Der Preis der Freiheit Samstag, Aug 28 2010 

Eigentlich bringe ich ja ungern zwei Kurzgeschichten hintereinander auf dem Blog.

Nicht, weil ich nicht kreativ genug wäre, um so viele autoristische Ergüsse in Fließbandproduktion zu erschaffen, zeitlich.
Denn ich bin verflucht kreativ. Wirklich. Fragt meine Bastellehrerin aus der Grundschule.
So handwerklich gut gemachte Pappmaché-Penisse habt ihr in eurem ganzen Leben noch nicht gesehen.
Vielleicht sollte ich ja auf Dildofabrikation umsteigen, wo ich so darüber nachdenke. Individuell nach Kundenwünschen. Alles handgemacht, in jedem Exemplar Stunden von Handarbeit und gewaltiges Fachwissen.

Jedenfalls… was ich sagen wollte.
Eigentlich nutze ich die Kurzgeschichten hier ja im Regelfall eher als einen kleinen Spritzer von Unterhaltung zwischen den zynischen, bösen, ernüchternd hoffnungslosen Artikeln.
Oder irgendwie so denke ich mir das zumindest.

Aber momentan, nach dem angesprochenen Zeitraum von massivem Alkoholkonsum und gesellschaftlichen Festivitäten, mit denen ich mich mal zwei Wochen lang genau so von der grausamen Realität abgelenkt habe wie der große Rest… empfinde ich die grausame Realität in den letzten Tagen in der Tat als derart grausam, dass ich fast den Wunsch verspüre, gleich einfach so weiterzumachen und mich in ein möglichst frühes Grab zu rauchen, zu saufen, zu kiffen, zu kotzen, zu prügeln und was ich sonst noch so treibe.
Aber das geht ja nun auch nicht.
Zugegeben, es hätte wirklich eine ganze Menge Stil, wenn man es richtig macht.
Aber das erfährt ja keiner, wenn ich nicht mehr da bin, um es rauszuposaunen.
Auf der anderen Seite bin ich momentan einfach derart genervt, dass ich bei den entsprechenden Themen meistens einfach mit einer „Scheiß drauf.“-mentalität abwinke, ohne im Mindesten die Lust zu verspüren, noch zu erörtern, warum ich die Verantwortlichen alle zur Hölle wünsche.

Tja, ist irgendwie gerade so.
Ich schätze, die ganzen klugen Leute, die sich mit mir beschäftigen, würden mir da etwas wie einen „Rückfall“ attestieren.
Egal.

Jedenfalls bringe ich deswegen im Bruch mit der eingangs erwähnten Regel nochmal eine Kurzgeschichte, diesmal tippfrisch aus der verklebten Suppe in meinem Kopf.
„Inspiration“, wenn man es denn so nennen will, war ein einigermaßen ergiebiges Gespräch mit einem klugen Menschen über… nun, so lustige Themen wie Freiheit, Freidenkertum, Folter, totalitäre Herrschaftssysteme und vieles mehr.
Bei unzählbar vielen Gläsern Whisky, aber das nur so nebenbei.

Wie auch immer.

– –

Der Preis der Freiheit

„Was haben wir falsch gemacht?“
Er zog schweigend an seiner Zigarette und stieß eine Qualmfontäne zwischen seinen Lippen hervor. Einige Augenblicke lang beobachtete er, wie der leicht bläuliche Dunst in dem Raum zwischen ihnen aufstieg und sich spielerisch verlor, Kreise und Spiralen zog wie eine ätherische Tänzerin.
Dann sah er dem Mann in die Augen, der ihm gegenüber saß und ihn mit stumpfem, hoffnungslosem Blick anstarrte.
„Denkst du denn, dass wir etwas falsch gemacht haben?“
„Wir haben versagt.“
„Findest du?“
Der Andere stützte sich mit den Armen auf seine Knie und vergrub das Gesicht in den Händen. Eine Weile blieb er regungslos so sitzen, und er fragte sich fast, ob er weinte. „Irgendetwas haben wir falsch gemacht. Irgendwann. Irgendwo. Sonst wären wir nicht hier.“
„Wir haben getan, was wir konnten. Was wir für richtig hielten. Für notwendig. Mehr steht nicht… stand nie in unserer Macht. Es gibt Dinge, die sich unserem Einfluss gänzlich entziehen. Letztlich … ist es einfach so, wie es ist.“
Er wandte den Blick ab und beobachtete wieder gedankenverloren den Tanz des Zigarettenrauchs in der Luft.
„Es kann doch nicht einfach… nicht einfach vorbei sein!“ Er hörte das leise Quietschen der schäbigen Pritsche neben ihm und dann das Geräusch von Schritten, die sich zu dem vergitterten Fenster entfernten, durch das sie in den Innenhof blicken konnten. „Ich meine… Ich… kann mich einfach nicht damit abfinden, dass wir nichts mehr tun können! Was passiert jetzt? Wer könnte jetzt noch Widerstand leisten? Wer könnte sich wehren? Sie haben alle erwischt! Alle sind entweder gefangen oder schon hingerichtet… Wir sind die Letzten.“
„So etwas wie die Letzten gibt es nicht. Es werden Neue kommen.“
„Wann? In Wochen, Monaten, Jahren? Nach Jahren der Unterdrückung, von Propaganda, Gehirnwäsche, Überwachung, von Mord und Terror, nach tausend Toten, hunderttausend vielleicht – oder noch später? Wann?“
„Wenn sie dazu bereit sind.“
„Verdammte Scheiße!“ Die Pritsche auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers erbebte scheppernd, als der Andere zornig dagegen trat. „Und was dann? Glaubst du, sie haben mehr Erfolg als wir? Oder werden sie wieder scheitern – und das Ganze geht von vorne los?“
„Das kann niemand sagen.“
„Ich versteh’ dich nicht.“ Es war dieser Satz, der ihn dazu brachte, seinen Blick wieder auf seinen Zellengenossen zu richten. Mit verschränkten Armen stand er in der Ecke des Zimmers und starrte ihn finster an. „Wie kannst du nur so gleichgültig sein? Du und ich, wir wissen beide, was das hier bedeutet. Das Ende des Widerstands. Das war’s! Jahrelang – dieses ewige Kämpfen, die ständige Angst, die vielen Toten, das ganze Geschwafel von Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Freiheit… für Nichts.“ Kopfschüttelnd lehnte er sich an die Wand und starrte niedergeschlagen zu Boden.
„Für Nichts? Denkst du das wirklich?“
„So ist es doch. Wir haben niemanden befreit. Wir haben keines unserer Ideale verwirklicht. Alles, was wir getan haben, hat nur zu noch mehr Leid… noch mehr Toten geführt.“
Einen Moment schwieg er, und dachte nach. Unwillkürlich spielte ein kleines Lächeln über seine Gesichtszüge. Ein kaltes, freudloses, trauriges Lächeln, wie das eines Sterbenden, der seine schönsten Erinnerungen noch einmal Revue passieren lässt.
„Ich denke, wir haben gewonnen“, sagte er dann leise. Er sah den Anderen lächelnd an, wie er verwirrt den Kopf hob und stirnrunzelnd zurückblickte. „Sind denn Ideale dazu da, Realität zu werden? Wenn es so wäre…“ Er zuckte mit den Schultern, als würde er nach den richtigen Worten suchen. „ Dann wären sie keine Ideale – Nichts in dieser Welt kann ideal oder perfekt sein. Sie geben uns nur eine Orientierung. Sie zeigen uns, welchen Weg wir gehen können. Ob wir uns nun für diesen oder für einen anderen entscheiden, das liegt bei uns.“ Er nahm noch einen letzten Zug und legte seine Zigarette fast liebevoll in die Kerbe des Aschenbechers, als er draußen auf dem Gang schwere Schritte hörte, die sich ihrer Zelle näherten. „Quäl dich nicht mit der Frage, wo wir gescheitert sind oder versagt haben. Denk stattdessen daran, was wir getan haben. Wir haben vielleicht nicht gewonnen – Vielleicht waren wir nicht einmal zu unseren besten Zeiten eine ernsthafte Bedrohung für sie. Aber wir haben ein Zeichen gesetzt. Wir wurden bemerkt. Sie haben es nicht geschafft, uns tot zu schweigen. Wir haben gezeigt, dass trotz allem, was sie tun, um genau das zu verhindern, es immer noch Widerstand gibt. Dass es immer noch Menschen gibt, die von Gerechtigkeit, Freiheit, von einer besseren Welt träumen, und dass sie bereit sind, dafür zu kämpfen. Dafür zu sterben. Wir haben den Gedanken am Leben gehalten und weitergetragen. Damit geben wir denen, die nach uns kommen, eine Chance. Und noch viel mehr – wir geben allen, die unter ihnen leiden… Hoffnung.“
Er sah den Anderen an, mit seinem kalten, traurigen Lächeln, und erhob sich, noch bevor der schwere Schlüssel im Schloss herumgedreht und die stählerne Tür aufgerissen wurde.
Kein einziges Wort fiel, als die beiden Männer den bewaffneten Soldaten folgten und ihre Zelle verließen, die leer und einsam zurückblieb. Niemand achtete auf die nicht einmal halb abgebrannte Zigarette im Aschenbecher, aus der der bläuliche Dunst spielerisch tanzend aufstieg. Der Widerhall ihrer Schritte verlor sich in der Ferne, irgendwo fiel eine schwere Tür ins Schloss.
Dann herrschte Stille.
Zwei Minuten und 37 Sekunden später, um exakt sechs Uhr morgens, krachte eine einzelne Gewehrsalve donnernd durch den Innenhof.
Genau in diesem Moment fiel auch der erste Sonnenstrahl durch das vergitterte Fenster und beschien die Zigarette, die verlassen vor sich hin glomm und den Rauch nährte, der lautlos in der kleinen Zelle tanzte.

– –

Der Pfeifenraucher Dienstag, Aug 24 2010 

So.

Ich weiß.
Hier ist lange nichts mehr gekommen.
Und ich denke ja gar nicht daran, mich dafür zu entschuldigen. Denn meine werten Leser und Leserinnen, sofern ich denn welche habe, sollten sich ja dadurch auszeichnen, dass sie ganz ohne meine Hilfe in den Wirren dieser Welt zurechtkommen.
Zugegebenermaßen, jeder kommt ohne mich in den Wirren dieser Welt besser zurecht als mit mir.
Das scheint ja auch das Problem zu sein – waum niemand einen zynischen, kulturpessimistischen Versager braucht, der nichts fertig bringt, nicht einmal, einen Blog wirklich regelmäßig zu betreiben.

Aber tja…. euer Problem ist, ich bin trotzdem noch da.
Nach einer kaum erwähnenswerten Zeit voll unberichtenswerter Ereignisse und trunkenhafter Geschehnisse, während derer ich mich von der Welt da draußen so gut wie möglich abgekoppelt habe, um mir etwas Ruhe zu gönnen, ist der gute alte Eden wieder da, so mies gelaunt und fies und sarkastisch wie eh und je.
Aber weil ich nunmal ein faules Schwein bin, schlage ich Folgendes vor;

Während ich daran arbeite, die Handschellen von meinem rechten Handgelenk zu entfernen (Fragt nicht, denn diese Geschichte ist viel zu lang und kompliziert und versaut und schmutzig, um sie hier zu berichten…), lest ihr euch in aller Ruhe eine meiner alten Kurzgeschichten durch.
Und vielleicht gefällt sie euch ja.
Und vielleicht kommen dann noch weitere Ergüsse meinerseits.
Ganz sicher sogar, ob sie euch gefallen oder nicht.

Wie dem auch sei.
Viel Spaß.

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Der Pfeifenraucher

Auf einer Bank saß er, abseits des Gewimmels der modernen Großstadtmenschen, und dachte nach. Blauer Dunst umschwebte ihn, während er regungslos dort hockte, tänzelte und schlängelte sich um ihn herum wie ein stummer ätherischer Gefährte, der dort seine Zeit mit ihm verbrachte. Wortlos wie jeden Tag beobachtete er das rege Treiben um sich herum, bedächtig an seiner alten Holzpfeife ziehend, während die Bewohner der Stadt ihren alltäglichen Geschäften nachgingen, während die Zeit dahin floss wie ein tosender, unaufhaltsamer Fluss, in dem sie alle nur Treibgut waren.
Doch nicht der alte Pfeifenraucher.
Er saß dort auf seiner Bank, wie jeden Tag, seit die Gesellschaft ihn nicht mehr brauchte, und um ihn herum allein schien die Zeit still zu stehen. Er verharrte an jenem Ort, auf der alten Parkbank, umgeben von einem Teppich aus niedergefallenen Blättern, die ein rotgoldenes Mosaik auf den grauen Pflasterboden zeichneten, rauchte seine alte Holzpfeife, beobachtete die Menschen, die an ihm vorübereilten ohne ihn zu beachten, und hing seinen eigenen melancholischen Gedanken nach.
Jeden Tag saß er hier, der alte Mann. Was sollte er auch sonst tun? Die Gesellschaft brauchte ihn nicht mehr. Sein Leben lang hatte er gearbeitet, und nun lebte er einsam und allein in seinen Ruhestand hinein, Tag für Tag seine Pfeife auf dieser Bank rauchend. Niemand brauchte die alten Menschen heutzutage noch, niemand wollte noch etwas von ihnen wissen. Die Welt gehörte den Anderen. Die Welt gehörte einer Gesellschaft, die ganz vergänglichen Schönheitsidealen und ewiger Jugend verfallen war. Niemand hatte mehr Verwendung für die Lebensweisheiten eines alten Mannes.
Die Menschen hasteten an ihm vorüber, gingen ihren Geschäften und Berufen nach, erledigten ihre Einkäufe und hetzten gedankenlos von Ort zu Ort. Niemand hielt inne, um den alten Pfeifenraucher auf seiner einsamen Bank anzusehen, die groß genug für mehrere Menschen wäre, niemand setzte sich, um sich selbst ein paar Minuten Ruhe und dem alten Mann etwas Gesellschaft zu leisten. Alle gingen sie vorüber, verschwendeten keinen Gedanken an den grauhaarigen Menschen, der nur wortlos dort saß, die Beine übereinander geschlagen und nachdenklich an seiner Pfeife ziehend.
Das war es, dachte der alte Mann traurig, das war es, was mit der Gesellschaft heutzutage nicht stimmte.
Alle eilten sie vorüber, von einer Sache zur Nächsten hetzend, ständig in Eile, ständig auf ihre Uhren blickend. Niemand nahm sich die Zeit, sich einfach mal zu setzen und in Ruhe den eigenen Gedanken freien Lauf zu lassen.
Niemand dachte mehr nach, über die Welt, die Menschen, über die Gesellschaft und alle die scheinbar nebensächlichen Probleme, die unausgesprochen ihrer Lösung harrten.
Das war es, was nicht stimmte.
Die Leute, die da an ihm vorübergingen, die Tag für Tag den breiten Bürgersteig vor seiner Bank überschwemmten – Sie alle funktionierten nur noch. Sie funktionierten wie Maschinen in einer mechanisierten Welt, jeder mit seinem Beruf, seinen Aufgaben, seiner ganz bestimmten Funktion, ohne zu denken, ohne die geistige Freiheit, das ungeheure, gewaltige, Normen und Konventionen niederreißende Potenzial der Menschheit zu entfesseln.
Und von der Freiheit des Geistes blieb schließlich nur – der alte Pfeifenraucher auf seiner Bank, den niemand mehr brauchte.

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Was dieser Blog-eintrag und die Kurzgeschichte eigentlich bewirken sollen?
Gar nichts.

Außer die Tatsache zu unterstreichen, dass ich wieder da bin, nachdem ich mir zwei Wochen Ruhe von all dieser Scheiße, die man Realität nennt, gegönnt habe.

Und jetzt.. weiß verdammt nochmal irgendjemand einen Trick, wie man Handschellen öffnen kann, ohne den Schlüssel zu besitzen?

Verdammte Scheiße, ich muss die Dinger los werden.

Die Krone der Evolution Donnerstag, Mrz 19 2009 

So.

Das hat lange gedauert.

Ich wollte das zwar an einem einzelnen Wochenende durchziehen, aber zum einen wurde ich durch eine Vielzahl anderer Dinge davon abgehalten, und zum anderen gestaltet die ganze Sache sich weitaus schwieriger, als ich angenommen hatte. Mit Logik und Sachverstand komme ich gegen dieses Chaos sehr viel schlechter an als erwartet.

Aber vielleicht liegt es auch daran, dass sich das mit der Zeit zu legen scheint und es mir insgesamt besser geht.

Nunja, die ganze Sache wird trotzdem durchgezogen. Aber vorerst, als Einschub, eine kleine KG, die ich vor wenigen Tagen spontan geschrieben habe. Nichts Weltbewegendes, aber zumindest kommt die Lust am Schreiben nach der ganzen Sache langsam wieder zurück.

Bitte.

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Die Krone der Evolution

Sind Sie schon einmal abends auf dem Nachhauseweg stehen geblieben, um einen Betrunkenen zu beobachten, der sich auf dem Boden wimmernd in seinem eigenen Erbrochenen windet, während zwei andere nicht minder Betrunkene lachend um ihn herumtorkeln und an dem Versuch scheitern, ihm wieder auf die Beine zu helfen?

Haben Sie sich schon einmal die Zeit genommen, zu zählen, wie viele Menschen in teuren Anzügen und mit gekaufter Liebe im Arm wortlos an Bettlern vorbeigehen, die flehend ein Foto ihrer Familie hochhalten?

Haben Sie schon einmal beobachtet, wie gleichgültig ihre Mitmenschen auf Nachrichten über Selbstmordanschläge mit mehreren Toten und Schwerverletzten reagieren und sich dann dem sinnentleerten Abendprogramm zuwenden?

Sind Sie schon einmal schweigend in der Nähe gestanden, als Mitmenschen jemand anderen verbal und mitunter sogar körperlich drangsaliert haben?

Haben Sie schon einmal einen Bericht im Fernsehen gesehen, über einen Jugendlichen, der seine Mutter krankenhausreif geschlagen hat?

Sind Sie schon einmal im Internet auf eine Seite gestoßen, in der reale Vergewaltigungsszenen, von Überwachungsvideos oder Mittätern gefilmt, als Pornographie vertrieben werden?

Haben Sie schon einmal zugesehen, wie der Fahrer eines Schneeräumers über die Bordsteinkante gelenkt hat, um eine über die Straße rennende Katze noch zu erwischen?

Haben Sie schon einmal mit angehört, wie sich jemand über die Schäden an seinem Auto aufgeregt hat, während das Tier, das er überfahren hat, keine zehn Meter entfernt lag?

Waren Sie schon einmal anwesend, als erwachsene Menschen sich an Bildern von zerfetzten Menschen aufgegeilt haben?

Haben Sie schon einmal in einer Fernsehdokumentation mit angesehen, wie ein lebender Hund an den Hinterbeinen die Straße hinuntergezerrt und in eine Müllpresse geworfen wurde, weil er unerwünscht war?

Haben sie schon einmal ein Video gesehen, in dem einem amerikanischen Soldaten von Extremisten der Kopf mit einem Küchenmesser sorgfältig langsam abgeschnitten wird?

Haben Sie aufgepasst, wie lange er geschrien hat?

Haben Sie bemerkt, wie gleichgültig seine Mörder darauf reagiert haben?

Haben Sie sich schon einmal den zweifelhaften Spaß erlaubt, die Kriege zu zählen, die aus bloßer Gier um Macht geführt wurden, gleichgültig wie viele Menschen dabei zugrunde gehen?

Haben Sie schon einmal Bilder gesehen, in denen nackte Leichen zu meterhohen Haufen vor den Häusern gestapelt worden sind?

Und haben Sie bemerkt, wie wir uns selbst nennen?

Die Krone der Evolution.

Eden’s Odyssees # 1 Montag, Jan 28 2008 

Es gibt so Tage, da funktioniert einfach gar nichts.

Da beginnen Kriege. Da ereignen sich Terroranschläge. Da verabschiedet sich die halbe Welt mal ganz spontan von ihren zivilisierten Eigenschaften. Oder man tritt einfach nur auf dem Bürgersteig direkt in einen fetten Haufen Hundescheiße.

So Tage halt, wo man sich fragt, ob die Menschheit angesichts ihrer unglaublichen Ignoranz und Dummheit überhaupt noch eine Existenzberechtigung hat.

Oder warum diese verdammten Hunde nicht dreißig Zentimeter weiter links in den Rasen scheißen können.

Gestern war so ein Tag.

Kurz zusammengefasst, ich ging spät nachts aus dem Haus, wanderte in die Dunkelheit, und kam mit einer blutenden Beule am Schädel und einigen sehr schmerzhaften rektalen Verletzungen wieder zurück.

Jaja, ich weiß schon – aber bleibt da, in der Geschichte ist weit weniger homoerotischer Inhalt zu finden als man jetzt vielleicht denken mag.

Deshalb präsentiere ich jetzt, voller Stolz und mit einem unangenehmen Juckreiz um den Schließmuskel herum, den ersten Teil einer neuen Serie, die in Zukunft vermutlich sehr oft Zuwachs bekommt:

Eden’s Odyssees # 1:

Es war ein Samstag wie jeder andere. Nämlich ein beschissener.

Irgendwann im Laufe meines Lebens war meine Mutter der Meinung gewesen, dass ich an allen Wochenenden bis zu meiner Volljährigkeit Zeitungen austragen sollte. Um mir etwas Geld dazu zu verdienen. Um zu lernen, was Arbeit heißt. Um Verantwortungsbewusstsein zu erlangen. Die ganzen Schwachsinnsgründe, die einem Erziehungsberechtigten in dieser Hinsicht einfallen können. Denn ich habe samstags ja auch nichts anderes zu tun.

Ich tat es also für das Geld.

Und ich tue es für gewöhnlich nachts. Nicht, weil ich nur schwarz trage, so tue, als würde ich mich mit Satanismus auskennen und jedem, der es nicht hören will, erzähle, dass ich Sonnenlicht hasse. Nein, der Grund ist einfach – nachts trifft man keine Menschen.

Nicht, dass ich Menschen nicht mögen würde. Nein!

Nur gibt es in unserem Kaff nur diese ganz besondere Art von ländlichen Menschen. Rentner, Arbeitslose und noch Schlimmeres – Kinder! – die einen dann immer anschauen. Einen grüßen. Mit einem reden. Unsäglich schlechte Witze machen, über die man dann künstlich lachen muss, nur um möglichst schnell wegzukommen.

Es war also ein Samstag wie jeder andere. Nämlich ein beschissener.

Um zwei Uhr morgens verließ ich mein trautes Heim, leicht bis mittelstark alkoholisiert, wie ich es eigentlich generell etwas oft bin. Gehört in Bayern ja quasi zum guten Ton. Wie immer ging – oder torkelte – ich meine Runden, warf die Prospekte ein, ohne die die Leute anscheinend nicht leben können, denn wenn ich einmal ein Haus vergesse, ist die Hölle los.

Nur gab es ein Problem.

Winter. Kälte. Glatteis. Alkohol. Schlechte Kombinationen.

Außerdem ist es nachts generell nicht sehr angenehm, vor allem, wenn man sich beständig von Rammstein zudröhnen lässt und dann neben stockfinsteren Wäldern vorbeistolpert. Gar nicht auszudenken, was einer so attraktiven, wehrlosen Frau wie mir da zustoßen könnte!

Zudem scheinen die wenigstens Leute damit zu rechnen, dass um zwei Uhr morgens ein betrunkener Jugendlicher die Straßen abklappert und bei ihnen Werbung für Hundefutter mit Hühnchengeschmack einwirft. (Mögen Hunde eigentlich Hühnerfleisch? Davon hab’ ich noch nie gehört.)

Was sie dazu verleitet, die Tore zu ihren Einfahrten zu verschließen und zu verriegeln, einen Stacheldrahtzaun zu ziehen und die Selbstschussanlagen zu aktivieren.

Oder zumindest eins von dreien.

Was den vollkommen betrunkenen Jugendlichen wiederum dazu verleitet, sich mit dem Elan und der anmutigen Grazie eines vollkommen betrunkenen Jugendlichen über ihre Zäune und Tore zu hieven.

Was auf Dauer natürlich nicht gut gehen kann.

Vor allem bei Glatteis.

Denn früher oder später passiert ein Unglück – und wenn man dann bei diesem Unglück von einem scheiß hölzernen Zaunpfosten beinahe anal vergewaltigt wird, hört der Spaß irgendwo einfach auf.

Auch, wenn man vollkommen betrunken ist.

Aber man rafft sich natürlich auf. Man ist immerhin Werbeprospekte-austräger. Eine verdammt harte Sau -die Elite. Der Beste der Besten. Man bringt den Leuten jedes Wochenende ihre wertvollen kleinen Heftchen, bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit.

Man ist ja schließlich ein Held des Alltags.

Außerdem ist man vollkommen betrunken.

Was man allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht weiß, und auch eine Viertelstunde später noch nicht, wenn man die Strecke schon fast durchhat und sich auf den Weg nach Hause machen will, ist etwas sehr Interessantes: Viele Menschen sind selbst im Januar noch zu faul, ihren verfickten Weihnachtsschmuck abzuhängen.

Und wenn man dann um zwei Uhr morgens mit dem Tunnelblick eines vollkommen betrunkenen Jugendlichen nach Hause torkelt, ist das Letzte, womit man rechnet, ein fetter Stoffweihnachtsmann, der an einem Balkon über einem hängt und einen mit dem psychopathischsten Blick eines Weihnachtsmannes anstarrt.

Glaubt mir, damit rechnet man einfach nicht.

Natürlich erschrickt man, man rutscht beinahe aus, fängt sich gerade noch, erkennt den Weihnachtsmann. Man lacht noch recht dreckig über seine eigene Dummheit.

Dann dreht man sich um und rennt gegen den Laternenpfahl.

Und endlich bekommt das Glatteis doch noch seine Chance. Während man sich noch an die schmerzende Stirn greift, kracht man schon mit dem Hinterkopf auf den Bürgersteig.

Und dann bleibt man erstmal liegen, um diese unglaubliche Szenerie auf den Leser dieses Blogs wirken zu lassen. Ich meine, früher dachte ich immer, so was gäbe es nur in den schlechtesten Cartoons für die dümmsten Kinder. Aber ich schwöre hoch und heilig, man möge mir beide Eier abschneiden und zum Verzehr braten, wenn ich lüge – es war wirklich so.

Da lag ich also nun, und tat erstmal das, was jeder in meiner Situation machen würde.

Ich zündete mir eine Zigarette an und blieb liegen, um zu warten, bis die Welt aufhören würde, sich zu drehen. Was sie nicht tat. Ob das nun am Alkohol lag oder an dem Blut, das wohltuend wärmend in unglaublichen Massen aus meinem Hinterkopf strömte, ich weiß es nicht.

Na gut, eigentlich waren es nur ein paar Tropfen.

Jedenfalls stand ich irgendwann wieder auf.

Ich glaube zumindest, dass ich aufstand, denn als ich wieder aufwachte, war ich zu Hause, mit gleich zwei schmerzhaften Beulen am Schädel und einem unangenehmen Kratzen um den Schließmuskel herum.

Oder vielleicht ist das auch alles nur ein kranker Traum, den mein Unterbewusstsein sich ausgedacht hat, um mich vor der viel grausameren Wahrheit zu schützen.

Jedenfalls ein ganz normaler Samstag. Nämlich ein beschissener.

Von Kaugummis und Bombenanschlägen Donnerstag, Nov 22 2007 

Ohne einleitende Worte einfach mal aus meinem Kurzgeschichtenordner herauskopiert:

– –

Wie immer saß er dort.
Wie jeden Abend zusammengesunken in den ewig gleichen Sessel, erschöpft, müde, ausgelaugt und nicht mehr fähig, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen.
Wie nach jedem gottverdammten Tag seines Lebens, den er verschwendete, um sich von der Gesellschaft einen weiteren Atemzug, ein paar Momente Leben, ein bisschen Freiheit zu erkaufen.
Freiheit für Sklaverei.
Jeden Tag ein bisschen mehr sterben, nur um weiterzuleben.
Ein leiser Widerstand regte sich in seinem Kopf, er fühlte, wie sein erkaltetes Herz mit einem Mal schneller schlug, wie ein bitteres Lächeln die Miene seines faltigen Gesichts verzerrte.
Aber er hatte verloren, das wusste er – der Teil in ihm, der sich noch wehrte, hatte nur noch nicht begriffen, dass der Krieg längst zu Ende war.
Seine fahrige Hand griff nach der Fernbedienung, schaltete den Fernseher ein, auf den sein starrer, leerer Blick gerichtet war.
Das allabendliche Ritual begann.
Er wühlte sich mit schlaftrunkenem Geist durch Sender und Programme, verweilte kurz bei Bildern, die sein Interesse weckten, die auch nur ein wenig an der rauen Schale seines ermüdeten, gelangweilten Geistes kratzten, die noch fähig waren, einen kleinen Funken Begeisterung in ihm zu wecken.
Der Finger auf der Fernbedienung zuckte.
Dem Blick seiner blutunterlaufenen Augen offenbarten sich Bilder einer Schauspielerin auf irgendeiner nichts sagenden Veranstaltung irgendwo auf dieser gottverdammten Welt, deren Perversion ihn längst nicht mehr interessierte. Der Kameramann hielt mit zitternden Händen, als hätte er eine riesige Entdeckung vor sich, auf ihren Schuh und filmte den winzigen Kaugummi, der an ihrem Absatz klebte, begleitet von dem einschläfernden Kommentar irgendeiner Praktikantin eines zweitklassigen Boulevardmagazins.
London – Auch eine Angelina Jolie ist vor Peinlichkeiten nicht gefeit. So geschehen bei der gestrigen Premiere ihres Films „Beowulf“. Auf dem roten Teppich in London ließ sich Jolie von Freund Brad Pitt und einem Kaugummi begleiten. Laut der britischen Zeitung „The Sun“ klebte der fiese Kaugummi am Absatz ihres linken Schuhs, leider bemerkte Jolie dies nicht und schleppte das Kauwerk bis in den Filmsaal. Die Fotografen sahen das Ganze natürlich und hielten drauf.
Begleitet von zahlreichen Nahaufnahmen Angelina Jolies aus allen erdenklichen Winkeln und Perspektiven.
Gefolgt von zahlreichen Nahaufnahmen des Kaugummis aus allen erdenklichen Winkeln und Perspektiven.
Das Lächeln auf seinem Gesicht schwand – der Finger auf der Fernbedienung zuckte.
Das Programm wechselte zu einem Nachrichtensender, einem jener halbwegs seriösen Bollwerke des Verstandes in einer stürmisch-dümmlichen Medienlandschaft. Ein transparenter Balken am unteren Bildschirmrand ließ unentwegt kurze Nachrichten über den Bildschirm flimmern.
Er kniff die Augen zusammen.
Eilmeldung: Weitere Bombenanschläge im Irak – fünf Tote und dreiundzwanzig Verletzte in Bagdad.
Es dauerte nur sieben Sekunden, sieben erbärmliche Sekunden, bis der Schriftzug durch das Bild gehuscht war. Als wäre er unerwünscht. Als wolle man nicht, dass die Menschen ihn lesen. Weil er unangenehm war.
Sieben Sekunden.
Der Finger auf der Fernbedienung zuckte, die Bilder wichen einem stummen, eindringlichen Schwarz.
Ächzend erhob er sich, legte die Fernbedienung langsam beiseite, bettete sie fast zärtlich auf das Sofa, auf dem er ohnehin nie saß, wie einen Schatz, wie das wertvollste Relikt seines Lebens.Fünf Tote, dreiundzwanzig Verletzte – sieben Sekunden.
Ein Kaugummi am Schuh einer gottverdammten Schauspielerin – mehr als eine Minute.
Er spürte den Widerstand in seinem Kopf, spürte das rasende Pochen seines Herzens, spürte, wie der alte Kampfgeist wieder Besitz von ihm ergriff.
Sieben Sekunden.
Diesmal lächelte er nicht.
Er nickte nur, nickte dem schreienden, kreischenden, um sich schlagenden Dämon in seinem Inneren zu, als müsse er ihm erst erlauben, aus seinem Körper auszubrechen.
Wie in Trance drehte er sich um, die faltigen Hände packten seinen Lieblingssessel, er riss das Möbelstück in die Höhe als wäre es federleicht und warf es direkt in die widerwärtige Schwärze, die ihm aus dem Fernseher entgegenstarrte.
Eine Explosion aus Splittern und Scherben stob durch das Zimmer, Funken sprühten wie ein kleines Feuerwerk aus dem Gerät, um seine Tat zu honorieren, das Klirren und Knirschen des zerstörten Fernsehers erfüllte den Dämon in seinem Inneren mit schierer Freude.
Er schrie, stieß mit dem Fuß in die funkenstiebende Bestie, trat nach, immer und immer wieder, packte den Fernseher, schleuderte ihn quer durch den Raum, dass er an der gegenüberliegenden Wand zerbarst.
Sieben Sekunden.
Der Dämon schrie.

– –

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