Ich weiß ja nicht, wie viele gestandene Bayern sich hier unter meiner werten, überaus schweigsamen, aber laut Blogstatistik doch vorhandenen Leserschaft befinden und wie viele davon mit dem Namen Nockherberg etwas anfangen können.
Zum Starkbierfest am Nockherberg, das sei hier vermittels wikipedia und für die ganz Faulen einer kurzen Erklärung meinerseits gesagt, werden einmal im Jahr diverse namhafte Politiker von Bund und Land geladen und dürfen sich daran erfreuen, dass sie von Kabarettisten auf die Schippe genommen werden.
Nur dass die Kabarettisten im Grunde genommen eigentlich einfach nur die Wahrheit sagen. Irgendwie lustig aufbereitet eben. Aber was ist Kabarettismus im Grunde schon Anderes, als die hässliche Wahrheit lustig zu schminken?
Und dass die Politiker sich nicht wirklich daran erfreuen, sondern es im Gegenteil genug Szenen gibt, wo man deutlich erkennt, dass hinter dem scheinheilig amüsierten Lächeln Emotionen irgendwo zwischen peinlicher Verlegenheit, unterdrückter Wut und Scham zirkulieren.
Das macht das Ganze natürlich in der Regel umso amüsanter für den Zuschauer, weil er durchaus in der Lage sein dürfte, zu sehen, dass seinen „Volksvertretern“ in diesem Moment alles andere als wohl in ihrer Haut ist bei all den schönen Tatsachen, mit denen sie hier konfrontiert werden.
Aber man kann ja nicht einfach der Veranstaltung fernbleiben, wenn man mehr oder weniger öffentlich eingeladen wird. Denn das erweckt ja den Anschein, als verstehe man keinen Spaß und vertrage es nicht, von Kabarettisten ein bisschen vorgeführt zu werden.
Was man natürlich in der Regel beides nicht tut – aber man kann ja wenigstens den schönen Schein wahren. Das kommt auch bestimmt gut bei den Wählern an!
Und so dürfen wir uns wenigstens einmal im Jahr daran erfreuen, dass mehr oder weniger Tacheles geredet wird und die werten Damen und Herren nicht viel mehr tun können, als dazusitzen, zu lachen und zu klatschen.

Mehr oder weniger Tacheles?
Ja, genau.
Denn seht ihr, wenn man als Kabarettist am Nockherberg zu sanft mit seinem hochprominenten Publikum umspringt, erntet man zwar dessen Wohwollen, ist im Gegenzug aber meist nicht besonders beliebt bei den Zuschauern. Weil die es, man höre und staune, doch recht gut finden wenn mal Tacheles geredet und den Politikern der Marsch geblasen wird.
Wenn man aber zu scharf an die Sache rangeht, dann reagieren besagte Politiker anscheinend in etwa so wie ein Fünfjähriger, dem offenbart wird, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt, seine Eltern sich trennen und er daran schuld ist und sein Hund, der gerade den Osterhasen gefangen und totgebissen hat, dabei überfahren wurde.
Und das alles an seinem Geburtstag.
Mit anderen Worten, sie fangen an, gewaltig rumzuzicken.
Und noch viel schlimmer, denn das Kind in dem genannten (hoffentlich!) fiktiven Beispiel hätte sogar allen Grund, gewaltig rumzuzicken, ich denke, da sind wir uns einigermaßen einig.
Bei unseren Politikern sieht es da schon ein bisschen anders aus.

Jedenfalls ist es ein sehr schönes Beispiel dafür, was mit Leuten passiert, die der herrschenden Machtelite wirklich unangenehm werden.
Denn da gibt es die sogenannte Fastenpredigt, bei der einer der Kabarettisten in die Rölle des Mönchs Bruder Barnabas schlüpft und von seiner Kanzel herab so ziemlich einen politischen Rundumschlag liefert bei dem er alles, was sich da im letzten Jahr so geleistet wurde, humoristisch abstraft.
Und der derzeitige Redner Michael Lerchenberg war den werten Damen und Herren dabei wohl ein ganzes Stück zu ehrlich und direkt.
Beziehungsweise, der ehemalige Redner Michael Lerchenberg.

Jaha, so schnell kann das nämlich gehen.
Der Herr Lerchenberg machte nämlich den Fehler, in seiner Rede etwas zu sagen, was man, wenn man jetzt mal ganz frei in der Wortauslegung ist, als „KZ-Vergleich“ bezeichnen könnte.
Und, wir wissen es alle, bei so was bricht sofort die Hölle los, wie harmlos der Vorfall auch sein mag.
Wer sich die Fastenpredigt in ihrer ganzen Länge zu Gemüte führen will, der gehe auf youtube und suche nach „Nockherberg 2010 Fastenpredigt unzensiert“.

„Unzensiert“?
Ja, das war nämlich das Erste, was sich der Bayerische Rundfunk erlaubte, als er die Wiederholung der Live-Übertragung des Starkbierfestes am Nockherberg ausstrahlte. Und dabei wurde nicht, wie man jetzt vermuten könnte, nur der besagte „KZ-Vergleich“ (Ich muss es einfach in Anführungszeichen setzen, weil es viel zu hoch gegriffen ist.) herausgeschnitten, nein, es fehlten diverse Abschnitte, in denen Herr Lerchenberg mit seinem Publikum etwas härter umsprang – zum Beispiel ein zwei Minuten langer Teil, in dem es um Korruption in politischen Ämtern ging.

Hier kann man dem zum Glück noch lauschen, und genau so kann man sich den bösen, bösen „KZ-Vergleich“, der so weitreichende Folgen hatte, in all seiner menschenverachtenden Humorlosigkeit zu Gemüte führen.
Nicht, dass irgendjemand im Publikum WÄHREND der Rede auf die Idee gekommen wäre, dass diese Ausführungen zu weit gehen könnten. Da hat man nur leicht gelacht und sich bemüht, den Schein von guter Laune weiterhin aufrecht zu halten.
Erst nach der Sendung hat die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch nach reiflicher Überlegung mal kurz gehustet – und wie das so üblich ist, breitete sich wie ein Tsunami eine Welle der Empörung und Entrüstung über diesen bösartigen Vergleich in den Reihen der Politiker aus, die davor noch leise darüber gelacht und den guten Schein gewahrt hatten.
Nicht, weil man empört oder entrüstet über den Vergleich wäre.
Nein!
Aber hier hat man etwas, an dem man sich aufhängen und es dem fiesen Kabarettisten heimzahlen kann, und dabei hat man garantiert noch die Öffentlichkeit auf seiner Seite!

Das kann man sich doch nicht entgehen lassen.

Nun, ich will hier einmal die entsprechende Stelle (im Video ab 3:06 zu sehen) wortwörtlich und dialektbereinigt zitieren.

(Nur der Vollständigkeit halber, er bezog sich hierbei auf die zu dieser Zeit um sich greifenden Disskusionen über Guido Westerwelles Äußerungen über Hartz IV-Empfänger, Leistungsgerechtigkeit und „spätrömische Dekadenz“.)

Nachdem sich aber Leistung richtigerweise lohnen muss, so rutscht die FDP von 15 auf 11, 8, 6 Prozent runter – Wenn ihr so weiter macht, dann seid ihr die erste Partei, die in Berlin regiert, obwohl sie unter fünf Prozent ist!
Zehn Jahre will er regieren, der Herr Westerwelle, oh mei! Wenn ihr alle miteinander mit eurem Saustall so weitermacht, dann reicht’s ja nicht mal für 365 Tage!
Und darum dreht er jetzt durch, der Herr Guido, und schwingt seine sozialpolitische Abrissbirne. Alle Hartz IV-Empfänger sammelt er in den leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drumrum ein Stacheldraht – Hatten wir schon mal.
Dann gibt’s jeden Tag eine Wassersuppe und ein Stück Brot, statt Heizkostenzuschuss gibt’s von Sarrazins Winterhilfswerk zwei Pullover und über’m Eingang steht, bewacht von neoliberalen Ichlingen im Gelbhemd in eisernen Lettern „LEISTUNG MUSS SICH WIEDER LOHNEN!“

Jetzt bin ich ja allgemein eher der Meinung, dass im Humor und in der Kunst so ziemlich alles erlaubt sein muss. Genau so wie mir auch die vorprogrammierte Welle der zumeist scheinheiligen Entrüstung, die durch Deutschland geht, wenn irgendjemand etwas auch nur unabsichtlich zweideutig formuliert und man es als NS-Vergleich auslegen KÖNNTE, absolut zuwider ist und ich denke, dass man sich von dieser langsam lächerlich werdenden politischen Gewohnheit lösen sollte.
Aber jetzt mal ehrlich, lest euch den fett geschriebenen Abschnitt durch – Ist das ein KZ-Vergleich, der über die Stränge schlagt? Ist das, wie Frau Knobloch denkt, eine Herabwürdigung der Leiden von Häftlingen während der NS-Zeit? Oder geht es hier vielmehr darum, dass eine ganze Bevölkerungsgruppe pauschal als Schmarotzer diffamiert wurde?
Natürlich ist das eine humoristische Übertreibung, vollkommen klar, aber eben genau, um das herauszustellen.
Nicht zuletzt zitiert er direkt danach aus der bayerischen Verfassung und stellt den Anspruch jedes Bürgers, der nicht für seinen eigenen Lebensunterhalt sorgen kann, auf Sozialleistungen durch den Staat heraus.
Ein bösartiger KZ-Vergleich sieht nach meinem Verständnis anders aus.

Aber nun, zum Leidwesen von Herr Lerchenberg war der Aufhänger gefunden und es wurde sich im großen Stil empört, und gerade weil ja sofort alle Deutschen auf die Knie fallen, wenn es um dieses Thema geht, fand er auch entsprechend wenig Rückhalt.
Da wäre zum einen die angesprochene Zensur des BR, die sich, ich erwähne es nochmal, NICHT auf diese Stelle beschränkte und der seltsamerweise, obwohl es ja nur darum ging, die Sendung auf eine Länge zu bringen, dass sie ins Programm des BR passt, gerade die für die Politik unangenehmsten Abschnitte zum Opfer gefallen sind.
Und da wäre natürlich zum anderen auch jede Menge öffentliche Entrüstung über seine Worte, sobald die entsprechenden Personen mitbekommen haben, das Charlotte Knobloch gehustet hat.
Und das, kombiniert mit mangelndem Rückhalt beim Veranstalter selbst (Paulaner) führte dazu, dass Herr Lerchenberg, nun, wie soll ich sagen – „freiwillig gegangen wurde“.

Das wiederum nahm Helmut Schleich, einer der anderen Kabarettisten, oben zu sehen als von den Toten auferstandener Franz Josef Strauß, der über seine Nachfolger richtet, zum Anlass, indirekt zum Boykott aufzurufen und sich damit so ziemlich als Einziger auf die Seite des gefallenen (oder hinabgestoßenen?) Fastenpredigers zu stellen.
Womit er meiner Meinung nach den Nagel auf den Kopf trifft.

Ich glaube keine Sekunde lang, dass es denen, die sich am meisten darüber empören, auch nur im Entferntesten um eine mögliche Herabwürdigung der KZ-Opfer geht (die ich absolut nicht erkennen kann), sondern dass hier, simpel formuliert, einfach der Umstand zelebriert wurde, dass etwas gefunden war, mit dem man zurückfeuern konnte.
Nicht zuletzt stößt mir eine derartige Zensur einfach gewaltig auf und ich frage mich, was für einen Mangel an Klasse wir unseren „Volksvertretern“ angesichts solcher Verhaltensweisen attestieren müssen.
Weniger schlimm wäre das alles wie gesagt vielleicht, wenn bei der Wiederholung tatsächlich nur die betreffende Stelle herausgeschnitten worden wäre – aber so? Da muss ich mich doch ernsthaft fragen, mit welchem Selbstbild die Verantwortlichen hier an die Arbeit gehen. Nicht zuletzt handelt es sich hier um eine Meinungsäußerung, und obwohl überspitzt formuliert, spricht Michael Lerchenberg eben doch sehr viele Umstände aus, die sich nicht wenige Menschen auch schon denken – nur dass sie in der angenehm höflichen, angenehm schöngefärbten, angenehm „politisch korrekten“ Alltagswelt außerhalb des Nockherbergs praktisch nie ausgesprochen, quasi totgeschwiegen werden.
Und über kurz oder lang auch am Nockherberg, wenn man sich derartige Methoden gefallen lässt.
Und falls irgendwelche Vergleiche mit unrühmlichen Perioden der deutschen Geschichte vordem nicht angebracht waren, so sind sie es jetzt allemal. Ich fühle mich sehr geneigt, hier selbst mal loszulegen und wirklich harte Vergleiche anzustellen – und ich geb’n Scheiß auf politische Korrektheit.
Bei einem solchen Publikum, bei solchen Politikern, ist weder Kabarettismus noch eine wirklich ernste Opposition oder freie Meinungsbildung wirklich möglich.

Jedenfalls werde ich das alles weiter beobachten, obwohl sich diese Ereignisse ja schon vor einiger Zeit abgespielt haben – Ich wurde erst vor Kurzem von einem Bekannten darauf aufmerksam gemacht. Es bleibt abzuwarten, was sich auf dem Nockherberg 2011 so abspielt. Und sollte es der Fall sein, dass die Fastenpredigt des nächsten Kandidaten, wer auch immer sich dessen annehmen mag, handzahm ausfällt, kann ich euch jetzt schon jede Menge WIRKLICH böse Vergleiche auf diesem Blog ankündigen.

Übrigens, noch ein kleiner Witz zum Schluss: Der werte Herr Westerwelle, dessen Äußerungen ja indirekt Ursprung des ganzen Chaos waren, distanzierte sich danach in einem öffentlichen Brief entschieden vom Nockherberg, an dem er „mehrfach gern teilgenommen“ habe (obwohl er dieses Jahr aus ominösen Gründen verhindert war) und forderte die Verantwortlichen auf, wegen dieser Vergleiche in Zukunft von Einladungen an seine Person abzusehen.
Jaaaa.
Ist klar.
„Deswegen“.

Bei so viel Scheinheiligkeit und, auf gut bayerisch, Hinterfotzigkeit, wird mir einfach nur schlecht.

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