Rauchen für die Umwelt! Dienstag, Okt 26 2010 

Ich muss hier und heute, vor der gewaltigen Schar der Eden Uncensored-Leserschaft und in der schonungslosen, nicht verzeihenden, niemals vergessenden Öffentlichkeit des Internets… ein Geständnis ablegen.
Manche mögen mich dafür verdammen und hassen, sie mögen mich verurteilen von der Warte ihrer unerreichbaren Perfektion aus, sie mögen sich abwenden und mich für ein Relikt aus einer vergangenen Zeit halten, dessen Existenzspanne abläuft, das allmählich aus dem alltäglichen Bild dieser Gesellschaft verschwinden wird. Eine Bestie der Vergangenheit, die von den Erkenntnissen der Moderne verdrängt wurde.

Wie die Sklaverei.
Kinderarbeit.
Religiöser Fanatismus.
Oder der Sozialstaat.
Haha.

Jedenfalls – haltet eure Perücken fest und holt euch Baldriantropfen;

Ich bin Raucher.
Ja.
Jetzt ist es raus.
Ich rauche, manchmal vielleicht eine Schachtel in der Woche, manchmal wie der Schlot einer Industriefabrik im London des späten neunzehnten Jahrhunderts.
Ich zelebriere einen Genuss, der uns alle umbringen wird, am liebsten in der Nähe von Grundschulen, Kindergärten oder Spielplätzen. Manchmal setze ich mich in den Sandkasten und ziehe eine kubanische Zigarre durch, manchmal lasse ich mich neben einer schwangere Frau nieder und blase ihr lachend den Rauch ins Gesicht, dann setze ich mir eine Spritze Heroin und deale am Schulhof mit Gras.

Denn ich bin Raucher.
Ich bin böse.
Und ich tue was für unsere Umwelt.

Jaha.
Da schaut ihr. Ihr nämlich nicht, ihr gesunden, topfitten Nichtraucher mit euren sauberen Lungen und euren langen Lebenserwartungen.
Nicht nur, dass ich gewissenhaft dafür Sorge trage, meinen Mitmenschen tendenziell weniger lange mit meinem Gedöns auf die Nerven zu gehen, was ich alles scheiße finde, nein, ich gegenfinanziere auch die Mindereinnahmen durch die Ökosteuer, die unsere Regierung in Zukunft erwartet.

Falls ihr euch jetzt fragt, was ich hier für einen Unfug verzapfe;

Berlin – Die Konzerne behalten Privilegien, stattdessen werden Konsumenten, sprich: die Raucher, belastet. Die Ökosteuer wird aufgeweicht, die Tabaksteuer soll steigen. Das hat die Koalition auf ihrem Steuergipfel am Sonntag beschlossen.

Quelle

Na, das ist doch mal was.
Ich will ja nicht generell sagen, dass ich was dagegen hätte, etwas für die Umwelt zu tun. Auch wenn ich Raucher bin, und damit eigentlich böse. Aber abgesehen davon, dass die Ökosteuer ja gar nicht so eindeutig diesem Zweck zugeführt wird, wie man öfter mal hört, stört mich irgendwie die Begründung etwas. Lesen wir mal weiter…

Es sei „richtig und notwendig“, die Unternehmen, die günstigen Strom bräuchten, zu entlasten, sagte Unionsfraktionsvize Michael Fuchs (CDU) im SWR. „Sonst können sie in Deutschland nicht produzieren und dann gehen in Deutschland Arbeitsplätze verloren.“ Dass für die Entlastung der Unternehmen die Tabaksteuer erhöht werden soll, rechtfertigte Fuchs: „Rauchen ist nicht gesund, das weiß eigentlich jeder und schadet insgesamt dann auch der Volkswirtschaft.“

Ich finde ja, das ist sehr großzügig von mir, dass ich nicht nur für die Umwelt rauche, sondern auch noch, um die Steuerentlastung für energieintensive Unternehmen mitzutragen.
Seht euch das an! Nicht nur für die Umwelt, sondern auch noch für die Wirtschaft! Und für Arbeitsplätze in Deutschland! EURE Arbeitsplätze möglicherweise!
Vielleicht bin ich gar nicht so böse.

Aber immer noch böse genug, dass lieber ich daran glauben sollte als die Unternehmen, die, wir wissen es alle, nur das Beste für uns alle im Sinn haben.
Immerhin sind wir Raucher ja Feindbild Nummer zwei hinter den Terroristen.
Naja, vielleicht auch Nummer drei.
Ganz so von Natur aus böse und verdorben wie Kinderschänder sind wir dann ja doch nicht.

Und, auch wenn jetzt viele mit den Augen rollen und mir die übliche Leier attestieren, irgendwie hat das Ganze für mich doch den allzu bitteren Beigeschmack einer Umverteilung der Steuerlast von oben nach unten, wie das auch „oppositionelle“ Kräfte andeuten.
Ich finde ja, man könnte da durchaus auch an anderer Stelle ansetzen. Möglicherweise – Ich weiß nicht – gewisse kartellähnliche Zustände bei den deutschen Energiekonzernen mal einer näheren Überprüfung unterziehen und sich fragen, ob es nicht möglich wäre, auf anderem Wege dafür Sorge zu tragen, dass die armen gebeutelten Unternehmen nicht zu viel für ihren Strom bezahlen.
Aber halt – Ich schätze, auch damit würden wir nur erreichen, dass uns viele Arbeitsplätze bei genau diesen Konzernen verlorengehen, wenn sie sich plötzlich mit der Tatsache konfrontiert sehen, uns nicht mehr abzocken zu können und ihre von Vornherein so bedenklich schmale Gewinnspanne weiter einschrumpft.
Ich vergaß.

Da ist es doch besser, wir Raucher übernehmen das, weil Rauchen ist nicht gesund, das wissen wir alle.
Saufen übrigens auch nicht, oder sich irgendwo weit weg erschießen zu lassen bei dem Versuch, Andere zu erschießen, um „deutsche Interessen zu verteidigen“.
Hartz-IV-Empfänger zu sein anscheinend auch nicht, wenn man sich einige andere Sparmaßnahmen ansieht.

Irgendwie fühle ich mich bei solchen Begebenheiten immer unweigerlich etwas an einen Ausspruch erinnert, nach dem unsere Regierungsform in modernen Zeiten oft eher der Bezeichnung „Wirtschafts- oder Konzerndiktatur“ entspricht als einer Demokratie.
Ein Fünkchen Wahrheit kann ich diesem Gedanken nicht abstreiten, wobei oftmals die Frage entstehen dürfte, ob das, was gut für die Wirtschaft ist, auch zwangsläufig irgendwann dem Volk und dem einzelnen Bürger zu Gute kommt.
Aber so eine Frage zu stellen gilt ja in vielen Kreisen fast schon als Ketzerei.

Also wird schon was dran sein. Verlassen wir uns am besten darauf, dass all die Verantwortlichen wissen, was das Beste für uns ist, auch wenn das für uns, die wir eher unsere eigenen Interessen vertreten sehen wollen als die der Wirtschaft, oft keinen großen Sinn macht.

Demzufolge – Entschuldigt mich bitte, während ich mal kurz richtig böse bin und was für die Umwelt, die Wirtschaft und tausende Arbeitsplätze in Deutschland tue.

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Einigkeit und Recht und Freiheit Sonntag, Okt 17 2010 

Kennt ihr diese wunderbaren, segensreichen Tage, an denen man aufsteht, die Vorhänge öffnet, der Welt einen fröhlichen Gruß entbietet und dafür einen Schlag in die Fresse bekommt?
Diese Tage, an denen man in einer Sphäre irgendwo zwischen dem Künstlerisch-Göttlichen, dem Idealismus, den ureigenen Träumen und Vorstellungen, wie die Welt sein KÖNNTE, und der grausam niederschmetternden, ernüchternden Erkenntnis, wie sie wirklich ist, schwebt, und sich weder dem Einen noch dem Anderen wirklich zugehörig fühlt?
Diese Tage, wo man sich von etwas Größerem inspiriert fühlt und von so ungreifbaren, schwer definierbaren, fernen Dingen wie Freiheit oder Gerechtigkeit träumt, während einen der Alltag mit all seinen banalen Belanglosigkeiten herunterdrückt, wo man in den Spiegel blickt und zum ungezählten Mal erkennt, dass alles nicht mehr ist als eben genau das?

Ein Traum?

Diese Tage, an denen einen die Welt einfach nur noch ankotzt?
Weil man unter die Oberfläche all dessen taucht, wofür sich unsere Gesellschaft hält und wofür sie zu stehen glaubt – Oder glaubt sie es überhaupt noch selbst?
Selbst die größten Arschlöcher und Flachwichser können sich selbst einreden, sie seien eigentlich ganz in Ordnung, um weiterhin Arschlöcher und Flachwichser bleiben zu können.
Ich habe des Gefühl, irgendwie so ist es oft auch mit dem, was wir unsere Gesellschaft oder Kultur nennen.
Wir wollen anderen weismachen, wir stünden für irgendwelche Ideale, drehen uns um und treten sie mit Füßen.
Wir reden davon, eine Sache zu verteidigen und spucken im nächsten Moment darauf.
Wir machen uns selbst vor, für die Menschen zu kämpfen – und kämpfen gegen sie.

Alles nur Lippenbekenntnisse, Populismus, Selbstbeschwichtigung. Die Titanic sinkt, die Kapelle spielt weiter.
Wir schminken ein Monster und reden uns ein, eine Schönheit vor uns zu haben.

Wir sprechen von Einigkeit, von Einheit, von Loyalität, wir diskutieren über Integration und sind selbst noch nicht einmal ein Volk. Wir sind entweder Westdeutsche oder Ostdeutsche, Bayern oder „Preußen“, Katholiken oder Protestanten, Arme oder Reiche.
Wir zerbrechen an Belanglosigkeiten und wollen anderen weismachen, sie sollten sich in ein Gesamtwesen integrieren, das nichts weiter als eine Illusion ist, aus nichts weiter als Gegensätzen und Konflikten besteht.

Wir sprechen von Recht und meinen Gesetz, wir sprechen von Moral und meinen Pflicht. Dabei ist unsere Gerechtigkeit nichts weiter als ein fahler, oberflächlicher Anstrich über den selben Makeln, die wir seit Jahrhunderten mit uns schleppen. Menschen stehlen etwas im Supermarkt und wir nennen es Ungerechtigkeit, Politiker beziehen Nebeneinkünfte von Unternehmen, in deren Namen sie denken, reden und handeln, und wir nennen es das System. Wir nennen es normal.
Unabänderlich.

Denn so läuft es nun mal, und was kann man als Einzelner schon dagegen tun.

Wir reden von Freiheit und meinen damit den kümmerlichen Rest von Möglichkeiten, die uns bleiben, wenn wir „sicher“ sein wollen. Wir machen uns vor, sie zu verteidigen, und schränken sie ein, um uns vor illusionären, ungreifbaren Gefahren zu schützen.
Wir führen einen Krieg gegen die Mächte, die die Fundamente unserer Wertvorstellungen bedrohen, und geben sie auf, um zu gewinnen.
Und unser großer Sieg wird sein wie alles andere an uns – eine Niederlage, wenn man nur unter die Oberfläche taucht.

So erheben wir sie, stellen sie auf ein Podest, unsere Ideale, lassen uns immer mal wieder von unseren Politikern erzählen, wie großartig wir sie verfolgen und verteidigen, wie viel wir für sie getan haben, fühlen uns dann geschmeichelt und stimmen ihnen zu, denn wir haben sie ja verdient, diese Lobgesänge.
Danach drehen wir uns um und treten sie weiter mit Füßen.

Denn heute kämpft jeder für sich, aber kaum jemand mehr für etwas darüber hinaus.
Wir wollen immer mehr und sehen nicht, dass wir immer weniger haben.

Und diejenigen, die sich bemühen, das Wenige zu erhalten, stehen viel zu oft auf verlorenem Posten.

Und was ist das Ende der Geschichte?
Gibt es eines?
Schreiben wir es gerade?
Ist es schon geschrieben und muss sich nur noch ereignen?

Denkt ihr, ihr bekommt jetzt am Ende dieses Eintrags einen Hoffnungsschimmer, eine Lösung, ein Happy End?

Negativ. So sieht’s nämlich aus.
Das ist der Stand der Dinge.

Und heute ist so einer dieser Tage, wo mich das richtig ankotzt.

Ende.