… sowahr unsere politische Integrität uns helfe.

Die erste Pointe schon vor der Einleitung, ist das’n Ding oder was?

Jedenfalls… wenden wir uns mal einer Sache zu, die ganz bestimmt nicht mein Lieblingsthema ist.
Das mag daran liegen, dass ich mich dabei meistens ziemlich aufrege und bei längerer Beschäftigung damit spontane Kopfschmerzen, erhöhten Blutdruck, Übelkeit, einen nicht wirklich kontrollierbaren Hass und einen sehr unangenehmen Juckreiz um den Schließmuskel herum bekomme, als hätte ich mich etwas zu oft von jemandem durchnehmen lassen, der bestückt ist wie ein Pferd.
Was auch der Fall ist.

Im Rahmen einer äußerst geschmacklosen Metapher, natürlich.

Sei es wie es sei, im Umgang mit Politikern verspüre ich irgendwie immer den nicht sehr netten Drang, sie zu behandeln, als hätten sie eine äußerst tödliche, äußerst ansteckende Krankheit.
Oder wie einen Boxsack, je nachdem.

Und ich hatte ja schon das ein oder andere Mal das Vergnügen. Es ist immer so schwer, diesem Impuls zu widerstehen und sich mit Gedanken wie, dass man keine ganze Berufsgruppe pauschal aburteilen kann und derjenige, der vor einem steht, auch einer der wenigen sein könnte, die den gängigen Vorurteilen widersprechen, bei der Stange zu halten.
Of treffen die gängigen Vorurteile nämlich so ziemlich ins Schwarze.

Aber kommen wir zu dem, was ich eigentlich schreiben wollte.
Ich war heute nämlich in der Stadt und bin, wie man das so tut, über den Platz geschlendert, bis mein Blick auf einen blaugelben Informationsstand mit Stehtischen und vielen freundlichen Leuten mit blaugelben Shirts gefallen ist.
Blaugelb… Politik… dem ein oder anderen läuft jetzt vielleicht ein kalter Schauer den Rücken hinunter.
Ich jedenfalls hab‘ mir nichts dabei gedacht und bin weitergegangen, vorsorglich in einem größeren Bogen herum, weil ich solche blöden Informationsstände ja allgemein vermeide. Ich kann mich durchaus selbst informieren und mir eine Meinung bilden, dazu brauche ich keine engagierten, übermotivierten Alltagshelden, danke.
Dummerweise sind allerdings die Helferlein vom Informationsstand aus ausgeschwärmt in alle Richtungen wie Rattenfänger.

Es war schrecklich.
Überall waren sie, wie Geister.
Und ein grausames Szenario entfaltete sich vor meinen Augen – Menschen rannten schreiend davon, als sie die Aufschrift „FDP“ an ihren Hemden sahen, Mütter suchten verzweifelt ihre Kinder, die kreischend in der Menge standen. (Immerhin weiß jeder, was man sich im Flüsterton erzählt – dass FDP-Mitglieder liebend gerne Kinder entführen und sie in ihre Lebkuchenhäuser locken. Die, die Glück haben, werden gefressen, aber einige kommen als Ausgeburt der Hölle zurück zu ihren fassungslosen Eltern, die über diesen Schickssalsschlag verzweifelt in Tränen ausbrechen – als FDP-Wähler.) Selbst gestandene Männer, die sich der dämonischen Horde entgegenstellten, sah ich nach wenigen Minuten weinen wie kleine Kinder. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass einige Unglückliche im allgemeinen Chaos von Flüchtenden niedergetrampelt wurden.

Naja, vielleicht war es nicht ganz SO schlimm.
Die Meisten haben eigentlch nur wortlos die Flyer und Prospekte mitgenommen, die ihnen in die Hand gedrückt wurden, und wenn man sich wie ich den Spaß erlaubte, außer Sichtweite des Stands in ein paar Mülleimer zu blicken, fand man sehr viel blaugelbes Papier.
Aber ICH würde solche Prospekte natürlich nicht ablehnen, wenn man sie mir anbietet (und man hat sie mir überschwänglich angeboten, ja aufgeschwätzt, ich hatte Angst, der rennt mir nach und hechtet mich um, wenn ich einfach weitergehe). Schließlich erfährt man hier etwas über die Parteien, die zur Wahl stehen, man kann sich informieren und so. Immerhin ist das Bürgerpflicht!
Und natürlich ist das alles auch gaaaanz objektiv und sachlich geschrieben und besteht nicht aus schamlosen Halbwahrheiten, Euphemismen, Selbstbeweihräucherung und gehirnaufweichender Propaganda.
Denn wir leben ja in einer modernen, freien, aufgeklärten Demokratie mit mündigen Bürgern, die fähig sind, sich kritisch und differenziert ein Urteil über das zu machen, was sie sehen und hören.

Ja, ihr mich auch.

Jedenfalls habe ich das ganze Zeug mal freundlich lächelnd (es könnte auch spöttisch gewesen sein, ich glaube FDPler erkennen den Unterschied nicht) entgegengenommen, mich am anderen Ende des Stadtplatzes vor mein Stammcafé gesetzt und mit der leisen Ahnung, etwas zum Lachen zu finden, beschlossen, mir das bei einer Tasse Kaffee zu Gemüte zu führen, während ich auf den Menschen wartete, der mich hier treffen wollte. Und da dieser Mensch etwas unzuverlässiger Natur ist, hatte ich durchaus Zeit dazu.

Da hätten wir im Wesentlichen zwei Prospekte, einmal „Liberale Erfolge“ mit zwei Händen, die ein Häufchen Humus in der Hand halten, aus dem eine kleine Pflanze wächst.
Und auf dem Zweiten ein junges Mädchen, das über ein blühendes Rapsfeld läuft. Sie könnte das zum Spaß machen, es könnte auch sein, dass sie um ihr Leben läuft, weil ein Mähdrescher, der aus dem Bild geschnitten wurde, hinter ihr in die selbe Richtung fährt, so genau erkennt man das nicht. Vielleicht rennt sie auch vor einem FDPler davon. Jedenfalls trägt dieses schöne Heftchen den Titel „FDP-Fraktion Im Bayerischen Landtag – Liberale Politik für Bayern“.
Klingt erstmal wie ein fiktives Horrorszenario, das in einer erdachten, nahen Zukunft spielt. Hätten sie auch Chucky die Mörderpuppe abbilden können, das hätte wenigstens harmonisiert.

Nun, wenden wir uns dem Inhalt zu, ob dem des ersten oder zweiten Prospekts ist sowieso egal, da steht so ziemlich das Gleiche drin, nur dass das Erste abhandelt, was sie davon schon realisiert haben. Wenn man ihnen glauben darf, so ziemlich alles. Wonach ich sie eigentlich nicht mehr wählen bräuchte.

Ich bringe einfach mal ein paar Zitate, das ganze Heftchen wäre zu lang, um es vollständig zu zitieren und zu kommentieren, also reiße ich eben ein paar Sätze ganz fies aus dem Kontext und stampfe sie ein.
Wobei ich euch versichern kann, mit oder ohne Kontext steht da zum größten Teil nur Schwachsinn.

Liebe Bürgerinnen, liebe Bürger, vor fast zwei Jahren hat Bayern den Neuanfang geschafft: Nach über vier Jahrzehnten der Alleinregierung haben Sie die FDP in die Verantwortung gewählt (Anm.: ICH?! Neee. Den schwarzen Peter lass‘ ich mir nicht zuschieben.). Seitdem arbeiten wir in Landtag und Staatsregierung für ein modernes, liberales und wirtschaftlich erfolgreiches Bayern.

Ich finde irgendwie, Bayern hat da vorher ohne euch auch nen relativ guten Job gemacht, so in punkto Moderne, Liberalität und wirtschaftlicher Erfolg. Ich muss zwar klarstellen, dass ich CSU/CDU abgrundtief hasse, aber bei euch ist der Abgrund noch ein Stück tiefer.
Als Neustart würde ich das irgendwie auch nicht bezeichnen, eher, naja… als der Anfang vom Ende?

Wir wollen Bayerns mittelständisch geprägte Wirtschaft stärken, damit Arbeitsplätze und Wohlstand auch künftig sicher sind.

TOLL!
Wie wollt ihr denn das anstellen? Ich lehne mich mal ganz weit aus dem Fenster und werfe das Schlagwort „Lohnnebenkosten“ in den Raum, deren Senkung, wir wissen es alle, ein „alternativloser Sachzwang“ ist.
Aber wenigstens sind sie ehrlich. Dass die meisten von ihnen auch lukrative Nebenbeschäftigungen in diversen Unternehmen haben, wo sie wenig tun und viel verdienen, wissen wir ja mittlerweile, da ist es nur natürlich, dass sie diesen Gefallen an die Wirtschaft erwidern wollen. Senkung der Lohnnebenkosten aka beispielsweise der Arbeitgeberbeitrag zu Renten- und Krankenversicherung, Lockerung des Kündigungsschutzes und Beschränkung der Rechte und Sicherheiten des Arbeitnehmers wären ein guter Anfang.
Dabei hört sich das mit deren Formulierung doch so toll an!
Ihr Schlingel ihr – da hättet ihr mich fast drangekriegt! =D

Pioniersinn und Heimatverbundenheit, Mut und Verantwortungsefühl – diese mittelständischen Tugenden sind heute gefragt, um unser Land nach vorne zu bringen.

Halbgare, sich im Kreis drehende Reformen und Globalisierung, Feigheit davor, irgendetwas zu sagen, was die Leute NICHT hören wollen und Verantwortungslosigkeit – das sind die Tugenden, die ich immer wiede sehe, so lange und gründlich ich mich auch umschaue.
Wo soll unser Land übrigens hin? Das ist festgewachsen. (Ich weiß, ich weiß, der war flach. Ich konnte nicht anders.)

Aber das wird ja auch gleich gesagt, in welchem Bereich wir nach vorne wollen.

Deutschland muss seine Wettbewerbsfähigkeit erhalten und die wirtschaftliche Dynamik steigern. Eine Steuerstrukturreform ist dafür unverzichtbar. Gerade in der Krise brauchen wir ein einfaches und faires Steuersystem. Ein Steuersystem, das die Wirtschaft ankurbelt, Investitionen ermöglicht und Arbeitsplätze schafft.

Also im Klartext, Belastungen weg von den Unternehmen, damit die mehr Kohle haben. Weil, wenn sie mehr Kohle haben, stellen sie mehr Leute ein.
Ist klar. Wirtschaftsnote 6.
Wer das Geld locker machen darf, dass durch die Entlastungen für die Wirtschaft fehlt, überlasse ich eurer Vorstellungskraft. Denkt mal scharf nach.

Allgemein kommt in jedem zweiten Satz „Arbeitsplätze“ vor und in jedem Absatz mindestens einmal eine Formulierung à la „Dies und das schafft Arbeitsplätze.“. So zum Beispiel Mobilität, Innovationen, Investitionen, Bildung und so weiter. Jaja, wenn ich auf nem öffentlichen Klo pissen gehe und daneben ziele schafft das auch Arbeit für die Putzfrau, ich geb‘ aber nicht damit an.
… Nicht, dass ich das schon mal getan hätte. Gerade weil die meisten öffentlichen Klos ja nur noch alle Jahrhunderte mal immer wieder geputzt werden.

Worauf ich im Großen und Ganzen eigentlich hinaus will, ist etwas, das mir und vielen anderen eigentlich immer wieder auffällt, auffallen muss, so drastisch wie diese Entwicklung inzwischen fortgeschritten ist.
Ich rede von der Verflachung politischer Inhalte, Disskusionen und Programme.
Egal, welche der großen Parteien ich mir ansehe, überall sehe ich nur oberflächlichen Schund, Arschlöcher die versuchen, sich der Öffentlichkeit irgendwie gut zu präsentieren, als würden sie sich als Produkt selbst verkaufen wollen. Imagepolitur, ein falsches strahlendes Lächeln der gebleichten Zähne, ein bisschen Händeschütteln hier und da und sich grinsend vor jede Kamera schmeißen, die irgendwo auftaucht. Psychische Prostitution für Wählerstimmen.
Gleichzeitig werden die Inhalte nach meinem Empfinden immer gehaltloser. Was habt ihr uns schon alle noch groß zu sagen? „Wir brauchen Arbeitsplätze, wir müssen wettbewerbsfähig sein, wir müssen sparen, wir müssen der Wirtschaft helfen. Das und das ist ist böse, richtig scheiße, die anderen sind die Hitlers der Moderne und wir sind die Guten!“
Jaja, schön auswendig gelernt. Und das rattert jeder Politiker jedweder Partei runter, immer schön die anderen diffamieren und sich selbst positiv präsentieren, immer schön palavern, was alles zurechtgerückt werden muss in diesem Land.
Aber WIE ihr das anstellen wollt, das sagt mir irgendwie kein Schwein. Und das will ich wissen, bevor ich auch nur drüber NACHDENKE, euch zu wählen.
Ehrlich gesagt würde ich es dann wahrscheinlich immer noch nicht tun, weil ich euch dann trotzdem noch nicht vertraue – Das müsstet ihr euch erstmal verdienen.
Und soll ich euch was sagen?
Davon seid ihr weit entfernt. Und ihr rast im Eiltempo noch weiter weg.
Womit ausdrücklich nicht nur die FDP gemeint ist, die ich zwar für ein Pack von verlogenen Lobbyisten halte, aber die auch nur als Prügelknabe herhalten musste, weil sie das Pech hatte, mir in die Quere zu kommen.
Ob CSU/CDU, ob Grüne, SPD oder Linke, am Ende kommt ihr eh alle auf den gleichen Schwachsinn, ihr verkauft ihn uns nur anders.
Ernsthaft, wenn ihr die Machtelite seid, wenn ihr unsere Spitzenpolitiker seid, dann müssen wir uns ja schämen vor anderen Nationen. Und vor uns selbst, weil wir euch immer wieder wählen.

Wir können ja auch kaum aus. Was sollen wir auch machen, wenn jede der großen Parteien sich in das gleiche oberflächliche, inhaltlose, populistische Gelaber verrennt und darüber hinaus kein wirkliches Programm mehr zu bieten hat?
Ihr alle, ihr seid mir viel zu gleich. Ihr habt mir zu wenig Courage. Zu wenig Mut, auf den Tisch zu hauen und endlich mit der Schwarzweißmalerei und der ganzen Schönfärberei aufzuhören, zu wenig Integrität, auch mal unschöne Dinge klar und deutlich auszusprechen und nicht zu verschleiern, mal abzuweichen von der Einheitsmeinung, die möglichst alle politischen Zielgruppen ansprechen und befriedigen soll, weil euch die Analysten das sagen.
Ihr seid mir einfach viel zu wenig echt.
Und ich mag naiv sein, vielleicht sogar ein bisschen utopisch – aber ich glaube, das würde vielen, sehr vielen Leuten inzwischen gefallen, wenn sich das mal ändern würde.

Für’s Erste, begnügen wir uns mit einem kleinen gemeinen Scherz:
Wenn ihr mal auf jemanden trefft, der für die FDP Werbung macht, fragt ihn doch lächelnd, was er davon hält, dass bayerisches Starkbier inzwischen mehr Prozent hat als seine Partei.
Und macht ein Foto von seinem Gesichtsausdruck, damit ich mitlachen kann.

Ich brauch‘ jetzt jedenfalls erstmal ein Glas Whisky.

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