Der Preis der Freiheit Samstag, Aug 28 2010 

Eigentlich bringe ich ja ungern zwei Kurzgeschichten hintereinander auf dem Blog.

Nicht, weil ich nicht kreativ genug wäre, um so viele autoristische Ergüsse in Fließbandproduktion zu erschaffen, zeitlich.
Denn ich bin verflucht kreativ. Wirklich. Fragt meine Bastellehrerin aus der Grundschule.
So handwerklich gut gemachte Pappmaché-Penisse habt ihr in eurem ganzen Leben noch nicht gesehen.
Vielleicht sollte ich ja auf Dildofabrikation umsteigen, wo ich so darüber nachdenke. Individuell nach Kundenwünschen. Alles handgemacht, in jedem Exemplar Stunden von Handarbeit und gewaltiges Fachwissen.

Jedenfalls… was ich sagen wollte.
Eigentlich nutze ich die Kurzgeschichten hier ja im Regelfall eher als einen kleinen Spritzer von Unterhaltung zwischen den zynischen, bösen, ernüchternd hoffnungslosen Artikeln.
Oder irgendwie so denke ich mir das zumindest.

Aber momentan, nach dem angesprochenen Zeitraum von massivem Alkoholkonsum und gesellschaftlichen Festivitäten, mit denen ich mich mal zwei Wochen lang genau so von der grausamen Realität abgelenkt habe wie der große Rest… empfinde ich die grausame Realität in den letzten Tagen in der Tat als derart grausam, dass ich fast den Wunsch verspüre, gleich einfach so weiterzumachen und mich in ein möglichst frühes Grab zu rauchen, zu saufen, zu kiffen, zu kotzen, zu prügeln und was ich sonst noch so treibe.
Aber das geht ja nun auch nicht.
Zugegeben, es hätte wirklich eine ganze Menge Stil, wenn man es richtig macht.
Aber das erfährt ja keiner, wenn ich nicht mehr da bin, um es rauszuposaunen.
Auf der anderen Seite bin ich momentan einfach derart genervt, dass ich bei den entsprechenden Themen meistens einfach mit einer „Scheiß drauf.“-mentalität abwinke, ohne im Mindesten die Lust zu verspüren, noch zu erörtern, warum ich die Verantwortlichen alle zur Hölle wünsche.

Tja, ist irgendwie gerade so.
Ich schätze, die ganzen klugen Leute, die sich mit mir beschäftigen, würden mir da etwas wie einen „Rückfall“ attestieren.
Egal.

Jedenfalls bringe ich deswegen im Bruch mit der eingangs erwähnten Regel nochmal eine Kurzgeschichte, diesmal tippfrisch aus der verklebten Suppe in meinem Kopf.
„Inspiration“, wenn man es denn so nennen will, war ein einigermaßen ergiebiges Gespräch mit einem klugen Menschen über… nun, so lustige Themen wie Freiheit, Freidenkertum, Folter, totalitäre Herrschaftssysteme und vieles mehr.
Bei unzählbar vielen Gläsern Whisky, aber das nur so nebenbei.

Wie auch immer.

– –

Der Preis der Freiheit

„Was haben wir falsch gemacht?“
Er zog schweigend an seiner Zigarette und stieß eine Qualmfontäne zwischen seinen Lippen hervor. Einige Augenblicke lang beobachtete er, wie der leicht bläuliche Dunst in dem Raum zwischen ihnen aufstieg und sich spielerisch verlor, Kreise und Spiralen zog wie eine ätherische Tänzerin.
Dann sah er dem Mann in die Augen, der ihm gegenüber saß und ihn mit stumpfem, hoffnungslosem Blick anstarrte.
„Denkst du denn, dass wir etwas falsch gemacht haben?“
„Wir haben versagt.“
„Findest du?“
Der Andere stützte sich mit den Armen auf seine Knie und vergrub das Gesicht in den Händen. Eine Weile blieb er regungslos so sitzen, und er fragte sich fast, ob er weinte. „Irgendetwas haben wir falsch gemacht. Irgendwann. Irgendwo. Sonst wären wir nicht hier.“
„Wir haben getan, was wir konnten. Was wir für richtig hielten. Für notwendig. Mehr steht nicht… stand nie in unserer Macht. Es gibt Dinge, die sich unserem Einfluss gänzlich entziehen. Letztlich … ist es einfach so, wie es ist.“
Er wandte den Blick ab und beobachtete wieder gedankenverloren den Tanz des Zigarettenrauchs in der Luft.
„Es kann doch nicht einfach… nicht einfach vorbei sein!“ Er hörte das leise Quietschen der schäbigen Pritsche neben ihm und dann das Geräusch von Schritten, die sich zu dem vergitterten Fenster entfernten, durch das sie in den Innenhof blicken konnten. „Ich meine… Ich… kann mich einfach nicht damit abfinden, dass wir nichts mehr tun können! Was passiert jetzt? Wer könnte jetzt noch Widerstand leisten? Wer könnte sich wehren? Sie haben alle erwischt! Alle sind entweder gefangen oder schon hingerichtet… Wir sind die Letzten.“
„So etwas wie die Letzten gibt es nicht. Es werden Neue kommen.“
„Wann? In Wochen, Monaten, Jahren? Nach Jahren der Unterdrückung, von Propaganda, Gehirnwäsche, Überwachung, von Mord und Terror, nach tausend Toten, hunderttausend vielleicht – oder noch später? Wann?“
„Wenn sie dazu bereit sind.“
„Verdammte Scheiße!“ Die Pritsche auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers erbebte scheppernd, als der Andere zornig dagegen trat. „Und was dann? Glaubst du, sie haben mehr Erfolg als wir? Oder werden sie wieder scheitern – und das Ganze geht von vorne los?“
„Das kann niemand sagen.“
„Ich versteh’ dich nicht.“ Es war dieser Satz, der ihn dazu brachte, seinen Blick wieder auf seinen Zellengenossen zu richten. Mit verschränkten Armen stand er in der Ecke des Zimmers und starrte ihn finster an. „Wie kannst du nur so gleichgültig sein? Du und ich, wir wissen beide, was das hier bedeutet. Das Ende des Widerstands. Das war’s! Jahrelang – dieses ewige Kämpfen, die ständige Angst, die vielen Toten, das ganze Geschwafel von Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Freiheit… für Nichts.“ Kopfschüttelnd lehnte er sich an die Wand und starrte niedergeschlagen zu Boden.
„Für Nichts? Denkst du das wirklich?“
„So ist es doch. Wir haben niemanden befreit. Wir haben keines unserer Ideale verwirklicht. Alles, was wir getan haben, hat nur zu noch mehr Leid… noch mehr Toten geführt.“
Einen Moment schwieg er, und dachte nach. Unwillkürlich spielte ein kleines Lächeln über seine Gesichtszüge. Ein kaltes, freudloses, trauriges Lächeln, wie das eines Sterbenden, der seine schönsten Erinnerungen noch einmal Revue passieren lässt.
„Ich denke, wir haben gewonnen“, sagte er dann leise. Er sah den Anderen lächelnd an, wie er verwirrt den Kopf hob und stirnrunzelnd zurückblickte. „Sind denn Ideale dazu da, Realität zu werden? Wenn es so wäre…“ Er zuckte mit den Schultern, als würde er nach den richtigen Worten suchen. „ Dann wären sie keine Ideale – Nichts in dieser Welt kann ideal oder perfekt sein. Sie geben uns nur eine Orientierung. Sie zeigen uns, welchen Weg wir gehen können. Ob wir uns nun für diesen oder für einen anderen entscheiden, das liegt bei uns.“ Er nahm noch einen letzten Zug und legte seine Zigarette fast liebevoll in die Kerbe des Aschenbechers, als er draußen auf dem Gang schwere Schritte hörte, die sich ihrer Zelle näherten. „Quäl dich nicht mit der Frage, wo wir gescheitert sind oder versagt haben. Denk stattdessen daran, was wir getan haben. Wir haben vielleicht nicht gewonnen – Vielleicht waren wir nicht einmal zu unseren besten Zeiten eine ernsthafte Bedrohung für sie. Aber wir haben ein Zeichen gesetzt. Wir wurden bemerkt. Sie haben es nicht geschafft, uns tot zu schweigen. Wir haben gezeigt, dass trotz allem, was sie tun, um genau das zu verhindern, es immer noch Widerstand gibt. Dass es immer noch Menschen gibt, die von Gerechtigkeit, Freiheit, von einer besseren Welt träumen, und dass sie bereit sind, dafür zu kämpfen. Dafür zu sterben. Wir haben den Gedanken am Leben gehalten und weitergetragen. Damit geben wir denen, die nach uns kommen, eine Chance. Und noch viel mehr – wir geben allen, die unter ihnen leiden… Hoffnung.“
Er sah den Anderen an, mit seinem kalten, traurigen Lächeln, und erhob sich, noch bevor der schwere Schlüssel im Schloss herumgedreht und die stählerne Tür aufgerissen wurde.
Kein einziges Wort fiel, als die beiden Männer den bewaffneten Soldaten folgten und ihre Zelle verließen, die leer und einsam zurückblieb. Niemand achtete auf die nicht einmal halb abgebrannte Zigarette im Aschenbecher, aus der der bläuliche Dunst spielerisch tanzend aufstieg. Der Widerhall ihrer Schritte verlor sich in der Ferne, irgendwo fiel eine schwere Tür ins Schloss.
Dann herrschte Stille.
Zwei Minuten und 37 Sekunden später, um exakt sechs Uhr morgens, krachte eine einzelne Gewehrsalve donnernd durch den Innenhof.
Genau in diesem Moment fiel auch der erste Sonnenstrahl durch das vergitterte Fenster und beschien die Zigarette, die verlassen vor sich hin glomm und den Rauch nährte, der lautlos in der kleinen Zelle tanzte.

– –

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Der Pfeifenraucher Dienstag, Aug 24 2010 

So.

Ich weiß.
Hier ist lange nichts mehr gekommen.
Und ich denke ja gar nicht daran, mich dafür zu entschuldigen. Denn meine werten Leser und Leserinnen, sofern ich denn welche habe, sollten sich ja dadurch auszeichnen, dass sie ganz ohne meine Hilfe in den Wirren dieser Welt zurechtkommen.
Zugegebenermaßen, jeder kommt ohne mich in den Wirren dieser Welt besser zurecht als mit mir.
Das scheint ja auch das Problem zu sein – waum niemand einen zynischen, kulturpessimistischen Versager braucht, der nichts fertig bringt, nicht einmal, einen Blog wirklich regelmäßig zu betreiben.

Aber tja…. euer Problem ist, ich bin trotzdem noch da.
Nach einer kaum erwähnenswerten Zeit voll unberichtenswerter Ereignisse und trunkenhafter Geschehnisse, während derer ich mich von der Welt da draußen so gut wie möglich abgekoppelt habe, um mir etwas Ruhe zu gönnen, ist der gute alte Eden wieder da, so mies gelaunt und fies und sarkastisch wie eh und je.
Aber weil ich nunmal ein faules Schwein bin, schlage ich Folgendes vor;

Während ich daran arbeite, die Handschellen von meinem rechten Handgelenk zu entfernen (Fragt nicht, denn diese Geschichte ist viel zu lang und kompliziert und versaut und schmutzig, um sie hier zu berichten…), lest ihr euch in aller Ruhe eine meiner alten Kurzgeschichten durch.
Und vielleicht gefällt sie euch ja.
Und vielleicht kommen dann noch weitere Ergüsse meinerseits.
Ganz sicher sogar, ob sie euch gefallen oder nicht.

Wie dem auch sei.
Viel Spaß.

– –

Der Pfeifenraucher

Auf einer Bank saß er, abseits des Gewimmels der modernen Großstadtmenschen, und dachte nach. Blauer Dunst umschwebte ihn, während er regungslos dort hockte, tänzelte und schlängelte sich um ihn herum wie ein stummer ätherischer Gefährte, der dort seine Zeit mit ihm verbrachte. Wortlos wie jeden Tag beobachtete er das rege Treiben um sich herum, bedächtig an seiner alten Holzpfeife ziehend, während die Bewohner der Stadt ihren alltäglichen Geschäften nachgingen, während die Zeit dahin floss wie ein tosender, unaufhaltsamer Fluss, in dem sie alle nur Treibgut waren.
Doch nicht der alte Pfeifenraucher.
Er saß dort auf seiner Bank, wie jeden Tag, seit die Gesellschaft ihn nicht mehr brauchte, und um ihn herum allein schien die Zeit still zu stehen. Er verharrte an jenem Ort, auf der alten Parkbank, umgeben von einem Teppich aus niedergefallenen Blättern, die ein rotgoldenes Mosaik auf den grauen Pflasterboden zeichneten, rauchte seine alte Holzpfeife, beobachtete die Menschen, die an ihm vorübereilten ohne ihn zu beachten, und hing seinen eigenen melancholischen Gedanken nach.
Jeden Tag saß er hier, der alte Mann. Was sollte er auch sonst tun? Die Gesellschaft brauchte ihn nicht mehr. Sein Leben lang hatte er gearbeitet, und nun lebte er einsam und allein in seinen Ruhestand hinein, Tag für Tag seine Pfeife auf dieser Bank rauchend. Niemand brauchte die alten Menschen heutzutage noch, niemand wollte noch etwas von ihnen wissen. Die Welt gehörte den Anderen. Die Welt gehörte einer Gesellschaft, die ganz vergänglichen Schönheitsidealen und ewiger Jugend verfallen war. Niemand hatte mehr Verwendung für die Lebensweisheiten eines alten Mannes.
Die Menschen hasteten an ihm vorüber, gingen ihren Geschäften und Berufen nach, erledigten ihre Einkäufe und hetzten gedankenlos von Ort zu Ort. Niemand hielt inne, um den alten Pfeifenraucher auf seiner einsamen Bank anzusehen, die groß genug für mehrere Menschen wäre, niemand setzte sich, um sich selbst ein paar Minuten Ruhe und dem alten Mann etwas Gesellschaft zu leisten. Alle gingen sie vorüber, verschwendeten keinen Gedanken an den grauhaarigen Menschen, der nur wortlos dort saß, die Beine übereinander geschlagen und nachdenklich an seiner Pfeife ziehend.
Das war es, dachte der alte Mann traurig, das war es, was mit der Gesellschaft heutzutage nicht stimmte.
Alle eilten sie vorüber, von einer Sache zur Nächsten hetzend, ständig in Eile, ständig auf ihre Uhren blickend. Niemand nahm sich die Zeit, sich einfach mal zu setzen und in Ruhe den eigenen Gedanken freien Lauf zu lassen.
Niemand dachte mehr nach, über die Welt, die Menschen, über die Gesellschaft und alle die scheinbar nebensächlichen Probleme, die unausgesprochen ihrer Lösung harrten.
Das war es, was nicht stimmte.
Die Leute, die da an ihm vorübergingen, die Tag für Tag den breiten Bürgersteig vor seiner Bank überschwemmten – Sie alle funktionierten nur noch. Sie funktionierten wie Maschinen in einer mechanisierten Welt, jeder mit seinem Beruf, seinen Aufgaben, seiner ganz bestimmten Funktion, ohne zu denken, ohne die geistige Freiheit, das ungeheure, gewaltige, Normen und Konventionen niederreißende Potenzial der Menschheit zu entfesseln.
Und von der Freiheit des Geistes blieb schließlich nur – der alte Pfeifenraucher auf seiner Bank, den niemand mehr brauchte.

– –

Was dieser Blog-eintrag und die Kurzgeschichte eigentlich bewirken sollen?
Gar nichts.

Außer die Tatsache zu unterstreichen, dass ich wieder da bin, nachdem ich mir zwei Wochen Ruhe von all dieser Scheiße, die man Realität nennt, gegönnt habe.

Und jetzt.. weiß verdammt nochmal irgendjemand einen Trick, wie man Handschellen öffnen kann, ohne den Schlüssel zu besitzen?

Verdammte Scheiße, ich muss die Dinger los werden.

Von Juden und Hartz IV-Empfängern Donnerstag, Aug 5 2010 

Ich weiß ja nicht, wie viele gestandene Bayern sich hier unter meiner werten, überaus schweigsamen, aber laut Blogstatistik doch vorhandenen Leserschaft befinden und wie viele davon mit dem Namen Nockherberg etwas anfangen können.
Zum Starkbierfest am Nockherberg, das sei hier vermittels wikipedia und für die ganz Faulen einer kurzen Erklärung meinerseits gesagt, werden einmal im Jahr diverse namhafte Politiker von Bund und Land geladen und dürfen sich daran erfreuen, dass sie von Kabarettisten auf die Schippe genommen werden.
Nur dass die Kabarettisten im Grunde genommen eigentlich einfach nur die Wahrheit sagen. Irgendwie lustig aufbereitet eben. Aber was ist Kabarettismus im Grunde schon Anderes, als die hässliche Wahrheit lustig zu schminken?
Und dass die Politiker sich nicht wirklich daran erfreuen, sondern es im Gegenteil genug Szenen gibt, wo man deutlich erkennt, dass hinter dem scheinheilig amüsierten Lächeln Emotionen irgendwo zwischen peinlicher Verlegenheit, unterdrückter Wut und Scham zirkulieren.
Das macht das Ganze natürlich in der Regel umso amüsanter für den Zuschauer, weil er durchaus in der Lage sein dürfte, zu sehen, dass seinen „Volksvertretern“ in diesem Moment alles andere als wohl in ihrer Haut ist bei all den schönen Tatsachen, mit denen sie hier konfrontiert werden.
Aber man kann ja nicht einfach der Veranstaltung fernbleiben, wenn man mehr oder weniger öffentlich eingeladen wird. Denn das erweckt ja den Anschein, als verstehe man keinen Spaß und vertrage es nicht, von Kabarettisten ein bisschen vorgeführt zu werden.
Was man natürlich in der Regel beides nicht tut – aber man kann ja wenigstens den schönen Schein wahren. Das kommt auch bestimmt gut bei den Wählern an!
Und so dürfen wir uns wenigstens einmal im Jahr daran erfreuen, dass mehr oder weniger Tacheles geredet wird und die werten Damen und Herren nicht viel mehr tun können, als dazusitzen, zu lachen und zu klatschen.

Mehr oder weniger Tacheles?
Ja, genau.
Denn seht ihr, wenn man als Kabarettist am Nockherberg zu sanft mit seinem hochprominenten Publikum umspringt, erntet man zwar dessen Wohwollen, ist im Gegenzug aber meist nicht besonders beliebt bei den Zuschauern. Weil die es, man höre und staune, doch recht gut finden wenn mal Tacheles geredet und den Politikern der Marsch geblasen wird.
Wenn man aber zu scharf an die Sache rangeht, dann reagieren besagte Politiker anscheinend in etwa so wie ein Fünfjähriger, dem offenbart wird, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt, seine Eltern sich trennen und er daran schuld ist und sein Hund, der gerade den Osterhasen gefangen und totgebissen hat, dabei überfahren wurde.
Und das alles an seinem Geburtstag.
Mit anderen Worten, sie fangen an, gewaltig rumzuzicken.
Und noch viel schlimmer, denn das Kind in dem genannten (hoffentlich!) fiktiven Beispiel hätte sogar allen Grund, gewaltig rumzuzicken, ich denke, da sind wir uns einigermaßen einig.
Bei unseren Politikern sieht es da schon ein bisschen anders aus.

Jedenfalls ist es ein sehr schönes Beispiel dafür, was mit Leuten passiert, die der herrschenden Machtelite wirklich unangenehm werden.
Denn da gibt es die sogenannte Fastenpredigt, bei der einer der Kabarettisten in die Rölle des Mönchs Bruder Barnabas schlüpft und von seiner Kanzel herab so ziemlich einen politischen Rundumschlag liefert bei dem er alles, was sich da im letzten Jahr so geleistet wurde, humoristisch abstraft.
Und der derzeitige Redner Michael Lerchenberg war den werten Damen und Herren dabei wohl ein ganzes Stück zu ehrlich und direkt.
Beziehungsweise, der ehemalige Redner Michael Lerchenberg.

Jaha, so schnell kann das nämlich gehen.
Der Herr Lerchenberg machte nämlich den Fehler, in seiner Rede etwas zu sagen, was man, wenn man jetzt mal ganz frei in der Wortauslegung ist, als „KZ-Vergleich“ bezeichnen könnte.
Und, wir wissen es alle, bei so was bricht sofort die Hölle los, wie harmlos der Vorfall auch sein mag.
Wer sich die Fastenpredigt in ihrer ganzen Länge zu Gemüte führen will, der gehe auf youtube und suche nach „Nockherberg 2010 Fastenpredigt unzensiert“.

„Unzensiert“?
Ja, das war nämlich das Erste, was sich der Bayerische Rundfunk erlaubte, als er die Wiederholung der Live-Übertragung des Starkbierfestes am Nockherberg ausstrahlte. Und dabei wurde nicht, wie man jetzt vermuten könnte, nur der besagte „KZ-Vergleich“ (Ich muss es einfach in Anführungszeichen setzen, weil es viel zu hoch gegriffen ist.) herausgeschnitten, nein, es fehlten diverse Abschnitte, in denen Herr Lerchenberg mit seinem Publikum etwas härter umsprang – zum Beispiel ein zwei Minuten langer Teil, in dem es um Korruption in politischen Ämtern ging.

Hier kann man dem zum Glück noch lauschen, und genau so kann man sich den bösen, bösen „KZ-Vergleich“, der so weitreichende Folgen hatte, in all seiner menschenverachtenden Humorlosigkeit zu Gemüte führen.
Nicht, dass irgendjemand im Publikum WÄHREND der Rede auf die Idee gekommen wäre, dass diese Ausführungen zu weit gehen könnten. Da hat man nur leicht gelacht und sich bemüht, den Schein von guter Laune weiterhin aufrecht zu halten.
Erst nach der Sendung hat die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch nach reiflicher Überlegung mal kurz gehustet – und wie das so üblich ist, breitete sich wie ein Tsunami eine Welle der Empörung und Entrüstung über diesen bösartigen Vergleich in den Reihen der Politiker aus, die davor noch leise darüber gelacht und den guten Schein gewahrt hatten.
Nicht, weil man empört oder entrüstet über den Vergleich wäre.
Nein!
Aber hier hat man etwas, an dem man sich aufhängen und es dem fiesen Kabarettisten heimzahlen kann, und dabei hat man garantiert noch die Öffentlichkeit auf seiner Seite!

Das kann man sich doch nicht entgehen lassen.

Nun, ich will hier einmal die entsprechende Stelle (im Video ab 3:06 zu sehen) wortwörtlich und dialektbereinigt zitieren.

(Nur der Vollständigkeit halber, er bezog sich hierbei auf die zu dieser Zeit um sich greifenden Disskusionen über Guido Westerwelles Äußerungen über Hartz IV-Empfänger, Leistungsgerechtigkeit und „spätrömische Dekadenz“.)

Nachdem sich aber Leistung richtigerweise lohnen muss, so rutscht die FDP von 15 auf 11, 8, 6 Prozent runter – Wenn ihr so weiter macht, dann seid ihr die erste Partei, die in Berlin regiert, obwohl sie unter fünf Prozent ist!
Zehn Jahre will er regieren, der Herr Westerwelle, oh mei! Wenn ihr alle miteinander mit eurem Saustall so weitermacht, dann reicht’s ja nicht mal für 365 Tage!
Und darum dreht er jetzt durch, der Herr Guido, und schwingt seine sozialpolitische Abrissbirne. Alle Hartz IV-Empfänger sammelt er in den leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drumrum ein Stacheldraht – Hatten wir schon mal.
Dann gibt’s jeden Tag eine Wassersuppe und ein Stück Brot, statt Heizkostenzuschuss gibt’s von Sarrazins Winterhilfswerk zwei Pullover und über’m Eingang steht, bewacht von neoliberalen Ichlingen im Gelbhemd in eisernen Lettern „LEISTUNG MUSS SICH WIEDER LOHNEN!“

Jetzt bin ich ja allgemein eher der Meinung, dass im Humor und in der Kunst so ziemlich alles erlaubt sein muss. Genau so wie mir auch die vorprogrammierte Welle der zumeist scheinheiligen Entrüstung, die durch Deutschland geht, wenn irgendjemand etwas auch nur unabsichtlich zweideutig formuliert und man es als NS-Vergleich auslegen KÖNNTE, absolut zuwider ist und ich denke, dass man sich von dieser langsam lächerlich werdenden politischen Gewohnheit lösen sollte.
Aber jetzt mal ehrlich, lest euch den fett geschriebenen Abschnitt durch – Ist das ein KZ-Vergleich, der über die Stränge schlagt? Ist das, wie Frau Knobloch denkt, eine Herabwürdigung der Leiden von Häftlingen während der NS-Zeit? Oder geht es hier vielmehr darum, dass eine ganze Bevölkerungsgruppe pauschal als Schmarotzer diffamiert wurde?
Natürlich ist das eine humoristische Übertreibung, vollkommen klar, aber eben genau, um das herauszustellen.
Nicht zuletzt zitiert er direkt danach aus der bayerischen Verfassung und stellt den Anspruch jedes Bürgers, der nicht für seinen eigenen Lebensunterhalt sorgen kann, auf Sozialleistungen durch den Staat heraus.
Ein bösartiger KZ-Vergleich sieht nach meinem Verständnis anders aus.

Aber nun, zum Leidwesen von Herr Lerchenberg war der Aufhänger gefunden und es wurde sich im großen Stil empört, und gerade weil ja sofort alle Deutschen auf die Knie fallen, wenn es um dieses Thema geht, fand er auch entsprechend wenig Rückhalt.
Da wäre zum einen die angesprochene Zensur des BR, die sich, ich erwähne es nochmal, NICHT auf diese Stelle beschränkte und der seltsamerweise, obwohl es ja nur darum ging, die Sendung auf eine Länge zu bringen, dass sie ins Programm des BR passt, gerade die für die Politik unangenehmsten Abschnitte zum Opfer gefallen sind.
Und da wäre natürlich zum anderen auch jede Menge öffentliche Entrüstung über seine Worte, sobald die entsprechenden Personen mitbekommen haben, das Charlotte Knobloch gehustet hat.
Und das, kombiniert mit mangelndem Rückhalt beim Veranstalter selbst (Paulaner) führte dazu, dass Herr Lerchenberg, nun, wie soll ich sagen – „freiwillig gegangen wurde“.

Das wiederum nahm Helmut Schleich, einer der anderen Kabarettisten, oben zu sehen als von den Toten auferstandener Franz Josef Strauß, der über seine Nachfolger richtet, zum Anlass, indirekt zum Boykott aufzurufen und sich damit so ziemlich als Einziger auf die Seite des gefallenen (oder hinabgestoßenen?) Fastenpredigers zu stellen.
Womit er meiner Meinung nach den Nagel auf den Kopf trifft.

Ich glaube keine Sekunde lang, dass es denen, die sich am meisten darüber empören, auch nur im Entferntesten um eine mögliche Herabwürdigung der KZ-Opfer geht (die ich absolut nicht erkennen kann), sondern dass hier, simpel formuliert, einfach der Umstand zelebriert wurde, dass etwas gefunden war, mit dem man zurückfeuern konnte.
Nicht zuletzt stößt mir eine derartige Zensur einfach gewaltig auf und ich frage mich, was für einen Mangel an Klasse wir unseren „Volksvertretern“ angesichts solcher Verhaltensweisen attestieren müssen.
Weniger schlimm wäre das alles wie gesagt vielleicht, wenn bei der Wiederholung tatsächlich nur die betreffende Stelle herausgeschnitten worden wäre – aber so? Da muss ich mich doch ernsthaft fragen, mit welchem Selbstbild die Verantwortlichen hier an die Arbeit gehen. Nicht zuletzt handelt es sich hier um eine Meinungsäußerung, und obwohl überspitzt formuliert, spricht Michael Lerchenberg eben doch sehr viele Umstände aus, die sich nicht wenige Menschen auch schon denken – nur dass sie in der angenehm höflichen, angenehm schöngefärbten, angenehm „politisch korrekten“ Alltagswelt außerhalb des Nockherbergs praktisch nie ausgesprochen, quasi totgeschwiegen werden.
Und über kurz oder lang auch am Nockherberg, wenn man sich derartige Methoden gefallen lässt.
Und falls irgendwelche Vergleiche mit unrühmlichen Perioden der deutschen Geschichte vordem nicht angebracht waren, so sind sie es jetzt allemal. Ich fühle mich sehr geneigt, hier selbst mal loszulegen und wirklich harte Vergleiche anzustellen – und ich geb’n Scheiß auf politische Korrektheit.
Bei einem solchen Publikum, bei solchen Politikern, ist weder Kabarettismus noch eine wirklich ernste Opposition oder freie Meinungsbildung wirklich möglich.

Jedenfalls werde ich das alles weiter beobachten, obwohl sich diese Ereignisse ja schon vor einiger Zeit abgespielt haben – Ich wurde erst vor Kurzem von einem Bekannten darauf aufmerksam gemacht. Es bleibt abzuwarten, was sich auf dem Nockherberg 2011 so abspielt. Und sollte es der Fall sein, dass die Fastenpredigt des nächsten Kandidaten, wer auch immer sich dessen annehmen mag, handzahm ausfällt, kann ich euch jetzt schon jede Menge WIRKLICH böse Vergleiche auf diesem Blog ankündigen.

Übrigens, noch ein kleiner Witz zum Schluss: Der werte Herr Westerwelle, dessen Äußerungen ja indirekt Ursprung des ganzen Chaos waren, distanzierte sich danach in einem öffentlichen Brief entschieden vom Nockherberg, an dem er „mehrfach gern teilgenommen“ habe (obwohl er dieses Jahr aus ominösen Gründen verhindert war) und forderte die Verantwortlichen auf, wegen dieser Vergleiche in Zukunft von Einladungen an seine Person abzusehen.
Jaaaa.
Ist klar.
„Deswegen“.

Bei so viel Scheinheiligkeit und, auf gut bayerisch, Hinterfotzigkeit, wird mir einfach nur schlecht.