seit Langem. Vermutlich war es auf die eine oder andere Art schon immer so.
Wir sind eine Minderheit – zumindest zähle ich mich zu dieser, ob das bei euch auch der Fall ist, bleibt euch überlassen. Eine Minderheit, weil es uns nicht genug ist, „einfach nur unser Leben zu leben“, weil es uns nicht reicht, mit all den diversen Möglichkeiten, die die moderne Gesellschaft uns bietet, so viel Spaß und Glück wie möglich aus unserer kleinen, wertlosen Existenz zu pressen auf diesem Rennen mit der furchterregenden Ziellinie, die keiner zuerst überschreiten will. Weil wir nicht zu der überwältigenden Masse gehören, die vor sich hin lamentiert darüber, dass es doch sinnlos ist, sich über all das aufzuregen, was schief läuft auf dieser Welt, weil man „als Einzelner doch sowieso nichts erreicht“. Die sich mit etwas Zeit auch an jede noch so große Frechheit gewöhnt, die ihnen aufgebürdet wird.
Und, letzten Endes und vor allem, weil wir zweifeln.
Zweifeln an unserer Gesellschaft, zweifeln an all den Normen und Werten, die sie propagiert, zweifeln an dem Kurs, den sie nimmt. Und in meinem Fall, vermutlich auch in eurem, weil wir zweifeln an unseren Politikern und unseren Medien, an all den offiziellen Versionen, die wir da tagtäglich vorgesetzt bekommen.
Genau deshalb sind wir Wenige.

Ich habe es in meinem Artikel über die Ermordung Bin Ladens bereits angeschnitten; Allzuschnell werden Menschen wie wir, die kein Vertrauen mehr in die Massenmedien und die Glaubwürdigkeit von Politikern (Es tut schon fast weh, das überhaupt zu schreiben) haben, die offen sind für andere Erklärungen und Versionen, in denen „gut“ und „böse“ bei Weitem nicht so eindeutig verteilt sind wie in den offiziellen Nachrichten, mit dem Begriff Verschwörungstheoretiker abgetan, besonders von etablierten und sogenannten seriösen Medien. Die Intention ist für mich relativ klar – Am Ende stehen wir damit zusammen in einer Ecke mit Leuten, die behaupten, Elvis oder Michael Jackson seien noch am Leben oder irgendwelche extraterrestrischen Lebensformen hätten sich für ihren Darminhalt interessiert. Das macht uns lächerlich, das beraubt uns unserer Glaubwürdigkeit, das bringt am Ende doch noch eine große Mehrheit aller Menschen dazu, nur grinsend mit dem Kopf zu schütteln, wenn wir unsere Versionen vorbringen. Das bringt uns wiederum letztlich um die Möglichkeit und das Recht, dass man sich auf der Basis einer möglichst objektiven Disskusion mit unseren Argumenten auseinandersetzt.

Besonders bei Theorien, die gar nicht so weit hergeholt sind und bei näherer Betrachtung jede Menge sehr verdächtiger Indizien als Grundlage haben, bringt mich das regelmäßig zum Kotzen.
Ja, ich spreche von Indizien, nicht von Beweisen. Denn das ist am Ende sowieso alles, was wir kriegen. Das gilt ebenso für die „offiziellen“ Versionen von Geschehnissen. Oft genug beruft sich die Berichterstattung der meisten etablierten Medien auf ein und die selbe Meldung aus ein und der selben Quelle, hinterfragt wird sie in einer Vielzahl von Fällen gar nicht.
Und das ist womöglich dann eine Meldung der entsprechenden Behöre, ein Statement, eine offizielle Version. Wir sollen glauben, dass es so war, auch bei brisanten Themen oft ohne jemals etwas anderes als den Text vor unserer Nase zu sehen. Welcher Personenkreis hätte bitteschön ein Interesse daran, etwas zu veröffentlichen, das dem eigenen Ansehen schaden könnte?
Wir haben gesehen, was passiert, wenn Organisationen wie Wikileaks in solchen Fällen nachhelfen.
Vielleicht wollen viele dieser sehr seltsamen Menschen es auch gar nicht wissen.

Also woher kommt die Sicherheit, dass diese Personenkreise immer um eine möglichst objektive Berichterstattung bemüht sind? Wo sind auch hier mehr als nur Indizien? Weil es etablierte, populäre Medienanstalten sind?

Die Wahrheit ist, als Konsumenten von Nachrichten können wir uns nie wirklich sicher sein, dass das, was wir da lesen, auch wirklich so stimmt, und zwar in keinem Fall außer demselben, das wir beim entsprechenden Ereignis selbst anwesend waren. Etwas, was wohl höchst selten vorkommen wird.

Als jemand, der sich sehr für Geschichte interessiert, fand ich es ja immer sehr interessant, wie viele Quellen wir in unseren Geschichtsbüchern haben, die uns erzählen, was hinter den Kulissen der Macht vor sich gegangen ist, wie all das verschleiert und als etwas vollkommen Anderes nach außen verkauft wurde und wie naiv das Volk in der überwältigenden Vielzahl der Fälle der eigenen Regierung gegenüber stand.
Wir wissen das heute. Wir lernen es in der Schule.
Und doch versäumen wir, die eine wirklich wichtige Lektion daraus mit zu nehmen, die wir in unserem späteren Leben tatsächlich gebrauchen könnten. Für irgendwelche besonderen Daten, Namen und Termine braucht man sich meines Erachtens bei Geschichte gar nicht so sehr zu interessieren, aber was wirklich bedeutsam ist, was aus all dem zu lernen ist, das ist wer wir sind, warum wir so sind und wie wir uns dazu entwickelt haben.
Und in punkto Regierungen ist es für mich vor allem diese Lektion;

Regierungen haben über die ganze Menschheitsgeschichte hinweg, mal mehr, mal weniger, ihr Volk manipuliert, die Wahrheit verdreht, beschönigt oder schlicht und ergreifend gelogen. Gebt euch nicht der Illusion hin, dass sich das mit der Moderne geändert hätte, sie tun dies auch heute noch – Sie werden es mit Sicherheit bis zu einem gewissen Grad bis zum Ende der Menschheit tun.
Nun will ich nicht sagen, dass das nicht hin und wieder sogar nötig wäre. Menschen anzuführen kann beizeiten eine sehr unspaßige, sogar verdammt hässliche Angelegenheit sein. Gibt es Situationen, in denen man diejenigen belügen muss, die einem folgen, zu ihrem eigenen Wohl?
Ich kann es mir zumindest vorstellen.

Der Unterschied ist jedoch, oft genug geschieht es nicht aus der so verstandenen Verpflichtung dem Volk gegenüber, es geschieht im eigenen Interesse, aus der Gier nach (persönlichem) Profit, aus dem Streben nach Popularität, dem Willen zur Macht.
Als Beispiel muss man sich nur die Nebeneinkünfte vieler unserer Abgeordneten zu Gemüte führen, die faszinierend großzügigen Summen, die sie für lächerliche Aufgaben erhalten, wie einen Sitz im Aufsichtsrat eines Unternehmens mit offensichtlichen wirtschaftlichen Interessen, wo sie schätzungsweise einmal im Jahr des Protokolls halber anwesend sind.
Wer mir noch sagen will, dass diese Leute nicht darum bemüht wären, ALLERMINDESTENS die Interessen ihrer Taschengeldgeber in ihre Politik mit einzubeziehen, wenn nicht sogar sie in verdeckter Weise vollständig zu ihrer eigenen Agenda zu machen, dem werfe ICH Realitätsverlust vor.
Denn, wir lernen es als Kinder, wenn man von seinen Eltern Taschengeld will, dann ist man besser brav und tut, was sie sagen.

Was nur eines von vielen Beispielen für verdächtige Verflechtungen von Politik, Wirtschaft und Medien ist.
Ich empfinde das als sehr brüchige Basis dafür, irgendeinem dieser Kreise noch Vertrauen entgegenzubringen.

Dennoch stehen Leute wie wir sehr schnell am Rand und gelten als Spinner, wenn wir gegen die offizielle Berichterstattung Einspruch erheben und eine andere Version auf Basis verschiedener Indizien und Rückschlüsse aufstellen, und das, obwohl breite Schichten der Bevölkerung längst immer mehr Vertrauen in die Politik verlieren.
Warum?
Vielleicht, weil es in der Berichterstattung einen Mangel an Alternativen gibt?
Wir sind es gewohnt, unsere Nachrichten von Fernsehen und Zeitung zu bekommen, bequem im eigenen trauten Heim, ohne viel dafür tun zu müssen, selbst im Internet frequentieren viele dann die Plattformen der etablierten Medienanstalten. Wo würden wir auch sonst unsere Nachrichten herbekommen? Meiner Meinung nach haben wir längst ein Stadium kritischen Mangels an weiter gestreuter, differenzierter Berichterstattung erreicht.
Wir sind in dieser Hinsicht sehr abhängig.

Eine Option mag vielleicht das Internet sein.
Denn das Fantastische ist ja, dass es jedermann eine Plattform bietet. (Zugegeben, wenn ich an Ausgeburten wie Facebook denke, mag das irgendwo auch ein Nachteil sein…) Und so können einfache Menschen, nicht nur etablierte, große Medienanstalten prinzipiell jeden erreichen. So erhält man die Möglichkeit der Berichterstattung aus den verschiedensten Blickwinkeln, kann sich diverse Sichtweisen zum selben Thema zu Gemüte führen, und wählen. So macht das ja auch der alte, bärtige Eden, wenn er euch Geschichten erzählt.
Natürlich muss man auch dafür mal über den Tellerrand hinausblicken und auch nach diesen leisen Stimmen in der Ferne suchen.
Das zugrunde liegende Problem bleibt am Ende eben immer das Gleiche – Auch von diesen Stimmen wird niemals irgendeine die absolute Objektivität erreichen. Ich selbst maße mir gar nicht erst an zu behaupten, dieser auch nur nahe zu kommen.
Der Punkt ist, perfekt neutrale Berichterstattung ist ein Ding der Unmöglichkeit. In keiner einzigen Zeitung, auch nicht in der ach so seriösen Tagesschau. Denn überall sitzen Menschen, die, in kleinen Dosen, manchmal unbewusst, manchmal durchaus auch mit einer gehörigen Portion Absicht, die Dinge etwas anders aussehen lassen. Mal ganz davon abgesehen, wer da grade im Rundfunkrat oder in einflussreichen Positionen sitzt und was dieser jemand so hören will und was nicht.
Um sich in so einer Medienwelt zurechtzufinden, muss man eines verinnerlichen, was viele unterschätzen: Die Macht der Sprache ist gewaltig. Man muss begreifen, dass sich solche Institutionen keiner plumpen Inszenierungen bedienen müssen, sie müssen nicht einmal lügen. Als passionierter Schreiber habe ich eine gewisse Ahnung davon, wie sehr nur ein paar leicht veränderte Formulierungen, ein paar ausgetauschte Synonyme, ein anderer Ton, die Wirkung einer Nachricht verändern können.
Man muss nicht lügen. Man muss nur die Kunst der Sprache beherrschen, wissen, was man herunterspielt und was überhöht, wie man etwas formuliert, was man vielleicht etwas beschönigt und welche kleinen Details, die das Gesamtbild ändern, man verschweigt.

Ein Beispiel.
Nehmen wir eine Meldung wie…

Experten zufolge ist der Wirtschaftsstandort Deutschland im Laufe der letzten Jahre für Unternehmen wesentlich attraktiver geworden, hauptsächlich infolge einer deutlichen Reduzierung der Lohnnebenkosten.

Klingt klasse, oder?
Ja, Unternehmen, die sich in Deutschland niederlassen, sind immer gut. Arbeitsplätze, steigende Steuereinnahmen, Einsparungen bei der Arbeitslosenversicherung, Aufschwung, Schuldenabbau, hooray.
Und dazu ist es noch schön formuliert, in einem seriösen, fachlichen Ton, unter Verwendung von Worten, die für gewöhnlich positive Assoziationen wecken.

Glaube ich aber so alles nicht.
Denn es ist bei näherer Analyse komplett aus dem Blickwinkel der Wirtschaft geschrieben.
Was sind denn Lohnnebenkosten? – Die Kosten, die einem Unternehmen für die Anstellung eines Arbeitnehmers zusätzlich zu dem anfallen, was der am Monatsende überhaupt so kriegt. Das sind hauptsächlich Abgaben wie Renten-, Arbeitslosen-, Unfallversicherung und dergleichen.
Was bedeutet es, wenn diese deutlich gesenkt werden? – Nicht unbedingt, dass sie allgemein gesenkt werden, nur, dass sie für die Unternehmen sinken. Entweder durch Subventionierung oder durch den Klassiker, die Umverteilung der Abgaben zulasten des Arbeitnehmers.
(Wir erinneren uns ans Herrn Röslers berüchtigte Reform, die den Arbeitgeberanteil an der Krankenversicherung „eingefroren“ hat – alle künftigen Kostensteigerungen müssen also letztlich durch höhere Arbeitnehmeranteile gedeckt werden – Oder durch den Griff in einen anderen Topf, den letztlich auch wir füllen müssen. Danke, du Arsch.)
Falls hier noch irgendjemand ist, der da nicht mitkommt – das ist für uns nicht gut. Zumindest nicht, solange wir nicht im Betriebsrat irgendeines Großkonzerns sitzen.

Aber wenn das Experten sagen, dann muss das ja wohl doch stimmen.
Die Frage ist, aus welchem Blickwinkel diese Experten das betrachten. Wenn wir es auf den Punkt bringen also – Wer diese Experten bezahlt.
Sehr viele dieser hochseriösen Akademiker stehen nämlich wiederum auf der Gehaltsliste von Arbeitgeberverbänden – Ihr werdet zum Beispiel feststellen, dass eine erschreckende Anzahl dieser Menschen, die so oft und zu so vielen Themen stellvertretend als Stimme der Fachleute einer ganzen Branche im Fernsehen zu Wort kommen, für die INSM (Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft) arbeiten.
Schöner Name, was?
Klingt fast wie eine Hilfsorganisation oder eine Bewegung, die soziale Reformen anstrebt.

Jaaaaa. Klar.

Nicht so ganz.

So zerpflückt sieht die Meldung von oben nicht mehr ganz so positiv aus, nicht wahr?

Aber um hier endlich zum Ende zu kommen (Ich trete das hier schon wieder viel zu breit), was ich mir persönlich wünsche ist schlicht und ergreifend, dass die Menschen anfangen, Nachrichten mit einer anderen Mentalität zu konsumieren. Nicht nur die Nachrichten der gängigen Massenmedien, auch aus allen anderen Quellen. Auch das ganze Geschwalle, das ich euch hier entgegentexte.
Denn das ist eine Entscheidung, die man bewusst treffen kann, eine Wahl, die man dem eigenen Verstand lassen kann und meiner Meinung nach lassen sollte.
Wenn ihr euch also Nachrichten zu Gemüte führt, hakt das in eurem Gedächtnis niemals mit dem Gedanken „So ist das also.“ ab, nehmt vielmehr alles als „So könnte das also sein.“.
Das klingt billig, aber es ist auch nicht mehr und nicht weniger als das bewusste Vorbehalten der Möglichkeit, zu zweifeln. Wenn ihr für euch selbst die Möglichkeit anderer Erklärungen offen haltet, bleibt euer Verstand auch offener und sensibler dafür, solche Erklärungen zu finden und zu akzeptieren als wenn bereits etwas direkt Widersprechendes als Tatsache „verankert“ ist.
Es ist in dieser Hinsicht ein, man mag fast sagen, „Trick“, euer eigenes Unterbewusstsein aktiv und am Mitdenken zu halten.
Vielleicht würden nicht wenige mithilfe dieser Art des Denkens feststellen, dass Theorien, Erklärungen und Vermutungen, die sie als weit hergeholt, als Spinnerei oder Unfug abgetan hätten, doch so einiges für sich haben. Und dass die offiziellen Versionen von Geschehnissen im Lichte vorher unbekannter Fakten sehr viel unglaubwürdiger wirken können.

Dann gäb’s vielleicht auf einmal sehr viele Spinner und Verschwörungstheoretiker, wie ich manchmal als einer bezeichnet werde. (Oder Kommunist, das höre ich auch oft. Von Nazi ganz zu schweigen, aber das ist man bei Internetdisskusionen ja gewohnt.)

Behaltet euch die Möglichkeit des Zweifels vor, haltet euren Verstand scharf und sensibilisiert dafür, billige Manipulationsversuche zu durchschauen, und vor allem – Verlernt nicht, zu zweifeln.
Denn nicht zuletzt ist genau das meiner Meinung nach ein großer Teil dessen, was ein gewisser Herr Kant vor so langer Zeit mit dem „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ zu umschreiben suchte.

Etwas, dass ich auch heute noch nicht als vollbracht ansehe.
Denn natürlich ist das nicht einfach. Natürlich kann es sehr anstrengend sein, da es den Prozess der Meinungsbildung um so vieles komplizierter macht. Und natürlich nimmt das dem eigenen Leben am Ende auch sehr viel Sicherheit, wenn man sich daran gewöhnen muss, an jeder Version zu zweifeln.
Manchmal ist das in der Tat zum Ver-zweifeln.

Aber das ist eben der Preis.

Der Preis, den jemand zahlen muss, der in der ursprünglichsten, grundlegendsten Bedeutung des Begriffs ein frei denkender Mensch sein will.

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Der Erzfeind ist tot, es lebe der Erzfeind. Mittwoch, Mai 4 2011 

Jah, alle reden sie zur Zeit davon, und überall in den Nachrichten hört man es, man kann der weltbewegenden Meldung kaum entkommen. Sender wie Phoenix, N24 und N-TV widmen ganze Tage der Berichterstattung darüber, immer mehr Details werden offen gelegt und der interessierte Staatsbürger sitzt staunend mit offenem Mund und glasigem Blick da, während er zu verarbeiten versucht, was ihm da so eingeprügelt wird.

Ist schon wirklich ne große Sache, so ne Hochzeit eines Adelshauses, eines Personenkreises, der per Geburtsrecht irgendwie was Besonders zu sein scheint.

Nein, war natürlich nur ein Witz.

Ich meinte selbstverständlich den DSDSD-Skandal um Fanpost, die einfach im Müll landet, err, um Beschuldigungen der Manipulation und Ausnutzung der Kandidaten (O RLY?!)… oder…

Ach, fangen wir nochmal an.

Also. Osama Bin Laden.

Krasse Sache, das. Wow. Ich bin überwältigt.
Beflügelt.
Voller Hoffnung bin ich.
Voll zittriger Erwartung eines besseren, friedlicheren Morgens.

Wie gerne wäre ich da auch im Situation Room des Weißen Hauses gesessen, neben Obama und all den anderen Terroristen Politikern, und hätte mir per Satellitenübertragung den Einsatz und die Ermordung Bin Ladens persönlich reingezogen.
Mit nem großen Eimer Popcorn, einer eiskalten Cola, so ein richtiger Actionkracher der alten Schule, den man sich mit guten Freunden reinzieht, wo die Statisten im Sekundentakt krepieren.
Schönes Trinkspiel dazu: Immer, wenn amerikanische Soldaten einen Unbewaffneten erschießen, müsst ihr nen Kurzen wegkippen.

DAS ist live, Leute! Qualitätsfernsehen vom Feinsten!

Danach ein bisschen Party, sich ein bisschen selbst beweihräuchern, dann die Meldung verkünden.
Und dann geht die Party ja erst richtig los. Zuhause, in den Büros, auf den Straßen. Jubelnde Menschen, Flaggen, Massenchöre, die immer wieder die berüchtigten drei Buchstaben in die Nacht hinausbrüllen.
America, fuck yeah.

Bildschnitt.
Vidoaufnahmen aus einem arabischen Dorf, Menschen auf der Straße, dieselben Flaggen, diesmal brennend, das zertrümmerte Wrack eines Militärfahrzeugs, Leute, die mit Knüppeln und dergleichen auf bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leichen von US-Soldaten einschlagen.
Jubel. Freude. Siegesgeschrei.

Es ist doch schön, zu sehen, dass wir trotz aller kulturellen Differenzen scheinbar doch nicht sooo verschieden sind.
Wenn’s hart auf hart kommt, sind wir scheinbar so oder so einfach alle pietätlose, barbarische, gefühllose Bastarde.

Und so freuen wir uns, freuen uns, dass dieser ganze Schwachsinn, den man „Krieg gegen den Terror“ nennt, scheinbar doch noch einen Sinn hatte. Dass all die Soldaten aus den verschiedensten Ländern der Welt, arme Schweine, die von rückgratlosen Arschlöchern in den Tod geschickt werden, all die Zivilisten, die irgendwie doch geschützt und gerettet, deren Leben doch irgendwie hätten verbessert und sicherer gemacht werden sollen, die aber dummerweise eben einfach im Weg waren, dass all diese Leute nicht so ganze ohne Sinn verreckt sind.
Und Nachrichtensender stellen Fragen wie „Osama Bin Laden tot – Ist das das Ende des Terrors?“
Nachrichtenkonsumenten dagegen bekommen dabei Lust, den Fernseher vom Dach zu werfen.

Wirklich?
Denkt irgendjemand, das wäre so einfach? Denkt irgendjemand, die bösen bösen Terroristen, die uns so sehr hassen – und die, abgesehen von lächerlichem religiösem Fanatismus, übrigens gar nicht mal die abwegigsten Gründe dafür haben – denken sich jetzt „Tjo, Mist, der Osama ist hinüber. Lassen wir’s lieber erstmal bleiben, mit dem Terror und so.“? Denkt irgendjemand, die hätten sich nicht möglicherweise zeitig mal mit der Frage beschäftigt, was sie machen oder wer seinen Platz einnimmt, wenn der freundliche bärtige alte Mann weg ist – wo doch die Hälfte der Welt hinter ihm her war und so?
Von dem Terror, den wir produzieren, mal ganz abgesehen. Werden wir aufhören? Was denkt ihr? Wie lange halten wir noch zwei Länder besetzt, die uns rein gar nichts getan haben und riskieren dabei weiterhin jeden Tag Verluste, sowohl an Soldaten als auch an Zivilisten?
Und was dann?
Wann brauchen wir den nächsten Sündenbock für irgendwas – oder wann geht diese interessante Sache mit den Rohstoffen wohl wieder los?

Davon mal abgesehen. Wann habt ihr eigentlich das letzte Mal, vor der Todesmeldung, in den Nachrichten was von Osamalein gehört? Vor Monaten, Jahren oder so? War ja ziemlich ruhig drum geworden, die Leute schienen es gerade irgendwie langsam zu vergessen. Und jetzt scheint es wieder, als wäre das alles erst gestern gewesen, all das Geschwafel um Terrorismus und internationale Sicherheit ist wieder da, und Obama kann sich feiern lassen, weil er was erreicht hat.
Weil am anderen Ende der Welt so ein Typ umgebracht wurde.
Dafür sind natürlich noch ne ganze Menge mehr andere Typen draufgegangen. Frauen auch. Zivilisten. Unschuldige. Kinder.
Da hat er wirklich was erreicht.

Ich halte mich an dieser Stelle mal fern von all den „Verschwörungstheorien und -szenarien“, die zu diesem Themenkomplex schon seit Jahren, und gerade jetzt wieder verstärkt, zirkulieren.
Solche Ideen wie, Osama sei schon seit Jahren tot und die ganze Sache nur inszeniert, ebenso wie die Ermordung vor einigen Tagen, womit die Grundlage für die Besetzung von Afghanistan wegfällt und man sich langsam mal von dort verziehen kann. Ist ja teuer das alles. Krieg und so. Auch finanziell. Und finanziell haben’s die USA gerade nicht so.
Gibt gar nicht mal wenige Indizien für dieses Szenario. Ich will es an dieser Stelle nicht als Tatsache vertreten, weil ich es am Ende eben doch einfach nicht wissen kann.
Ebenso habe ich allerdings jede Menge Zweifel an der offiziellen Version, und wer die Berichterstattung auch nur ein bisschen verfolgt hat, dem werden da ohnehin entsprechende Fragen in den Sinn kommen.
So oder so tendiere ich also dazu, dem Fall, wie er zur Zeit in den Massenmedien geschildert wird, wenig Glauben zu schenken.
Da scheinen mir sogar einige der Überlegungen, die man allgemein mit dem negativ behafteten und lächerlich wirkenden Begriff „Verschwörungstheorien“ abschmettert, damit irgendwie zusammen mit Ufo- und Elvis-Sichtungen in einen Topf wirft und jeder Glaubwürdigkeit beraubt, sehr viel stichhaltiger.

Aber nicht zuletzt ist es doch eine interessante Frage momentan… nicht, ob das hier den Terror beendet (Ahahaha…), nicht, ob man sich über den Tod eines solchen Mannes freuen „darf“… sondern, wo jetzt da groß der Unterschied ist, wenn ein Mann einen anderen aus welchen Gründen auch immer erschießt – Das nennen wir Mord. – , wenn Fanatiker US-Soldaten entführen und hinrichten – Das nennen wir Terrorismus. – oder bewaffnete Spezialeinheiten einen Unbewaffneten erschießen.

Das nennen wir den Sieg der Freiheit.

Einen Sieg in diesem ominösen Krieg gegen den Terror.

Schöne Name für etwas, das ich eigentlich am ehesten auch einfach nur als Terror bezeichnen würde.

Die Geschichte von Danny Ellsberg Dienstag, Dez 21 2010 

Nachdem ich den Kommentar von KenFm über WikiLeaks jetzt relativ lange unkommentiert habe stehen lassen, sehe ich mich doch gezwungen, mich mal zu der ganzen Geschichte um Herrn Assange und die Freiheit der Informationen zu äußern.
Prinzipiell wurde zu diesem Thema ja von verschiedenen Parteien beinahe schon alles gesagt, und wer mich kennt oder auch nur ab und zu liest, der wird die Position, die ich dazu vertrete, ohnehin schon vorausahnen können.

Zugegeben, der Videokommentar im letzten Artikel trieft ja geradezu vor Pathos und schießt gerade am Ende damit ziemlich über’s Ziel hinaus.
Das ändert aber nichts daran, dass er im Grunde eine meiner Meinung nach sehr unterstützenswerte Position vertritt.

Machen wir’s mal kurz und prägnant (So kurz und prägnant wie das bei einem Laberkopf wie mir möglich ist);
Ich denke, das demokratische System ist bei uns, wenn nicht gar bei einem Großteil der westlichen Zivilisationen, mittlerweile bis zur Unkenntlichkeit untergraben und ausgehöhlt.
Das hat vielerlei Ursachen und ist eine Entwicklung, deren genauer Verlauf natürlich ganze Enzyklopädien füllen könnte, aber letzlich führe ich es auf eine Bevölkerung zurück, der es am Ende einfach egal ist.
Auf eine Bevölkerung, die so überfüttert ist mit banaler Information, dass sie nicht mehr dazu fähig ist, zu begreifen, was wirklich wichtig ist. Dass sie nicht mehr dazu in der Lage ist, alles, was ohne Bedeutung ist, weggleiten zu lassen. Auf eine Bevölkerung, die nach Mentalitäten lebt, die sich mit den Sätzen „Aber was kann ich als Einzelner schon tun?“ und „Es hilft doch sowieso nichts.“ einwandfrei zusammenfassen lässt, die aus Individuen besteht, die sich nicht darum scheren, solange sie persönlich nicht betroffen sind. Und die sich selbst in diesem Fall mit belangloser Scheiße ablenken und besänftigen lassen, die irgendwann das Interesse verliert, wenn man sie nur lange genug mit belanglosem Mist zumüllt.
Das gibt allen, die genug Macht und Verstand und zu wenig moralische Standfestigkeit haben, die Möglichkeit, sie nach Strich und Faden zu verarschen.
Als Resultat ist politische Korruption, ist Lobbyismus, ist Wählerverarschung in Deutschland schlicht und ergreifend Alltag. Als Resultat sind Verflechtungen zwischen Medien, Politik und Wirtschaft, die nach meinem persönlichen Verständnis mit Kriminalität gleichzusetzen sind, Realität. Als Resultat sind kartellartige Zustände, Politik im Namen der Wirtschaft und der Arbeitgeber, Medien, die gezielt Desinformation streuen und ihre selbst so hoch gepriesene Unabhängigkeit längst verloren haben, Normalzustand.
Für mich ist die Demokratie in diesem Land und in vielen anderen, die sich als freiheitlich, liberal, rechtsstaatlich ausgeben, längst derart ausgehöhlt, dass sie den Namen nicht mehr verdient.

Und ein nicht unwesentlicher, wenn nicht vielleicht sogar der ausschlaggebende Punkt daran ist, dass uns eine ganze Flut von Informationen vorenthalten wird, weil den Massenmedien bezüglich ihrer Pflicht, den Bürger umfassend und ausgewogen zu informieren, nur noch ein beschämendes totales Versagen attestiert werden kann.

Ich bin ja persönlich sehr an Geschichte interessiert, man könnte sagen, das ist eines meiner Lieblingsthemen.
Was ich dabei zu meiner Schulzeit irgendwie immer witzig und absurd fand ist die Naivität, mit der die breite Masse der Bevölkerung ihren Regierungen gegenüber steht.
In unseren Geschichtsbüchern haben wir Quellen und Dokumente als Beweisgrundlage, die zur damaligen Zeit völlig unbekannt waren, und die oft belegen, wie viel hinter den Kulissen geschah, wovon die Zeitgenossen außerhalb des entsprechenden Dunstkreises herzlich wenig Ahnung hatten. Wie viel im Endeffekt manipuliert und inszeniert wurde, um eine öffentliche Meinung zu erzeugen und zu erhalten, die den persönlichen Zielen diente. Diese Quellen reichen in einen Zeitraum bis vor wenigen Jahrzehnten, sie zeigen, dass solche Politik seit jeher Normalität war, und dass sich auch mit Machtwechseln oft genug nur der Personenkreis verändert hat, der sie verfolgt.
Und dennoch glaubt die überwältigende Mehrheit aller modernen Menschen, dass es heutzutage anders wäre. Denn wir sind ja fortschrittlich, wir haben eine humanitäre, soziale Verfassung, wir haben Kontrollinstitutionen, freie Medien und den ganzen Quatsch, von dem wir uns einbilden, dass er dem entgegenwirken würde.
Aber lasst euch sagen, auch diese Mechanismen lassen sich durch diverse Methoden derart effektiv aushebeln, dass ihre Existenz am Ende ohne Bedeutung ist. Die Verfassung lässt sich durch Wortspielerei und Haarspalterei umgehen, die Medien werden entweder von privaten, wirtschaftlichen oder politischen Interessen der Kapitalgeber korrumpiert, und die Politik ist heute nur noch der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
Dennoch glauben wir, dass etwas anders wäre als früher, dass unsere Regierungen heute ehrlicher und moralischer sind als die Beispiele von früher, über die wir in den Geschichtsbüchern lesen.
Mag es Optimismus sein, oder ein Schutzmechanismus, den wir uns selbst aufbauen, um unser Weltbild aufrecht zu erhalten. Aus Bequemlichkeit oder Angst. Weil wir sonst erkennen und akzeptieren müssten, dass die Guten nicht unbedingt bei uns in der Regierung sitzen und die Bösen da irgendwo ganz weit weg sind.

Um nun den Bogen zu WikiLeaks zu schlagen – Tatsache ist, hier wird uns gezeigt, wohin uns diese Naivität, dieses ausufernde Desinteresse und die Gleichgültigkeit bringen.
Wer sich mit den Dokumenten beschäftigt, die veröffentlicht wurden, realisiert sehr schnell, dass heuzutage noch genau so fleißig vertuscht, inszeniert, gelogen und verleumdet wird wie vor einigen Jahrzehnten.
Und ich will damit sagen, wer sich WIRKLICH mit diesen Dokumenten beschäftigt. Wir alle haben über die Depeschen des US-Außenministeriums erfahren, wo viele unserer Politiker mit witzigen Begriffen bedacht und ein kleines Bisschen verspottet wurden.
Ja, toll, interessant, amüsant, unterhaltsam.

Und absolut unwichtig.

Aber wie ausgiebig wurde in den Massenmedien darüber berichtet, dass die Dokumente auch belegen, dass Hillary Clinton, US-Außenministerin, ihre Diplomaten beauftragt hat, UN-Abgeordnete auszuspionieren? Dass hier auch Informationen wie Fingerabdrücke, Iris-Scans und Kreditkartennummern angefordert wurden?
Quelle

Nicht mehr ganz so amüsant.

Hat davon jemand was in den einschlägigen Massenmedien gesehen?

Irgendwie nicht so wirklich, allenfalls am Rande.
Sagt das nicht eine Menge über den Zustand unserer Medien und unserer Definition von Pressefreiheit?

Wir lachen lieber über „Teflon-Merkel“.

Und genau das ist für mich der Punkt an WikiLeaks. Wo eine dem Papier nach freie Presse in ihrer Aufgabe, die Bürger zu informieren, vollkommen versagt, sich nicht mehr darum schert oder gar gezielt dagegen arbeitet, weil sie von diversen Interessen aus Politik und Wirtschaft beeinflusst ist, wird eine Organisation notwendig, die die eigentlich journalistische Arbeit übernimmt – nämlich die Bevölkerung über all das zu informieren, was von Bedeutung ist. Über all das, was Personenkreise, die in zweifelhafte Machenschaften verstrickt sind, lieber vom öffentlichen Interesse fernhalten wollen.
Diese Sache, die man investigativen Journalismus nennt, und die sich nicht mit einer Seite der Medaille, mit öffentlichen Statements zufrieden gibt.
Diese Sache, die eigentlich normal sein sollte.

Ich kann nur lachen über Argumentationen, die immer wieder vorgebracht werden, dass Veröffentlichungen von WikiLeaks die nationale Sicherheit von Staaten und das Leben von zahlreichen Menschen gefährden würden.
An dieser Stelle sei gesagt, dass beispielsweise dem Pentagon angeboten wurde, die Dokumente des US-Außenministeriums durchzusehen und entsprechende Stellen zu markieren, damit WikiLeaks diese berücksichtigen kann. Das Pentagon hat diese Möglichkeit ausgeschlagen.
Und – nur ein Gedankenanstoß – wer ist der Schuldige, der Verbrecher oder derjenige, der die Tat aufdeckt?
Jeden, der diese Argumentation vorbringt, fordere ich an dieser Stelle auf, mir Beweise vorzulegen, dass durch die veröffentlichten Dokumente Leben in Gefahr gebracht wurden.

Das einzige Leben, dem möglicherweise Gefahr droht, scheint ironischerweise das von Julian Assange, dem Sprecher von WikiLeaks zu sein;

Kruder Sinn für Humor.
Ich dachte immer, wir hier in der unfehlbaren westlichen Hemisphäre mögen keine Leute, die die Liquidation unliebsamer Personen und politischer Gegner für ein angemessenes Mittel der Politik halten.
Kommt wohl immer auf den Blickwinkel an.

In diesem Zusammenhang möchte ich nämlich, um dem Titel gerecht zu werden, auch einmal auf die bewegte Geschichte eines Mannes namens Danny Ellsberg hinweisen.
Ich vermute, dass den Allermeisten dieser Name nicht besonders viel sagen wird, aber das ist ja nicht schlimm – Wikipedia ist unser Freund;

Daniel „Dan“ Ellsberg (* 7. April 1931) ist ein US-amerikanischer Ökonom und ehemaliger Informant über rechtswidrige Handlungen des Pentagons und des Weißen Hauses. Durch die Veröffentlichung der von ihm an die Öffentlichkeit gebrachten Pentagon-Papiere deckte er einen Skandal im Umfeld des Vietnamkrieges auf.

Ein wunderschönes Beispiel dafür, dass solche Machenschaften mitnichten der Vergangenheit angehören, vielmehr auch heute noch gängige Praxis sind, von der der Großteil der Bevölkerung nicht das Geringste ahnt.
Und der springende Punkt daran ist NICHT, irgendeiner Nation zu schaden, diplomatische Beziehungen zu belasten oder Menschenleben zu gefährden. Es geht darum, dass wir ein Recht haben, solche Dinge zu erfahren, es geht um Transparenz, es geht darum, dass Staaten und ihre Behörden keine Allmachtsfantasien entwickeln. Es geht um die Idee eines transparenten Staates als Gegenmodell zum heute viel eher verfolgten transparenten Bürger. Denn Kontrolle bedingt Transparenz, bedingt die Information der Bürger und deren Reaktion auf inakzeptable Methoden der modernen Politik.
Ihr wisst schon, das, was die Medien eigentlich tun sollten, wenn sie ihrer gottverdammten Pflicht nachkommen würden.

Denn, um mal auf den Vorwurf des Datendiebstahls zurück zu kommen, der von Seiten der geschädigten Behörden vielfach vorgebracht wird;
Ich sehe das etwas anders. Ich denke nämlich, durch WikiLeaks fallen diese Dokumente überhaupt erstmal in die Hände derer, denen sie eigentlich gehören – unsere. Sie sind nicht alleiniger Besitz dieser Behörden, einzelner Personen oder des Staates. Ihre Erhebung erfolgte mit Mitteln aus dem staatlichen Haushalt, mit Steuergelden – letztlich mit einem Teil UNSERES Geldes, dem, was wir täglich erwirtschaften und verdienen und von dem wir einen Großteil abdrücken, damit der Staat seinen Verpflichtungen uns gegenüber nachkommen kann.
Ja, es ist eine Schande, dass WikiLeaks diese Dokumente im Geheimen zugespielt wurden, damit sie veröffentlicht werden.
Es ist eine verfluchte Schande, dass so etwas überhaupt notwendig ist, damit wir über das informiert werden, das zu wissen unser Recht ist.
Und es ist mehr als eine unaussprechliche Schande, ein Skandal und ein erbärmliches Beispiel dreister Verlogenheit, die nicht in Worte zu fassen sind, dass Regierungen, die sich vordergründig damit brüsten, Ideale wie Demokratie und Pressefreiheit global zu verteidigen, auf Unterstützer von WikiLeaks Druck ausüben, um ihre Aktivitäten zu behindern – Ich weise an dieser Stelle nur darauf hin, dass Konzerne wie PayPal und Amazon ihre Unterstützung auf massiven Druck der US-Regierung und aus Angst vor juristischen Konflikten mit dieser eingestellt haben.

Die Geschichte von WikiLeaks und Julian Assange, das ist für mich irgendwie auch die Geschichte von Daniel Ellsberg und seiner Tätigkeiten rund um die Pentagon-Papiere.
Wer daran Interesse hat, auf youtube lässt sich die gesamte Dokumentation „Der gefährlichste Mann in Amerika – Daniel Ellsberg und die Pentagon-Papiere“ finden, die den damaligen Ablauf der Geschehnisse schildert.

Für die ganz Faulen liste ich hier mal alle Teile auf:

Part 1
Part 2
Part 3
Part 4
Part 5
Part 6
Part 7
Part 8
Part 9

So was schlägt einem irgendwie auf den Magen.
Zumindest, wenn man noch ein kleines Bisschen auf Gerechtigkeit gibt.

Und was übrigens diese interessanten Vorwürfe aus Schweden angeht, mit denen sich Julian Assange derzeit konfrontiert sieht – die sind ja auch sehr amüsant und unterhaltsam, wenn man sich über die Hintergründe informiert.
Dazu möglicherweise im nächsten Artikel mehr, das hier soll für’s Erste reichen.

KenFm über Wiki Leaks Mittwoch, Dez 8 2010 

Etwas zu viel Pathos für meinen Geschmack, dennoch, ohne viel Einleitung, weil das Video für sich selbst spricht:

Meine Gedanken dazu in nächster Zeit.
Wenn ich mal wieder Zeit finde.
Ansonsten hör‘ ich einfach wieder mal für ein paar Tage auf, zu schlafen.
Meh.

Von Juden und Hartz IV-Empfängern Donnerstag, Aug 5 2010 

Ich weiß ja nicht, wie viele gestandene Bayern sich hier unter meiner werten, überaus schweigsamen, aber laut Blogstatistik doch vorhandenen Leserschaft befinden und wie viele davon mit dem Namen Nockherberg etwas anfangen können.
Zum Starkbierfest am Nockherberg, das sei hier vermittels wikipedia und für die ganz Faulen einer kurzen Erklärung meinerseits gesagt, werden einmal im Jahr diverse namhafte Politiker von Bund und Land geladen und dürfen sich daran erfreuen, dass sie von Kabarettisten auf die Schippe genommen werden.
Nur dass die Kabarettisten im Grunde genommen eigentlich einfach nur die Wahrheit sagen. Irgendwie lustig aufbereitet eben. Aber was ist Kabarettismus im Grunde schon Anderes, als die hässliche Wahrheit lustig zu schminken?
Und dass die Politiker sich nicht wirklich daran erfreuen, sondern es im Gegenteil genug Szenen gibt, wo man deutlich erkennt, dass hinter dem scheinheilig amüsierten Lächeln Emotionen irgendwo zwischen peinlicher Verlegenheit, unterdrückter Wut und Scham zirkulieren.
Das macht das Ganze natürlich in der Regel umso amüsanter für den Zuschauer, weil er durchaus in der Lage sein dürfte, zu sehen, dass seinen „Volksvertretern“ in diesem Moment alles andere als wohl in ihrer Haut ist bei all den schönen Tatsachen, mit denen sie hier konfrontiert werden.
Aber man kann ja nicht einfach der Veranstaltung fernbleiben, wenn man mehr oder weniger öffentlich eingeladen wird. Denn das erweckt ja den Anschein, als verstehe man keinen Spaß und vertrage es nicht, von Kabarettisten ein bisschen vorgeführt zu werden.
Was man natürlich in der Regel beides nicht tut – aber man kann ja wenigstens den schönen Schein wahren. Das kommt auch bestimmt gut bei den Wählern an!
Und so dürfen wir uns wenigstens einmal im Jahr daran erfreuen, dass mehr oder weniger Tacheles geredet wird und die werten Damen und Herren nicht viel mehr tun können, als dazusitzen, zu lachen und zu klatschen.

Mehr oder weniger Tacheles?
Ja, genau.
Denn seht ihr, wenn man als Kabarettist am Nockherberg zu sanft mit seinem hochprominenten Publikum umspringt, erntet man zwar dessen Wohwollen, ist im Gegenzug aber meist nicht besonders beliebt bei den Zuschauern. Weil die es, man höre und staune, doch recht gut finden wenn mal Tacheles geredet und den Politikern der Marsch geblasen wird.
Wenn man aber zu scharf an die Sache rangeht, dann reagieren besagte Politiker anscheinend in etwa so wie ein Fünfjähriger, dem offenbart wird, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt, seine Eltern sich trennen und er daran schuld ist und sein Hund, der gerade den Osterhasen gefangen und totgebissen hat, dabei überfahren wurde.
Und das alles an seinem Geburtstag.
Mit anderen Worten, sie fangen an, gewaltig rumzuzicken.
Und noch viel schlimmer, denn das Kind in dem genannten (hoffentlich!) fiktiven Beispiel hätte sogar allen Grund, gewaltig rumzuzicken, ich denke, da sind wir uns einigermaßen einig.
Bei unseren Politikern sieht es da schon ein bisschen anders aus.

Jedenfalls ist es ein sehr schönes Beispiel dafür, was mit Leuten passiert, die der herrschenden Machtelite wirklich unangenehm werden.
Denn da gibt es die sogenannte Fastenpredigt, bei der einer der Kabarettisten in die Rölle des Mönchs Bruder Barnabas schlüpft und von seiner Kanzel herab so ziemlich einen politischen Rundumschlag liefert bei dem er alles, was sich da im letzten Jahr so geleistet wurde, humoristisch abstraft.
Und der derzeitige Redner Michael Lerchenberg war den werten Damen und Herren dabei wohl ein ganzes Stück zu ehrlich und direkt.
Beziehungsweise, der ehemalige Redner Michael Lerchenberg.

Jaha, so schnell kann das nämlich gehen.
Der Herr Lerchenberg machte nämlich den Fehler, in seiner Rede etwas zu sagen, was man, wenn man jetzt mal ganz frei in der Wortauslegung ist, als „KZ-Vergleich“ bezeichnen könnte.
Und, wir wissen es alle, bei so was bricht sofort die Hölle los, wie harmlos der Vorfall auch sein mag.
Wer sich die Fastenpredigt in ihrer ganzen Länge zu Gemüte führen will, der gehe auf youtube und suche nach „Nockherberg 2010 Fastenpredigt unzensiert“.

„Unzensiert“?
Ja, das war nämlich das Erste, was sich der Bayerische Rundfunk erlaubte, als er die Wiederholung der Live-Übertragung des Starkbierfestes am Nockherberg ausstrahlte. Und dabei wurde nicht, wie man jetzt vermuten könnte, nur der besagte „KZ-Vergleich“ (Ich muss es einfach in Anführungszeichen setzen, weil es viel zu hoch gegriffen ist.) herausgeschnitten, nein, es fehlten diverse Abschnitte, in denen Herr Lerchenberg mit seinem Publikum etwas härter umsprang – zum Beispiel ein zwei Minuten langer Teil, in dem es um Korruption in politischen Ämtern ging.

Hier kann man dem zum Glück noch lauschen, und genau so kann man sich den bösen, bösen „KZ-Vergleich“, der so weitreichende Folgen hatte, in all seiner menschenverachtenden Humorlosigkeit zu Gemüte führen.
Nicht, dass irgendjemand im Publikum WÄHREND der Rede auf die Idee gekommen wäre, dass diese Ausführungen zu weit gehen könnten. Da hat man nur leicht gelacht und sich bemüht, den Schein von guter Laune weiterhin aufrecht zu halten.
Erst nach der Sendung hat die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch nach reiflicher Überlegung mal kurz gehustet – und wie das so üblich ist, breitete sich wie ein Tsunami eine Welle der Empörung und Entrüstung über diesen bösartigen Vergleich in den Reihen der Politiker aus, die davor noch leise darüber gelacht und den guten Schein gewahrt hatten.
Nicht, weil man empört oder entrüstet über den Vergleich wäre.
Nein!
Aber hier hat man etwas, an dem man sich aufhängen und es dem fiesen Kabarettisten heimzahlen kann, und dabei hat man garantiert noch die Öffentlichkeit auf seiner Seite!

Das kann man sich doch nicht entgehen lassen.

Nun, ich will hier einmal die entsprechende Stelle (im Video ab 3:06 zu sehen) wortwörtlich und dialektbereinigt zitieren.

(Nur der Vollständigkeit halber, er bezog sich hierbei auf die zu dieser Zeit um sich greifenden Disskusionen über Guido Westerwelles Äußerungen über Hartz IV-Empfänger, Leistungsgerechtigkeit und „spätrömische Dekadenz“.)

Nachdem sich aber Leistung richtigerweise lohnen muss, so rutscht die FDP von 15 auf 11, 8, 6 Prozent runter – Wenn ihr so weiter macht, dann seid ihr die erste Partei, die in Berlin regiert, obwohl sie unter fünf Prozent ist!
Zehn Jahre will er regieren, der Herr Westerwelle, oh mei! Wenn ihr alle miteinander mit eurem Saustall so weitermacht, dann reicht’s ja nicht mal für 365 Tage!
Und darum dreht er jetzt durch, der Herr Guido, und schwingt seine sozialpolitische Abrissbirne. Alle Hartz IV-Empfänger sammelt er in den leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drumrum ein Stacheldraht – Hatten wir schon mal.
Dann gibt’s jeden Tag eine Wassersuppe und ein Stück Brot, statt Heizkostenzuschuss gibt’s von Sarrazins Winterhilfswerk zwei Pullover und über’m Eingang steht, bewacht von neoliberalen Ichlingen im Gelbhemd in eisernen Lettern „LEISTUNG MUSS SICH WIEDER LOHNEN!“

Jetzt bin ich ja allgemein eher der Meinung, dass im Humor und in der Kunst so ziemlich alles erlaubt sein muss. Genau so wie mir auch die vorprogrammierte Welle der zumeist scheinheiligen Entrüstung, die durch Deutschland geht, wenn irgendjemand etwas auch nur unabsichtlich zweideutig formuliert und man es als NS-Vergleich auslegen KÖNNTE, absolut zuwider ist und ich denke, dass man sich von dieser langsam lächerlich werdenden politischen Gewohnheit lösen sollte.
Aber jetzt mal ehrlich, lest euch den fett geschriebenen Abschnitt durch – Ist das ein KZ-Vergleich, der über die Stränge schlagt? Ist das, wie Frau Knobloch denkt, eine Herabwürdigung der Leiden von Häftlingen während der NS-Zeit? Oder geht es hier vielmehr darum, dass eine ganze Bevölkerungsgruppe pauschal als Schmarotzer diffamiert wurde?
Natürlich ist das eine humoristische Übertreibung, vollkommen klar, aber eben genau, um das herauszustellen.
Nicht zuletzt zitiert er direkt danach aus der bayerischen Verfassung und stellt den Anspruch jedes Bürgers, der nicht für seinen eigenen Lebensunterhalt sorgen kann, auf Sozialleistungen durch den Staat heraus.
Ein bösartiger KZ-Vergleich sieht nach meinem Verständnis anders aus.

Aber nun, zum Leidwesen von Herr Lerchenberg war der Aufhänger gefunden und es wurde sich im großen Stil empört, und gerade weil ja sofort alle Deutschen auf die Knie fallen, wenn es um dieses Thema geht, fand er auch entsprechend wenig Rückhalt.
Da wäre zum einen die angesprochene Zensur des BR, die sich, ich erwähne es nochmal, NICHT auf diese Stelle beschränkte und der seltsamerweise, obwohl es ja nur darum ging, die Sendung auf eine Länge zu bringen, dass sie ins Programm des BR passt, gerade die für die Politik unangenehmsten Abschnitte zum Opfer gefallen sind.
Und da wäre natürlich zum anderen auch jede Menge öffentliche Entrüstung über seine Worte, sobald die entsprechenden Personen mitbekommen haben, das Charlotte Knobloch gehustet hat.
Und das, kombiniert mit mangelndem Rückhalt beim Veranstalter selbst (Paulaner) führte dazu, dass Herr Lerchenberg, nun, wie soll ich sagen – „freiwillig gegangen wurde“.

Das wiederum nahm Helmut Schleich, einer der anderen Kabarettisten, oben zu sehen als von den Toten auferstandener Franz Josef Strauß, der über seine Nachfolger richtet, zum Anlass, indirekt zum Boykott aufzurufen und sich damit so ziemlich als Einziger auf die Seite des gefallenen (oder hinabgestoßenen?) Fastenpredigers zu stellen.
Womit er meiner Meinung nach den Nagel auf den Kopf trifft.

Ich glaube keine Sekunde lang, dass es denen, die sich am meisten darüber empören, auch nur im Entferntesten um eine mögliche Herabwürdigung der KZ-Opfer geht (die ich absolut nicht erkennen kann), sondern dass hier, simpel formuliert, einfach der Umstand zelebriert wurde, dass etwas gefunden war, mit dem man zurückfeuern konnte.
Nicht zuletzt stößt mir eine derartige Zensur einfach gewaltig auf und ich frage mich, was für einen Mangel an Klasse wir unseren „Volksvertretern“ angesichts solcher Verhaltensweisen attestieren müssen.
Weniger schlimm wäre das alles wie gesagt vielleicht, wenn bei der Wiederholung tatsächlich nur die betreffende Stelle herausgeschnitten worden wäre – aber so? Da muss ich mich doch ernsthaft fragen, mit welchem Selbstbild die Verantwortlichen hier an die Arbeit gehen. Nicht zuletzt handelt es sich hier um eine Meinungsäußerung, und obwohl überspitzt formuliert, spricht Michael Lerchenberg eben doch sehr viele Umstände aus, die sich nicht wenige Menschen auch schon denken – nur dass sie in der angenehm höflichen, angenehm schöngefärbten, angenehm „politisch korrekten“ Alltagswelt außerhalb des Nockherbergs praktisch nie ausgesprochen, quasi totgeschwiegen werden.
Und über kurz oder lang auch am Nockherberg, wenn man sich derartige Methoden gefallen lässt.
Und falls irgendwelche Vergleiche mit unrühmlichen Perioden der deutschen Geschichte vordem nicht angebracht waren, so sind sie es jetzt allemal. Ich fühle mich sehr geneigt, hier selbst mal loszulegen und wirklich harte Vergleiche anzustellen – und ich geb’n Scheiß auf politische Korrektheit.
Bei einem solchen Publikum, bei solchen Politikern, ist weder Kabarettismus noch eine wirklich ernste Opposition oder freie Meinungsbildung wirklich möglich.

Jedenfalls werde ich das alles weiter beobachten, obwohl sich diese Ereignisse ja schon vor einiger Zeit abgespielt haben – Ich wurde erst vor Kurzem von einem Bekannten darauf aufmerksam gemacht. Es bleibt abzuwarten, was sich auf dem Nockherberg 2011 so abspielt. Und sollte es der Fall sein, dass die Fastenpredigt des nächsten Kandidaten, wer auch immer sich dessen annehmen mag, handzahm ausfällt, kann ich euch jetzt schon jede Menge WIRKLICH böse Vergleiche auf diesem Blog ankündigen.

Übrigens, noch ein kleiner Witz zum Schluss: Der werte Herr Westerwelle, dessen Äußerungen ja indirekt Ursprung des ganzen Chaos waren, distanzierte sich danach in einem öffentlichen Brief entschieden vom Nockherberg, an dem er „mehrfach gern teilgenommen“ habe (obwohl er dieses Jahr aus ominösen Gründen verhindert war) und forderte die Verantwortlichen auf, wegen dieser Vergleiche in Zukunft von Einladungen an seine Person abzusehen.
Jaaaa.
Ist klar.
„Deswegen“.

Bei so viel Scheinheiligkeit und, auf gut bayerisch, Hinterfotzigkeit, wird mir einfach nur schlecht.

Werbung, die Zweite. Samstag, Jun 26 2010 

Weil mir grade so unglaublich langweilig ist und ich irgendwie mal wieder auf das Thema gebracht wurde – und nicht zuletzt weil wir hier Aktivität brauchen – habe ich mich entschlossen, den ursprünglichen Artikel, wo ich mich über diverse gehirnzellenvernichtende Werbeideen auslasse, um eine Episode zu erweitern.
Vielleicht wird da ja sogar eine Serie draus.
Weiß nicht, ob sich irgendjemand regelmäßig audiovisuellen Durchfall und unverkennbare Zurschaustellung der morbiden Werte einer verfallenden Gesellschaft zu Gemüte führen will.
Aber immerhin schauen sich ja auch immer noch diverse Bevölkerungskreise Casting-shows an.
Ich bin also optimistisch.

Legen wir los… und zwar mit einem meiner persönlichen Lieblinge;

Ja, ProSieben.
Die mit ihrer erbarmungslosen Selbstbeweihräucherung und wiederkehrender Inszenierung langweiliger B-prominenz (als da wären „Topmodels“, „Popstars“ oder Moderatoren von Sendeformaten wie taff oder dem immer tiefer sinkenden Galileo) mittlerweile selbst dem geneigtesten Zuschauer gehörig auf den Sack gehen sollten.
Wobei dieser Werbespot für mich einen weiteren traurigen Höhepunkt an Dummheit, Arroganz und Niveaulosigkeit darstellt.
Oder, um die Zitate zu benutzen, die eigentlich keines bissigen Kommentars mehr bedürfen, um sie lächerlich zu machen (was mich nicht davon abhalten wird, es trotzdem zu tun);

Brilliantere Farben für mehr Leidenschaft!
Bessere Kontraste für höhere Spannung!
Deutlich mehr Pixel für stärkere Gefühle!

Wow! Nicht wahr? Was HD nicht alles kann. Da werden sogar mittelmäßige bis bodenlos schlechte Filme nur durch die Optik zum Kracher!
Kein Wunder, dass dann selbst so begähnenswerte Hollywoodprodukte wie „Hitch – Der Date Doktor“ in der Werbung drei Wochen im Voraus großspurig als MEGABLOCKBUSTER angekündigt werden müssen, um dem gerecht zu werden.
Ich erinnere mich noch an Zeiten, wo der Begriff „Blockbuster“ Filmen vorbehalten war, die WIRKLICH herausragend erfolgreich waren. Die alten Star Wars-Filme. Indiana Jones (natürlich auch nur die alten Teile).
Filme eben, die zu ihrer Zeit wirklich für leere Straßenblocks gesorgt haben.
Wenn dann sogar Hitch durch HD-TV zum MEGABLOCKBUSTER wird, muss das ja wirklich eine große Sache sein.
Ich frage mich, wie sie das bei der inflationären Nutzung dieses Wortes noch toppen wollen. ULTRABLOCKBUSTER – HYPERBLOCKBUSTER – M-M-M-MONSTERBLOCKBUSTER?

Ich bleib‘ dann einfach bei „guten Filmen“, danke.

Mal ganz davon abgesehen, muss ich wirklich noch sagen, was ich an den zitierten Zeilen so beklagenswert finde?
Nehmen wir mal als Beispiel einen Haufen Scheiße am Straßenrand. Ihr könnt alle nach draußen gehen und euch einen Haufen Scheiße suchen, wenn ihr wollt. Oder ihr macht selber einen.
Jetzt fragt euch, wenn ihr zwei Fotos von diesem Haufen Scheiße hättet, das eine undeutlich und verpixelt, das andere gestochen scharf – würde das was daran ändern, dass ihr euch gerade einen Haufen Scheiße anseht? Bietet der Haufen Scheiße auf dem qualitativ besseren Foto mehr Leidenschaft? Mehr Spannung? Oder mehr Gefühle?

Nein?

Und dieser Haufen Scheiße ist Hitch der Date Doktor.
Und jeder andere Film, der auf HD so viel besser ist.
Optische Qualität ändert einfach nichts an bestenfalls durchschnittlichem oder mangelhaftem Inhalt.
Sollte es jedenfalls nicht.
Wie so oft scheint das aber ein Großteil der Gesellschaft anders zu sehen als ich.

Nunja. Sei’s drum. Was hätten wir denn da noch so…

Zugegebenermaßen wird dieser Spot schon etwas länger nicht mehr gezeigt. Ich fand ihn halt einfach nur so berauschend blöd, dass ich euch damit quälen wollte.
Wo sonst bekommt ihr von einem sprechenden Hasen mit Professorenkomplex die Grundzüge umweltfreundlichen Wirtschaftens so anschaulich erklärt?
Dass die industrielle Revolution in der Landwirtschaft großflächig zur Verschlechterung der Qualität unseres Bodens geführt hat, von Versalzung über Verschmutzung bis zu Nährstoffarmut, und wir damit ein paar interessante Probleme für die nähere Zukunft haben, klammern wir dabei mal aus. Denn unser schlauer Hase erklärt den dummen Menschen: Aus Getreide kann man immer wieder Brot machen! Und es ist unendlich verfügbar!
Zumindest für uns hier. Bei zwei Dritteln der Menschheit sieht’s vielleicht ein bisschen anders aus.
Aber macht euch nichts draus – Auch Menschen sind unendlich verfügbar! Denn sie wachsen nach!

Etwa genau so, wie Bäume im verfickten Sekundentakt voll ausgewachsen aus dem Boden schießen.
Also was regt ihr euch auf, ihr kiffenden ungewaschenen Öko-Fuzzis? So schnell kommt kein Holzfäller mit seiner Kettensäge nach wie das hier überall wuchert.
Deshalb ja auch immer wieder die erschreckenden Berichte über den Regenwald, der sich jeden Tag weiter ausbreitet und die natürlichen Lebensräume von Menschen zerstört.
Ich finde ja irgendwie allgemein, Gewalt ist keine gute Sache und so. Gegen Menschen nicht, gegen Tiere erst recht nicht – vielleicht höchstens gegen Franzosen.
Aber ich würde diesem Hasen so gerne einfach nur in die Fresse hauen.

Man beachte übrigens auch die interessante Wortwahl, wo unser Hase stolz erklärt, dass Tetrapacks „überwiegend“ aus Holz bestehen.
Zu 50,0001% etwa. Der Rest sind hochgiftige synthetische Klebstoffe, geschredderte Tierknochen und wiederverwertete Brennstäbe.

Und schließlich möchte ich zum Abschluss noch die kleine Geschichte erzählen, wie ich neulich durch eine Seitengasse vom Stadtplatz Richtung Auto flanierte und an einem Musikgeschäft vorüberging, in dessen Schaufenster diverse Plakate hingen – unter anderem eines mit einem voller Enthusiasmus Saxophon spielenden etwa Acht- bis Zehnjährigen und der Aufmerksamkeit heischenden Überschrift „WIR BILDEN IHRE KINDER ZUM ERFOLG AUS!“

So ist das nämlich.
Lassen wir doch das ganze Gelaber von wegen Persönlichkeitsentfaltung und Talentförderung oder von Musik als einer Kunstform zum Ausdruck von Emotionen. Das wollen Eltern heutzutage doch alles gar nicht mehr hören.
Mein Kind soll doch nicht irgendein blödes Instrument lernen, weil es das will! Oder weil es Spaß daran hat!
Es soll Erfolg haben! Es soll Geld verdienen! Es soll berühmt werden! Es soll heroinsüchtig werden und jede Menge billige Groupies mit Geschlechtskrankheiten flachlegen, für die Unterwäsche ein Fremdwort ist! Und dann soll es sich erschießen und mir alles vermachen!
Damit ich sagen kann, ich hab‘ dieses traurige Genie gezeugt.
Kann ich mir mal ganz großzügig selbst auf die Schulter klopfen.
Auch wenn ich damals eigentlich nur besoffen und rattenscharf war und mich auf die „Ich zieh‘ ihn vorher raus.“-verhütungsmethode verlassen habe, um das Geld für’s Kondom zu sparen.

Danke, ich hab‘ genug.
Ich gehe jetzt E-gitarre spielen.

Vielleicht setz‘ ich mir auch ’nen Schuss und treib’s mit drei Schlampen gleichzeitig.

„Zeit der Amateure“ oder die Eigendynamik der Verdummung Donnerstag, Jun 3 2010 

Ab und zu empfinde ich ja trotz meiner unfassbaren Abneigung gegen des Verhalten des Homo Sapiens innerhalb größerer Herden so etwas wie Hoffnung.
Oder zumindest weniger Verzweiflung, könnte man sagen.

Manchmal geschieht so etwas, wenn irgendein politischer Sonderschülervorstoß im Keim erstickt wird, sei es durch Protest der Bevölkerung, durch Widerstand der regierenden Parteien oder durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts.
Selten betrifft es auch Dinge, Situationen, Begebenheiten, wo unsere Gesellschaft beweist, dass außer Lifestyle- und Prominentenobsession, Ficken und Saufen und seichter Unterhaltung auch noch andere Werte vorhanden sind.
Ab und zu sind das auch persönliche Sachen.

Dann kommt es durchaus vor, dass ich mich ein paar Momente zurücklehne und vor mich hingrinse wie ein bettnässendes Balg.
Manchmal hab‘ ich dann sogar den Rest des Tages gute Laune!
Man stelle sich vor!
In einer Vielzahl von Fällen ist es dann zwar meistens so, dass der kleine Funken Hoffnung unter einem massiven Haufen Scheiße begraben wird und erlischt.
Aber so ist das Leben eben.

Zugegeben, beim Zeitung lesen kommt das alles wirklich selten vor, da finde ich mit viel höherer Wahrscheinlichkeit mehrere Nachrichten, bei denen ich mir unwillkürlich so ein aufblasbares Stehaufmännchen zum Verprügeln wünsche.
Aber auch das gibt es noch.

Nämlich zum Beispiel in der heutigen Zeitung auf Seite 2, ein Leitartikel verfasst von einem gewissen Prof. Dr. Martin Balle, der darin ein Thema behandelt, über das ich so oder so demnächst schreiben wollte.
Und wenn das jemand anders schon treffend formuliert hat, umso besser.
Immerhin gewinne ich da doppelt – ich sage, was ich sagen will, und ich muss selbst nicht so viel schreiben.
Fuck yeah.
Zudem trifft es der werte Prof. Dr. Balle meiner Meinung nach ziemlich gut und umreißt ein unglaublich komplexes Thema doch sehr präzise, was mir nicht so leicht gefallen wäre, vermute ich.
Aber immerhin ist er ja ein Prof.
Und dazu noch ein Dr.!

Wie dem auch sei, wer Augen hat, der lese:

Zeit der Amateure

In seiner zauberhaften Erzählung „Narziss und Goldmund“ lässt Schriftsteller Hermann Hesse seine Figur Goldmund, der entgegen dem im Geistprinzip stehenden Narziss die Lust am Leben verkörpert, auch der Kunst begegnen. In einer Kirche sieht der Landstreicher und Streuner Goldmund eine wunderbar geschnitzte Marienfigur und so verdingt sich der Hochbegabte für drei Jahre bei deren Schöpfer, dem Meister Niklaus, um auch selbst die Schnitzerei zu erlernen. Das Gesellenstück Goldmunds, eine Figur nach dem inneren Bilde seines Freundes Narziss, ist zugleich sein Meisterstück. Goldmund liebt das Leben aber zu sehr, um beim Leisten des Schnitzers zu bleiben, er zieht weiter, und doch weiß er am Schluss: „In der Kunst und im Künstlersein lag für Goldmund die Möglichkeit einer Versöhnung seiner tiefsten Gegensätze, oder doch eines herrlichen, immer neuen Gleichnisses für den Zwiespalt seiner Natur. Aber die Kunst war kein reines Geschenk, sie war nicht umsonst zu haben, sie kostete sehr viel, sie verlangte Opfer.“
Wie ein Märchen mutet dagegen die Geschichte unserer Lena an, die mit einem einzigen Lied ohne jede musikalische Auzsbildung, nicht in drei Jahren, sondern in drei Monaten, ins Rampenlicht einer europäischen Öffentlichkeit gestoßen wurde. Dabei ist es nicht nur außergewöhnlich, wie sympathisch dieses 19-jährige Mädchen im Gesangswettbewerb des Grand Prix d’Eurovision den ersten Platz errang, sondern vor allem auch, mit welcher intuitiven Souveränität sie auf die anschließende Massenbegeisterung in Deutschland reagierte.
Solches darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, welche Bürde ihr so von unserer hysterisierten Medien-Öffentlichkeit auf ihren Lebensweg mitgegeben wird. Es ist kaum zu glauben, in welcher Art dieses junge Mädchen von den Medien in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt wird: Da werden bei Lenas Rückkehr nach Hannover Sondersendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen anberaumt und selbst die altehrwürdige Frankfurter Allgemeine Zeitung widmet ihren Leitartikel vom Montag dem neuen Superstar unter dem Titel „Unser Mädchen“, die Sonderseite im Innenteil trägt die BILD-ähnliche Überschrift „Du bist Deutschland“, während das Feuilleton auf seiner ersten Seite beschwört: „Herkules oder Die Marke Raab: Jetzt müssen wir ihn ernst nehmen.“
Eher trägt da freilicht der an anderer Stelle gebrachte Vergleich von Lenas Promoter Stefan Raab mit dem sagenhaften König Midas, dem sich alles zu Gold verwandelt, was er berührt. Denn diese Sage erzählt immerhin auch von der Kehrseite solchen Vorzugs, nämlich der Seelenlosigkeit, zu der diese Verwandlungskunst führt. Der überehrgeizige Stefan Raab, der nach erfolgreicher Berufsausbildung und abgebrochenem Jura-Studium erst beim Musiksender Viva seine scheinbar feinsinnigere Bestimmung fand, erscheint dabei als der typische Repräsentant eines Teils unserer Gesellschaft, die im vergnügten, aber doch immer bloß vordergründigen Spiel alle tieferen Sinnbezüge des Lebens vor sich selbst verbirgt. Der Ansatz von Raabs Show ist so immer konsumptiv, er verbraucht Leben, niemals wird es wirklich von innen her in seiner eigentlichen Bedeutungsfülle erfasst. Dazu passt auch gut Lenas eigener Satz: „Vor einem halben Jahr war noch nichts, und jetzt ist Es (!) so groß“, der die Ausgangsfrage der Philosophie: „Warum ist nicht nichts, sondern vielmehr etwas?“ ins blanke Gegenteil verkehrt. Es war nie nichts, und es ist auch jetzt nicht so groß, möchte man dem lieben Mädchen zurufen, aber das allgemeine Mediengetöse würde einen schnell zum Schweigen bringen. „Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss“ war vor Jahren ein schöner Filmtitel, den man als einfaches Gegenbild vor solches Treiben stellen wollte. Aber wo am Montagmorgen gleichzeitig Angela Merkels fernseh-besorgter Blick auf die anschwellenden Fluten der Oder die einzige politische Botschaft aus Berlin in denselben Zeitungen war, ist es nicht ganz unverständlich, dass in Krisenzeiten die Menschen zu den kleinen Freuden des Alltags immer hysterischer Zuflucht nehmen. Spätestens wenn Deutschlands Fußballer in der Vorrunde Australiens Zwergenmannschaft in Grund und Boden gespielt haben werden, werden in München wieder die Massen über die Leopoldstraße ziehen, als habe man im Endspiel gerade gegen Maradonnas Argentinien gewonnen.
Es gibt schon einen Zusammenhang zwischen der Oberflächlichkeit der Politikangebote heute, einer von innen her erodierenden Gesellschaft, die sich immer schwerer tut, das Maß für ein gelungenes Leben zu finden, und einer Medienwelt, die diesen Prozess wechselseitiger Erosion verstärkt, statt ihn kritisch zu hinterfragen. Es ist ein merkwürdiges Paradox, dass in den Sonntagsreden der Politik eine Wissensgesellschaft und nachhaltige Ausbildung regelmäßig beschworen werden, während der gesellschaftliche Trend ganz gegenteilig zu einer Instant-Kultur verkommt, die in bewusstloser Unmittelbarkeit Leben bloß noch genießen will. Als der 17-jährige Boris Becker vor gefühlten 2000 Jahren im Aktuellen Sportstudio in wunderbarer Unbefangenheit nach seinem ersten Wimbledon-Sieg dem damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker so großartig begegnete, hatte er immerhin seine ganze Kindheit der asketischen Strenge einer Ausbildung zum Tennisspieler unterworfen und empfing jetzt den berechtigten Lohn für solche entbehrungsreiche Zeiten. Wo Angela Merkel und Christian Wulff sich heute fernsehgerecht über Lenas Erfolg freuen, dienen sie sich auch in schönen Bildern einer Gesellschaft an, an deren Entfremdungsprozess sie nicht unbeteiligt sind und der ihnen am Ende ihre Wiederwahl sichern soll. Wenigstens verhinderte der überraschende Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler Angela Merkels Besuch im Trainingslager der deutschen Nationalmannschaft in Südtirol nur zwei Tage nach ihrem bedeutungsschweren Blick auf die Hochwasser führende Oder.
Auch wie jetzt bei der Kandidatenauswahl für das Bundespräsidentenamt verfahren wird, macht da keine Ausnahme. Ursula von der Leyen ist für die Koalition vor allem deshalb von Vorteil, da sie sich medial bestens zu inszenieren versteht. Es wirft aber auch ein seltsames Licht auf die Politik, dass nach gerade erfolgtem Wechsel der Politikerin in ein neues wichtiges Ministerium, vom Familienministerium ins Arbeitsressort, der jetzt wieder vorzeitige Abschied nach kurzer Einarbeitungsphase gar kein Thema ist.
Interessant ist auch, dass unsere Medienwelt sich teilweise genauso ihrer professionellen und ernsthaften Vorbedingungen entledigt wie Politik und Gesellschaft. Wo das Internet mit seinen Blogs (Anm.: Welch Ironie.) und Chats immer mehr Aufmerksamkeit erhält, wird auch die Messlatte unserer Informationskultur tiefergelegt. Wo jeder alles ins Netz stellt und Aufmerksamkeit für sich einfordert, spricht die „Süddeutsche Zeitung“ ironisch vom „Web 0.0“ und der Journalist Nicholas Carr von einem „Kult der Amateure“. Für unseren derzeitigen Lieblingsamateur Lena aber wollen wir hoffen, dass der Kult um sie für sie gut ausgeht.

Ahja.
Nun, da steckt viel drin.
Über Lena Meyer-Landrut und Stefan Raab schweige ich mich aus, ich denke, von denen haben wir die letzten Tage genug gehört.
Mir geht es vielmehr um die Aspekte bezüglich Gesellschaft, Medien und Politik, die er anspricht.
Und wo ich jetzt irgendwie gerade scharf überlegen muss, wie ich richtig formuliere, hoffe ich, dass die Leserschaft begreift, was ich meinte, als ich eingangs die unüberschaubre Komplexität der Thematik erwähnt habe.
Da wären zum einen die Medien, über deren Entwicklung und aktuelles Erscheinungsbild ich in vergangenen Einträgen genug Worte verloren habe, denke ich.
Da wäre andererseits auch die Politik, die sich in der Öffentlichkeit ebenfalls immer flacher und inhaltsloser präsentiert. Wo es immer mehr darum geht, den Gegenspieler in ein negatives und sich selbst in ein postives Licht zu rücken, wo Polit-talkshows immer trivialer und wie ihre Gäste immer niveauloser werden, nimmt die Bedeutung der wirklichen Inhalte immer weiter ab. Zunehmend fällt einem da auf, dass die verschiedenen Parteien sich trotz aller Versprechen und verbalen Konfrontationen bei Prinzipienfragen inhaltlich doch überraschend ähnlich sind.
Von ihnen vertreten fühlt sich dann irgendwann kein Schwein mehr.
Da spricht man dann von „Politikverdrossenheit“, von mangelndem Interesse.
Ich würde eher von Desillusionierung und einem durchaus berechtigten Mangel an Vertrauen sprechen.

Und in der Mitte zwischen beiden, der Politik und den Medien, steht dann natürlich noch die Gesellschaft, sprich die Menschen, die sich irgendwo zwischen apathischer Hoffnungslosigkeit und der Zuwendung zu seichter, anspruchsloser Unterhaltung widerfinden, weil sie die Angewohnheit haben, sich früher oder später sowieso mit allem abzufinden.
Nicht nur erodiert diese Gesellschaft, wie Balle es so treffend formuliert, hinsichtlich ihrer Tiefsinnigkeit und Feingeistigkeit, sie verfällt auch hinsichtlich Allgemeinbildung und vor allem Moral.
Hinsichtlich ihrer Grundwerte.
Wo Politik und Medien immer von gewaltigen Herausforderungen und nahenden Katastrophen kreischen, schaltet die Gesellschaft irgendwann ab und wendet sich den letzten Bastionen von Spaß und Zerstreuung zu, die ihr bleiben. Die Medien unterstützen und bekräftigen diese Entwicklung, die Politiker passen sich der Flachgeistigkeit an und leisten oberflächliche Öffentlichkeitsarbeit, um sich gut darzustellen.
Und so bekräftigen sich alle Seiten gegenseitig, nur immer tiefer zu sinken.
Alle ziehen wir so unseren Vorteil daraus.
Alle gewinnen wir.
Und alle verlieren wir dadurch am Ende.

Und wer mir jetzt sagt, wie diese wechselseitige Spirale der Hirnlosigkeit aufgehalten oder wenigstens daran gehindert werden könnte, sich weiterzudrehen, dem blas‘ ich sofort einen.
Oder lecke sie.
Je nachdem.

Das wäre nämlich mein ganz persönlicher Heiliger Gral.

Aber vermutlich bleibt es, wie auch beim Echten, dabei immer nur bei einem Traum.

Über die moderne Prominentenobsession, Part 2. Freitag, Mai 21 2010 

Ja, da war noch was.
Die unglaublich schnell größer werdende, eingeschworene „Eden Uncensored“-Leserschaftet wartet ja schon seit Wochen sehnsüchtig auf den zweiten Artikel über die moderne Prominentenobsession.
Und ja, ich versuche hier gerade mit selbstironischen Bemerkungen meine Minderwertigkeitskomplexe als chronisch unbeachtete Attention-whore zu überspielen.
Ich bin auch nur ein Monster, das geliebt werden will.

Aber zum Thema – Prominentenobsession.
Das scheint ja allgemein so eine Sache der Moderne zu sein, eine scheinbar unvermeidliche Begleiterscheinung des Zeitalters der digitalen Massenmedien, das inzwischen absurde Ausmaße erreicht – mit Müttern, die ihren Töchtern auch ein Blackberry schenken, wenn diese sich darüber beschweren, dass sie die ganze Zeit nur an ihrem Smartphone hänge und zu wenig Zeit mit ihr verbringe (wie Wolfgang Hantel-Quitman in seinem Buch „Schamlos!“ zu berichten weiß.).
Nicht nur, dass wir dadurch inzwischen von allen Seiten konstant mit allerlei schwachsinnigen, vollkommen irrelevanten Informationen zugeballert werden, im Fernsehen absolut bescheuerte Formate über uns ergehen lassen müssen, nicht genug, dass ein immer weiter anschwellendes Heer von Pseudoprominenten die Medienlandschaft okkupiert oder dass sogar Nachrichten durch so etwas Erbärmliches wie die Prosieben oder RTL2-news korrumpiert werden, die einen kleinen Teil aktuelles Weltgeschehen auf Bild-niveau aufbereiten und mit Promi-news und ein bisschen Sex mischen. Oder dass die hinterletzten Flachwichser aus Musik und Fernsehen seit Neuestem sogar regelmäßig die Buchbranche unterwandern, die inzwischen ja sowieso zum großen Teil auch nur noch aus Schwachsinn besteht.
Nein.

Denn als würde das alles an Blödheit und Schwachsinn noch nicht reichen, gibt es vor allem verbunden mit der Prominentenobsession etwas, das uns nicht nur in allerlei Medien den letzten Nerv raubt, sondern mitunter sogar im Alltag.
Eine Gefahr, die mitten unter uns weilt.
Vielleicht in diesem Moment ganz in deiner Nähe. In deinem Haus. Möglicherweise sogar im Zimmer nebenan.
Und sie schleicht sich an, überall. Unbemerkt. Leise. Hinter jedem Menschen, den wir treffen.
Pass auf!
HINTER DIR!
AAAAAH!

Ja.
Was ich meine, ist eine Verhaltensweise, die ich selbst am liebsten als Idealisierung oder Vergöttlichung von Prominenten umschreibe.
Ich bin sicher, jeder kann so ungefähr umreißen, was ich damit meine, und jeder kennt Beispiele.
Denkt an Tokio Hotel.
Denkt an Twilight.
Denkt an Robert Pattinson.
Oder was weiß ich, an allerlei vergötterte Schauspieler und Stars der Musikbranche, es gibt ohnehin zu beinahe jedem WIRKLICH Prominenten die dazugehörigen fanatischen Verehrer.
Und nicht nur zu denen.
Teilweise ja auch zu GEGENSTÄNDEN.
Ich denke da an den in seiner Lächerlichkeit kaum mehr zu übertreffenden „Konsolenkrieg“, bei welchem es auf jeder Seite Vertreter gibt, die nicht nur regelmäßig die Grenzen angemessenen/sozialen Verhaltens überschreiten, sondern solche Grenzen schon gar nicht mehr wahrzunehmen scheinen.
Oder auch schwelende Konflikte zwischen Nerds der Microsoft oder Apple-fraktion.

Aber primär denke ich, und das mag daran liegen, dass es medial viel mehr Aufmerksamkeit zugesprochen bekommt, an Prominente.
Der Einfachkeit halber werde es also an halbwegs aktuellen Beispielen aus diesem Bereich deutlich gemacht.
Zumal ich denke, dass jeder noch die Tokio Hotel-Fanhorden in grausamer Erinnerung hat oder Weibchen der Gattung Homo Sapiens, die während eines Twilight-trailers oder auch nur angesichts eines Posters von Robert Pattinson so feucht werden wie sonst nur beim Duschen.
Besonders peinlich wird so etwas natürlich bei Frauen, die rein biologisch gesehen als volljährig angesehen werden MÜSSTEN. Bei Pubertätsopfern könnte man es entwicklungspsychologisch als Abkehr von den Eltern hin zu anderen Idolen/Idealen sogar noch irgendwie verstehen.
Was einem auch nicht unbedingt hilft, wenn man Zimmer sieht, die mit Postern von Tokio Hotel oder Twilight tapeziert sind. Mit Tokio Hotel oder Twilight-bettwäsche. Einem Bücherregal, dass neben allerlei „niedlicher, knuffiger“ Scheiße gerade mal die drei Twilight-teile beherbergt.
Gibt’s inzwischen schon Stoffpuppen von Bill oder Robert Pattinson?
So’n kleiner Edward zum Knuddeln? In Lebensgröße? Um zu kompensieren, dass jedes halbwegs zurechnungsfähige männliche Wesen bei so etwas die Flucht ergreift?
Mit aufpumpbarem Penis?
So käme die Erotikindustrie an die weibliche Zielgruppe ran.

Aber natürlich ist so etwas generell noch verschmerzbar. Visuell grausam, augenkrebserregend und für jeden Menschen mit Intelligenz über Zimmertemperatur äußerst beschämend angesichts der Tatsache, dass man biologisch zur selben Lebensform gehört.
Aber hinnehmbar.
Zwar nicht bei meiner Familie oder meinen Freunden, denen ich gerne etwas reiferes Verhalten attestieren würde (und teilweise auch kann), aber von mir aus bei Fremden. Ganz weit weg. Irgendwo da in Mecklenburg-Vorpommern.
Dummerweise werden allerdings durch das Internet Vertreter aus allen menschlichen Siedlungsgebieten praktisch willkürlich durcheinander gewürfelt.
So oder so kann man solchen Menschen einfach nicht entkommen, ob es jetzt im Alltag ist oder im Netz. Was für mich ja quasi von gleichrangiger Bedeutung ist.

Denn von mir aus können die ja mit ihrem Zimmer oder ihrer Wohnung machen, was sie wollen – solange ich sie nicht betreten muss.
Und ich werde sie nicht betreten.
Aber das Ganze drückt ja auch nur etwas aus und ist im Prinzip Teil eines größeren, allgemeiner gehaltenen Phänomens und – für mich – Problems.
Und das ist der Sachverhalt, den ich mit „Ideailisierung und Vergöttlichung“ umschreibe.
Denn ich bin durchaus kein Verfechter der Anti-bewegung, die sich wie zu Tokio Hotel so auch zu Twilight entwickelt hat, wenn auch in geringerem Umfang.
Von mir aus sollen die machen und mögen, was sie wollen. Aber die ganze Einstellung großer Fankreise ist für mich nicht nur höchst fragwürdig, sondern regelrecht nervtötend. Tokio Hotel ist nur eine Band. Twilight ist nur ein Film. Und Robert Pattinson nur ein Schauspieler. Und nicht mal einer der wirklich Guten, wenn man noch ETWAS Vertrauen in diverse Filmkritiker setzen darf.
Deal with it.

Und wenn ich Menschen sehe, die beim bloßen Anblick von Bill in Kreischorgien verfallen und alle höheren Denkfunktionen einbüßen oder solche, die ein sogenanntes Reaction Video von sich selbst zum Twilight-trailer aufnehmen, wo sie… naja, in Kreischorgien verfallen und alle höheren Denkfunktionen einbüßen, dann kommt mir auf gut deutsch gesagt einfach das Kotzen.
Menschen, bei denen die Verehrung dieser unerreichbaren Lichtfiguren einen bedeutenden Aspekt des Lebens (und auch des sozialen Umgangs, mit anderen ähnlich grenzdebilen Subjekten) ausmacht, die in den Medien alles darüber verfolgen, was ihnen unterkommt und jedwede Äußerung dieser Person wie ein Schwamm aufsaugen und als eigene Meinung wiedergeben, die dogmatische Ausmaße erreicht – sprich wer die nicht mag oder nicht der selben Meinung ist, der ist eh nur plöd und totaaaal neidisch, mit dem muss man sich auch nicht abgeben – sind mir einfach nur derart zuwider, dass ich es nicht mit Worten ausdrücken kann.
Und dabei ist mein Wortschatz das verbale Pendant zu John Holmes‘ Schwanz.
Am ehesten würden es wohl einfach nur lautstarke Würggeräusche treffen.

Und nicht zuletzt glaube ich, dass gerade das oft der stärkste motivatorische Aspekt für die entsprechenden Gegenbewegungen ist, die das zugehörige Objekt der Verehrung dann kategorisch ablehnen.
Was verständlich ist, aber genau so wenig richtig – zumal sie selbst dabei nicht selten in Dogmatismus verfallen.
Solcherlei Verhalten ist der Konfliktlösung eben in keinem Fall hilfreich, sondern verschäft und verkompliziert ihn viel eher.

Letztlich ist so etwas meiner Meinung nach, egal auf wen oder was es sich bezieht und wie es sich konkret äußert, ein Zeichen für mangelnde geistige Reife und Fähigkeit zur differenzierten Beurteilung.
Menschlich ist es möglicherweise bis zu einem gewissen Rahmen verständlich, allgemein gesprochen sucht sich eben fast jeder Leitfiguren, Vorbilder, als Orientierungshilfe für’s Leben – das können ja auch Schriftsteller oder Philosophen sein, die durchaus über eine gewisse Kompetenz in Lebensfragen verfügen (wobei das heutzutage vermutlich eher selten ist). Ich persönlich lehne das zwar ab und orientiere mich lieber an Idealen als an Idolen, aber bitte.
Aber es ist einfach absoluter Schwachsinn, die Aussagen eines Prominenten wie das Wort Gottes zu behandeln, zu welchem Thema auch immer er befragt wird. Zum einen, weil es auch nur Menschen sind, die sich irren und Fehler machen, zum anderen, weil es schlicht und ergreifend Idiotie ist, zu glauben, die hätten in jedem Bereich fachliche Kompetenz aufzuweisen. Das sind genauso armselige Idioten wie ihr und ich. Manchmal haben sie vermutlich von etwas sogar weniger Ahnung als man selbst und erzählen totalen Bullshit.
Ich bin ja zum Beispiel auch sehr angetan von Helmut Schmidt. Einerseits davon, wie er das Leben allgemein betrachtet und andererseits auch bei vielen politischen Themen.
In letzterem Fall bin ich aber in etwa genau so vielen Fällen einer deutlich anderen Meinung.
Und das ist auch gut so. Denn ich bin ja nicht Helmut Schmidt. Und ich will auch nicht so sein wie er. Ich bin ich und ich will so sein wie ich will, dass ich bin.
Oder irgendwie so.
Und ich mag auch ACDC. Trotzdem ist mir abseits der Musik eigentlich scheißegal, was Angus Young zu anderen Themen zu sagen hat. Trotzdem mag ich auch andere Bands und trotzdem ist deswegen nicht jede andere Musik scheiße oder minderwertig.
Ich liebe einfach nur die Musik. Mehr ist da nicht dran.

Wie gesagt, ohnehin finde ich es deutlich vernünftiger, sein Denken und Handeln mehr an Idealen auszurichten, die man für erstrebendswert hält, als an Vorbildern, die letzlich Menschen und damit genau so fehlbar sind wie jeder andere.
Und wenn ihr in euren Idolen etwas Bewundernswertes seht, dann fragt euch einfach, was das ist – schon habt ihr eure Ideale oder erstrebenswerten Charaktereigenschaften.

Aber verdammt nochmal, man müsste doch von einem denkenden Wesen erwarten können, dass es zu einer differenzierteren Beurteilung in der Lage ist als mit dem alten Schwarzweißraster. Sowohl was Personen als auch was Handlungen und Situationen angeht, ach, einfach was ALLES angeht.
Gute oder böse Menschen gibt’s einfach nicht. Auch keine klugen und keine dummen. Man kann nicht alles kategorisieren, den Charakter und die Psyche eines Menschen schon gar nicht. Ein Mensch hat nicht nur zwei oder drei, sondern unzählbar viele verschiedene Eigenschaften und Züge, die man persönlich als gut oder als schlecht beurteilen kann.
Wobei gut oder schlecht ja schon wieder Kategorien sind. Denn auch solche Eigenschaften und Züge haben ja mehrere Seiten, Vorteile und Nachteile.
Man sieht, das ist alles kompliziert. Und in der Realität auch gar nicht so leicht umzusetzen, solange man sich nicht daran macht, aktiv an seinem Verhalten zu arbeiten.
Was wahrscheinlich unter anderem ein schwerwiegender Grund ist, warum viele Menschen im Allgemeinen ins genaue Gegenteil gehen – zu kategorisieren. Macht eben alles einfacher, alles ist schön simpel vorgegeben und man hat eine deutliche Orientierung.
Nur richtig ist es in den allermeisten Fällen eben doch nicht.

Für den Anfang sollten sich solche Menschen einfach mal genau daran erinnern und versuchen, diese Tatsache kognitiv und emotional anzunehmen und in ihr Handeln einzubeziehen.
Die Mitglieder von Tokio Hotel sind einfach nur Musiker. Robert Pattinson ist einfach nur Schauspieler. So wie jeder Prominente eben diese eine Fähigkeit hat, die ihn prominent gemacht hat (wobei’s da bei B- und C-prominenz jetzt schon wieder schwierig wird…). Ob das jetzt ein Musiker, Schauspieler, Autor, Politiker oder was weiß ich ist.
Klüger als ihr sind die deswegen nicht. Die sind einfach nur prominent. Deswegen stimmt nicht automatisch alles, was die sagen, wenn sie zu irgendwelchen Themen befragt werden, die überhaupt nicht in ihr Fachgebiet fallen. Man sollte ja in der heutigen Medienlandschaft ohnehin immer vorsichtig sein und sich fragen, ob die Meinung, die jemand öffentlich vertritt, durch Fachwissen fundiert ist und welche Intention wohl dahinter stehen könnte, DASS er diese Meinung vertritt.

Der Gipfel des Nonsens ist in dieser Beziehung dann übrigens, was man bei Wahlkämpfen in Amerika und wohl auch hierzulande in geringerem Maße beobachtet, dass sich diverse Popstars für die eine oder andere Seite stark machen.
Zum Kotzen.
An diesem Punkt wird nämlich angefangen, genau diesen Sachverhalt der Idealisierung von Prominenten auszunutzen.
Dass das zu politischen Zwecken missbraucht wird, ist in meinen Augen das Letzte, aber DASS es missbraucht wird, ist beileibe nicht das einzige Beispiel.
So kommen wir nämlich ein bisschen zum Anfang zurück, zu Sachen wie Twilight-bettwäsche. Oder Shirts. Oder Federmäppchen. Oder Rucksäcken.
Und was der Merchandising-abteilung nicht alles für Dreck einfällt, wo man das Logo oder Robert Pattinson Fresse noch abdrucken könnte.
Jetzt sind Sachen wie Shirts und dergleichen ja vielleicht noch annehmbar, besonders was Bands angeht ist das ja halbwegs normal, aber wie überall ist es hier das gesunde Maß, dass eine fließende Grenze zum Schwachsinn bildet.
Ich habe mir früher ja auch Bandshirts gekauft. Heute nicht mehr, aber naja, von mir aus.
Dass es das Ganze allerdings mittlerweile auch zu Filmen gibt, habe ich erst heute schockiert im Saturn (!) feststellen müssen, als da tatsächlich über dem DVD-regal ein Plastiktorso mit einem Twilight-shirt ausgestellt war.
Jedem, der sich so etwas kauft und es trägt, möchte ich an der Stelle dann allerdings die Frage stellen:
Euch ist aber schon klar, dass ihr in der Hinsicht dann sozial und intellektuell etwa auf der selben Stufe steht wie der picklige Nerd mit Hornbrille und… was weiß ich, Star Wars-shirt, der von Sackhaaren noch nicht einmal GEHÖRT hat?
Nur im Hauptfall weiblich und mit anderen Klischeemerkmalen, eben.
Habt ihr auch ne Zahnspange? Wie wär’s mit einem Twilight-handtäschchen?
Und habt ihr eure Jungfräulichkeit mit vierzehn an den blassen, schweigsamen, komischen Außenseiter verloren, der euch weis machen wollte, er sei ein Vampir?

Schlussendlich bleibt mir eigentlich nur zu sagen, dass viele, wenn nicht gar die Meisten, in diesem Punkt – und in so vielen anderen – endlich begreifen müssen, dass der massive Fortschritt der Informationstechnologien nicht nur mit Vorteilen verknüpft ist, sondern dass wir genauso seine Nachteile, seine Begleiterscheinungen, seine Versuchungen erkennen und aktiv darauf achten müssen, wie wir mit ihnen umgehen.

Ende der Durchsage.

Über die faulen Ouzo-säufer „da unten“ Montag, Mai 10 2010 

Ich muss erst einmal schon von vornherein sagen, ich bin im Großen und Ganzen entsetzt von der Berichterstattung der deutschen Medien über die Geschehnisse in Griechenland.
Genau so entsetzt wie ich darüber bin, wie leichtgläubig und gedankenlos diese Berichterstattung von den Meisten akzeptiert und unreflektiert übernommen wird.
Genau so entsetzt wie ich darüber bin, wie unsere werte Frau Merkel es genießt, Druck auszuüben und zu welchen absurden Sparmaßnahmen wir die Griechen genötigt haben.

Wo wir es doch auf der anderen Seite lieben, astronomische Summen zu verschleudern, die im Nichts verpuffen und ihren Zweck vollkommen verfehlen, weil keinerlei Konsequenzen aus vergangenen Fehlern gezogen werden.
Ich kenne den genauen Betrag nicht, mein letzter Stand ist, dass der Staat den Banken inzwischen um die 400 Milliarden Euro in den Arsch geblasen hat.
Weil sie „systemrelevant“ sind. (Was eine Unzahl an Analysten und Wirtschaftsexperten als absurd zurückweist.)
Weil das ein „alternativloser Sachzwang“ ist, etwas, dass man nun mal einfach tun MUSS. (Was ich persönlich für eine dreiste Lüge halte. Alternativen gibt es immer, Alternativen hätte es auch damals gegeben.)
Zumal ich es einfach zum Kotzen finde, wie schnell diejenigen Vertreter aus der Wirtschaft, die sich zu Zeiten des Aufschwungs jede staatliche Einmischung strengstens verbieten, angerannt kommen und um Staatshilfe betteln, wenn die Kacke am Dampfen ist. Und sogar in der Situation bleiben sie zumeist arrogant und überheblich.
Und nicht zuletzt hätte es doch viel mehr dem Prinzip der freien Marktwirtschaft entsprochen, marode Banken, die sich pauschal gesagt durch schlechtes Wirtschaften und hirnrissige Spekulationen selbst in die Scheiße geritten haben, dem zu überlassen, was das System nun einmal für solche Unternehmen vorsieht: Konkurs.
Es gibt lauter werdende Stimmen, die die berechtigte Meinung äußern, dass andere Banken und das System, für dass diese „Bankster“ (toller Neologismus!) ach so relevant sind, deren Untergang relativ gut überstanden hätten, der Schaden wäre überschaubar gewesen, die übrigen Banken hätten vermutlich expandiert, Lücken gefüllt.
Damit wären eigentlich genau diejenigen, die diesen Schwachsinn verschuldet haben, vom System selbst bestraft worden.
…Oder auch nicht, denn ihr Gehalt haben sie ja so oder so sicher, am Arsch sind nur die, die weiter unten stehen.
Und irgendwie frage ich mich, wie viel ein System wert sein kann, dass von solchen Leuten abhängt.

Aber halt. Durchatmen. Konzentrieren, Eden. Nicht reinsteigern.
Denn es soll ja um die faulen, korrupten, arroganten, ignoranten und sowieso von Kopf bis Fuß BÖSEN Griechen gehen.
Und genau vor diesem Hintergrund finde ich es merkwürdig, nachdem wir jetzt einer Riege von faulen, korrupten, arroganten, ignoranten Idioten mit Handküsschen unzählige Milliarden geschenkt haben, und das verbunden mit lächerlichen Auflagen voller Hintertüren, damit sie auch ja weitermachen können wie bisher, bei den Griechen die Daumenschrauben anzulegen.

Tja, die sind eben nicht „systemrelevant“, hat es den Anschein.
Dumm gelaufen, Stavros.
Wobei es doch sehr fraglich ist, ob ein totaler Zusammenbruch Griechenlands nicht doch sehr interessante Folgen für die Währungsunion hätte.
Aber viel entzückender ist doch wieder einmal die Tatsache, dass die, die am wenigsten dafür können, am meisten von allen abbekommen.
Da wird in deutschen Medien munter von den faulen, arbeitsscheuen und korrupten Griechen berichtet, und in der Öffentlichkeit mokiert man sich, dass man diesen Faulpelzen, die doch eh den ganzen Tag nur Ouzo saufen, jetzt noch Geld in den Rachen schieben darf.
Und dann besitzen diese Schweine auch noch die Frechheit, auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren und zu randalieren, wo man ihnen doch so großzügig hilft.

Wie können Sie nur?!
Wo es doch nur um IHR Leben und IHRE Existenz geht und darum, dass SIE genug Geld haben, um noch über die Runden zu kommen?
Aber natürlich verstehen Deutsche das nicht. Denn Deutsche lieben es ja anscheinend, lethargisch vor sich hin zu leben und Moos anzusetzen, während sie fortwährend in immer größerem und dreisterem Stil verarscht werden.
Wir würden ja erst auf die Straßen gehen, wenn man uns DSDS, Popstars und GNTM wegnimmt, wenn die Bild verboten und der Alkohol seinen Stand als gesellschaftlich akzeptierte Droge einbüßen würde.
Dann wäre hier rambazamba, aber gehörig.

Kopfpauschale im Gesundheitswesen? – Pfff.
Massenentlassungen trotz wirtschaftlichen Aufschwungs entgegen aller Versprechen à la „Wachstum bringt Arbeitsplätze!“ – Scheiß drauf, solang’s nicht ich bin.
Abbau des Sozialstaats und zunehmende Umverteilung von unten nach oben? – Egal, noch kann ich gut leben.

Aber wenn Dieter Bohlen, Heidi Klum und Detlef D!!! Soost inhaftiert würden, dann käm’s wohl zum Barrikadenkampf.

Und alle, denen zunehmende soziale Ungerechtigkeit nicht am Arsch vorbeigeht, spinnen doch sowieso und übertreiben maßlos.
Und die Griechen gleich sowieso und überhaupt!
Wenn ich da teilweise lese, sehe oder höre, was die deutschen Medien an hirnrissiger Scheiße verbreiten, wird mir schlecht.
Von wegen die Korruption, die durchweg in der ganzen griechischen Bevölkerung so normal ist wie die zwei Liter Ouzo zum Frühstück, rächt sich jetzt.
Seht euch mal um, ihr Pflaumen, was bei uns alles vonstatten geht. Welcher Politiker bei welchem Unternehmen für wie viel Kleingeld im Betriebs- oder Aufsichtsrat sitzt, wer für Interviews oder Vorträge wie viel bekommt, von welchen Instituten mit eindeutig wirtschaftlichen Interessen welcher Wissenschaftler samt seiner Studien „finanziert“ wird, um was zu sagen, wer die Öffentlich-Rechtlichen wirklich kontrolliert, welche Konzerne welchen „Volksvertreter“ schmieren, um an Aufträge von Vater Staat zu kommen, was da bei der Bankenkrise alles hinter den Kulissen abgegangen ist, wie hoch die Prämie ist, die ein Krankenhaus an einen Arzt zahlt, wenn dieser im Gegenzug einen Patienten dorthin überweist, ob der jetzt dort eine Behandlung braucht oder nicht und was die alle von Pharma-konzernen zugesteckt bekommen – und ihr wollt mir sagen, es ist die Korruption in der breiten Masse, die Griechenlands Finanzen in Schieflage gebracht hat?
So ein Schwachsinn – wenn überhaupt ist es die Korruption, die sehr viel weiter oben in der Hierarchie und in unvergleichlich größerem Maßstab stattfindet. Wenn überhaupt, dann ist es die soziale Ungerechtigkeit, eine bestenfalls schockierende Arbeitslosenversicherung, Politik, die nur noch im Namen von Lobbyisten geführt wird und ein Lohnniveau, dass die Leute am unteren Ende der Leiter praktisch ZWINGT, einer inoffiziellen Nebentätigkeit nachzugehen, um irgendwie über die Runden zu kommen, die Griechenland in die Scheiße geritten haben.

In diesem Bezug an der Stelle eine Mail von einer Betroffenen aus Griechenland, freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Alles Schall und Rauch:

Hallo aus Hellas,

wo sich die Situation weit mehr zuspitzt, als in den deutschen Medien auch nur Ansatzweise berichtet wird.

Immer wieder lese ich beim Durchforsten der deutschen Berichterstattungen, dass „die Mehrheit der Griechen“ trotz aller Demonstrationen und trotz allen Widerstandes eben doch mit den Schritten der Regierung einverstanden sei. Das ist nicht einmal mehr eine Verdrehung der Tatsachen, das ist eine Lüge, wie ich sie selten gehört habe!!!

Viele kleine Geschäftsinhaber in den Städten geben auf, bevor sie zu weit in die roten Zahlen gerutscht sind, Ladenketten wie Lidl, Aldi, Praktiker und Media Markt können sich darüber freuen. Doch die Griechen sind bei den wahnsinnigen Einsparungen gezwungen, in Billigdiscounter zu gehen – wenn sie es auch gar nicht gern machen.

Einverstanden sind hier bestenfalls diejenigen, die von den Wahnsinnsschritten profitieren werden, das sind dann Geschäftsinhaber, die weniger Lohnkosten haben werden und die Oberschicht, die weder von den Steuererhöhungen (weil sie weiterhin ALLES werden absetzen können) noch von den erhöhten Lohnabzügen (weil sie davon nicht betroffen sein werden) profitieren werden.

Ein Beispiel aus der Praxis:

Mein Mann ist Grundschullehrer im elften Dienstjahr. Wir haben ein 12-jähriges Kind. Bis einschliesslich April dieses Jahres hat mein Mann ein monatliches Nettoeinkommen von etwa 1.450 Euro gehabt, das meiste davon waren Beamtenzuschläge, das Lehrergrundgehalt ist sehr niedrig. Das enthaltene Kindergeld liegt bei um die 40 Euro, wenn ich mich nicht täusche, es ist sehr schwer, das alles aus der Gehaltsabrechnung herauszurechnen.

In diesem Monat nun wurden 140 Euro weniger überwiesen, denn die Lehrer müssen die seit Januar 2010 erhaltenen Zuschläge zurückzahlen. Dasselbe dann noch im Juni. Also liegt das Nettoeinkommen in diesen beiden Monaten bei etwa 1.310 Euro. Danach soll sich das monatliche Einkommen bei etwa 1.370 bis 1.400 Euro einpendeln, so wurden wir von der zuständigen Stelle informiert – aber ganz klar sei das im Moment noch nicht.

Ich selbst arbeite als Privatlehrerin für Deutsch als Fremdsprache, kann jedoch nicht offiziell arbeiten, da ein Gesetz verbietet, dass der Ehepartner eines staatlichen Lehrers im selben Landkreis, wo der Lehrer angestellt ist, als Privatlehrer tätig ist.

So haben wir also zwei Möglichkeiten: Entweder wir versuchen, uns bei den steigenden Lebenshaltungskosten und dem niedrigeren Einkommen meines Mannes irgendwie zu dritt durchzuwurschteln, oder aber ich arbeite ebenso, wie es die meisten Griechen machen …

Die Sicherheit des Einkommens, und sei es auch noch so niedrig, ist übrigens auch der Grund dafür, warum die meisten Griechen schon immer versucht haben, Beamte zu werden – und sei es auch durch Beziehungen. Denn hier gibt es kein Arbeitslosengeld, das auch nur mit Hartz V vergleichbar wäre – nach einem Jahr Arbeitslosigkeit hören die ohnehin schon niedrigen Zahlungen ganz einfach auf, das war hier schon immer so. Und dann … na ja, meistens springt die Familie ein und hilft, anders geht´s halt nicht.

Uns geht es jedoch noch verhältnismässig gut, wir werden sogar beneidet, denn zumindest kann ein Lehrer seinen Job nicht verlieren. Es gibt genug Griechen, die mit einem monatlichen Gehalt von um die 700 bis 1.000 Euro eine Familie durchzubringen haben, was schon jetzt kaum mehr machbar ist. Nicht wenige versuchen jetzt, mit ihren Familien bei den Eltern unterzukommen, damit sie sich wenigstens die Miete sparen.

Andere denken darüber nach, in eine der Grossstädte zu ziehen, weil sie sich dort eine bessere Arbeit erhoffen – ein Trugschluss, denn es gibt schlicht und einfach kaum Arbeit in Griechenland, das industriell kaum entwickelt ist. Also bleibt nur noch … die Schwarzarbeit. Und dabei geht es in den wenigsten Fällen um einen Zuverdienst, es geht wirklich nur ums nackte Überleben.

Und nun lese ich in deutschen Schmierenblättern, dass die Mehrheit der Griechen mit den Einsparungsplänen einverstanden sei!

Ein kleines bisschen logisches Denken müsste einem schon klarmachen, dass das nicht der Wahrheit entsprechen kann.

Klar, den Profiteuren der Sache ist alles Recht, aber der Durchschnittsgrieche ist langsam bereit, sein Überlebensrecht mit allen Mitteln zu verteidigen und von Zustimmung kann keine Rede sein.

Ausserdem hat die Erfahrung dieses Volk gelehrt, dass kein einziger Cent, der ins Land fliessen wird, auch nur irgendetwas ändern wird – die Korruption hat nach Meinung der meisten Griechen das zu erwartende Geld bereits unter ihren Kindern aufgeteilt und das, was TATSÄCHLICH in den Staatssäckel fliessen wird, ist ebenso schon verplant.

Der einfache Mensch auf der Strasse weiss also ganz genau, dass die wahnsinnigen finanziellen Mehrbelastungen, die ihn ja ohnehin bereits getroffen haben, noch weiter steigen werden, aber das nur, um „die Reichen und Einflussreichen“ noch ein Stück nach oben zu schieben – und er, der einfache Grieche, soll das finanzieren.

Von einer Zustimmung kann in meinen Augen in keinem Fall die Rede sein, denn dann wären die Griechen entweder komplett blöde oder ganz einfach alle Selbstmörder.

Ich denke, die Schwarzarbeit wird im selben Masse aufblühen, wie der Konsum zurückgehen und die Verschuldung des Einzelnen steigen wird.

Mit freundlichen Grüssen aus Hellas

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich keineswegs versuche, Ausbrüche von willkürlichem Vandalismus und Gewalt mit Verletzten und Toten zu rechtfertigen.
Soweit sollte es nie kommen, bei aller berechtigten Wut.
Aber ich kann das hier zugrunde liegende Gefühl eines breiten Teils der griechischen Bevölkerung nur zu gut verstehen, zumal wir uns bei aller sozialen Ungerechtigkeit, die auch hier bei uns zunehmend um sich greift, vermutlich nicht einmal annähernd vorstellen können, was Armut in Griechenland bedeutet.
Und weil alles Geld der Welt nichts hilft, wenn es irgendwo versickert, wo es nicht hin sollte – Die Änderung muss an anderer Stelle herbeigeführt werden, aber ohne jetzt die griechischen Verhältnisse allzu genau zu kennen, würde ich vermuten, dass ein bemerkenswerter Anteil der dortigen Machtelite aus vollkommen schleierhaften Gründen nicht sonderlich einverstanden damit wäre, wenn Korruption und Lobbyismus im großen Stil der Kampf angesagt wird.

Aber die, die ihr jetzt in den Nachrichten demonstrieren und randalieren seht, das sind die, die ohnehin schon Probleme haben, ihre bloße Existenz zu finanzieren, das sind auch die, die von den rigorosen Sparmaßnahmen betroffen sein werden, die wir den Griechen abgepresst haben, und das sind vor allem die, die verdammt nochmal einfach die Fresse dick davon haben, von allen ständig verarscht zu werden.
Und jetzt sogar noch von uns, die wir so blind sind, nicht zu sehen, dass wir uns auf dem besten Weg befinden, ihnen zu folgen.

Aber tja, tut uns leid, wir haben schon alles Geld, das wir sowieso nicht haben, für unsere Banken verpulvert.
Ist ja auch naheliegend.
Immerhin scheinen einige Politiker ja richtig dicke mit denen zu sein.
Man kennt sich, man trifft sich, man hält zusammen, und wenn zum Beispiel Josef Ackermann das sechzigste Jubiläum seiner verhängnisvollen Geburt feiert, dann schmeißt Frau Merkel im Kanzleramt natürlich eine Sause auf Kosten des Steuerzahlers.
Nach den hunderten von Milliarden Euro macht das bisschen Kleingeld schließlich auch nichts mehr aus, nicht wahr?

Angesichts solcher Arroganz, Überheblichkeit und Selbstvergessenheit gepaart mit einem unfassbaren Mangel an moralischen Prinzipien bleibt mir nichts anders, als mich vor den betreffenden Vertretern in den Schaltzentralen der deutschen Wirtschaft, Politik und Medien zu verbeugen.
Gegen euch ist die Mafia ein Scheißdreck.

ZOMG SEX LULZ! Freitag, Mai 7 2010 

Nein, das ist keiner dieser erbärmlichen Versuche, die Infotainment- und Boulevardmagazine zuweilen unternehmen, durch offenen Umgang mit dem Thema menschlicher Reproduktion Zuschauer/Leser/Hörer/Idioten zu gewinnen, in dem sie voyeuristische Tendenzen ausnutzen.
Na gut, doch, ist es.
Zumindest ein bisschen.

Und ihr seid drauf reingefallen.
Ha, ihr Idioten schmutzigen Perverslinge. =>

Aber hauptsächlich geht es hier um etwas Anderes, was mich wieder mal ernsthaft zu der Frage geführt hat, ob Lachen oder Kotzen jetzt das Näherliegende wäre.
Einige werden vielleicht mitbekommen haben, dass vor Kurzem bei einem Erbgutvergleich festgestellt wurde, dass die DNS des modernen Menschen Erbgut des Neandertalers aufweist. Ich weiß nicht, ob man das als wissenschaftliche Sensation bezeichnen darf, auf jeden Fall ist es sehr interessant, zumal man bisher davon ausging, dass die Neandertaler vom Homo sapiens verdrängt wurden – sozusagen die ersten Opfer aggressiver menschlicher Expansion.
Haha.

Nun liegt vielmehr die Vermutung nahe, dass die Neandertaler ihrerzeit zumindest in einem gewissen Rahmen durch Fortpflanzung zwischen beiden Spezies im modernen Menschen aufgingen. Zahlenmäßig waren sie ohnehin kaum dominant, Schätzungen zufolge lebten zu Hochzeiten nur zwischen 10.000 und 15.000 Neandertaler in ganz Europa.
Durchaus möglich also, dass die Neandertaler gar nicht im radikalen Sinne ausgestorben sind, sondern sich ihr Erbgut vielmehr mit dem des Homo sapiens vermischt hat.
Zumindest, soweit ich das alles mit meinem mangelhaften Wissen auf diesem Gebiet interpretieren kann.

Das alles fand ich eigentlich sehr interessant, als ich es heute morgen in der Zeitung las.
Und habe bis eben nicht weiter darüber nachgedacht.
Und dann kommt man mittags nach Hause, wirft Windows Live an und überfliegt die MSN-News, die man – nur zu meiner Verteidigung – aktiviert hat, weil sie als herausragendes Beispiel von Boulevardjournalismus immer mal wieder für einen Lacher gut sind.

Da klingt diese wissenschaftliche Entdeckung dann nämlich zum Beispiel so:

„Neandertaler und Menschen hatten Sex miteinander!“

JA!
Das ist natürlich die große Bedeutung dieser Entdeckung!
DIE HABEN GEBUMST! LOLOLOL
So kommt das nämliche zustande, liebe Kinder, mit Fortpflanzung und so weiter. Zum Beispiel damals bei euch, als euer Vater zwischen dem zwanzigsten Bier und der zweiten Halbzeit des Fußballspiels grade eben noch genug Zeit fand, eure Mutter zu bespringen, die nörgelnd und zeternd damit beschäftigt war, seine Kotze vom Laminatboden zu wischen.
Und deswegen erzählen wir euch nämlich immer diese Scheiße mit den Störchen.

Zumal die Feststellung, dass eine Paarung beider Spezies zu wiederum fruchtbaren Nachkommen führt, in der Hinsicht vermutlich viel weniger faszinierend ist als einfach nur die Einsicht, dass es zwei verschiedene Spezies miteinander getrieben haben.
Und in ein paar hunderttausend Jahren wird die moderne Zentaurengesellschaft von der wissenschaftlichen Entdeckung erschüttert, wie ihre Entwicklung aus den Pferden, ihren nächsten Verwandten heraus, vonstatten gegangen ist – wenn Archäologen eine alte Festplatte mit Beastporn ausgraben.
„Mit DENEN sind wir verwandt?“

Was man daraus alles für wissenschaftliche Folgeschlüsse ziehen könnte, wage ich jetzt noch gar nicht zu vermuten.
Ich bin mir allerdings relativ sicher, dass ein Vergleich des Paarungsverhaltens zwischen Neanderthaler und Hauptschüler weitere Erkenntnisse zu Tage fördern würde, die diese These untermauern.

Natürlich ist das alles nicht halb so interessant wie zum Beispiel die neuesten Infos über Mehrzad und Menowin oder wie die aktuellsten Endprodukte der C-Prominenz-Schmiede DSDS nochmal heißen, oder ein Video von einer vermeintlichen UFO-sichtung über LA und damit nur als Lückenbüßer gut. Aber hey, immerhin bringen wir irgendwie irgendwo das Wort „Sex“ unter. Ziel erreicht, Publikum zufriedengestellt, Klappe zu, Hirn tot.
Den intellektuellen Anspruch von prägnanten Eye-catchern wie „Sie haben es doch getan.“ oder „Es geschah im Nahen Osten.“ zweifle ich jedenfalls massiv an.
Aus dem Nahen Osten ist noch nie was Gutes gekommen.
Beispiel Christentum.

Zumal ich sowieso nicht verstehe, warum Boulevardmagazine mit der Taktik Promiskuität, Exhibitionismus, Freizügigkeit und allem, was auch nur im Entferntesten interessante Körperteile ganz uninteressanter „Prominenter“ behandelt – oder anders formuliert: Titten, Titten, Schwänze, Titten – heutzutage noch so viel Erfolg haben.
Leute, wenn ihr in eurem kümmerlichen Leben schon keinen findet, der mit euch ficken will, dann versucht’s doch im Internet, das besteht sowieso zu neunzig Prozent aus Pornographie. Warum da ein Nippelblitzer oder halbnackte Tussen, die um den Titel des Wasserrutschenchampions kämpfen, noch interessant sein sollen, ist mir schleierhaft.
Aber es geht ja nur um den sportlichen Aspekt.
Ist klar.
Außerdem wäre eine politische Disskusion im Bikini auch einfach nur noch absurd.
Könnte aber wieder Interesse für Politik wecken.

Claudia Roth und Angela Merkel, anyone?

Rrrrrr.

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