Werbung, die Zweite. Samstag, Jun 26 2010 

Weil mir grade so unglaublich langweilig ist und ich irgendwie mal wieder auf das Thema gebracht wurde – und nicht zuletzt weil wir hier Aktivität brauchen – habe ich mich entschlossen, den ursprünglichen Artikel, wo ich mich über diverse gehirnzellenvernichtende Werbeideen auslasse, um eine Episode zu erweitern.
Vielleicht wird da ja sogar eine Serie draus.
Weiß nicht, ob sich irgendjemand regelmäßig audiovisuellen Durchfall und unverkennbare Zurschaustellung der morbiden Werte einer verfallenden Gesellschaft zu Gemüte führen will.
Aber immerhin schauen sich ja auch immer noch diverse Bevölkerungskreise Casting-shows an.
Ich bin also optimistisch.

Legen wir los… und zwar mit einem meiner persönlichen Lieblinge;

Ja, ProSieben.
Die mit ihrer erbarmungslosen Selbstbeweihräucherung und wiederkehrender Inszenierung langweiliger B-prominenz (als da wären „Topmodels“, „Popstars“ oder Moderatoren von Sendeformaten wie taff oder dem immer tiefer sinkenden Galileo) mittlerweile selbst dem geneigtesten Zuschauer gehörig auf den Sack gehen sollten.
Wobei dieser Werbespot für mich einen weiteren traurigen Höhepunkt an Dummheit, Arroganz und Niveaulosigkeit darstellt.
Oder, um die Zitate zu benutzen, die eigentlich keines bissigen Kommentars mehr bedürfen, um sie lächerlich zu machen (was mich nicht davon abhalten wird, es trotzdem zu tun);

Brilliantere Farben für mehr Leidenschaft!
Bessere Kontraste für höhere Spannung!
Deutlich mehr Pixel für stärkere Gefühle!

Wow! Nicht wahr? Was HD nicht alles kann. Da werden sogar mittelmäßige bis bodenlos schlechte Filme nur durch die Optik zum Kracher!
Kein Wunder, dass dann selbst so begähnenswerte Hollywoodprodukte wie „Hitch – Der Date Doktor“ in der Werbung drei Wochen im Voraus großspurig als MEGABLOCKBUSTER angekündigt werden müssen, um dem gerecht zu werden.
Ich erinnere mich noch an Zeiten, wo der Begriff „Blockbuster“ Filmen vorbehalten war, die WIRKLICH herausragend erfolgreich waren. Die alten Star Wars-Filme. Indiana Jones (natürlich auch nur die alten Teile).
Filme eben, die zu ihrer Zeit wirklich für leere Straßenblocks gesorgt haben.
Wenn dann sogar Hitch durch HD-TV zum MEGABLOCKBUSTER wird, muss das ja wirklich eine große Sache sein.
Ich frage mich, wie sie das bei der inflationären Nutzung dieses Wortes noch toppen wollen. ULTRABLOCKBUSTER – HYPERBLOCKBUSTER – M-M-M-MONSTERBLOCKBUSTER?

Ich bleib‘ dann einfach bei „guten Filmen“, danke.

Mal ganz davon abgesehen, muss ich wirklich noch sagen, was ich an den zitierten Zeilen so beklagenswert finde?
Nehmen wir mal als Beispiel einen Haufen Scheiße am Straßenrand. Ihr könnt alle nach draußen gehen und euch einen Haufen Scheiße suchen, wenn ihr wollt. Oder ihr macht selber einen.
Jetzt fragt euch, wenn ihr zwei Fotos von diesem Haufen Scheiße hättet, das eine undeutlich und verpixelt, das andere gestochen scharf – würde das was daran ändern, dass ihr euch gerade einen Haufen Scheiße anseht? Bietet der Haufen Scheiße auf dem qualitativ besseren Foto mehr Leidenschaft? Mehr Spannung? Oder mehr Gefühle?

Nein?

Und dieser Haufen Scheiße ist Hitch der Date Doktor.
Und jeder andere Film, der auf HD so viel besser ist.
Optische Qualität ändert einfach nichts an bestenfalls durchschnittlichem oder mangelhaftem Inhalt.
Sollte es jedenfalls nicht.
Wie so oft scheint das aber ein Großteil der Gesellschaft anders zu sehen als ich.

Nunja. Sei’s drum. Was hätten wir denn da noch so…

Zugegebenermaßen wird dieser Spot schon etwas länger nicht mehr gezeigt. Ich fand ihn halt einfach nur so berauschend blöd, dass ich euch damit quälen wollte.
Wo sonst bekommt ihr von einem sprechenden Hasen mit Professorenkomplex die Grundzüge umweltfreundlichen Wirtschaftens so anschaulich erklärt?
Dass die industrielle Revolution in der Landwirtschaft großflächig zur Verschlechterung der Qualität unseres Bodens geführt hat, von Versalzung über Verschmutzung bis zu Nährstoffarmut, und wir damit ein paar interessante Probleme für die nähere Zukunft haben, klammern wir dabei mal aus. Denn unser schlauer Hase erklärt den dummen Menschen: Aus Getreide kann man immer wieder Brot machen! Und es ist unendlich verfügbar!
Zumindest für uns hier. Bei zwei Dritteln der Menschheit sieht’s vielleicht ein bisschen anders aus.
Aber macht euch nichts draus – Auch Menschen sind unendlich verfügbar! Denn sie wachsen nach!

Etwa genau so, wie Bäume im verfickten Sekundentakt voll ausgewachsen aus dem Boden schießen.
Also was regt ihr euch auf, ihr kiffenden ungewaschenen Öko-Fuzzis? So schnell kommt kein Holzfäller mit seiner Kettensäge nach wie das hier überall wuchert.
Deshalb ja auch immer wieder die erschreckenden Berichte über den Regenwald, der sich jeden Tag weiter ausbreitet und die natürlichen Lebensräume von Menschen zerstört.
Ich finde ja irgendwie allgemein, Gewalt ist keine gute Sache und so. Gegen Menschen nicht, gegen Tiere erst recht nicht – vielleicht höchstens gegen Franzosen.
Aber ich würde diesem Hasen so gerne einfach nur in die Fresse hauen.

Man beachte übrigens auch die interessante Wortwahl, wo unser Hase stolz erklärt, dass Tetrapacks „überwiegend“ aus Holz bestehen.
Zu 50,0001% etwa. Der Rest sind hochgiftige synthetische Klebstoffe, geschredderte Tierknochen und wiederverwertete Brennstäbe.

Und schließlich möchte ich zum Abschluss noch die kleine Geschichte erzählen, wie ich neulich durch eine Seitengasse vom Stadtplatz Richtung Auto flanierte und an einem Musikgeschäft vorüberging, in dessen Schaufenster diverse Plakate hingen – unter anderem eines mit einem voller Enthusiasmus Saxophon spielenden etwa Acht- bis Zehnjährigen und der Aufmerksamkeit heischenden Überschrift „WIR BILDEN IHRE KINDER ZUM ERFOLG AUS!“

So ist das nämlich.
Lassen wir doch das ganze Gelaber von wegen Persönlichkeitsentfaltung und Talentförderung oder von Musik als einer Kunstform zum Ausdruck von Emotionen. Das wollen Eltern heutzutage doch alles gar nicht mehr hören.
Mein Kind soll doch nicht irgendein blödes Instrument lernen, weil es das will! Oder weil es Spaß daran hat!
Es soll Erfolg haben! Es soll Geld verdienen! Es soll berühmt werden! Es soll heroinsüchtig werden und jede Menge billige Groupies mit Geschlechtskrankheiten flachlegen, für die Unterwäsche ein Fremdwort ist! Und dann soll es sich erschießen und mir alles vermachen!
Damit ich sagen kann, ich hab‘ dieses traurige Genie gezeugt.
Kann ich mir mal ganz großzügig selbst auf die Schulter klopfen.
Auch wenn ich damals eigentlich nur besoffen und rattenscharf war und mich auf die „Ich zieh‘ ihn vorher raus.“-verhütungsmethode verlassen habe, um das Geld für’s Kondom zu sparen.

Danke, ich hab‘ genug.
Ich gehe jetzt E-gitarre spielen.

Vielleicht setz‘ ich mir auch ’nen Schuss und treib’s mit drei Schlampen gleichzeitig.

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Flaute. Flaute überall. Samstag, Jun 19 2010 

Äh…

Ja.

Hier läuft momentan nicht viel, nicht wahr?

Aber ich hab‘ ein paar halbwegs gute Entschuldigungen parat, ausnahmsweise. Wenn ich mich für irgendwas, was ich tue, entschuldigen würde.
Was ich nicht tue.

Es ist auf jeden Fall nicht so wie früher, wo die Motivation nach kurzer Zeit steigender Aktivität wieder brutal absackte, bis ich den Blog quasi vergessen habe.
Eigentlich hätte ich schon noch einige Ideen im Hinterkopf, die abgearbeitet und niedergeschrieben wollen, aber irgendwie bin ich derzeit hin und hergerissen zwischen diversen banalen Tätigkeiten, die meine ach so kostbare Freizeit verschlingen wie Tine Wittler das Süßigkeitenlager, dass die psychischen Exhibitionisten auf RTL in ihren vier Wänden versteckt haben.
Meine Tine Wittler ist eine Mischung aus vielerlei mehr oder weniger interessanten Beschäftigungen.
Zum einen steht in meinem Zimmer seit Neuestem eine E-Gitarre herum, die ich mir nach längeren Zweifeln, ob ich dafür wirklich die nötige Langzeitmotivation aufbringen kann, zugelegt habe. Und wenn ich gezwungen werde, zwischen euch und meiner E-Gitarre zu entscheiden… diesen Kampf könnt ihr einfach nur verlieren.
Dann wollen wir natürlich nicht verschweigen, dass ich die letzten Wochen mit Arbeit in jedweder Form förmlich überhäuft wurde – Jaja, cry cry so sad, ich weiß, aber ich will ja gar kein Mitleid erschleimen. Ich habe nur einfach, wenn ich abends entweder mit Muskelkater und Ganzkörpersonnenbrand wie vor zwei Wochen oder pochenden Kopfschmerzen und scheißschlechter Laune wie die letzten Tage auf dem Zahnfleisch nach Hause krieche, meistens nicht mehr viel Lust auf etwas anderes als fressen und schlafen.
Und E-Gitarre spielen.
Und vielleicht Fußball schauen. Denn das raubt einem ja momentan auch einen bemerkenswerten Anteil der Freizeit. Selbst wenn man mit dem allgemeinen Hype nicht viel am Hut hat und nicht heulend in der Ecke sitzt, wenn Deutschlands Weltmeisterambitionen ins Wanken geraten.
Dann wäre da auch noch ein bisschen zeitintensives Rumwerkeln in den zukünftigen eigenen vier Wänden. Denn der Eden dürfte ja in etwa einem halben Jahr umziehen. Und wenn man ohnehin in seiner Jugend als Sohn eines Zimmerermeisters das ein oder andere gelernt hat, was gibt es da Näherliegenderes, als sein eigenes Zimmer auch selbst herzurichten?
Es nicht zu tun natürlich.
Aber ich bin immerhin die billigste Arbeitskraft, die mein alter Herr hat.
Der Pole der Familie, sozusagen.
Nur mit Fachwissen.

Den ganzen anderen Mist wie aufmerksamkeitsbedürftige neoamazonische Rasurfaschistinnen, ab und zu mal was Entspannendes wie Pokerrunden, DVD-abende und/oder Alkoholkonsum mit anderen Menschen, lesen, schreiben und so weiter erwähne ich nur mal am Rande.

Ihr seht – mein Leben dümpelt momentan so ein bisschen vor sich hin ohne nennenswerte Erkenntnisse, Erfahrungen oder Gedankengänge, über die sich zu berichten lohnen würde. Oder die Zeit, das zu tun.
Da kann ich nur sagen, die Hypothese, dass steigende Arbeitslosigkeit – trotz Sicherung der Existenz durch den „Sozialstaat“ – zu politischer Instabilität führt und gesellschaftliche Betäubungsmittel wie Lena, die WM oder andere verlockende Aktivitäten ohne bemerkenswerte Tiefgeistigkeit der Regierung eine dringend benötigte Verschnaufpasse vor Unzufriedenheit in der Bevölkerung verschaffen, hat mit Sicherheit was für sich.
Ich bin der lebende Beweis.
Ich warte ohnehin schon darauf, dass der Bevölkerung irgendein politischer Knüppel des John Holmes-Kalibers in den Arsch geschoben wird, während sie so beschäftigt damit ist, Jogi Löws Schwanz zu lutschen, dass sie das gar nicht merkt. Bis sie geschluckt hat und wieder auf der Straße steht, um auf den nächsten Freier zu warten.
Ich gebe zu, obszöne Fickmetaphern haben auch ihre Grenzen.

Jedenfalls ist das der Grund, warum hier momentan mit einer kleinen Flaute gekämpft wird. Weil einfach Flaute IST. In meinem Leben. Irgendwie.
Aber naja, auch das ändert sich wieder.
Und immerhin ist morgen ja auch Sonntag.
Und sonntags hat man frei. Normalerweise.

Außerdem habe ich gerade Meinhard Miegels EXIT – Wohlstand ohne Wachstum zu Ende gelesen und halte den Inhalt und die dort entwickelten Gedankengänge durchaus für erwähnenswert.
Vielleicht eine kleine Buchrezension also.

Wir werden sehen.

Red Dead Redemption Mittwoch, Jun 9 2010 

Videospiele, die mich wirklich mitreißen, sind ja tatsächlich sehr selten.
Überraschenderweise ändert sich das bis jetzt auch nicht dadurch, dass sie ja generell mit dem Fortschritt der technischen Möglichkeiten (Aspekte der Grafik mal außen vor gelassen, der optische Fetischismus nicht weniger Videospieler in meinem Bekanntenkreis bleibt mir nach wie vor unverständlich) immer komplexer werden und die Grenze des Machbaren immer weiter nach oben verschoben wird.
Alles in allem kann ich da für den Zeitraum der jüngeren Vergangenheit eigentlich nur Bioshock 2 und Mass Effect 2 nennen.
Und seit Kurzem Red Dead Redemption.

Das mag daran liegen, dass ich ein offensichtliches Faible für das Genre der Italo-Western habe, zugegeben.
Aber vor allem liegt das, wie bei den beiden anderen Beispielen, glaube ich, an Story und Inszenierung, an einer Botschaft, die vielleicht vermittelt wird, an einer Umsetzung, die qualitativ an gute Filme und Bücher heranreicht, an vielen kleinen Details und Besonderheiten, die sich zusammenfügen und in meinen Augen eine großartige Geschichte ergeben.
Und damit sehe ich in diesem Fall Grund genug, euch seit meinen Gedanken zu Bioshock 2 mit meiner zweiten persönlichen Rezension zu einem Videospiel zu langweilen.

Dabei lässt sich RDR am Anfang Zeit, viel Zeit, um auf Touren zu kommen. Nachdem die Credits am Spieler vorüberziehen, während er beobachtet, wie sich eine Eisenbahn, in der der Protagonist John Marston sitzt und die Gespräche der anderen Passagiere verfolgt, ihren Weg durch die Landschaft bahnt, wird man von einem herrlich skurrilen alten Mann nach Fort Mercer geführt.
Kurz gesagt, wird man dort dann nach einer höflichen Konversation mit einem alten Kumpel niedergeschossen und liegengelassen.
Da wäre das Spiel dann also vorbei, wenn’s im alten Westen neben Outlaws, Nutten und jeder Menge grenzdebiler Gestalten nicht auch noch ein paar ehrliche Menschen gäbe, wie die Farmerin Bonnie MacFarlane, die Marston kurzerhand auf ihre Kutsche wirft und zu ihrer Ranch bringt.

John Marston: Natürlich, und nochmals danke, dass Sie mir das Leben gerettet haben.
Bonnie MacFarlane: Beim nächsten Mal, Mr. Marston, möchte ich Ihnen dringend empfehlen, nicht ganz so ernsthaft zu versuchen, es einfach wegzuwerfen.
John Marston: Werde es mir merken.

Immer noch befinden wir uns nach diesem Einstieg prinzipiell im Tutorial, denn nachdem der Spieler erwacht, wird er neben der erfreulichen Tatsache, dass er am Leben ist, auch mit der Erkenntnis konfrontiert, dass Miss MacFarlane sage und schreibe fünfzehn Dollar hingeblättert hat, um das Blei aus ihm rausholen zu lassen.
Und weil man ihr dafür ja dankbar und ein eigentlich grundanständiger Kerl ist, macht man sich daran, auf der Ranch ein bisschen auszuhelfen und lernt nebenbei viele der Dinge, die man später im Spiel so braucht – Reiten, schießen, Pferde zähmen, Kuhherden treiben, solche Sachen eben.
Erst nach und nach erfährt Bonnie, erfahren andere Charaktere, die man während des Spiels trifft – und damit der Spieler, so weit er es noch nicht durch Trailer und allerlei Informationen im Vorfeld weiß – was es mit der Begegnung im Intro auf sich hat. Warum ein Mann lebensmüde genug ist, allein vor die Tore des Verstecks einer Bande zu treten, die die ganze Region terrorisiert, und ihren Anführer herauszufordern.
Es ist eine Geschichte, die zugleich den Untergang des „alten Westens“ widerspiegelt. Man erfährt von der Vergangenheit Marstons, von seiner Mitgliedschaft in einer zu ihrer Zeit berüchtigten Bande von Gesetzlosen, die ihr Handeln mit einer Art verdrehter Robin Hood-Moral gerechtfertig haben – den Reichen nehmen, den Armen geben. Dabei scheint ihr Anführer zunehmend in Verbitterung und Misanthropie verfallen, das Ganze immer mehr von ausufernder Gewalt geprägt worden zu sein.
Schließlich kommt es dazu, dass Marston bei einem verpatzten Überfall niedergeschossen und liegen gelassen wird, da man ihn für tot hält.
Dieser wiederum, desillusioniert durch die Taten seiner Freunde und dadurch, zurückgelassen worden zu sein, beschließt, dies als Chance zu nutzen und sich zusammen mit seiner Frau, eine ehemaligen Prostituierten und ebenfalls Mitglied der Bande und dem gemeinsamen Sohn einem ehrlichen Leben zu widmen.

Doch die Illusion, die Vergangenheit einfach abschließen und hinter sich lassen zu können, wird schließlich eindrucksvoll als solche bloßgestellt, als Agenten einer Regierungsbehörde, eine Art Vorgänger des modernen FBI, Frau und Kind gefangennehmen und Marston für ihre Zwecke einspannen – das Leben deiner ehemaligen Freunde für das deiner Familie und deine eigene Existenz.
Weigert er sich, sind sie tot. Und er selbst würde für seine Taten in der Vergangenheit zur Rechenschaft gezogen.

Diese Geschichte führt den Charakter zuerst nach Fort Mercer, wo einer seiner ehemaligen Freunde inzwischen selbst eine Bande gegründet hat, und nach der ersten missglückten Begegnung von der Ranch aus durch den gesamten Staat, über die Grenze nach Mexiko und wieder zurück.
Hier nimmt das Spiel nach dem gemächlichen, aber durchaus nicht langweiligen Einstieg so richtig Fahrt auf. Marston selbst wird innerhalb seines Ziels, seine ehemaligen Freunde zu finden und gefangen zu nehmen oder zu töten, in immer größere Ereignisse verwickelt, bis hin zu einer Revolution im krisengeschüttelten Mexiko, die sich schlussendlich als genau so fruchtlos herausstellen sollte wie „die zwei oder drei davor“. Skurille, abgedrehte Charaktere drücken sich die Klinke in die Hand und gehen Marston meist schwer auf die Nerven, bevor er von ihnen bekommt, was er braucht; Da wäre der notorische Betrüger Nigel West Dickens, der von Stadt zu Stadt reist und den Menschen ein Wunderelixier andreht, das angeblich von Impotenz über Verdauungsstörungen bis hin zu Depressionen alle menschlichen Gebrechen heilt, der heruntergekommene Seth, der auf der Jagd nach einem ominösen Schatz Frau, Kind, Beruf und Verstand verloren hat und eine sehr fragwürdige Einstellung zum Umgang mit Toten hat, der Alkoholiker Irish, der quasi nie nüchtern anzutreffen ist oder Abraham Reyes, der pseudopoetische Frauenheld und Revolutionär, der es liebt, in der Begeisterung der Masse zu baden und sich später als nicht wesentlich besser als die Tyrannen herausstellt, gegen die er anfänglich kämpft.
„Normale“ Charaktere sind in Red Dead Redemption quasi eine Rarität, gerade häufig genug, dass der Spieler es genießen kann, ab und zu auch mit Menschen zu tun zu haben, die einen Verstand haben und diesen benutzen. Vielleicht gerade deshalb auch meine Lieblingscharaktere – namentlich Bonnie MacFarlane, Marshall Leigh Johnson und der alternde Revolverheld Landon Ricketts.

Während man sich also so durch den Wilden Westen schlägt und mit solcherlei Personen verbündet, um Hilfe bei der Jagd auf seine alten Freunde zu erhalten, werden nicht selten auch einige nachdenklichere Töne angeschlagen, die sich wohltuend von den Kampfhandlungen während der Missionen abheben und vielleicht auch ein bisschen Bezug zu unserer Zeit haben.
Ich denke da zum Beispiel an Marshall Johnson, ein fähiger und – selten genug – ehrlicher Gesetzeshüter, der sich über die stetig zunehmende Einmischung der amerikanischen Bundesregierung in lokale Angelegenheiten erbost oder an der Benutzung eines Telefons verzweifelt.
Dieser Widerstreit zwischen dem alten Westen und der Modernisierung und fortschreitenden Zivilisierung ist ein Thema, das immer wieder mal, auch gegen Ende hin, als man den Anführer seiner ehemaligen Bande, Dutch van der Linde, in die Enge gedrängt hat, aufgegriffen wird. Hier muss man beachten, dass der Handlungszeitraum mit dem Jahr 1911 für einen Western doch reichlich spät angesiedelt ist, was dem Konflikt zwischen Moderne und althergebrachter Lebensweise aber sehr zugute kommt.
Man sieht diesen Konflikt nicht nur an Marshall Johnson, der mit den neueren Entwicklungen nicht mehr ganz Schritt halten will und kann, sondern auch an der Eisenbahn, vielleicht wie in „Spiel mir das Lied vom Tod“ DAS Symbol für die Zivilisierung des Westens und das Einläuten der Moderne.
Denn sie ermöglicht nicht nur viel schnelleres und bequemeres Reisen, sondern verdrängt auf einer viel emotionaleren Basis gewissermaßen das Gefühl der Freiheit der ansässigen Bevölkerung und der Endlosigkeit des Westens.
Letzten Endes sind es aber nur wenige, die sich dagegen zur Wehr setzen und/oder auf der Strecke bleiben. Der Großteil findet sich mit diesen Entwicklungen ab und akzeptiert auch die Tatsache, dass der Fortschritt nicht nur Vorteile bringt, wie am Beispiel von Tumbleweed zu sehen ist, einer ehemals florierenden Stadt, die verlassen wurde und zugrunde ging, nachdem sie im Schienennetzwerk nicht berücksichtigt wurde.
Genau so offensichtlich wird dieser Kontrast, wenn der Spieler vom Prärienest Armadillo nach Blackwater, der Hauptstadt des fiktiven US-Staates New Austin reist. Wo staubige Trampelpfade durch gepflasterten Straßen ersetzt werden, Verladekräne am Hafen die ersten Automobile absetzen und vollautomatische Waffen verfügbar sind. (Ich persönlich bin immer bei den Revolvern geblieben, trotz eventueller Nachteile bei Reichweite und Durchschlagskraft etc pp. Alles andere fühlte sich einfach nicht richtig an. =P)

Und nicht zuletzt verleiht das Ende des Spiels dieser ganzen Thematik bis zur letzten Konsequenz einen würdigen Abschluss.
Denn John Marstons Weg endet nicht, nachdem alle seine ehamligen Freunde tot sind und er zurück bei seiner Familie ist. Wie am Anfang des Spiels reihen sich nun diverse friedlichere Missionen aneinander, die das Leben als Rancher thematisieren – Kuhherden treiben, Pferde zähmen, auf die Jagd gehen, mit der Kutsche zur Ranch der MacFarlanes aufbrechen und ihnen Vorräte liefern.
Hier lernt der Spieler die Familie Marstons, für die dieser die ganze Handlung über gekämpft hat, überhaupt erst kennen, seine Frau, seinen Sohn, den alten schrulligen Kerl namens Uncle, der vielleicht ein kleines bisschen wie eine Vaterfigur für John Marston ist. Konflikte sind unübersehbar und verständlich, aber es wird deutlich, dass die verschiedenen Personen dabei sind, sich zusammenzuraufen und ihr neues Leben aufzubauen.
Hier könnte das Spiel durchaus ein sentimentales Happy End abliefern, aber gerade diese Ruhe und Friedlichkeit der letzten Missionen führt ein bisschen zu dem unwohligen Gefühl, das noch ein Höhepunkt kommt, ein letzter Paukenschlag sozusagen.
Und er kommt.
Denn das, wovor praktisch alle Charaktere John Marston gewarnt haben, tritt irgendwann unweigerlich ein. Mit der Vergangenheit einfach abzuschließen, ist eine Illusion, an die er sich bis zuletzt festgeklammert hat, ohne auf die Stimmen zu hören, die ihn überzeugen wollten, dass er sich durch seine Taten während der Spielhandlung nicht einfach davon loskaufen kann.
Am Ende holt sie ihn ein, und die selben Bundesagenten, die damals seine Familie festgehalten haben, rücken mit einem ganzen Trupp der US-Kavallerie an, um den letzten großen Outlaw der alten Zeit zur Rechenschaft zu ziehen.
Erst nachdem Uncle im darauffolgenden Schusswechel auf dem Gelände der Ranch getötet wird und er sich mit Frau und Sohn in die Scheune zurückzieht, scheint auch John Marston selbst zu erkennen, was ihm der Anführer seiner ehemaligen Bande zuvor noch zu erklären versucht hatte – dass die Zeit der Outlaws vorbei ist, dass der alte Westen mit der Modernisierung untergeht und die Orte, an denen er sich dem Zugriff der Regierung entziehen und sich verstecken kann, immer seltener werden. Er erkennt in letzter Instanz, dass sie ihn immer jagen werden, und dass es für ihn kein neues Leben und keine zweite Chance geben kann.
So verhilft er seiner Frau und seinem Sohn zur Flucht, schickt sie mit dem Pferd durch den Hinterausgang der Scheune, und die Tatsache, dass sie nicht angegriffen werden, scheint seinen Gedankengang zu bestätigen. Es geht nur um ihn.
Besser ohne ihn leben, als mit ihm hier zu sterben.
Er selbst zieht daraus den Schluss, dass es nur eine Möglichkeit gibt, es zu beenden – Er tritt durch das Scheunentor nach draußen, wo sein Exekutionskommando schon mit den Waffen im Anschlag wartet, und stellt sich damit dem, was früher oder später sowieso eintreten würde, wie lange er auch zu fliehen versucht.

John Marstons letzter Gang und Tod sind in dieser Hinsicht nicht nur fantastisch inszeniert und profitieren davon, dass man im Laufe des Spiels wirklich eine starke Verbindung zu ihm aufbaut, es ist in gewisser Weise auch ein Symbol, dass die ganze Thematik rund um das einbrechende Zeitalter der Moderne zum Abschluss bringt – mit dem Tod einer der letzten Legenden des damaligen Westens durch die Hand von Agenten, die den Einfluss der Bundesregierung immer weiter zu stärken versuchen. Es ist ein Abgesang auf eine Ära und die Konflikte, die so ein Wechsel der Zeitalter mit sich bringt.
Denn natürlich hält der zivilisatorische Fortschritt allerlei Segnungen für die Menschen bereit, aber es wird im Spiel auch immer wieder angedeutet, dass das Misstrauen der lokalen Bevölkerung gegenüber der Bundesregierung nicht von ungefähr kommt, dass sich ihr Leben trotz aller Fortschritte nicht entscheidend verbessert hat.
Und nicht zuletzt stellt sich die Frage nach einer moralischen Revolution – denn am Ende sind die Bundesagenten, die die Familie eines Mannes entführen, ihn zwingen, ihre Arbeit zu erledigen und ihn danach hintergehen, kaum besser als die Banditen, die an anderer Stelle des Spiels Bonnie MacFarlane entführen und die Herausgabe eines ihrer gefangenen Brüder fordern.
Ist es also eine Verbesserung, oder am Ende nur die selbe morbide Doppelmoral in schönerem Gewand?
Darüber könnte man vermutlich endlos philosophieren, aber das würde den Rahmen hier sprengen und soll ja auch nicht Zweck einer Rezension sein.

Noch tragischer wird das Ende, wenn man die allerletzte Mission des Spiels mit einbezieht, in dem man einige Jahre später – nach dem Tod auch seiner Mutter – John Marstons Sohn Jack spielt, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, den für den Tod seines Vaters verantwortlichen Bundesagenten, inzwischen im Ruhestand, aufzuspüren und zur Rechenschaft zu ziehen.
Als er ihn stellt, findet er weder Reue noch Verständnis für seinen Zorn vor, ganz im Gegenteil. Der Bundesagent Edgar Ross ist das Sinnbild eines Menschen, der seine moralische Verantwortung an höhere Instanzen abgibt und sich im Nachhinein keiner Schuld bewusst ist.

Mit seinem Tod endet Red Dead Redemption und die Credits setzen ein. Dabei wird die Stimmung in diesem Moment von dem Stück „Dead Man’s Gun“ hervorragend getroffen und bildet für mich den Höhepunkt eines genialen Soundtracks;

In gewisser Weise tritt Rockstar damit dem Spieler nach dem Schlag in die Eier, der John Marstons Tod war, noch einmal in die Rippen, wenn er am Boden liegt.
Denn hier wird offensichtlich, dass Jack am Ende genau den Weg einschlägt, vor den sein Vater ihn bis zu seinem Tod mit allen Mitteln bewahren wollte.
Ein entschiedeneres Gegenteil zu einem Happy End kann ich mir nur schwer vorstellen.

Alles in allem, wenn mich das Spiel nicht schon vorher gefesselt und vollends überzeugt hätte, würde es spätestens nach diesem Ende einen Ehrenplatz in meiner Sammlung erhalten.
Den hat es jetzt allemal sicher.

„Zeit der Amateure“ oder die Eigendynamik der Verdummung Donnerstag, Jun 3 2010 

Ab und zu empfinde ich ja trotz meiner unfassbaren Abneigung gegen des Verhalten des Homo Sapiens innerhalb größerer Herden so etwas wie Hoffnung.
Oder zumindest weniger Verzweiflung, könnte man sagen.

Manchmal geschieht so etwas, wenn irgendein politischer Sonderschülervorstoß im Keim erstickt wird, sei es durch Protest der Bevölkerung, durch Widerstand der regierenden Parteien oder durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts.
Selten betrifft es auch Dinge, Situationen, Begebenheiten, wo unsere Gesellschaft beweist, dass außer Lifestyle- und Prominentenobsession, Ficken und Saufen und seichter Unterhaltung auch noch andere Werte vorhanden sind.
Ab und zu sind das auch persönliche Sachen.

Dann kommt es durchaus vor, dass ich mich ein paar Momente zurücklehne und vor mich hingrinse wie ein bettnässendes Balg.
Manchmal hab‘ ich dann sogar den Rest des Tages gute Laune!
Man stelle sich vor!
In einer Vielzahl von Fällen ist es dann zwar meistens so, dass der kleine Funken Hoffnung unter einem massiven Haufen Scheiße begraben wird und erlischt.
Aber so ist das Leben eben.

Zugegeben, beim Zeitung lesen kommt das alles wirklich selten vor, da finde ich mit viel höherer Wahrscheinlichkeit mehrere Nachrichten, bei denen ich mir unwillkürlich so ein aufblasbares Stehaufmännchen zum Verprügeln wünsche.
Aber auch das gibt es noch.

Nämlich zum Beispiel in der heutigen Zeitung auf Seite 2, ein Leitartikel verfasst von einem gewissen Prof. Dr. Martin Balle, der darin ein Thema behandelt, über das ich so oder so demnächst schreiben wollte.
Und wenn das jemand anders schon treffend formuliert hat, umso besser.
Immerhin gewinne ich da doppelt – ich sage, was ich sagen will, und ich muss selbst nicht so viel schreiben.
Fuck yeah.
Zudem trifft es der werte Prof. Dr. Balle meiner Meinung nach ziemlich gut und umreißt ein unglaublich komplexes Thema doch sehr präzise, was mir nicht so leicht gefallen wäre, vermute ich.
Aber immerhin ist er ja ein Prof.
Und dazu noch ein Dr.!

Wie dem auch sei, wer Augen hat, der lese:

Zeit der Amateure

In seiner zauberhaften Erzählung „Narziss und Goldmund“ lässt Schriftsteller Hermann Hesse seine Figur Goldmund, der entgegen dem im Geistprinzip stehenden Narziss die Lust am Leben verkörpert, auch der Kunst begegnen. In einer Kirche sieht der Landstreicher und Streuner Goldmund eine wunderbar geschnitzte Marienfigur und so verdingt sich der Hochbegabte für drei Jahre bei deren Schöpfer, dem Meister Niklaus, um auch selbst die Schnitzerei zu erlernen. Das Gesellenstück Goldmunds, eine Figur nach dem inneren Bilde seines Freundes Narziss, ist zugleich sein Meisterstück. Goldmund liebt das Leben aber zu sehr, um beim Leisten des Schnitzers zu bleiben, er zieht weiter, und doch weiß er am Schluss: „In der Kunst und im Künstlersein lag für Goldmund die Möglichkeit einer Versöhnung seiner tiefsten Gegensätze, oder doch eines herrlichen, immer neuen Gleichnisses für den Zwiespalt seiner Natur. Aber die Kunst war kein reines Geschenk, sie war nicht umsonst zu haben, sie kostete sehr viel, sie verlangte Opfer.“
Wie ein Märchen mutet dagegen die Geschichte unserer Lena an, die mit einem einzigen Lied ohne jede musikalische Auzsbildung, nicht in drei Jahren, sondern in drei Monaten, ins Rampenlicht einer europäischen Öffentlichkeit gestoßen wurde. Dabei ist es nicht nur außergewöhnlich, wie sympathisch dieses 19-jährige Mädchen im Gesangswettbewerb des Grand Prix d’Eurovision den ersten Platz errang, sondern vor allem auch, mit welcher intuitiven Souveränität sie auf die anschließende Massenbegeisterung in Deutschland reagierte.
Solches darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, welche Bürde ihr so von unserer hysterisierten Medien-Öffentlichkeit auf ihren Lebensweg mitgegeben wird. Es ist kaum zu glauben, in welcher Art dieses junge Mädchen von den Medien in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt wird: Da werden bei Lenas Rückkehr nach Hannover Sondersendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen anberaumt und selbst die altehrwürdige Frankfurter Allgemeine Zeitung widmet ihren Leitartikel vom Montag dem neuen Superstar unter dem Titel „Unser Mädchen“, die Sonderseite im Innenteil trägt die BILD-ähnliche Überschrift „Du bist Deutschland“, während das Feuilleton auf seiner ersten Seite beschwört: „Herkules oder Die Marke Raab: Jetzt müssen wir ihn ernst nehmen.“
Eher trägt da freilicht der an anderer Stelle gebrachte Vergleich von Lenas Promoter Stefan Raab mit dem sagenhaften König Midas, dem sich alles zu Gold verwandelt, was er berührt. Denn diese Sage erzählt immerhin auch von der Kehrseite solchen Vorzugs, nämlich der Seelenlosigkeit, zu der diese Verwandlungskunst führt. Der überehrgeizige Stefan Raab, der nach erfolgreicher Berufsausbildung und abgebrochenem Jura-Studium erst beim Musiksender Viva seine scheinbar feinsinnigere Bestimmung fand, erscheint dabei als der typische Repräsentant eines Teils unserer Gesellschaft, die im vergnügten, aber doch immer bloß vordergründigen Spiel alle tieferen Sinnbezüge des Lebens vor sich selbst verbirgt. Der Ansatz von Raabs Show ist so immer konsumptiv, er verbraucht Leben, niemals wird es wirklich von innen her in seiner eigentlichen Bedeutungsfülle erfasst. Dazu passt auch gut Lenas eigener Satz: „Vor einem halben Jahr war noch nichts, und jetzt ist Es (!) so groß“, der die Ausgangsfrage der Philosophie: „Warum ist nicht nichts, sondern vielmehr etwas?“ ins blanke Gegenteil verkehrt. Es war nie nichts, und es ist auch jetzt nicht so groß, möchte man dem lieben Mädchen zurufen, aber das allgemeine Mediengetöse würde einen schnell zum Schweigen bringen. „Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss“ war vor Jahren ein schöner Filmtitel, den man als einfaches Gegenbild vor solches Treiben stellen wollte. Aber wo am Montagmorgen gleichzeitig Angela Merkels fernseh-besorgter Blick auf die anschwellenden Fluten der Oder die einzige politische Botschaft aus Berlin in denselben Zeitungen war, ist es nicht ganz unverständlich, dass in Krisenzeiten die Menschen zu den kleinen Freuden des Alltags immer hysterischer Zuflucht nehmen. Spätestens wenn Deutschlands Fußballer in der Vorrunde Australiens Zwergenmannschaft in Grund und Boden gespielt haben werden, werden in München wieder die Massen über die Leopoldstraße ziehen, als habe man im Endspiel gerade gegen Maradonnas Argentinien gewonnen.
Es gibt schon einen Zusammenhang zwischen der Oberflächlichkeit der Politikangebote heute, einer von innen her erodierenden Gesellschaft, die sich immer schwerer tut, das Maß für ein gelungenes Leben zu finden, und einer Medienwelt, die diesen Prozess wechselseitiger Erosion verstärkt, statt ihn kritisch zu hinterfragen. Es ist ein merkwürdiges Paradox, dass in den Sonntagsreden der Politik eine Wissensgesellschaft und nachhaltige Ausbildung regelmäßig beschworen werden, während der gesellschaftliche Trend ganz gegenteilig zu einer Instant-Kultur verkommt, die in bewusstloser Unmittelbarkeit Leben bloß noch genießen will. Als der 17-jährige Boris Becker vor gefühlten 2000 Jahren im Aktuellen Sportstudio in wunderbarer Unbefangenheit nach seinem ersten Wimbledon-Sieg dem damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker so großartig begegnete, hatte er immerhin seine ganze Kindheit der asketischen Strenge einer Ausbildung zum Tennisspieler unterworfen und empfing jetzt den berechtigten Lohn für solche entbehrungsreiche Zeiten. Wo Angela Merkel und Christian Wulff sich heute fernsehgerecht über Lenas Erfolg freuen, dienen sie sich auch in schönen Bildern einer Gesellschaft an, an deren Entfremdungsprozess sie nicht unbeteiligt sind und der ihnen am Ende ihre Wiederwahl sichern soll. Wenigstens verhinderte der überraschende Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler Angela Merkels Besuch im Trainingslager der deutschen Nationalmannschaft in Südtirol nur zwei Tage nach ihrem bedeutungsschweren Blick auf die Hochwasser führende Oder.
Auch wie jetzt bei der Kandidatenauswahl für das Bundespräsidentenamt verfahren wird, macht da keine Ausnahme. Ursula von der Leyen ist für die Koalition vor allem deshalb von Vorteil, da sie sich medial bestens zu inszenieren versteht. Es wirft aber auch ein seltsames Licht auf die Politik, dass nach gerade erfolgtem Wechsel der Politikerin in ein neues wichtiges Ministerium, vom Familienministerium ins Arbeitsressort, der jetzt wieder vorzeitige Abschied nach kurzer Einarbeitungsphase gar kein Thema ist.
Interessant ist auch, dass unsere Medienwelt sich teilweise genauso ihrer professionellen und ernsthaften Vorbedingungen entledigt wie Politik und Gesellschaft. Wo das Internet mit seinen Blogs (Anm.: Welch Ironie.) und Chats immer mehr Aufmerksamkeit erhält, wird auch die Messlatte unserer Informationskultur tiefergelegt. Wo jeder alles ins Netz stellt und Aufmerksamkeit für sich einfordert, spricht die „Süddeutsche Zeitung“ ironisch vom „Web 0.0“ und der Journalist Nicholas Carr von einem „Kult der Amateure“. Für unseren derzeitigen Lieblingsamateur Lena aber wollen wir hoffen, dass der Kult um sie für sie gut ausgeht.

Ahja.
Nun, da steckt viel drin.
Über Lena Meyer-Landrut und Stefan Raab schweige ich mich aus, ich denke, von denen haben wir die letzten Tage genug gehört.
Mir geht es vielmehr um die Aspekte bezüglich Gesellschaft, Medien und Politik, die er anspricht.
Und wo ich jetzt irgendwie gerade scharf überlegen muss, wie ich richtig formuliere, hoffe ich, dass die Leserschaft begreift, was ich meinte, als ich eingangs die unüberschaubre Komplexität der Thematik erwähnt habe.
Da wären zum einen die Medien, über deren Entwicklung und aktuelles Erscheinungsbild ich in vergangenen Einträgen genug Worte verloren habe, denke ich.
Da wäre andererseits auch die Politik, die sich in der Öffentlichkeit ebenfalls immer flacher und inhaltsloser präsentiert. Wo es immer mehr darum geht, den Gegenspieler in ein negatives und sich selbst in ein postives Licht zu rücken, wo Polit-talkshows immer trivialer und wie ihre Gäste immer niveauloser werden, nimmt die Bedeutung der wirklichen Inhalte immer weiter ab. Zunehmend fällt einem da auf, dass die verschiedenen Parteien sich trotz aller Versprechen und verbalen Konfrontationen bei Prinzipienfragen inhaltlich doch überraschend ähnlich sind.
Von ihnen vertreten fühlt sich dann irgendwann kein Schwein mehr.
Da spricht man dann von „Politikverdrossenheit“, von mangelndem Interesse.
Ich würde eher von Desillusionierung und einem durchaus berechtigten Mangel an Vertrauen sprechen.

Und in der Mitte zwischen beiden, der Politik und den Medien, steht dann natürlich noch die Gesellschaft, sprich die Menschen, die sich irgendwo zwischen apathischer Hoffnungslosigkeit und der Zuwendung zu seichter, anspruchsloser Unterhaltung widerfinden, weil sie die Angewohnheit haben, sich früher oder später sowieso mit allem abzufinden.
Nicht nur erodiert diese Gesellschaft, wie Balle es so treffend formuliert, hinsichtlich ihrer Tiefsinnigkeit und Feingeistigkeit, sie verfällt auch hinsichtlich Allgemeinbildung und vor allem Moral.
Hinsichtlich ihrer Grundwerte.
Wo Politik und Medien immer von gewaltigen Herausforderungen und nahenden Katastrophen kreischen, schaltet die Gesellschaft irgendwann ab und wendet sich den letzten Bastionen von Spaß und Zerstreuung zu, die ihr bleiben. Die Medien unterstützen und bekräftigen diese Entwicklung, die Politiker passen sich der Flachgeistigkeit an und leisten oberflächliche Öffentlichkeitsarbeit, um sich gut darzustellen.
Und so bekräftigen sich alle Seiten gegenseitig, nur immer tiefer zu sinken.
Alle ziehen wir so unseren Vorteil daraus.
Alle gewinnen wir.
Und alle verlieren wir dadurch am Ende.

Und wer mir jetzt sagt, wie diese wechselseitige Spirale der Hirnlosigkeit aufgehalten oder wenigstens daran gehindert werden könnte, sich weiterzudrehen, dem blas‘ ich sofort einen.
Oder lecke sie.
Je nachdem.

Das wäre nämlich mein ganz persönlicher Heiliger Gral.

Aber vermutlich bleibt es, wie auch beim Echten, dabei immer nur bei einem Traum.