Weil mir grade so unglaublich langweilig ist und ich irgendwie mal wieder auf das Thema gebracht wurde – und nicht zuletzt weil wir hier Aktivität brauchen – habe ich mich entschlossen, den ursprünglichen Artikel, wo ich mich über diverse gehirnzellenvernichtende Werbeideen auslasse, um eine Episode zu erweitern.
Vielleicht wird da ja sogar eine Serie draus.
Weiß nicht, ob sich irgendjemand regelmäßig audiovisuellen Durchfall und unverkennbare Zurschaustellung der morbiden Werte einer verfallenden Gesellschaft zu Gemüte führen will.
Aber immerhin schauen sich ja auch immer noch diverse Bevölkerungskreise Casting-shows an.
Ich bin also optimistisch.

Legen wir los… und zwar mit einem meiner persönlichen Lieblinge;

Ja, ProSieben.
Die mit ihrer erbarmungslosen Selbstbeweihräucherung und wiederkehrender Inszenierung langweiliger B-prominenz (als da wären „Topmodels“, „Popstars“ oder Moderatoren von Sendeformaten wie taff oder dem immer tiefer sinkenden Galileo) mittlerweile selbst dem geneigtesten Zuschauer gehörig auf den Sack gehen sollten.
Wobei dieser Werbespot für mich einen weiteren traurigen Höhepunkt an Dummheit, Arroganz und Niveaulosigkeit darstellt.
Oder, um die Zitate zu benutzen, die eigentlich keines bissigen Kommentars mehr bedürfen, um sie lächerlich zu machen (was mich nicht davon abhalten wird, es trotzdem zu tun);

Brilliantere Farben für mehr Leidenschaft!
Bessere Kontraste für höhere Spannung!
Deutlich mehr Pixel für stärkere Gefühle!

Wow! Nicht wahr? Was HD nicht alles kann. Da werden sogar mittelmäßige bis bodenlos schlechte Filme nur durch die Optik zum Kracher!
Kein Wunder, dass dann selbst so begähnenswerte Hollywoodprodukte wie „Hitch – Der Date Doktor“ in der Werbung drei Wochen im Voraus großspurig als MEGABLOCKBUSTER angekündigt werden müssen, um dem gerecht zu werden.
Ich erinnere mich noch an Zeiten, wo der Begriff „Blockbuster“ Filmen vorbehalten war, die WIRKLICH herausragend erfolgreich waren. Die alten Star Wars-Filme. Indiana Jones (natürlich auch nur die alten Teile).
Filme eben, die zu ihrer Zeit wirklich für leere Straßenblocks gesorgt haben.
Wenn dann sogar Hitch durch HD-TV zum MEGABLOCKBUSTER wird, muss das ja wirklich eine große Sache sein.
Ich frage mich, wie sie das bei der inflationären Nutzung dieses Wortes noch toppen wollen. ULTRABLOCKBUSTER – HYPERBLOCKBUSTER – M-M-M-MONSTERBLOCKBUSTER?

Ich bleib‘ dann einfach bei „guten Filmen“, danke.

Mal ganz davon abgesehen, muss ich wirklich noch sagen, was ich an den zitierten Zeilen so beklagenswert finde?
Nehmen wir mal als Beispiel einen Haufen Scheiße am Straßenrand. Ihr könnt alle nach draußen gehen und euch einen Haufen Scheiße suchen, wenn ihr wollt. Oder ihr macht selber einen.
Jetzt fragt euch, wenn ihr zwei Fotos von diesem Haufen Scheiße hättet, das eine undeutlich und verpixelt, das andere gestochen scharf – würde das was daran ändern, dass ihr euch gerade einen Haufen Scheiße anseht? Bietet der Haufen Scheiße auf dem qualitativ besseren Foto mehr Leidenschaft? Mehr Spannung? Oder mehr Gefühle?

Nein?

Und dieser Haufen Scheiße ist Hitch der Date Doktor.
Und jeder andere Film, der auf HD so viel besser ist.
Optische Qualität ändert einfach nichts an bestenfalls durchschnittlichem oder mangelhaftem Inhalt.
Sollte es jedenfalls nicht.
Wie so oft scheint das aber ein Großteil der Gesellschaft anders zu sehen als ich.

Nunja. Sei’s drum. Was hätten wir denn da noch so…

Zugegebenermaßen wird dieser Spot schon etwas länger nicht mehr gezeigt. Ich fand ihn halt einfach nur so berauschend blöd, dass ich euch damit quälen wollte.
Wo sonst bekommt ihr von einem sprechenden Hasen mit Professorenkomplex die Grundzüge umweltfreundlichen Wirtschaftens so anschaulich erklärt?
Dass die industrielle Revolution in der Landwirtschaft großflächig zur Verschlechterung der Qualität unseres Bodens geführt hat, von Versalzung über Verschmutzung bis zu Nährstoffarmut, und wir damit ein paar interessante Probleme für die nähere Zukunft haben, klammern wir dabei mal aus. Denn unser schlauer Hase erklärt den dummen Menschen: Aus Getreide kann man immer wieder Brot machen! Und es ist unendlich verfügbar!
Zumindest für uns hier. Bei zwei Dritteln der Menschheit sieht’s vielleicht ein bisschen anders aus.
Aber macht euch nichts draus – Auch Menschen sind unendlich verfügbar! Denn sie wachsen nach!

Etwa genau so, wie Bäume im verfickten Sekundentakt voll ausgewachsen aus dem Boden schießen.
Also was regt ihr euch auf, ihr kiffenden ungewaschenen Öko-Fuzzis? So schnell kommt kein Holzfäller mit seiner Kettensäge nach wie das hier überall wuchert.
Deshalb ja auch immer wieder die erschreckenden Berichte über den Regenwald, der sich jeden Tag weiter ausbreitet und die natürlichen Lebensräume von Menschen zerstört.
Ich finde ja irgendwie allgemein, Gewalt ist keine gute Sache und so. Gegen Menschen nicht, gegen Tiere erst recht nicht – vielleicht höchstens gegen Franzosen.
Aber ich würde diesem Hasen so gerne einfach nur in die Fresse hauen.

Man beachte übrigens auch die interessante Wortwahl, wo unser Hase stolz erklärt, dass Tetrapacks „überwiegend“ aus Holz bestehen.
Zu 50,0001% etwa. Der Rest sind hochgiftige synthetische Klebstoffe, geschredderte Tierknochen und wiederverwertete Brennstäbe.

Und schließlich möchte ich zum Abschluss noch die kleine Geschichte erzählen, wie ich neulich durch eine Seitengasse vom Stadtplatz Richtung Auto flanierte und an einem Musikgeschäft vorüberging, in dessen Schaufenster diverse Plakate hingen – unter anderem eines mit einem voller Enthusiasmus Saxophon spielenden etwa Acht- bis Zehnjährigen und der Aufmerksamkeit heischenden Überschrift „WIR BILDEN IHRE KINDER ZUM ERFOLG AUS!“

So ist das nämlich.
Lassen wir doch das ganze Gelaber von wegen Persönlichkeitsentfaltung und Talentförderung oder von Musik als einer Kunstform zum Ausdruck von Emotionen. Das wollen Eltern heutzutage doch alles gar nicht mehr hören.
Mein Kind soll doch nicht irgendein blödes Instrument lernen, weil es das will! Oder weil es Spaß daran hat!
Es soll Erfolg haben! Es soll Geld verdienen! Es soll berühmt werden! Es soll heroinsüchtig werden und jede Menge billige Groupies mit Geschlechtskrankheiten flachlegen, für die Unterwäsche ein Fremdwort ist! Und dann soll es sich erschießen und mir alles vermachen!
Damit ich sagen kann, ich hab‘ dieses traurige Genie gezeugt.
Kann ich mir mal ganz großzügig selbst auf die Schulter klopfen.
Auch wenn ich damals eigentlich nur besoffen und rattenscharf war und mich auf die „Ich zieh‘ ihn vorher raus.“-verhütungsmethode verlassen habe, um das Geld für’s Kondom zu sparen.

Danke, ich hab‘ genug.
Ich gehe jetzt E-gitarre spielen.

Vielleicht setz‘ ich mir auch ’nen Schuss und treib’s mit drei Schlampen gleichzeitig.

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