Wir Spinner und Verschwörungstheoretiker Samstag, Jul 9 2011 

Nerds, Freaks, Weirdos, Außenseiter, Soziopathen, Zweifler und Zyniker kommt herbei! Versammelt euch um das virtuelle Feuer und wärmt eure Hände am Monitor, denn der alte, bärtige Eden will euch eine Geschichte erzählen.

Es ist eine zeitlose Geschichte, eine Geschichte vermutlich so alt wie die Menschheit selbst (Und wenn sich hier Kreationisten tummeln, nein, ich schreibe jetzt nicht über Adam und Eva – Und verpisst euch.) Eine Geschichte voller Hass, Wut, Trauer, Einsamkeit und Leid. Voller Ungerechtigkeit, zerschmetterter Hoffnung und gebrochenem Idealismus.
Eine Geschichte, bei der ich den Pathos jetzt lieber mal ein paar Stufen zurückdrehe und zum Punkt komme.

Nun – Seht mal aus dem Fenster. Da draußen seht ihr einen kleinen Ausschnitt dieser sehr seltsamen Welt, in der wir leben.
In dieser sehr seltsamen Welt gibt es sehr seltsame Menschen. Sehr seltsame Menschen, die seltsamerweise uns für sehr seltsam halten.
Und als wäre das alles noch nicht seltsam genug, sind diese sehr seltsamen Menschen seltsamerweise kolossal in der Mehrheit.
Ja, so ist das. Und das schon seit Langem. Vermutlich war es auf die eine oder andere Art schon immer so.
Wir sind eine Minderheit – zumindest zähle ich mich zu dieser, ob das bei euch auch der Fall ist, bleibt euch überlassen. Eine Minderheit, weil es uns nicht genug ist, „einfach nur unser Leben zu leben“, weil es uns nicht reicht, mit all den diversen Möglichkeiten, die die moderne Gesellschaft uns bietet, so viel Spaß und Glück wie möglich aus unserer kleinen, wertlosen Existenz zu pressen auf diesem Rennen mit der furchterregenden Ziellinie, die keiner zuerst überschreiten will. Weil wir nicht zu der überwältigenden Masse gehören, die vor sich hin lamentiert darüber, dass es doch sinnlos ist, sich über all das aufzuregen, was schief läuft auf dieser Welt, weil man „als Einzelner doch sowieso nichts erreicht“. Die sich mit etwas Zeit auch an jede noch so große Frechheit gewöhnt, die ihnen aufgebürdet wird.
Und, letzten Endes und vor allem, weil wir zweifeln.
Zweifeln an unserer Gesellschaft, zweifeln an all den Normen und Werten, die sie propagiert, zweifeln an dem Kurs, den sie nimmt. Und in meinem Fall, vermutlich auch in eurem, weil wir zweifeln an unseren Politikern und unseren Medien, an all den offiziellen Versionen, die wir da tagtäglich vorgesetzt bekommen.
Genau deshalb sind wir Wenige.

Ich habe es in meinem Artikel über die Ermordung Bin Ladens bereits angeschnitten; Allzuschnell werden Menschen wie wir, die kein Vertrauen mehr in die Massenmedien und die Glaubwürdigkeit von Politikern (Es tut schon fast weh, das überhaupt zu schreiben) haben, die offen sind für andere Erklärungen und Versionen, in denen „gut“ und „böse“ bei Weitem nicht so eindeutig verteilt sind wie in den offiziellen Nachrichten, mit dem Begriff Verschwörungstheoretiker abgetan, besonders von etablierten und sogenannten seriösen Medien. Die Intention ist für mich relativ klar – Am Ende stehen wir damit zusammen in einer Ecke mit Leuten, die behaupten, Elvis oder Michael Jackson seien noch am Leben oder irgendwelche extraterrestrischen Lebensformen hätten sich für ihren Darminhalt interessiert. Das macht uns lächerlich, das beraubt uns unserer Glaubwürdigkeit, das bringt am Ende doch noch eine große Mehrheit aller Menschen dazu, nur grinsend mit dem Kopf zu schütteln, wenn wir unsere Versionen vorbringen. Das bringt uns wiederum letztlich um die Möglichkeit und das Recht, dass man sich auf der Basis einer möglichst objektiven Disskusion mit unseren Argumenten auseinandersetzt.

Besonders bei Theorien, die gar nicht so weit hergeholt sind und bei näherer Betrachtung jede Menge sehr verdächtiger Indizien als Grundlage haben, bringt mich das regelmäßig zum Kotzen.
Ja, ich spreche von Indizien, nicht von Beweisen. Denn das ist am Ende sowieso alles, was wir kriegen. Das gilt ebenso für die „offiziellen“ Versionen von Geschehnissen. Oft genug beruft sich die Berichterstattung der meisten etablierten Medien auf ein und die selbe Meldung aus ein und der selben Quelle, hinterfragt wird sie in einer Vielzahl von Fällen gar nicht.
Und das ist womöglich dann eine Meldung der entsprechenden Behöre, ein Statement, eine offizielle Version. Wir sollen glauben, dass es so war, auch bei brisanten Themen oft ohne jemals etwas anderes als den Text vor unserer Nase zu sehen. Welcher Personenkreis hätte bitteschön ein Interesse daran, etwas zu veröffentlichen, das dem eigenen Ansehen schaden könnte?
Wir haben gesehen, was passiert, wenn Organisationen wie Wikileaks in solchen Fällen nachhelfen.
Vielleicht wollen viele dieser sehr seltsamen Menschen es auch gar nicht wissen.

Also woher kommt die Sicherheit, dass diese Personenkreise immer um eine möglichst objektive Berichterstattung bemüht sind? Wo sind auch hier mehr als nur Indizien? Weil es etablierte, populäre Medienanstalten sind?

Die Wahrheit ist, als Konsumenten von Nachrichten können wir uns nie wirklich sicher sein, dass das, was wir da lesen, auch wirklich so stimmt, und zwar in keinem Fall außer demselben, das wir beim entsprechenden Ereignis selbst anwesend waren. Etwas, was wohl höchst selten vorkommen wird.

Als jemand, der sich sehr für Geschichte interessiert, fand ich es ja immer sehr interessant, wie viele Quellen wir in unseren Geschichtsbüchern haben, die uns erzählen, was hinter den Kulissen der Macht vor sich gegangen ist, wie all das verschleiert und als etwas vollkommen Anderes nach außen verkauft wurde und wie naiv das Volk in der überwältigenden Vielzahl der Fälle der eigenen Regierung gegenüber stand.
Wir wissen das heute. Wir lernen es in der Schule.
Und doch versäumen wir, die eine wirklich wichtige Lektion daraus mit zu nehmen, die wir in unserem späteren Leben tatsächlich gebrauchen könnten. Für irgendwelche besonderen Daten, Namen und Termine braucht man sich meines Erachtens bei Geschichte gar nicht so sehr zu interessieren, aber was wirklich bedeutsam ist, was aus all dem zu lernen ist, das ist wer wir sind, warum wir so sind und wie wir uns dazu entwickelt haben.
Und in punkto Regierungen ist es für mich vor allem diese Lektion;

Regierungen haben über die ganze Menschheitsgeschichte hinweg, mal mehr, mal weniger, ihr Volk manipuliert, die Wahrheit verdreht, beschönigt oder schlicht und ergreifend gelogen. Gebt euch nicht der Illusion hin, dass sich das mit der Moderne geändert hätte, sie tun dies auch heute noch – Sie werden es mit Sicherheit bis zu einem gewissen Grad bis zum Ende der Menschheit tun.
Nun will ich nicht sagen, dass das nicht hin und wieder sogar nötig wäre. Menschen anzuführen kann beizeiten eine sehr unspaßige, sogar verdammt hässliche Angelegenheit sein. Gibt es Situationen, in denen man diejenigen belügen muss, die einem folgen, zu ihrem eigenen Wohl?
Ich kann es mir zumindest vorstellen.

Der Unterschied ist jedoch, oft genug geschieht es nicht aus der so verstandenen Verpflichtung dem Volk gegenüber, es geschieht im eigenen Interesse, aus der Gier nach (persönlichem) Profit, aus dem Streben nach Popularität, dem Willen zur Macht.
Als Beispiel muss man sich nur die Nebeneinkünfte vieler unserer Abgeordneten zu Gemüte führen, die faszinierend großzügigen Summen, die sie für lächerliche Aufgaben erhalten, wie einen Sitz im Aufsichtsrat eines Unternehmens mit offensichtlichen wirtschaftlichen Interessen, wo sie schätzungsweise einmal im Jahr des Protokolls halber anwesend sind.
Wer mir noch sagen will, dass diese Leute nicht darum bemüht wären, ALLERMINDESTENS die Interessen ihrer Taschengeldgeber in ihre Politik mit einzubeziehen, wenn nicht sogar sie in verdeckter Weise vollständig zu ihrer eigenen Agenda zu machen, dem werfe ICH Realitätsverlust vor.
Denn, wir lernen es als Kinder, wenn man von seinen Eltern Taschengeld will, dann ist man besser brav und tut, was sie sagen.

Was nur eines von vielen Beispielen für verdächtige Verflechtungen von Politik, Wirtschaft und Medien ist.
Ich empfinde das als sehr brüchige Basis dafür, irgendeinem dieser Kreise noch Vertrauen entgegenzubringen.

Dennoch stehen Leute wie wir sehr schnell am Rand und gelten als Spinner, wenn wir gegen die offizielle Berichterstattung Einspruch erheben und eine andere Version auf Basis verschiedener Indizien und Rückschlüsse aufstellen, und das, obwohl breite Schichten der Bevölkerung längst immer mehr Vertrauen in die Politik verlieren.
Warum?
Vielleicht, weil es in der Berichterstattung einen Mangel an Alternativen gibt?
Wir sind es gewohnt, unsere Nachrichten von Fernsehen und Zeitung zu bekommen, bequem im eigenen trauten Heim, ohne viel dafür tun zu müssen, selbst im Internet frequentieren viele dann die Plattformen der etablierten Medienanstalten. Wo würden wir auch sonst unsere Nachrichten herbekommen? Meiner Meinung nach haben wir längst ein Stadium kritischen Mangels an weiter gestreuter, differenzierter Berichterstattung erreicht.
Wir sind in dieser Hinsicht sehr abhängig.

Eine Option mag vielleicht das Internet sein.
Denn das Fantastische ist ja, dass es jedermann eine Plattform bietet. (Zugegeben, wenn ich an Ausgeburten wie Facebook denke, mag das irgendwo auch ein Nachteil sein…) Und so können einfache Menschen, nicht nur etablierte, große Medienanstalten prinzipiell jeden erreichen. So erhält man die Möglichkeit der Berichterstattung aus den verschiedensten Blickwinkeln, kann sich diverse Sichtweisen zum selben Thema zu Gemüte führen, und wählen. So macht das ja auch der alte, bärtige Eden, wenn er euch Geschichten erzählt.
Natürlich muss man auch dafür mal über den Tellerrand hinausblicken und auch nach diesen leisen Stimmen in der Ferne suchen.
Das zugrunde liegende Problem bleibt am Ende eben immer das Gleiche – Auch von diesen Stimmen wird niemals irgendeine die absolute Objektivität erreichen. Ich selbst maße mir gar nicht erst an zu behaupten, dieser auch nur nahe zu kommen.
Der Punkt ist, perfekt neutrale Berichterstattung ist ein Ding der Unmöglichkeit. In keiner einzigen Zeitung, auch nicht in der ach so seriösen Tagesschau. Denn überall sitzen Menschen, die, in kleinen Dosen, manchmal unbewusst, manchmal durchaus auch mit einer gehörigen Portion Absicht, die Dinge etwas anders aussehen lassen. Mal ganz davon abgesehen, wer da grade im Rundfunkrat oder in einflussreichen Positionen sitzt und was dieser jemand so hören will und was nicht.
Um sich in so einer Medienwelt zurechtzufinden, muss man eines verinnerlichen, was viele unterschätzen: Die Macht der Sprache ist gewaltig. Man muss begreifen, dass sich solche Institutionen keiner plumpen Inszenierungen bedienen müssen, sie müssen nicht einmal lügen. Als passionierter Schreiber habe ich eine gewisse Ahnung davon, wie sehr nur ein paar leicht veränderte Formulierungen, ein paar ausgetauschte Synonyme, ein anderer Ton, die Wirkung einer Nachricht verändern können.
Man muss nicht lügen. Man muss nur die Kunst der Sprache beherrschen, wissen, was man herunterspielt und was überhöht, wie man etwas formuliert, was man vielleicht etwas beschönigt und welche kleinen Details, die das Gesamtbild ändern, man verschweigt.

Ein Beispiel.
Nehmen wir eine Meldung wie…

Experten zufolge ist der Wirtschaftsstandort Deutschland im Laufe der letzten Jahre für Unternehmen wesentlich attraktiver geworden, hauptsächlich infolge einer deutlichen Reduzierung der Lohnnebenkosten.

Klingt klasse, oder?
Ja, Unternehmen, die sich in Deutschland niederlassen, sind immer gut. Arbeitsplätze, steigende Steuereinnahmen, Einsparungen bei der Arbeitslosenversicherung, Aufschwung, Schuldenabbau, hooray.
Und dazu ist es noch schön formuliert, in einem seriösen, fachlichen Ton, unter Verwendung von Worten, die für gewöhnlich positive Assoziationen wecken.

Glaube ich aber so alles nicht.
Denn es ist bei näherer Analyse komplett aus dem Blickwinkel der Wirtschaft geschrieben.
Was sind denn Lohnnebenkosten? – Die Kosten, die einem Unternehmen für die Anstellung eines Arbeitnehmers zusätzlich zu dem anfallen, was der am Monatsende überhaupt so kriegt. Das sind hauptsächlich Abgaben wie Renten-, Arbeitslosen-, Unfallversicherung und dergleichen.
Was bedeutet es, wenn diese deutlich gesenkt werden? – Nicht unbedingt, dass sie allgemein gesenkt werden, nur, dass sie für die Unternehmen sinken. Entweder durch Subventionierung oder durch den Klassiker, die Umverteilung der Abgaben zulasten des Arbeitnehmers.
(Wir erinneren uns ans Herrn Röslers berüchtigte Reform, die den Arbeitgeberanteil an der Krankenversicherung „eingefroren“ hat – alle künftigen Kostensteigerungen müssen also letztlich durch höhere Arbeitnehmeranteile gedeckt werden – Oder durch den Griff in einen anderen Topf, den letztlich auch wir füllen müssen. Danke, du Arsch.)
Falls hier noch irgendjemand ist, der da nicht mitkommt – das ist für uns nicht gut. Zumindest nicht, solange wir nicht im Betriebsrat irgendeines Großkonzerns sitzen.

Aber wenn das Experten sagen, dann muss das ja wohl doch stimmen.
Die Frage ist, aus welchem Blickwinkel diese Experten das betrachten. Wenn wir es auf den Punkt bringen also – Wer diese Experten bezahlt.
Sehr viele dieser hochseriösen Akademiker stehen nämlich wiederum auf der Gehaltsliste von Arbeitgeberverbänden – Ihr werdet zum Beispiel feststellen, dass eine erschreckende Anzahl dieser Menschen, die so oft und zu so vielen Themen stellvertretend als Stimme der Fachleute einer ganzen Branche im Fernsehen zu Wort kommen, für die INSM (Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft) arbeiten.
Schöner Name, was?
Klingt fast wie eine Hilfsorganisation oder eine Bewegung, die soziale Reformen anstrebt.

Jaaaaa. Klar.

Nicht so ganz.

So zerpflückt sieht die Meldung von oben nicht mehr ganz so positiv aus, nicht wahr?

Aber um hier endlich zum Ende zu kommen (Ich trete das hier schon wieder viel zu breit), was ich mir persönlich wünsche ist schlicht und ergreifend, dass die Menschen anfangen, Nachrichten mit einer anderen Mentalität zu konsumieren. Nicht nur die Nachrichten der gängigen Massenmedien, auch aus allen anderen Quellen. Auch das ganze Geschwalle, das ich euch hier entgegentexte.
Denn das ist eine Entscheidung, die man bewusst treffen kann, eine Wahl, die man dem eigenen Verstand lassen kann und meiner Meinung nach lassen sollte.
Wenn ihr euch also Nachrichten zu Gemüte führt, hakt das in eurem Gedächtnis niemals mit dem Gedanken „So ist das also.“ ab, nehmt vielmehr alles als „So könnte das also sein.“.
Das klingt billig, aber es ist auch nicht mehr und nicht weniger als das bewusste Vorbehalten der Möglichkeit, zu zweifeln. Wenn ihr für euch selbst die Möglichkeit anderer Erklärungen offen haltet, bleibt euer Verstand auch offener und sensibler dafür, solche Erklärungen zu finden und zu akzeptieren als wenn bereits etwas direkt Widersprechendes als Tatsache „verankert“ ist.
Es ist in dieser Hinsicht ein, man mag fast sagen, „Trick“, euer eigenes Unterbewusstsein aktiv und am Mitdenken zu halten.
Vielleicht würden nicht wenige mithilfe dieser Art des Denkens feststellen, dass Theorien, Erklärungen und Vermutungen, die sie als weit hergeholt, als Spinnerei oder Unfug abgetan hätten, doch so einiges für sich haben. Und dass die offiziellen Versionen von Geschehnissen im Lichte vorher unbekannter Fakten sehr viel unglaubwürdiger wirken können.

Dann gäb’s vielleicht auf einmal sehr viele Spinner und Verschwörungstheoretiker, wie ich manchmal als einer bezeichnet werde. (Oder Kommunist, das höre ich auch oft. Von Nazi ganz zu schweigen, aber das ist man bei Internetdisskusionen ja gewohnt.)

Behaltet euch die Möglichkeit des Zweifels vor, haltet euren Verstand scharf und sensibilisiert dafür, billige Manipulationsversuche zu durchschauen, und vor allem – Verlernt nicht, zu zweifeln.
Denn nicht zuletzt ist genau das meiner Meinung nach ein großer Teil dessen, was ein gewisser Herr Kant vor so langer Zeit mit dem „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ zu umschreiben suchte.

Etwas, dass ich auch heute noch nicht als vollbracht ansehe.
Denn natürlich ist das nicht einfach. Natürlich kann es sehr anstrengend sein, da es den Prozess der Meinungsbildung um so vieles komplizierter macht. Und natürlich nimmt das dem eigenen Leben am Ende auch sehr viel Sicherheit, wenn man sich daran gewöhnen muss, an jeder Version zu zweifeln.
Manchmal ist das in der Tat zum Ver-zweifeln.

Aber das ist eben der Preis.

Der Preis, den jemand zahlen muss, der in der ursprünglichsten, grundlegendsten Bedeutung des Begriffs ein frei denkender Mensch sein will.

Der Erzfeind ist tot, es lebe der Erzfeind. Mittwoch, Mai 4 2011 

Jah, alle reden sie zur Zeit davon, und überall in den Nachrichten hört man es, man kann der weltbewegenden Meldung kaum entkommen. Sender wie Phoenix, N24 und N-TV widmen ganze Tage der Berichterstattung darüber, immer mehr Details werden offen gelegt und der interessierte Staatsbürger sitzt staunend mit offenem Mund und glasigem Blick da, während er zu verarbeiten versucht, was ihm da so eingeprügelt wird.

Ist schon wirklich ne große Sache, so ne Hochzeit eines Adelshauses, eines Personenkreises, der per Geburtsrecht irgendwie was Besonders zu sein scheint.

Nein, war natürlich nur ein Witz.

Ich meinte selbstverständlich den DSDSD-Skandal um Fanpost, die einfach im Müll landet, err, um Beschuldigungen der Manipulation und Ausnutzung der Kandidaten (O RLY?!)… oder…

Ach, fangen wir nochmal an.

Also. Osama Bin Laden.

Krasse Sache, das. Wow. Ich bin überwältigt.
Beflügelt.
Voller Hoffnung bin ich.
Voll zittriger Erwartung eines besseren, friedlicheren Morgens.

Wie gerne wäre ich da auch im Situation Room des Weißen Hauses gesessen, neben Obama und all den anderen Terroristen Politikern, und hätte mir per Satellitenübertragung den Einsatz und die Ermordung Bin Ladens persönlich reingezogen.
Mit nem großen Eimer Popcorn, einer eiskalten Cola, so ein richtiger Actionkracher der alten Schule, den man sich mit guten Freunden reinzieht, wo die Statisten im Sekundentakt krepieren.
Schönes Trinkspiel dazu: Immer, wenn amerikanische Soldaten einen Unbewaffneten erschießen, müsst ihr nen Kurzen wegkippen.

DAS ist live, Leute! Qualitätsfernsehen vom Feinsten!

Danach ein bisschen Party, sich ein bisschen selbst beweihräuchern, dann die Meldung verkünden.
Und dann geht die Party ja erst richtig los. Zuhause, in den Büros, auf den Straßen. Jubelnde Menschen, Flaggen, Massenchöre, die immer wieder die berüchtigten drei Buchstaben in die Nacht hinausbrüllen.
America, fuck yeah.

Bildschnitt.
Vidoaufnahmen aus einem arabischen Dorf, Menschen auf der Straße, dieselben Flaggen, diesmal brennend, das zertrümmerte Wrack eines Militärfahrzeugs, Leute, die mit Knüppeln und dergleichen auf bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leichen von US-Soldaten einschlagen.
Jubel. Freude. Siegesgeschrei.

Es ist doch schön, zu sehen, dass wir trotz aller kulturellen Differenzen scheinbar doch nicht sooo verschieden sind.
Wenn’s hart auf hart kommt, sind wir scheinbar so oder so einfach alle pietätlose, barbarische, gefühllose Bastarde.

Und so freuen wir uns, freuen uns, dass dieser ganze Schwachsinn, den man „Krieg gegen den Terror“ nennt, scheinbar doch noch einen Sinn hatte. Dass all die Soldaten aus den verschiedensten Ländern der Welt, arme Schweine, die von rückgratlosen Arschlöchern in den Tod geschickt werden, all die Zivilisten, die irgendwie doch geschützt und gerettet, deren Leben doch irgendwie hätten verbessert und sicherer gemacht werden sollen, die aber dummerweise eben einfach im Weg waren, dass all diese Leute nicht so ganze ohne Sinn verreckt sind.
Und Nachrichtensender stellen Fragen wie „Osama Bin Laden tot – Ist das das Ende des Terrors?“
Nachrichtenkonsumenten dagegen bekommen dabei Lust, den Fernseher vom Dach zu werfen.

Wirklich?
Denkt irgendjemand, das wäre so einfach? Denkt irgendjemand, die bösen bösen Terroristen, die uns so sehr hassen – und die, abgesehen von lächerlichem religiösem Fanatismus, übrigens gar nicht mal die abwegigsten Gründe dafür haben – denken sich jetzt „Tjo, Mist, der Osama ist hinüber. Lassen wir’s lieber erstmal bleiben, mit dem Terror und so.“? Denkt irgendjemand, die hätten sich nicht möglicherweise zeitig mal mit der Frage beschäftigt, was sie machen oder wer seinen Platz einnimmt, wenn der freundliche bärtige alte Mann weg ist – wo doch die Hälfte der Welt hinter ihm her war und so?
Von dem Terror, den wir produzieren, mal ganz abgesehen. Werden wir aufhören? Was denkt ihr? Wie lange halten wir noch zwei Länder besetzt, die uns rein gar nichts getan haben und riskieren dabei weiterhin jeden Tag Verluste, sowohl an Soldaten als auch an Zivilisten?
Und was dann?
Wann brauchen wir den nächsten Sündenbock für irgendwas – oder wann geht diese interessante Sache mit den Rohstoffen wohl wieder los?

Davon mal abgesehen. Wann habt ihr eigentlich das letzte Mal, vor der Todesmeldung, in den Nachrichten was von Osamalein gehört? Vor Monaten, Jahren oder so? War ja ziemlich ruhig drum geworden, die Leute schienen es gerade irgendwie langsam zu vergessen. Und jetzt scheint es wieder, als wäre das alles erst gestern gewesen, all das Geschwafel um Terrorismus und internationale Sicherheit ist wieder da, und Obama kann sich feiern lassen, weil er was erreicht hat.
Weil am anderen Ende der Welt so ein Typ umgebracht wurde.
Dafür sind natürlich noch ne ganze Menge mehr andere Typen draufgegangen. Frauen auch. Zivilisten. Unschuldige. Kinder.
Da hat er wirklich was erreicht.

Ich halte mich an dieser Stelle mal fern von all den „Verschwörungstheorien und -szenarien“, die zu diesem Themenkomplex schon seit Jahren, und gerade jetzt wieder verstärkt, zirkulieren.
Solche Ideen wie, Osama sei schon seit Jahren tot und die ganze Sache nur inszeniert, ebenso wie die Ermordung vor einigen Tagen, womit die Grundlage für die Besetzung von Afghanistan wegfällt und man sich langsam mal von dort verziehen kann. Ist ja teuer das alles. Krieg und so. Auch finanziell. Und finanziell haben’s die USA gerade nicht so.
Gibt gar nicht mal wenige Indizien für dieses Szenario. Ich will es an dieser Stelle nicht als Tatsache vertreten, weil ich es am Ende eben doch einfach nicht wissen kann.
Ebenso habe ich allerdings jede Menge Zweifel an der offiziellen Version, und wer die Berichterstattung auch nur ein bisschen verfolgt hat, dem werden da ohnehin entsprechende Fragen in den Sinn kommen.
So oder so tendiere ich also dazu, dem Fall, wie er zur Zeit in den Massenmedien geschildert wird, wenig Glauben zu schenken.
Da scheinen mir sogar einige der Überlegungen, die man allgemein mit dem negativ behafteten und lächerlich wirkenden Begriff „Verschwörungstheorien“ abschmettert, damit irgendwie zusammen mit Ufo- und Elvis-Sichtungen in einen Topf wirft und jeder Glaubwürdigkeit beraubt, sehr viel stichhaltiger.

Aber nicht zuletzt ist es doch eine interessante Frage momentan… nicht, ob das hier den Terror beendet (Ahahaha…), nicht, ob man sich über den Tod eines solchen Mannes freuen „darf“… sondern, wo jetzt da groß der Unterschied ist, wenn ein Mann einen anderen aus welchen Gründen auch immer erschießt – Das nennen wir Mord. – , wenn Fanatiker US-Soldaten entführen und hinrichten – Das nennen wir Terrorismus. – oder bewaffnete Spezialeinheiten einen Unbewaffneten erschießen.

Das nennen wir den Sieg der Freiheit.

Einen Sieg in diesem ominösen Krieg gegen den Terror.

Schöne Name für etwas, das ich eigentlich am ehesten auch einfach nur als Terror bezeichnen würde.

Die Geschichte von Danny Ellsberg Dienstag, Dez 21 2010 

Nachdem ich den Kommentar von KenFm über WikiLeaks jetzt relativ lange unkommentiert habe stehen lassen, sehe ich mich doch gezwungen, mich mal zu der ganzen Geschichte um Herrn Assange und die Freiheit der Informationen zu äußern.
Prinzipiell wurde zu diesem Thema ja von verschiedenen Parteien beinahe schon alles gesagt, und wer mich kennt oder auch nur ab und zu liest, der wird die Position, die ich dazu vertrete, ohnehin schon vorausahnen können.

Zugegeben, der Videokommentar im letzten Artikel trieft ja geradezu vor Pathos und schießt gerade am Ende damit ziemlich über’s Ziel hinaus.
Das ändert aber nichts daran, dass er im Grunde eine meiner Meinung nach sehr unterstützenswerte Position vertritt.

Machen wir’s mal kurz und prägnant (So kurz und prägnant wie das bei einem Laberkopf wie mir möglich ist);
Ich denke, das demokratische System ist bei uns, wenn nicht gar bei einem Großteil der westlichen Zivilisationen, mittlerweile bis zur Unkenntlichkeit untergraben und ausgehöhlt.
Das hat vielerlei Ursachen und ist eine Entwicklung, deren genauer Verlauf natürlich ganze Enzyklopädien füllen könnte, aber letzlich führe ich es auf eine Bevölkerung zurück, der es am Ende einfach egal ist.
Auf eine Bevölkerung, die so überfüttert ist mit banaler Information, dass sie nicht mehr dazu fähig ist, zu begreifen, was wirklich wichtig ist. Dass sie nicht mehr dazu in der Lage ist, alles, was ohne Bedeutung ist, weggleiten zu lassen. Auf eine Bevölkerung, die nach Mentalitäten lebt, die sich mit den Sätzen „Aber was kann ich als Einzelner schon tun?“ und „Es hilft doch sowieso nichts.“ einwandfrei zusammenfassen lässt, die aus Individuen besteht, die sich nicht darum scheren, solange sie persönlich nicht betroffen sind. Und die sich selbst in diesem Fall mit belangloser Scheiße ablenken und besänftigen lassen, die irgendwann das Interesse verliert, wenn man sie nur lange genug mit belanglosem Mist zumüllt.
Das gibt allen, die genug Macht und Verstand und zu wenig moralische Standfestigkeit haben, die Möglichkeit, sie nach Strich und Faden zu verarschen.
Als Resultat ist politische Korruption, ist Lobbyismus, ist Wählerverarschung in Deutschland schlicht und ergreifend Alltag. Als Resultat sind Verflechtungen zwischen Medien, Politik und Wirtschaft, die nach meinem persönlichen Verständnis mit Kriminalität gleichzusetzen sind, Realität. Als Resultat sind kartellartige Zustände, Politik im Namen der Wirtschaft und der Arbeitgeber, Medien, die gezielt Desinformation streuen und ihre selbst so hoch gepriesene Unabhängigkeit längst verloren haben, Normalzustand.
Für mich ist die Demokratie in diesem Land und in vielen anderen, die sich als freiheitlich, liberal, rechtsstaatlich ausgeben, längst derart ausgehöhlt, dass sie den Namen nicht mehr verdient.

Und ein nicht unwesentlicher, wenn nicht vielleicht sogar der ausschlaggebende Punkt daran ist, dass uns eine ganze Flut von Informationen vorenthalten wird, weil den Massenmedien bezüglich ihrer Pflicht, den Bürger umfassend und ausgewogen zu informieren, nur noch ein beschämendes totales Versagen attestiert werden kann.

Ich bin ja persönlich sehr an Geschichte interessiert, man könnte sagen, das ist eines meiner Lieblingsthemen.
Was ich dabei zu meiner Schulzeit irgendwie immer witzig und absurd fand ist die Naivität, mit der die breite Masse der Bevölkerung ihren Regierungen gegenüber steht.
In unseren Geschichtsbüchern haben wir Quellen und Dokumente als Beweisgrundlage, die zur damaligen Zeit völlig unbekannt waren, und die oft belegen, wie viel hinter den Kulissen geschah, wovon die Zeitgenossen außerhalb des entsprechenden Dunstkreises herzlich wenig Ahnung hatten. Wie viel im Endeffekt manipuliert und inszeniert wurde, um eine öffentliche Meinung zu erzeugen und zu erhalten, die den persönlichen Zielen diente. Diese Quellen reichen in einen Zeitraum bis vor wenigen Jahrzehnten, sie zeigen, dass solche Politik seit jeher Normalität war, und dass sich auch mit Machtwechseln oft genug nur der Personenkreis verändert hat, der sie verfolgt.
Und dennoch glaubt die überwältigende Mehrheit aller modernen Menschen, dass es heutzutage anders wäre. Denn wir sind ja fortschrittlich, wir haben eine humanitäre, soziale Verfassung, wir haben Kontrollinstitutionen, freie Medien und den ganzen Quatsch, von dem wir uns einbilden, dass er dem entgegenwirken würde.
Aber lasst euch sagen, auch diese Mechanismen lassen sich durch diverse Methoden derart effektiv aushebeln, dass ihre Existenz am Ende ohne Bedeutung ist. Die Verfassung lässt sich durch Wortspielerei und Haarspalterei umgehen, die Medien werden entweder von privaten, wirtschaftlichen oder politischen Interessen der Kapitalgeber korrumpiert, und die Politik ist heute nur noch der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
Dennoch glauben wir, dass etwas anders wäre als früher, dass unsere Regierungen heute ehrlicher und moralischer sind als die Beispiele von früher, über die wir in den Geschichtsbüchern lesen.
Mag es Optimismus sein, oder ein Schutzmechanismus, den wir uns selbst aufbauen, um unser Weltbild aufrecht zu erhalten. Aus Bequemlichkeit oder Angst. Weil wir sonst erkennen und akzeptieren müssten, dass die Guten nicht unbedingt bei uns in der Regierung sitzen und die Bösen da irgendwo ganz weit weg sind.

Um nun den Bogen zu WikiLeaks zu schlagen – Tatsache ist, hier wird uns gezeigt, wohin uns diese Naivität, dieses ausufernde Desinteresse und die Gleichgültigkeit bringen.
Wer sich mit den Dokumenten beschäftigt, die veröffentlicht wurden, realisiert sehr schnell, dass heuzutage noch genau so fleißig vertuscht, inszeniert, gelogen und verleumdet wird wie vor einigen Jahrzehnten.
Und ich will damit sagen, wer sich WIRKLICH mit diesen Dokumenten beschäftigt. Wir alle haben über die Depeschen des US-Außenministeriums erfahren, wo viele unserer Politiker mit witzigen Begriffen bedacht und ein kleines Bisschen verspottet wurden.
Ja, toll, interessant, amüsant, unterhaltsam.

Und absolut unwichtig.

Aber wie ausgiebig wurde in den Massenmedien darüber berichtet, dass die Dokumente auch belegen, dass Hillary Clinton, US-Außenministerin, ihre Diplomaten beauftragt hat, UN-Abgeordnete auszuspionieren? Dass hier auch Informationen wie Fingerabdrücke, Iris-Scans und Kreditkartennummern angefordert wurden?
Quelle

Nicht mehr ganz so amüsant.

Hat davon jemand was in den einschlägigen Massenmedien gesehen?

Irgendwie nicht so wirklich, allenfalls am Rande.
Sagt das nicht eine Menge über den Zustand unserer Medien und unserer Definition von Pressefreiheit?

Wir lachen lieber über „Teflon-Merkel“.

Und genau das ist für mich der Punkt an WikiLeaks. Wo eine dem Papier nach freie Presse in ihrer Aufgabe, die Bürger zu informieren, vollkommen versagt, sich nicht mehr darum schert oder gar gezielt dagegen arbeitet, weil sie von diversen Interessen aus Politik und Wirtschaft beeinflusst ist, wird eine Organisation notwendig, die die eigentlich journalistische Arbeit übernimmt – nämlich die Bevölkerung über all das zu informieren, was von Bedeutung ist. Über all das, was Personenkreise, die in zweifelhafte Machenschaften verstrickt sind, lieber vom öffentlichen Interesse fernhalten wollen.
Diese Sache, die man investigativen Journalismus nennt, und die sich nicht mit einer Seite der Medaille, mit öffentlichen Statements zufrieden gibt.
Diese Sache, die eigentlich normal sein sollte.

Ich kann nur lachen über Argumentationen, die immer wieder vorgebracht werden, dass Veröffentlichungen von WikiLeaks die nationale Sicherheit von Staaten und das Leben von zahlreichen Menschen gefährden würden.
An dieser Stelle sei gesagt, dass beispielsweise dem Pentagon angeboten wurde, die Dokumente des US-Außenministeriums durchzusehen und entsprechende Stellen zu markieren, damit WikiLeaks diese berücksichtigen kann. Das Pentagon hat diese Möglichkeit ausgeschlagen.
Und – nur ein Gedankenanstoß – wer ist der Schuldige, der Verbrecher oder derjenige, der die Tat aufdeckt?
Jeden, der diese Argumentation vorbringt, fordere ich an dieser Stelle auf, mir Beweise vorzulegen, dass durch die veröffentlichten Dokumente Leben in Gefahr gebracht wurden.

Das einzige Leben, dem möglicherweise Gefahr droht, scheint ironischerweise das von Julian Assange, dem Sprecher von WikiLeaks zu sein;

Kruder Sinn für Humor.
Ich dachte immer, wir hier in der unfehlbaren westlichen Hemisphäre mögen keine Leute, die die Liquidation unliebsamer Personen und politischer Gegner für ein angemessenes Mittel der Politik halten.
Kommt wohl immer auf den Blickwinkel an.

In diesem Zusammenhang möchte ich nämlich, um dem Titel gerecht zu werden, auch einmal auf die bewegte Geschichte eines Mannes namens Danny Ellsberg hinweisen.
Ich vermute, dass den Allermeisten dieser Name nicht besonders viel sagen wird, aber das ist ja nicht schlimm – Wikipedia ist unser Freund;

Daniel „Dan“ Ellsberg (* 7. April 1931) ist ein US-amerikanischer Ökonom und ehemaliger Informant über rechtswidrige Handlungen des Pentagons und des Weißen Hauses. Durch die Veröffentlichung der von ihm an die Öffentlichkeit gebrachten Pentagon-Papiere deckte er einen Skandal im Umfeld des Vietnamkrieges auf.

Ein wunderschönes Beispiel dafür, dass solche Machenschaften mitnichten der Vergangenheit angehören, vielmehr auch heute noch gängige Praxis sind, von der der Großteil der Bevölkerung nicht das Geringste ahnt.
Und der springende Punkt daran ist NICHT, irgendeiner Nation zu schaden, diplomatische Beziehungen zu belasten oder Menschenleben zu gefährden. Es geht darum, dass wir ein Recht haben, solche Dinge zu erfahren, es geht um Transparenz, es geht darum, dass Staaten und ihre Behörden keine Allmachtsfantasien entwickeln. Es geht um die Idee eines transparenten Staates als Gegenmodell zum heute viel eher verfolgten transparenten Bürger. Denn Kontrolle bedingt Transparenz, bedingt die Information der Bürger und deren Reaktion auf inakzeptable Methoden der modernen Politik.
Ihr wisst schon, das, was die Medien eigentlich tun sollten, wenn sie ihrer gottverdammten Pflicht nachkommen würden.

Denn, um mal auf den Vorwurf des Datendiebstahls zurück zu kommen, der von Seiten der geschädigten Behörden vielfach vorgebracht wird;
Ich sehe das etwas anders. Ich denke nämlich, durch WikiLeaks fallen diese Dokumente überhaupt erstmal in die Hände derer, denen sie eigentlich gehören – unsere. Sie sind nicht alleiniger Besitz dieser Behörden, einzelner Personen oder des Staates. Ihre Erhebung erfolgte mit Mitteln aus dem staatlichen Haushalt, mit Steuergelden – letztlich mit einem Teil UNSERES Geldes, dem, was wir täglich erwirtschaften und verdienen und von dem wir einen Großteil abdrücken, damit der Staat seinen Verpflichtungen uns gegenüber nachkommen kann.
Ja, es ist eine Schande, dass WikiLeaks diese Dokumente im Geheimen zugespielt wurden, damit sie veröffentlicht werden.
Es ist eine verfluchte Schande, dass so etwas überhaupt notwendig ist, damit wir über das informiert werden, das zu wissen unser Recht ist.
Und es ist mehr als eine unaussprechliche Schande, ein Skandal und ein erbärmliches Beispiel dreister Verlogenheit, die nicht in Worte zu fassen sind, dass Regierungen, die sich vordergründig damit brüsten, Ideale wie Demokratie und Pressefreiheit global zu verteidigen, auf Unterstützer von WikiLeaks Druck ausüben, um ihre Aktivitäten zu behindern – Ich weise an dieser Stelle nur darauf hin, dass Konzerne wie PayPal und Amazon ihre Unterstützung auf massiven Druck der US-Regierung und aus Angst vor juristischen Konflikten mit dieser eingestellt haben.

Die Geschichte von WikiLeaks und Julian Assange, das ist für mich irgendwie auch die Geschichte von Daniel Ellsberg und seiner Tätigkeiten rund um die Pentagon-Papiere.
Wer daran Interesse hat, auf youtube lässt sich die gesamte Dokumentation „Der gefährlichste Mann in Amerika – Daniel Ellsberg und die Pentagon-Papiere“ finden, die den damaligen Ablauf der Geschehnisse schildert.

Für die ganz Faulen liste ich hier mal alle Teile auf:

Part 1
Part 2
Part 3
Part 4
Part 5
Part 6
Part 7
Part 8
Part 9

So was schlägt einem irgendwie auf den Magen.
Zumindest, wenn man noch ein kleines Bisschen auf Gerechtigkeit gibt.

Und was übrigens diese interessanten Vorwürfe aus Schweden angeht, mit denen sich Julian Assange derzeit konfrontiert sieht – die sind ja auch sehr amüsant und unterhaltsam, wenn man sich über die Hintergründe informiert.
Dazu möglicherweise im nächsten Artikel mehr, das hier soll für’s Erste reichen.

KenFm über Wiki Leaks Mittwoch, Dez 8 2010 

Etwas zu viel Pathos für meinen Geschmack, dennoch, ohne viel Einleitung, weil das Video für sich selbst spricht:

Meine Gedanken dazu in nächster Zeit.
Wenn ich mal wieder Zeit finde.
Ansonsten hör‘ ich einfach wieder mal für ein paar Tage auf, zu schlafen.
Meh.

Rauchen für die Umwelt! Dienstag, Okt 26 2010 

Ich muss hier und heute, vor der gewaltigen Schar der Eden Uncensored-Leserschaft und in der schonungslosen, nicht verzeihenden, niemals vergessenden Öffentlichkeit des Internets… ein Geständnis ablegen.
Manche mögen mich dafür verdammen und hassen, sie mögen mich verurteilen von der Warte ihrer unerreichbaren Perfektion aus, sie mögen sich abwenden und mich für ein Relikt aus einer vergangenen Zeit halten, dessen Existenzspanne abläuft, das allmählich aus dem alltäglichen Bild dieser Gesellschaft verschwinden wird. Eine Bestie der Vergangenheit, die von den Erkenntnissen der Moderne verdrängt wurde.

Wie die Sklaverei.
Kinderarbeit.
Religiöser Fanatismus.
Oder der Sozialstaat.
Haha.

Jedenfalls – haltet eure Perücken fest und holt euch Baldriantropfen;

Ich bin Raucher.
Ja.
Jetzt ist es raus.
Ich rauche, manchmal vielleicht eine Schachtel in der Woche, manchmal wie der Schlot einer Industriefabrik im London des späten neunzehnten Jahrhunderts.
Ich zelebriere einen Genuss, der uns alle umbringen wird, am liebsten in der Nähe von Grundschulen, Kindergärten oder Spielplätzen. Manchmal setze ich mich in den Sandkasten und ziehe eine kubanische Zigarre durch, manchmal lasse ich mich neben einer schwangere Frau nieder und blase ihr lachend den Rauch ins Gesicht, dann setze ich mir eine Spritze Heroin und deale am Schulhof mit Gras.

Denn ich bin Raucher.
Ich bin böse.
Und ich tue was für unsere Umwelt.

Jaha.
Da schaut ihr. Ihr nämlich nicht, ihr gesunden, topfitten Nichtraucher mit euren sauberen Lungen und euren langen Lebenserwartungen.
Nicht nur, dass ich gewissenhaft dafür Sorge trage, meinen Mitmenschen tendenziell weniger lange mit meinem Gedöns auf die Nerven zu gehen, was ich alles scheiße finde, nein, ich gegenfinanziere auch die Mindereinnahmen durch die Ökosteuer, die unsere Regierung in Zukunft erwartet.

Falls ihr euch jetzt fragt, was ich hier für einen Unfug verzapfe;

Berlin – Die Konzerne behalten Privilegien, stattdessen werden Konsumenten, sprich: die Raucher, belastet. Die Ökosteuer wird aufgeweicht, die Tabaksteuer soll steigen. Das hat die Koalition auf ihrem Steuergipfel am Sonntag beschlossen.

Quelle

Na, das ist doch mal was.
Ich will ja nicht generell sagen, dass ich was dagegen hätte, etwas für die Umwelt zu tun. Auch wenn ich Raucher bin, und damit eigentlich böse. Aber abgesehen davon, dass die Ökosteuer ja gar nicht so eindeutig diesem Zweck zugeführt wird, wie man öfter mal hört, stört mich irgendwie die Begründung etwas. Lesen wir mal weiter…

Es sei „richtig und notwendig“, die Unternehmen, die günstigen Strom bräuchten, zu entlasten, sagte Unionsfraktionsvize Michael Fuchs (CDU) im SWR. „Sonst können sie in Deutschland nicht produzieren und dann gehen in Deutschland Arbeitsplätze verloren.“ Dass für die Entlastung der Unternehmen die Tabaksteuer erhöht werden soll, rechtfertigte Fuchs: „Rauchen ist nicht gesund, das weiß eigentlich jeder und schadet insgesamt dann auch der Volkswirtschaft.“

Ich finde ja, das ist sehr großzügig von mir, dass ich nicht nur für die Umwelt rauche, sondern auch noch, um die Steuerentlastung für energieintensive Unternehmen mitzutragen.
Seht euch das an! Nicht nur für die Umwelt, sondern auch noch für die Wirtschaft! Und für Arbeitsplätze in Deutschland! EURE Arbeitsplätze möglicherweise!
Vielleicht bin ich gar nicht so böse.

Aber immer noch böse genug, dass lieber ich daran glauben sollte als die Unternehmen, die, wir wissen es alle, nur das Beste für uns alle im Sinn haben.
Immerhin sind wir Raucher ja Feindbild Nummer zwei hinter den Terroristen.
Naja, vielleicht auch Nummer drei.
Ganz so von Natur aus böse und verdorben wie Kinderschänder sind wir dann ja doch nicht.

Und, auch wenn jetzt viele mit den Augen rollen und mir die übliche Leier attestieren, irgendwie hat das Ganze für mich doch den allzu bitteren Beigeschmack einer Umverteilung der Steuerlast von oben nach unten, wie das auch „oppositionelle“ Kräfte andeuten.
Ich finde ja, man könnte da durchaus auch an anderer Stelle ansetzen. Möglicherweise – Ich weiß nicht – gewisse kartellähnliche Zustände bei den deutschen Energiekonzernen mal einer näheren Überprüfung unterziehen und sich fragen, ob es nicht möglich wäre, auf anderem Wege dafür Sorge zu tragen, dass die armen gebeutelten Unternehmen nicht zu viel für ihren Strom bezahlen.
Aber halt – Ich schätze, auch damit würden wir nur erreichen, dass uns viele Arbeitsplätze bei genau diesen Konzernen verlorengehen, wenn sie sich plötzlich mit der Tatsache konfrontiert sehen, uns nicht mehr abzocken zu können und ihre von Vornherein so bedenklich schmale Gewinnspanne weiter einschrumpft.
Ich vergaß.

Da ist es doch besser, wir Raucher übernehmen das, weil Rauchen ist nicht gesund, das wissen wir alle.
Saufen übrigens auch nicht, oder sich irgendwo weit weg erschießen zu lassen bei dem Versuch, Andere zu erschießen, um „deutsche Interessen zu verteidigen“.
Hartz-IV-Empfänger zu sein anscheinend auch nicht, wenn man sich einige andere Sparmaßnahmen ansieht.

Irgendwie fühle ich mich bei solchen Begebenheiten immer unweigerlich etwas an einen Ausspruch erinnert, nach dem unsere Regierungsform in modernen Zeiten oft eher der Bezeichnung „Wirtschafts- oder Konzerndiktatur“ entspricht als einer Demokratie.
Ein Fünkchen Wahrheit kann ich diesem Gedanken nicht abstreiten, wobei oftmals die Frage entstehen dürfte, ob das, was gut für die Wirtschaft ist, auch zwangsläufig irgendwann dem Volk und dem einzelnen Bürger zu Gute kommt.
Aber so eine Frage zu stellen gilt ja in vielen Kreisen fast schon als Ketzerei.

Also wird schon was dran sein. Verlassen wir uns am besten darauf, dass all die Verantwortlichen wissen, was das Beste für uns ist, auch wenn das für uns, die wir eher unsere eigenen Interessen vertreten sehen wollen als die der Wirtschaft, oft keinen großen Sinn macht.

Demzufolge – Entschuldigt mich bitte, während ich mal kurz richtig böse bin und was für die Umwelt, die Wirtschaft und tausende Arbeitsplätze in Deutschland tue.

Einigkeit und Recht und Freiheit Sonntag, Okt 17 2010 

Kennt ihr diese wunderbaren, segensreichen Tage, an denen man aufsteht, die Vorhänge öffnet, der Welt einen fröhlichen Gruß entbietet und dafür einen Schlag in die Fresse bekommt?
Diese Tage, an denen man in einer Sphäre irgendwo zwischen dem Künstlerisch-Göttlichen, dem Idealismus, den ureigenen Träumen und Vorstellungen, wie die Welt sein KÖNNTE, und der grausam niederschmetternden, ernüchternden Erkenntnis, wie sie wirklich ist, schwebt, und sich weder dem Einen noch dem Anderen wirklich zugehörig fühlt?
Diese Tage, wo man sich von etwas Größerem inspiriert fühlt und von so ungreifbaren, schwer definierbaren, fernen Dingen wie Freiheit oder Gerechtigkeit träumt, während einen der Alltag mit all seinen banalen Belanglosigkeiten herunterdrückt, wo man in den Spiegel blickt und zum ungezählten Mal erkennt, dass alles nicht mehr ist als eben genau das?

Ein Traum?

Diese Tage, an denen einen die Welt einfach nur noch ankotzt?
Weil man unter die Oberfläche all dessen taucht, wofür sich unsere Gesellschaft hält und wofür sie zu stehen glaubt – Oder glaubt sie es überhaupt noch selbst?
Selbst die größten Arschlöcher und Flachwichser können sich selbst einreden, sie seien eigentlich ganz in Ordnung, um weiterhin Arschlöcher und Flachwichser bleiben zu können.
Ich habe des Gefühl, irgendwie so ist es oft auch mit dem, was wir unsere Gesellschaft oder Kultur nennen.
Wir wollen anderen weismachen, wir stünden für irgendwelche Ideale, drehen uns um und treten sie mit Füßen.
Wir reden davon, eine Sache zu verteidigen und spucken im nächsten Moment darauf.
Wir machen uns selbst vor, für die Menschen zu kämpfen – und kämpfen gegen sie.

Alles nur Lippenbekenntnisse, Populismus, Selbstbeschwichtigung. Die Titanic sinkt, die Kapelle spielt weiter.
Wir schminken ein Monster und reden uns ein, eine Schönheit vor uns zu haben.

Wir sprechen von Einigkeit, von Einheit, von Loyalität, wir diskutieren über Integration und sind selbst noch nicht einmal ein Volk. Wir sind entweder Westdeutsche oder Ostdeutsche, Bayern oder „Preußen“, Katholiken oder Protestanten, Arme oder Reiche.
Wir zerbrechen an Belanglosigkeiten und wollen anderen weismachen, sie sollten sich in ein Gesamtwesen integrieren, das nichts weiter als eine Illusion ist, aus nichts weiter als Gegensätzen und Konflikten besteht.

Wir sprechen von Recht und meinen Gesetz, wir sprechen von Moral und meinen Pflicht. Dabei ist unsere Gerechtigkeit nichts weiter als ein fahler, oberflächlicher Anstrich über den selben Makeln, die wir seit Jahrhunderten mit uns schleppen. Menschen stehlen etwas im Supermarkt und wir nennen es Ungerechtigkeit, Politiker beziehen Nebeneinkünfte von Unternehmen, in deren Namen sie denken, reden und handeln, und wir nennen es das System. Wir nennen es normal.
Unabänderlich.

Denn so läuft es nun mal, und was kann man als Einzelner schon dagegen tun.

Wir reden von Freiheit und meinen damit den kümmerlichen Rest von Möglichkeiten, die uns bleiben, wenn wir „sicher“ sein wollen. Wir machen uns vor, sie zu verteidigen, und schränken sie ein, um uns vor illusionären, ungreifbaren Gefahren zu schützen.
Wir führen einen Krieg gegen die Mächte, die die Fundamente unserer Wertvorstellungen bedrohen, und geben sie auf, um zu gewinnen.
Und unser großer Sieg wird sein wie alles andere an uns – eine Niederlage, wenn man nur unter die Oberfläche taucht.

So erheben wir sie, stellen sie auf ein Podest, unsere Ideale, lassen uns immer mal wieder von unseren Politikern erzählen, wie großartig wir sie verfolgen und verteidigen, wie viel wir für sie getan haben, fühlen uns dann geschmeichelt und stimmen ihnen zu, denn wir haben sie ja verdient, diese Lobgesänge.
Danach drehen wir uns um und treten sie weiter mit Füßen.

Denn heute kämpft jeder für sich, aber kaum jemand mehr für etwas darüber hinaus.
Wir wollen immer mehr und sehen nicht, dass wir immer weniger haben.

Und diejenigen, die sich bemühen, das Wenige zu erhalten, stehen viel zu oft auf verlorenem Posten.

Und was ist das Ende der Geschichte?
Gibt es eines?
Schreiben wir es gerade?
Ist es schon geschrieben und muss sich nur noch ereignen?

Denkt ihr, ihr bekommt jetzt am Ende dieses Eintrags einen Hoffnungsschimmer, eine Lösung, ein Happy End?

Negativ. So sieht’s nämlich aus.
Das ist der Stand der Dinge.

Und heute ist so einer dieser Tage, wo mich das richtig ankotzt.

Ende.

Die Jahrhundertreform! Donnerstag, Sep 23 2010 

Demokratie ist ja in der Theorie ein wirklich gutes Konzept.
Da scheint endlich eine Methode gefunden zu sein, Macht zuverlässig zu kontrollieren, politisches Versagen, gebrochene Versprechen und Missbrauch durch fallende Wählergunst abzustrafen und alle mit ausreichenden geistigen Kapazitäten an den Entscheidungsprozessen teilhaben zu lassen, deren Folgen ihr persönliches Leben betreffen.

Nur die Praxis macht einem eben irgendwie wie so oft einen Strich durch die Rechnung.
Denn theoretisch funktioniert auch der Kommunismus. Theoretisch könnten auch alle Utopien, die sich irgendwelche schlauen Köpfe ausgedacht haben, funktionieren.
Theoretisch sollte ich als erwachsener Mann in der Lage sein, etwas zu kochen, was über die Komplexität von Tiefkühlpommes hinausgeht.

Theoretisch.

In der Praxis schwankt das Ergebnis dann jedoch irgendwo zwischen vertretbar mit kleinen Mängeln, offensichtlichem Fehlschlag und – im Falle des letztgenannten Beispiels – einer mittelschweren Katastrophe, einer Küche, die man eigentlich mit einem Betonblock versiegeln müsste, um die Gefahren potenziell tödlicher austretender Strahlung zu mindern und knurrenden Mägen.
Vom Vergnügen, die Sauerei wieder zu beseitigen, ganz zu schweigen, das ist in jedem der genannten Beispiele einfach nur eine undankbare Scheißarbeit.

Denn in der Praxis hat es bis jetzt noch kein System gegeben, dass es geschafft hätte, die Natur des Menschen so zu berücksichtigen und für sich zu nutzen, dass es nicht zu Problemen kommt, die das Ganze irgendwie ad absurdum führen. Wie ginge das auch, ist diese Natur doch so ungreifbar komplex und zeigt sich bei so hoch entwickelten und differenzierten Wesen wie dem Menschen auf derart mannigfaltige, individuelle Weise, dass man sie kaum je kategorisieren wird können.
Die kapitalistische Marktwirtschaft hat das zum Beispiel versucht, indem sie sich den Egoismus des Menschen zunutze macht und versucht, Vorteile für das System als Ganzes wie auch für den Einzelnen durch Förderung des „freien Wettbewerbs“  herauszuholen.
Das Ergebnis ist… durchwachsen, und die Theorie scheint letztlich durch die neuen Anforderungen der kommenden Zeit auf eine harte Probe gestellt zu werden.
Um’s mal ganz nett zu formulieren.

Und so ist auch Demokratie in der Theorie eine wunderbare Sache, die sich aber durch mangelndes Kalkül, fehlende Kontrolle und nicht bedachte Faktoren oft genug in eine Sackgasse verrennen kann, die man eigentlich von Anfang an genau durch diese Theorie hatte verhindern wollen.

Nehmen mir etwas, was mich schon seit einiger Zeit beschäftigt und zu meinem Entsetzen eben doch nicht schon lange vom Tisch ist – Das leidige Thema Gesundheitsreform.
Ich muss ja schon seit ich zum ersten Mal von der Grundidee dieser Reform gehört habe, reflexartig kotzen, wenn mir irgendwo Philipp Röslers dämonische Fratze mit dem politisch korrekten Roboterlachen und der toten, seelenlose Leere in seinen Augen, bei der man unwillkürlich das Gefühl hat, durch zwei Fenster und das Vakuum im Inneren direkt seine hintere Schädelwand zu sehen, entgegenspringt.
Und ICH seltendämlicher Vollidiot war doch wirklich blöd genug zu denken, dass so eine hirnrissige Idee zum Scheitern verurteilt sei.
Ich bin eben ein unverbesserlicher Träumer.
Der ab und zu gerade dadurch, dass wir – Überraschung! – WIRKLICH blöd genug sind, solche hirnrissigen Ideen umzusetzen und durchzulassen, wieder in die grausame Realität hinabstürzt.

Aber nein, irgendwann kam sie wirklich, die Meldung, dass man sich in dieser so glorreich und grandios in absolut jedem denkbaren und zuvor noch undenkbaren Aspekt scheiternden Koalition über die Fragen dieser Gesundheitsreform geeinigt habe. Und ein strahlender Philipp Rösler mit blitzendem Roboterlächeln und dem leuchtenden Funkeln absolut bösartigen Wahnsinns in den Augen in die Runde der Kameras feixte und von einer „Jahrhundertreform“ sprach.
Ich habe zwischen den Schwallen von Erbrochenem noch nie so laut in meine Kloschüssel gelacht.
Man könnte ja meinen, das sei politische Selbstinszenierung, wie man das eben so macht, Selbstbewusstsein verkörpern, Sicherheit und Zuversicht ausstrahlen – aber ich kann mir nicht helfen, ich habe das zwerchfellerschütternde Gefühl, dieser Mensch glaubt wirklich an das, was er sagt.

Muss ich noch erwähnen, dass sich mir persönlich diese Sache etwas anders darstellt?
Immerhin haben irgendwie schon mehrere Minister des Ressorts Gesundheit behauptet, das Thema der Finanzierung der Krankenkassen sei mit den Umstrukturierungen, die sie planen, mindestens für das nächste Jahrzehnt ad acta gelegt.
In der Realität stellen wir dabei immer wieder fest, dass es einer nach dem anderen nur robotisch lächelnd und selbstbewusst in die nächste Legislaturperiode schiebt.
Ist dann nicht mehr sein Problem. Nur noch unseres.
Ich wette, die meisten Spitzenpolitiker sind privatversichert.

Aber nochmal von vorne, ganz langsam.
Warum hasse ich Philipp Rösler so abgrundtief – davon abgesehen, dass er Politiker ist und damit schon von vornherein als nichtmenschliche, niedere Lebensform zu gelten hat, bis er mir das Gegenteil beweist?
Nun ja, weil er außerdem noch der FDP angehört.

Schlimm genug.

Und weil seine Jahrhundertreform im Gesundheitswesen der lächerlichste, dämlichste, asozialste Bullshit und das offensichtlichste und ekelerregendste Beispiel für politische Korruption und Lobbyismus ist, das seit Längerem zu beobachten war.
Nicht nur, dass der Arbeitgeberanteil an der Krankenversicherung nach einer Anhebung um 0,3 Prozent am 1. Januar 2011 dann „eingefroren“ werden soll, das heißt, er wird nicht weiter erhöht, komme da auch die größte vorstellbare Kostenexplosion. Nicht nur, dass das im Umkehrschluss heißt, jede weitere Erhöhung der Beiträge geht damit allein zulasten des Arbeitnehmers. Nicht nur, dass das schwer nach Lobbyismus stinkt auf eine Art und Weise, die sogar aus der Alltagskorruption der deutschen Politik deutlich herauszuriechen ist.
Nein, der allergrößte Witz daran ist, dass Herr Rösler natürlich den in Agonie liegenden Sozialstaat noch ein bisschen weiter schändet, indem er uns weismachen will, es gäbe für Benachteiligte einen aus Steuern finanzierten Sozialausgleich.

Na dann.
Wenn das so ist.
Es ist ja nicht etwa so, dass die Steuern auch von irgendwem gezahlt werden müssen und unser Steuersystem nicht schon längst einer Umverteilung der Lasten von oben nach unten zum Opfer gefallen ist.
Anders formuliert – wer auch immer unsere Kohle jetzt bekommt, hergeben müssen wir sie früher oder später so oder so.
Fein.

Es wäre ja auch zu viel verlangt, Einsparpotenzial bei den Kassen zu suchen, das meiner bescheidenen Meinung nach durchaus vorhanden ist. Zumindest nicht, solange Philipp Rösler sich vor deren Vorständen bückt, die Hose runterlässt und sich genüsslich als unser aller Stellvertreter von hinten durchnehmen lässt.
Wenn er ihnen danach mit spermaverschmiertem Bukkake-Gesicht erklärt, dass ihre Gehälter allesamt gekürzt und der ganze Apparat verschlankt und vereinfacht werden müsste, um das System kosteneffizienter zu machen, nimmt ihn halt wirklich keiner mehr ernst, wahrscheinlich.

Ohnehin macht unser Gesundheitsminister ja allgemein den Eindruck, sich eher als Vertreter der Wirtschaft als des Volkes zu verstehen – Was sich schon zu Zeiten der Schweinegrippe-Hysterie zeigte, als jeder Todesfall, der eventuell irgendwie möglicherweise unter Umständen auf eine anrollende verheerende Epidemie hindeuten hätte können, in den Medien lang und breit zerkaut wurde, während in der selben Zeit deutlich mehr Leute an der normalen Influenza krepiert sein dürften.
Und nachdem unter Hochdruck ein Erlösung versprechender Impfstoff entwickelt worden war und in die Massenproduktion ging, ließ sich als einer der Ersten natürlich der werte Herr Rösler unter Anwesenheit zahlreicher Kamerateams medienwirksam in die Kameras lächelnd impfen.
Genau so gut hätte er auch zwischen mehreren Vertretern der Pharma-Industrie knien und deren Schwänze lutschen können.
Übrigens ist nach meinen Informationen gerade einmal ein Drittel des produzierten Impfstoffs verwendet worden – der Rest wurde entweder gekauft und nach Ablauf der Haltbarkeit entsorgt oder von Vater Staat bezahlt, aber nie geliefert, weil die Bestände noch gar nicht verbraucht waren.
Das Geld von den entsprechenden Konzernen kriegt man aber trotzdem nicht zurück.
So steht’s nämlich in einem Vertrag, der bereits einige Zeit vorher in weiser Voraussicht aufgesetzt worden war und indem sich von Seiten der Lieferanten genau gegen diesen Fall abgesichert worden war.
Seltsam.

Sehr seltsam in der Tat, was für eine ungemein liberale Auslegung des Wortes und des Konzeptes „Demokratie“ die Verantwortlichen inzwischen entwickelt haben.
Aber in der Theorie sieht ja alles besser aus als es in der Praxis wird.
Natürlich würde ich nur allzugern hoffen, dass es sich hier um Einzelfälle handelt, allerdings… mag ich vielleicht ein unverbesserlicher Träumer und Idealist sein, aber so bescheuert und blind bin ich dann doch nicht.

Und da wollen uns irgendwelche erhobenen Studien noch weismachen, dass Deutschland eines der Länder ist, in denen Korruption so selten ist wie nirgendwo sonst.
Sagten die Wissenschaftler und steckten das Geld ihrer Auftraggeber in die Tasche.

Wie dem auch sei.
Es bleibt mir also zum Abschluss kaum etwas Anderes, als Herrn Rösler von ganzem Herzen zu wünschen, dass er eines Tages sein Geld mit ehrlicher Arbeit verdienen und die Wonne spendenden Folgen seiner Jahrhundertreform am eigenen Leib spüren muss.
Mit einer möglichst fiesen und ekligen Krankheit.
Irgendeiner dieser Manager hat sich ja bestimmt bei ner Nutte was eingefangen.

Aber bis dahin –

Mütter und andere minderwertige Wesen Donnerstag, Sep 2 2010 

Feminismus ist ja immer so eine Sache.
So eine Sache, über die sich oft keine abschließende oder allgemeine Meinung formulieren lässt, weil das, was unter dem Terminus „Feminismus“ zusammengefasst wird, inzwischen so komplex und unüberschaubar ist, dass man mit dem Hang, sich am Ende eine möglichst simple Meinung „zum Feminismus“ zurechtzulegen, immer irgendwo ungerecht pauschalisiert.

Jetzt mal abgesehen von den wirklichen Ultrafeministinnen – Wer schon einmal wie ich das zweifelhafte Vergnügen hatte, mit entsprechenden Verfechterinnen zu diskutieren (und/oder den Fehler gemacht hat, zu erwähnen, dass ein Schwellkörper zwischen seinen Beinen hängt) wird wissen, dass man dabei oftmals dazwischen schwankt, lieber gleich vom Dach zu springen oder sich zu fragen, ob auf der anderen Seite nicht doch ein übergewichtiges, hornbrillentragendes Kellerkind mit langen fettigen Haaren sitzt, das einen nur verarschen will.
Solche Gespräche erinnern oft vielmehr an eine überzogene Parodie des Feminismus als an Kommunikation zwischen intelligenzbegabten Lebewesen.
Ich erinnere mich da zum Beispiel mit Schrecken an eine Begebenheit, als ich etwa eine Dreiviertelstunde lang von einer Kämpferin für modernes Amazonentum zugeschwallt wurde, was denn so alles falsch läuft in dieser Welt – und das ist viel mehr als wir alle glauben! Ihr wisst ja gar nicht, in welch banalen Dingen sich überall der männliche Sexismus wiederspiegelt!
Und wie von Natur aus böse und tyrannisch wir Männer in allem sind, was wir tun.
Was mich zu vielerlei verschiedenen Fragen geführt hat;

Warum erzählt die mir das, während ich neben ihr stehe, als ob ICH KEIN Mann wäre? Das kratzt irgendwie bis heute an meinem Selbstbewusstsein.
Warum sind Gerichte in Phallusform zwangsläufig Sexismus? Ich meine… Hot Dogs, Würstchen, sogar die meisten Nudeln, Baguettes? Alles nur, damit wir Frauen beim Essen zusehen und uns vorstellen können, das wären unsere Schwänze?
Seltsamerweise kam sie auf dieses ganze Geschwafel von Phallusformen, als ich mir eine Zigarette angezündet habe – Was wiederum andere Fragen aufwirft: Was will ich denn dann damit erreichen, dass ich an einer Phallusform „lutsche“? Bin ich etwa unterbewusst schwul? Sind alle männlichen Raucher in Wahrheit schwul? Oder versuche ich nur, Frauen in meiner Umgebung zum Rauchen zu animieren, um mich dann daran aufzugeilen, wie sie an der Zigarette ziehen? Und wenn es so wäre, was für ein krankes minderbemitteltes Selbstbewusstsein habe ich bitte, mir das bei einer ZIGARETTE vorzustellen?
Das ist ja eher eine Beleidigung als irgendwie erregend… so von der Größe her.
Und wie sollte denn eigentlich Essen in Vaginaform aussehen? Donots? Und wäre das dann nicht auch wieder sexistisch, wenn wir Männer genüsslich Vaginas verputzen?
Und, um eine Brücke zur Thematik zu schlagen – wusstet ihr, dass wir Männer auch die Sprache als eine Art der Unterdrückung über Jahrtausende kultiviert haben? Selbst die ist nämlich sexistisch.
Weil es zum Beispiel im Deutschen viel mehr Wörter mit maskulinem Genus gibt als mit femininem.
Ich weiß zwar nicht mal, ob diese Behauptung so stimmt, aber wenn das wahr ist – Skandal!
Da hätte sie mich ja fast überzeugt, wie sie selbst ab sofort so seltsame Worte wie „Fernseherin“ und „Salzstreuerin“ zu benutzen.

Und ich hoffe, ihr lacht jetzt darüber oder findet es wenigstens echt merkwürdig, dass jemand das wirklich tun sollte.
Und wenn ihr das tut – DANN HÖRT SOFORT AUF IHR SEXISTISCHEN SCHWEINE!

Jedenfalls wurde mir gerade etwas Interessantes zu der Thematik geschickt, ein Artikel der MSN-Nachrichten, die ja allgemein eher nicht zu meinen Informationsquellen gehören.
Denn scheinbar ist es wieder einmal an der Zeit, einen Vorstoß gegen derlei Sexismus und geschlechterspezifische Diskriminierung in der Sprache zu unternehmen.
Da heißt es nämlich unter anderem „Der in Straßburg tagende Rat empfiehlt seinen 47 Mitgliedsstaaten, in ihren Behörden eine „nicht sexistische Sprache“ zu verwenden. Die Darstellung von „Frauen zu Hause“ sei ein traditionelles Rollenbild, das die Gleichstellung der Geschlechter hemme, heißt es in einer Resolution der Parlamentarischen Versammlung des Rates.“

In der Tat. Furchtbar.
Das erinnert mich an die Kataloge für Werkzeug und Zimmereibedarf, die hier bei uns oft im Büro herumliegen. Ich finde es ja schrecklich, dass da praktisch nur Männer auf der Baustelle abgebildet sind.
Findet ihr das in Ordnung?

Auf diese Idee gekommen ist übrigens ursprünglich eine Schweizerin. Weil Muslime diskriminieren geht klar, aber bei Frauen hört der Spaß auf:

Die sozialistische Schweizer Nationalrätin Doris Stump verlangte nach einem Bericht der „Bild“-Zeitung wörtlich, dass Frauen nicht mehr „als passive und minderwertige Wesen, Mütter oder Sexualobjekte“ dargestellt werden sollten.

Jetzt nehmen wir uns einen Moment Zeit und lassen uns dieses Zitat genüsslich auf der Zunge zergehen.
„Passive und minderwertige Wesen, Mütter oder Sexualobjekte.“
Finde den Begriff, der nicht dazupasst!

Denn genau das ist ein Punkt, den ich bei Vertretern des Feminismus irgendwie oft etwas seltsam finde. Jetzt mal ganz barsch formuliert, Mütter auf die Stufe von „passiven oder minderwertigen Wesen“ zu stellen, ist das eines der Ziele des Feminismus im Sinne von Gleichberechtigung?
Sollte das nicht irgendwie… ich weiß nicht, ich bin kein Experte auf dem Gebiet, aber… vielmehr die Vertretung der Interessen von Frauen sein, die unterdrückt werden?
Oder andersrum: MUSS eine Frau sich für Studium, Karriere, finanziellen Erfolg und so fort entscheiden, um von diesen Feministinnen überhaupt als Frau, als emanzipiert anerkannt zu werden? Ist das Dasein als Mutter automatisch gleichzusetzen mit Unterdrückung oder Sich-freiwillig-unterdrücken-lassen?
Wenn ich daraus keine Wertigkeit ableite – Was ich als Ziel des Feminismus definieren würde – ist genau das die absolut falsche Einstellung. Die Rolle der Frau in einer Beziehung als minderwertig zu bewerten, weil der Mann arbeitet und sie sich um Kinder und Haushalt kümmert, war nicht genau das einer der Gründe, die das Ganze ins Rollen gebracht haben?
So gesehen scheinen sich manche Vertreter geradezu ins Gegenteil verrannt zu haben.
Ich will ja nicht sagen, dass es so sein muss. Aber sofern eine Frau sich freiwillig dafür unterscheidet, würde, werde und kann ich zwischen ihr und einer arbeitenden Frau gar keinen unterschiedlichen Wert unterstellen.
Den man meiner Meinung nach ohnehin nicht unterstellen kann zwischen einem Menschen und einem anderen, aber das würde jetzt wirklich zu weit gehen.

Was die werte Frau Stump hieraus jedoch ableitet, bringt mich allerdings ehrlich gesagt noch mehr zum Kopfschütteln, was an meiner Tätigkeit als passioniertem Schreiber liegen mag.
Wenn es nach ihr geht, dann sollen die Staaten nämlich mit gutem Beispiel vorangehen und in der Öffentlichkeit grundsätzlich nur noch geschlechtsneutrale Bezeichnungen verwenden – Angeblich ist die Schweiz in dieser Beziehung sogar Vorreiter.

Beispiele?

Buchhalterdiplom wird zu Buchhaltungsdiplom.
Fahrausweis statt Führerschein.
Nicht mehr Fußgänger-, sondern Flanierzone.
Das Lehrerzimmer heißt dann Pausenraum.
Die böse böse „Mann“ (!) – schaft bezeichnen wir besser als Team/Gruppe.
Und meine zwei persönlichen Favoriten:
Besucherparkplatz heißt dann Gästeparklatz. (BITTE?! Wo ist denn da jetzt der Unterschied?)
Und statt Mutter/Vater werden wir dann wohl tatsächlich „Elter“ sagen.

Also, wenn’s nach ihr geht.
Ich werde weder meine Mutter noch meinen Vater Elter nennen. Bevor das passiert, würdet ihr noch eher von mir hören, dass Dieter Bohlen einen wertvollen kulturellen Beitrag für diese Gesellschaft leistet.
Und sollte ich irgendwann ein Kind haben und nicht bei dessen Geburt schon seit acht Monaten nach Kuba geflohen sein, und es nennt mich „Elter“… dann gibt’s ein bisschen gute altmodische erzieherische Gewalt.

Hier der Artikel der MSN-News, wer es nachlesen will.

An dieser Stelle, falls sich hier einige Leser aus der Schweiz einfinden (von ein oder zweien weiß ich ja), muss ich einfach fragen – Sind die Behörden in eurem Land wirklich so geistesgestört, das umzusetzen?
Mein Beileid, falls es so ist.

Worum es mir allerdings eigentlich geht;
Ich bin doch wohl nicht der Einzige, der solcherlei Ansätze nicht nur für vollkommen schwachsinnig sondern auch für eine Vergewaltigung der Sprache hält, oder? Bitte, BITTE! Gebt mir ein bisschen Hoffnung und sagt mir, dass es nicht so ist.
Erstens brauche ich diesen ganzen Unfug von „geschlechtsneutraler Sprache“ nicht, wenn ich zwischen den Geschlechtern, wie weiter oben schon erwähnt, keinen unterschiedlichen Wert unterstelle. Und das ist eine Sache der gesellschaftlichen Mentalität – Wenn dieses Bewusstsein herausgebildet wird, und das muss durch eine humanitäre, moralische Bildung zum Beispiel durch die Schule geschehen, werden solche pseudogerechten Maßnahmen unnötig. Und wisst ihr was? Wenn das nicht passiert, wird DAS auch nichts ändern.
Und ein paar Idioten und Arschlöcher wird es sowieso immer geben, auf beiden Seiten der Hermaphroditengrenze.
Und zweitens geht mir das als eine Art sprachlicher Zensur sowieso gewaltig auf den Sack (Meine Fresse, was für eine böse sexistische Redensart das schon wieder ist!). Wie gesagt, das mag an meinen Tätigkeiten als Schreiber und Literaturliebhaber liegen, aber ich sehe nicht ein, warum sich unsere Sprachen von ihren Genus-Systemen verabschieden sollten, die über Jahrtausende kultiviert wurden. Wenn überhaupt, sollte das aus einem Wechsel der Mentalität heraus entstehen und nicht aufgrund staatlicher Initiative.
Das Genus eines Substantivs hat doch nichts mit Diskriminierung zu tun, wer ist denn auf diese absurde Idee gekommen?
Außerdem haben wir nun einmal, von Ausnahmen abgesehen, ein Geschlecht. Wir sind ja nicht alle Zwitter. Das Geschlecht ist auch ein grundsätzlicher Teil der Individualität und der Herausbildung einer Persönlichkeit – inwiefern bestimmte Geschlechterrollen durch kulturelle Prägung hervorgehen oder sogar zu einem gewissen Teil genetisch veranlagt sein mögen, ist sowieso eine andere Frage.
Und ich muss es an dieser Stelle noch einmal sagen – wenn ich aus unterschiedlichem Geschlecht nicht automatisch einen unterschiedlichen Wert ableite, ist all das ohnehin vollkommen unnötig.
Es gibt doch Unterschiede zwischen uns, nicht nur allein durch die Geschlechter, sondern individuell noch durch so viele andere Eigenschaften. Aber dass wir unterschiedlich sind, muss ja nicht heißen, dass der eine mehr wert ist als der andere.
DAS ist die Mentalität, die wir brauchen, die Mentalität, die gefördert werden muss – statt einfach zu versuchen, uns sozusagen mit dem Brecheisen alle „gleich“ zu MACHEN.

Für mich scheint das wieder mal eines der typischen Beispiele zu sein, wo die Verantwortlichen allesamt viel zu simpel und oberflächlich denken, vielleicht auch um des blanken Populismus willen – „Wir tun was dagegen.“

Ohnehin habe ich von diesem ganzen Unfug, wenn ich ehrlich sein darf, einfach die Fresse dick.
Wenn ich schon den Begriff „Geschlechterkampf“ höre, wird mir ganz anders. Als hätten wir nichts Besseres zu tun, als uns in billiger, fruchtloser und destruktiver Konkurrenz gegenüber zu stehen.
Ich habe da nämlich so eine kleine Sache im Biologieunterricht gelernt, wisst ihr.
Wollt ihr’s hören?
Ich sag’s euch.
Aber psssst, nicht weitersagen.

Wir sind gemacht, um uns zu ergänzen.
Und das sollten wir auch tun.

Also abgesehen von lustigen kleinen Extrembeispielen beider Geschlechter, die irgendwie das richtige Maß komplett vermissen lassen (siehe zum Beispiel hier, was zum Lachen für euch) sollten wir uns einfach mal wieder daran erinnern.
Was ja nicht heißt, dass wir nicht weiter fiese sexistische Witze machen dürfen.
Seltsam wird’s erst, wenn das über bloßen Humor hinausgeht.

Denn, um das Ganze abzuschließen, ein kleines Zitat aus einer unfertigen Geschichte von mir namens „Legion“:

Keine Reichen oder Bettler.
Keine Jungen oder Alten.
Keine Männer oder Frauen.
Keine Christen, Muslime, Juden, Buddhisten, Hinduisten oder Atheisten.
Nur Menschen.

Einfach nur Menschen.

Von Juden und Hartz IV-Empfängern Donnerstag, Aug 5 2010 

Ich weiß ja nicht, wie viele gestandene Bayern sich hier unter meiner werten, überaus schweigsamen, aber laut Blogstatistik doch vorhandenen Leserschaft befinden und wie viele davon mit dem Namen Nockherberg etwas anfangen können.
Zum Starkbierfest am Nockherberg, das sei hier vermittels wikipedia und für die ganz Faulen einer kurzen Erklärung meinerseits gesagt, werden einmal im Jahr diverse namhafte Politiker von Bund und Land geladen und dürfen sich daran erfreuen, dass sie von Kabarettisten auf die Schippe genommen werden.
Nur dass die Kabarettisten im Grunde genommen eigentlich einfach nur die Wahrheit sagen. Irgendwie lustig aufbereitet eben. Aber was ist Kabarettismus im Grunde schon Anderes, als die hässliche Wahrheit lustig zu schminken?
Und dass die Politiker sich nicht wirklich daran erfreuen, sondern es im Gegenteil genug Szenen gibt, wo man deutlich erkennt, dass hinter dem scheinheilig amüsierten Lächeln Emotionen irgendwo zwischen peinlicher Verlegenheit, unterdrückter Wut und Scham zirkulieren.
Das macht das Ganze natürlich in der Regel umso amüsanter für den Zuschauer, weil er durchaus in der Lage sein dürfte, zu sehen, dass seinen „Volksvertretern“ in diesem Moment alles andere als wohl in ihrer Haut ist bei all den schönen Tatsachen, mit denen sie hier konfrontiert werden.
Aber man kann ja nicht einfach der Veranstaltung fernbleiben, wenn man mehr oder weniger öffentlich eingeladen wird. Denn das erweckt ja den Anschein, als verstehe man keinen Spaß und vertrage es nicht, von Kabarettisten ein bisschen vorgeführt zu werden.
Was man natürlich in der Regel beides nicht tut – aber man kann ja wenigstens den schönen Schein wahren. Das kommt auch bestimmt gut bei den Wählern an!
Und so dürfen wir uns wenigstens einmal im Jahr daran erfreuen, dass mehr oder weniger Tacheles geredet wird und die werten Damen und Herren nicht viel mehr tun können, als dazusitzen, zu lachen und zu klatschen.

Mehr oder weniger Tacheles?
Ja, genau.
Denn seht ihr, wenn man als Kabarettist am Nockherberg zu sanft mit seinem hochprominenten Publikum umspringt, erntet man zwar dessen Wohwollen, ist im Gegenzug aber meist nicht besonders beliebt bei den Zuschauern. Weil die es, man höre und staune, doch recht gut finden wenn mal Tacheles geredet und den Politikern der Marsch geblasen wird.
Wenn man aber zu scharf an die Sache rangeht, dann reagieren besagte Politiker anscheinend in etwa so wie ein Fünfjähriger, dem offenbart wird, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt, seine Eltern sich trennen und er daran schuld ist und sein Hund, der gerade den Osterhasen gefangen und totgebissen hat, dabei überfahren wurde.
Und das alles an seinem Geburtstag.
Mit anderen Worten, sie fangen an, gewaltig rumzuzicken.
Und noch viel schlimmer, denn das Kind in dem genannten (hoffentlich!) fiktiven Beispiel hätte sogar allen Grund, gewaltig rumzuzicken, ich denke, da sind wir uns einigermaßen einig.
Bei unseren Politikern sieht es da schon ein bisschen anders aus.

Jedenfalls ist es ein sehr schönes Beispiel dafür, was mit Leuten passiert, die der herrschenden Machtelite wirklich unangenehm werden.
Denn da gibt es die sogenannte Fastenpredigt, bei der einer der Kabarettisten in die Rölle des Mönchs Bruder Barnabas schlüpft und von seiner Kanzel herab so ziemlich einen politischen Rundumschlag liefert bei dem er alles, was sich da im letzten Jahr so geleistet wurde, humoristisch abstraft.
Und der derzeitige Redner Michael Lerchenberg war den werten Damen und Herren dabei wohl ein ganzes Stück zu ehrlich und direkt.
Beziehungsweise, der ehemalige Redner Michael Lerchenberg.

Jaha, so schnell kann das nämlich gehen.
Der Herr Lerchenberg machte nämlich den Fehler, in seiner Rede etwas zu sagen, was man, wenn man jetzt mal ganz frei in der Wortauslegung ist, als „KZ-Vergleich“ bezeichnen könnte.
Und, wir wissen es alle, bei so was bricht sofort die Hölle los, wie harmlos der Vorfall auch sein mag.
Wer sich die Fastenpredigt in ihrer ganzen Länge zu Gemüte führen will, der gehe auf youtube und suche nach „Nockherberg 2010 Fastenpredigt unzensiert“.

„Unzensiert“?
Ja, das war nämlich das Erste, was sich der Bayerische Rundfunk erlaubte, als er die Wiederholung der Live-Übertragung des Starkbierfestes am Nockherberg ausstrahlte. Und dabei wurde nicht, wie man jetzt vermuten könnte, nur der besagte „KZ-Vergleich“ (Ich muss es einfach in Anführungszeichen setzen, weil es viel zu hoch gegriffen ist.) herausgeschnitten, nein, es fehlten diverse Abschnitte, in denen Herr Lerchenberg mit seinem Publikum etwas härter umsprang – zum Beispiel ein zwei Minuten langer Teil, in dem es um Korruption in politischen Ämtern ging.

Hier kann man dem zum Glück noch lauschen, und genau so kann man sich den bösen, bösen „KZ-Vergleich“, der so weitreichende Folgen hatte, in all seiner menschenverachtenden Humorlosigkeit zu Gemüte führen.
Nicht, dass irgendjemand im Publikum WÄHREND der Rede auf die Idee gekommen wäre, dass diese Ausführungen zu weit gehen könnten. Da hat man nur leicht gelacht und sich bemüht, den Schein von guter Laune weiterhin aufrecht zu halten.
Erst nach der Sendung hat die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch nach reiflicher Überlegung mal kurz gehustet – und wie das so üblich ist, breitete sich wie ein Tsunami eine Welle der Empörung und Entrüstung über diesen bösartigen Vergleich in den Reihen der Politiker aus, die davor noch leise darüber gelacht und den guten Schein gewahrt hatten.
Nicht, weil man empört oder entrüstet über den Vergleich wäre.
Nein!
Aber hier hat man etwas, an dem man sich aufhängen und es dem fiesen Kabarettisten heimzahlen kann, und dabei hat man garantiert noch die Öffentlichkeit auf seiner Seite!

Das kann man sich doch nicht entgehen lassen.

Nun, ich will hier einmal die entsprechende Stelle (im Video ab 3:06 zu sehen) wortwörtlich und dialektbereinigt zitieren.

(Nur der Vollständigkeit halber, er bezog sich hierbei auf die zu dieser Zeit um sich greifenden Disskusionen über Guido Westerwelles Äußerungen über Hartz IV-Empfänger, Leistungsgerechtigkeit und „spätrömische Dekadenz“.)

Nachdem sich aber Leistung richtigerweise lohnen muss, so rutscht die FDP von 15 auf 11, 8, 6 Prozent runter – Wenn ihr so weiter macht, dann seid ihr die erste Partei, die in Berlin regiert, obwohl sie unter fünf Prozent ist!
Zehn Jahre will er regieren, der Herr Westerwelle, oh mei! Wenn ihr alle miteinander mit eurem Saustall so weitermacht, dann reicht’s ja nicht mal für 365 Tage!
Und darum dreht er jetzt durch, der Herr Guido, und schwingt seine sozialpolitische Abrissbirne. Alle Hartz IV-Empfänger sammelt er in den leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drumrum ein Stacheldraht – Hatten wir schon mal.
Dann gibt’s jeden Tag eine Wassersuppe und ein Stück Brot, statt Heizkostenzuschuss gibt’s von Sarrazins Winterhilfswerk zwei Pullover und über’m Eingang steht, bewacht von neoliberalen Ichlingen im Gelbhemd in eisernen Lettern „LEISTUNG MUSS SICH WIEDER LOHNEN!“

Jetzt bin ich ja allgemein eher der Meinung, dass im Humor und in der Kunst so ziemlich alles erlaubt sein muss. Genau so wie mir auch die vorprogrammierte Welle der zumeist scheinheiligen Entrüstung, die durch Deutschland geht, wenn irgendjemand etwas auch nur unabsichtlich zweideutig formuliert und man es als NS-Vergleich auslegen KÖNNTE, absolut zuwider ist und ich denke, dass man sich von dieser langsam lächerlich werdenden politischen Gewohnheit lösen sollte.
Aber jetzt mal ehrlich, lest euch den fett geschriebenen Abschnitt durch – Ist das ein KZ-Vergleich, der über die Stränge schlagt? Ist das, wie Frau Knobloch denkt, eine Herabwürdigung der Leiden von Häftlingen während der NS-Zeit? Oder geht es hier vielmehr darum, dass eine ganze Bevölkerungsgruppe pauschal als Schmarotzer diffamiert wurde?
Natürlich ist das eine humoristische Übertreibung, vollkommen klar, aber eben genau, um das herauszustellen.
Nicht zuletzt zitiert er direkt danach aus der bayerischen Verfassung und stellt den Anspruch jedes Bürgers, der nicht für seinen eigenen Lebensunterhalt sorgen kann, auf Sozialleistungen durch den Staat heraus.
Ein bösartiger KZ-Vergleich sieht nach meinem Verständnis anders aus.

Aber nun, zum Leidwesen von Herr Lerchenberg war der Aufhänger gefunden und es wurde sich im großen Stil empört, und gerade weil ja sofort alle Deutschen auf die Knie fallen, wenn es um dieses Thema geht, fand er auch entsprechend wenig Rückhalt.
Da wäre zum einen die angesprochene Zensur des BR, die sich, ich erwähne es nochmal, NICHT auf diese Stelle beschränkte und der seltsamerweise, obwohl es ja nur darum ging, die Sendung auf eine Länge zu bringen, dass sie ins Programm des BR passt, gerade die für die Politik unangenehmsten Abschnitte zum Opfer gefallen sind.
Und da wäre natürlich zum anderen auch jede Menge öffentliche Entrüstung über seine Worte, sobald die entsprechenden Personen mitbekommen haben, das Charlotte Knobloch gehustet hat.
Und das, kombiniert mit mangelndem Rückhalt beim Veranstalter selbst (Paulaner) führte dazu, dass Herr Lerchenberg, nun, wie soll ich sagen – „freiwillig gegangen wurde“.

Das wiederum nahm Helmut Schleich, einer der anderen Kabarettisten, oben zu sehen als von den Toten auferstandener Franz Josef Strauß, der über seine Nachfolger richtet, zum Anlass, indirekt zum Boykott aufzurufen und sich damit so ziemlich als Einziger auf die Seite des gefallenen (oder hinabgestoßenen?) Fastenpredigers zu stellen.
Womit er meiner Meinung nach den Nagel auf den Kopf trifft.

Ich glaube keine Sekunde lang, dass es denen, die sich am meisten darüber empören, auch nur im Entferntesten um eine mögliche Herabwürdigung der KZ-Opfer geht (die ich absolut nicht erkennen kann), sondern dass hier, simpel formuliert, einfach der Umstand zelebriert wurde, dass etwas gefunden war, mit dem man zurückfeuern konnte.
Nicht zuletzt stößt mir eine derartige Zensur einfach gewaltig auf und ich frage mich, was für einen Mangel an Klasse wir unseren „Volksvertretern“ angesichts solcher Verhaltensweisen attestieren müssen.
Weniger schlimm wäre das alles wie gesagt vielleicht, wenn bei der Wiederholung tatsächlich nur die betreffende Stelle herausgeschnitten worden wäre – aber so? Da muss ich mich doch ernsthaft fragen, mit welchem Selbstbild die Verantwortlichen hier an die Arbeit gehen. Nicht zuletzt handelt es sich hier um eine Meinungsäußerung, und obwohl überspitzt formuliert, spricht Michael Lerchenberg eben doch sehr viele Umstände aus, die sich nicht wenige Menschen auch schon denken – nur dass sie in der angenehm höflichen, angenehm schöngefärbten, angenehm „politisch korrekten“ Alltagswelt außerhalb des Nockherbergs praktisch nie ausgesprochen, quasi totgeschwiegen werden.
Und über kurz oder lang auch am Nockherberg, wenn man sich derartige Methoden gefallen lässt.
Und falls irgendwelche Vergleiche mit unrühmlichen Perioden der deutschen Geschichte vordem nicht angebracht waren, so sind sie es jetzt allemal. Ich fühle mich sehr geneigt, hier selbst mal loszulegen und wirklich harte Vergleiche anzustellen – und ich geb’n Scheiß auf politische Korrektheit.
Bei einem solchen Publikum, bei solchen Politikern, ist weder Kabarettismus noch eine wirklich ernste Opposition oder freie Meinungsbildung wirklich möglich.

Jedenfalls werde ich das alles weiter beobachten, obwohl sich diese Ereignisse ja schon vor einiger Zeit abgespielt haben – Ich wurde erst vor Kurzem von einem Bekannten darauf aufmerksam gemacht. Es bleibt abzuwarten, was sich auf dem Nockherberg 2011 so abspielt. Und sollte es der Fall sein, dass die Fastenpredigt des nächsten Kandidaten, wer auch immer sich dessen annehmen mag, handzahm ausfällt, kann ich euch jetzt schon jede Menge WIRKLICH böse Vergleiche auf diesem Blog ankündigen.

Übrigens, noch ein kleiner Witz zum Schluss: Der werte Herr Westerwelle, dessen Äußerungen ja indirekt Ursprung des ganzen Chaos waren, distanzierte sich danach in einem öffentlichen Brief entschieden vom Nockherberg, an dem er „mehrfach gern teilgenommen“ habe (obwohl er dieses Jahr aus ominösen Gründen verhindert war) und forderte die Verantwortlichen auf, wegen dieser Vergleiche in Zukunft von Einladungen an seine Person abzusehen.
Jaaaa.
Ist klar.
„Deswegen“.

Bei so viel Scheinheiligkeit und, auf gut bayerisch, Hinterfotzigkeit, wird mir einfach nur schlecht.

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit Samstag, Jul 24 2010 

… sowahr unsere politische Integrität uns helfe.

Die erste Pointe schon vor der Einleitung, ist das’n Ding oder was?

Jedenfalls… wenden wir uns mal einer Sache zu, die ganz bestimmt nicht mein Lieblingsthema ist.
Das mag daran liegen, dass ich mich dabei meistens ziemlich aufrege und bei längerer Beschäftigung damit spontane Kopfschmerzen, erhöhten Blutdruck, Übelkeit, einen nicht wirklich kontrollierbaren Hass und einen sehr unangenehmen Juckreiz um den Schließmuskel herum bekomme, als hätte ich mich etwas zu oft von jemandem durchnehmen lassen, der bestückt ist wie ein Pferd.
Was auch der Fall ist.

Im Rahmen einer äußerst geschmacklosen Metapher, natürlich.

Sei es wie es sei, im Umgang mit Politikern verspüre ich irgendwie immer den nicht sehr netten Drang, sie zu behandeln, als hätten sie eine äußerst tödliche, äußerst ansteckende Krankheit.
Oder wie einen Boxsack, je nachdem.

Und ich hatte ja schon das ein oder andere Mal das Vergnügen. Es ist immer so schwer, diesem Impuls zu widerstehen und sich mit Gedanken wie, dass man keine ganze Berufsgruppe pauschal aburteilen kann und derjenige, der vor einem steht, auch einer der wenigen sein könnte, die den gängigen Vorurteilen widersprechen, bei der Stange zu halten.
Of treffen die gängigen Vorurteile nämlich so ziemlich ins Schwarze.

Aber kommen wir zu dem, was ich eigentlich schreiben wollte.
Ich war heute nämlich in der Stadt und bin, wie man das so tut, über den Platz geschlendert, bis mein Blick auf einen blaugelben Informationsstand mit Stehtischen und vielen freundlichen Leuten mit blaugelben Shirts gefallen ist.
Blaugelb… Politik… dem ein oder anderen läuft jetzt vielleicht ein kalter Schauer den Rücken hinunter.
Ich jedenfalls hab‘ mir nichts dabei gedacht und bin weitergegangen, vorsorglich in einem größeren Bogen herum, weil ich solche blöden Informationsstände ja allgemein vermeide. Ich kann mich durchaus selbst informieren und mir eine Meinung bilden, dazu brauche ich keine engagierten, übermotivierten Alltagshelden, danke.
Dummerweise sind allerdings die Helferlein vom Informationsstand aus ausgeschwärmt in alle Richtungen wie Rattenfänger.

Es war schrecklich.
Überall waren sie, wie Geister.
Und ein grausames Szenario entfaltete sich vor meinen Augen – Menschen rannten schreiend davon, als sie die Aufschrift „FDP“ an ihren Hemden sahen, Mütter suchten verzweifelt ihre Kinder, die kreischend in der Menge standen. (Immerhin weiß jeder, was man sich im Flüsterton erzählt – dass FDP-Mitglieder liebend gerne Kinder entführen und sie in ihre Lebkuchenhäuser locken. Die, die Glück haben, werden gefressen, aber einige kommen als Ausgeburt der Hölle zurück zu ihren fassungslosen Eltern, die über diesen Schickssalsschlag verzweifelt in Tränen ausbrechen – als FDP-Wähler.) Selbst gestandene Männer, die sich der dämonischen Horde entgegenstellten, sah ich nach wenigen Minuten weinen wie kleine Kinder. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass einige Unglückliche im allgemeinen Chaos von Flüchtenden niedergetrampelt wurden.

Naja, vielleicht war es nicht ganz SO schlimm.
Die Meisten haben eigentlch nur wortlos die Flyer und Prospekte mitgenommen, die ihnen in die Hand gedrückt wurden, und wenn man sich wie ich den Spaß erlaubte, außer Sichtweite des Stands in ein paar Mülleimer zu blicken, fand man sehr viel blaugelbes Papier.
Aber ICH würde solche Prospekte natürlich nicht ablehnen, wenn man sie mir anbietet (und man hat sie mir überschwänglich angeboten, ja aufgeschwätzt, ich hatte Angst, der rennt mir nach und hechtet mich um, wenn ich einfach weitergehe). Schließlich erfährt man hier etwas über die Parteien, die zur Wahl stehen, man kann sich informieren und so. Immerhin ist das Bürgerpflicht!
Und natürlich ist das alles auch gaaaanz objektiv und sachlich geschrieben und besteht nicht aus schamlosen Halbwahrheiten, Euphemismen, Selbstbeweihräucherung und gehirnaufweichender Propaganda.
Denn wir leben ja in einer modernen, freien, aufgeklärten Demokratie mit mündigen Bürgern, die fähig sind, sich kritisch und differenziert ein Urteil über das zu machen, was sie sehen und hören.

Ja, ihr mich auch.

Jedenfalls habe ich das ganze Zeug mal freundlich lächelnd (es könnte auch spöttisch gewesen sein, ich glaube FDPler erkennen den Unterschied nicht) entgegengenommen, mich am anderen Ende des Stadtplatzes vor mein Stammcafé gesetzt und mit der leisen Ahnung, etwas zum Lachen zu finden, beschlossen, mir das bei einer Tasse Kaffee zu Gemüte zu führen, während ich auf den Menschen wartete, der mich hier treffen wollte. Und da dieser Mensch etwas unzuverlässiger Natur ist, hatte ich durchaus Zeit dazu.

Da hätten wir im Wesentlichen zwei Prospekte, einmal „Liberale Erfolge“ mit zwei Händen, die ein Häufchen Humus in der Hand halten, aus dem eine kleine Pflanze wächst.
Und auf dem Zweiten ein junges Mädchen, das über ein blühendes Rapsfeld läuft. Sie könnte das zum Spaß machen, es könnte auch sein, dass sie um ihr Leben läuft, weil ein Mähdrescher, der aus dem Bild geschnitten wurde, hinter ihr in die selbe Richtung fährt, so genau erkennt man das nicht. Vielleicht rennt sie auch vor einem FDPler davon. Jedenfalls trägt dieses schöne Heftchen den Titel „FDP-Fraktion Im Bayerischen Landtag – Liberale Politik für Bayern“.
Klingt erstmal wie ein fiktives Horrorszenario, das in einer erdachten, nahen Zukunft spielt. Hätten sie auch Chucky die Mörderpuppe abbilden können, das hätte wenigstens harmonisiert.

Nun, wenden wir uns dem Inhalt zu, ob dem des ersten oder zweiten Prospekts ist sowieso egal, da steht so ziemlich das Gleiche drin, nur dass das Erste abhandelt, was sie davon schon realisiert haben. Wenn man ihnen glauben darf, so ziemlich alles. Wonach ich sie eigentlich nicht mehr wählen bräuchte.

Ich bringe einfach mal ein paar Zitate, das ganze Heftchen wäre zu lang, um es vollständig zu zitieren und zu kommentieren, also reiße ich eben ein paar Sätze ganz fies aus dem Kontext und stampfe sie ein.
Wobei ich euch versichern kann, mit oder ohne Kontext steht da zum größten Teil nur Schwachsinn.

Liebe Bürgerinnen, liebe Bürger, vor fast zwei Jahren hat Bayern den Neuanfang geschafft: Nach über vier Jahrzehnten der Alleinregierung haben Sie die FDP in die Verantwortung gewählt (Anm.: ICH?! Neee. Den schwarzen Peter lass‘ ich mir nicht zuschieben.). Seitdem arbeiten wir in Landtag und Staatsregierung für ein modernes, liberales und wirtschaftlich erfolgreiches Bayern.

Ich finde irgendwie, Bayern hat da vorher ohne euch auch nen relativ guten Job gemacht, so in punkto Moderne, Liberalität und wirtschaftlicher Erfolg. Ich muss zwar klarstellen, dass ich CSU/CDU abgrundtief hasse, aber bei euch ist der Abgrund noch ein Stück tiefer.
Als Neustart würde ich das irgendwie auch nicht bezeichnen, eher, naja… als der Anfang vom Ende?

Wir wollen Bayerns mittelständisch geprägte Wirtschaft stärken, damit Arbeitsplätze und Wohlstand auch künftig sicher sind.

TOLL!
Wie wollt ihr denn das anstellen? Ich lehne mich mal ganz weit aus dem Fenster und werfe das Schlagwort „Lohnnebenkosten“ in den Raum, deren Senkung, wir wissen es alle, ein „alternativloser Sachzwang“ ist.
Aber wenigstens sind sie ehrlich. Dass die meisten von ihnen auch lukrative Nebenbeschäftigungen in diversen Unternehmen haben, wo sie wenig tun und viel verdienen, wissen wir ja mittlerweile, da ist es nur natürlich, dass sie diesen Gefallen an die Wirtschaft erwidern wollen. Senkung der Lohnnebenkosten aka beispielsweise der Arbeitgeberbeitrag zu Renten- und Krankenversicherung, Lockerung des Kündigungsschutzes und Beschränkung der Rechte und Sicherheiten des Arbeitnehmers wären ein guter Anfang.
Dabei hört sich das mit deren Formulierung doch so toll an!
Ihr Schlingel ihr – da hättet ihr mich fast drangekriegt! =D

Pioniersinn und Heimatverbundenheit, Mut und Verantwortungsefühl – diese mittelständischen Tugenden sind heute gefragt, um unser Land nach vorne zu bringen.

Halbgare, sich im Kreis drehende Reformen und Globalisierung, Feigheit davor, irgendetwas zu sagen, was die Leute NICHT hören wollen und Verantwortungslosigkeit – das sind die Tugenden, die ich immer wiede sehe, so lange und gründlich ich mich auch umschaue.
Wo soll unser Land übrigens hin? Das ist festgewachsen. (Ich weiß, ich weiß, der war flach. Ich konnte nicht anders.)

Aber das wird ja auch gleich gesagt, in welchem Bereich wir nach vorne wollen.

Deutschland muss seine Wettbewerbsfähigkeit erhalten und die wirtschaftliche Dynamik steigern. Eine Steuerstrukturreform ist dafür unverzichtbar. Gerade in der Krise brauchen wir ein einfaches und faires Steuersystem. Ein Steuersystem, das die Wirtschaft ankurbelt, Investitionen ermöglicht und Arbeitsplätze schafft.

Also im Klartext, Belastungen weg von den Unternehmen, damit die mehr Kohle haben. Weil, wenn sie mehr Kohle haben, stellen sie mehr Leute ein.
Ist klar. Wirtschaftsnote 6.
Wer das Geld locker machen darf, dass durch die Entlastungen für die Wirtschaft fehlt, überlasse ich eurer Vorstellungskraft. Denkt mal scharf nach.

Allgemein kommt in jedem zweiten Satz „Arbeitsplätze“ vor und in jedem Absatz mindestens einmal eine Formulierung à la „Dies und das schafft Arbeitsplätze.“. So zum Beispiel Mobilität, Innovationen, Investitionen, Bildung und so weiter. Jaja, wenn ich auf nem öffentlichen Klo pissen gehe und daneben ziele schafft das auch Arbeit für die Putzfrau, ich geb‘ aber nicht damit an.
… Nicht, dass ich das schon mal getan hätte. Gerade weil die meisten öffentlichen Klos ja nur noch alle Jahrhunderte mal immer wieder geputzt werden.

Worauf ich im Großen und Ganzen eigentlich hinaus will, ist etwas, das mir und vielen anderen eigentlich immer wieder auffällt, auffallen muss, so drastisch wie diese Entwicklung inzwischen fortgeschritten ist.
Ich rede von der Verflachung politischer Inhalte, Disskusionen und Programme.
Egal, welche der großen Parteien ich mir ansehe, überall sehe ich nur oberflächlichen Schund, Arschlöcher die versuchen, sich der Öffentlichkeit irgendwie gut zu präsentieren, als würden sie sich als Produkt selbst verkaufen wollen. Imagepolitur, ein falsches strahlendes Lächeln der gebleichten Zähne, ein bisschen Händeschütteln hier und da und sich grinsend vor jede Kamera schmeißen, die irgendwo auftaucht. Psychische Prostitution für Wählerstimmen.
Gleichzeitig werden die Inhalte nach meinem Empfinden immer gehaltloser. Was habt ihr uns schon alle noch groß zu sagen? „Wir brauchen Arbeitsplätze, wir müssen wettbewerbsfähig sein, wir müssen sparen, wir müssen der Wirtschaft helfen. Das und das ist ist böse, richtig scheiße, die anderen sind die Hitlers der Moderne und wir sind die Guten!“
Jaja, schön auswendig gelernt. Und das rattert jeder Politiker jedweder Partei runter, immer schön die anderen diffamieren und sich selbst positiv präsentieren, immer schön palavern, was alles zurechtgerückt werden muss in diesem Land.
Aber WIE ihr das anstellen wollt, das sagt mir irgendwie kein Schwein. Und das will ich wissen, bevor ich auch nur drüber NACHDENKE, euch zu wählen.
Ehrlich gesagt würde ich es dann wahrscheinlich immer noch nicht tun, weil ich euch dann trotzdem noch nicht vertraue – Das müsstet ihr euch erstmal verdienen.
Und soll ich euch was sagen?
Davon seid ihr weit entfernt. Und ihr rast im Eiltempo noch weiter weg.
Womit ausdrücklich nicht nur die FDP gemeint ist, die ich zwar für ein Pack von verlogenen Lobbyisten halte, aber die auch nur als Prügelknabe herhalten musste, weil sie das Pech hatte, mir in die Quere zu kommen.
Ob CSU/CDU, ob Grüne, SPD oder Linke, am Ende kommt ihr eh alle auf den gleichen Schwachsinn, ihr verkauft ihn uns nur anders.
Ernsthaft, wenn ihr die Machtelite seid, wenn ihr unsere Spitzenpolitiker seid, dann müssen wir uns ja schämen vor anderen Nationen. Und vor uns selbst, weil wir euch immer wieder wählen.

Wir können ja auch kaum aus. Was sollen wir auch machen, wenn jede der großen Parteien sich in das gleiche oberflächliche, inhaltlose, populistische Gelaber verrennt und darüber hinaus kein wirkliches Programm mehr zu bieten hat?
Ihr alle, ihr seid mir viel zu gleich. Ihr habt mir zu wenig Courage. Zu wenig Mut, auf den Tisch zu hauen und endlich mit der Schwarzweißmalerei und der ganzen Schönfärberei aufzuhören, zu wenig Integrität, auch mal unschöne Dinge klar und deutlich auszusprechen und nicht zu verschleiern, mal abzuweichen von der Einheitsmeinung, die möglichst alle politischen Zielgruppen ansprechen und befriedigen soll, weil euch die Analysten das sagen.
Ihr seid mir einfach viel zu wenig echt.
Und ich mag naiv sein, vielleicht sogar ein bisschen utopisch – aber ich glaube, das würde vielen, sehr vielen Leuten inzwischen gefallen, wenn sich das mal ändern würde.

Für’s Erste, begnügen wir uns mit einem kleinen gemeinen Scherz:
Wenn ihr mal auf jemanden trefft, der für die FDP Werbung macht, fragt ihn doch lächelnd, was er davon hält, dass bayerisches Starkbier inzwischen mehr Prozent hat als seine Partei.
Und macht ein Foto von seinem Gesichtsausdruck, damit ich mitlachen kann.

Ich brauch‘ jetzt jedenfalls erstmal ein Glas Whisky.

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