Ja, da war noch was.
Die unglaublich schnell größer werdende, eingeschworene „Eden Uncensored“-Leserschaftet wartet ja schon seit Wochen sehnsüchtig auf den zweiten Artikel über die moderne Prominentenobsession.
Und ja, ich versuche hier gerade mit selbstironischen Bemerkungen meine Minderwertigkeitskomplexe als chronisch unbeachtete Attention-whore zu überspielen.
Ich bin auch nur ein Monster, das geliebt werden will.

Aber zum Thema – Prominentenobsession.
Das scheint ja allgemein so eine Sache der Moderne zu sein, eine scheinbar unvermeidliche Begleiterscheinung des Zeitalters der digitalen Massenmedien, das inzwischen absurde Ausmaße erreicht – mit Müttern, die ihren Töchtern auch ein Blackberry schenken, wenn diese sich darüber beschweren, dass sie die ganze Zeit nur an ihrem Smartphone hänge und zu wenig Zeit mit ihr verbringe (wie Wolfgang Hantel-Quitman in seinem Buch „Schamlos!“ zu berichten weiß.).
Nicht nur, dass wir dadurch inzwischen von allen Seiten konstant mit allerlei schwachsinnigen, vollkommen irrelevanten Informationen zugeballert werden, im Fernsehen absolut bescheuerte Formate über uns ergehen lassen müssen, nicht genug, dass ein immer weiter anschwellendes Heer von Pseudoprominenten die Medienlandschaft okkupiert oder dass sogar Nachrichten durch so etwas Erbärmliches wie die Prosieben oder RTL2-news korrumpiert werden, die einen kleinen Teil aktuelles Weltgeschehen auf Bild-niveau aufbereiten und mit Promi-news und ein bisschen Sex mischen. Oder dass die hinterletzten Flachwichser aus Musik und Fernsehen seit Neuestem sogar regelmäßig die Buchbranche unterwandern, die inzwischen ja sowieso zum großen Teil auch nur noch aus Schwachsinn besteht.
Nein.

Denn als würde das alles an Blödheit und Schwachsinn noch nicht reichen, gibt es vor allem verbunden mit der Prominentenobsession etwas, das uns nicht nur in allerlei Medien den letzten Nerv raubt, sondern mitunter sogar im Alltag.
Eine Gefahr, die mitten unter uns weilt.
Vielleicht in diesem Moment ganz in deiner Nähe. In deinem Haus. Möglicherweise sogar im Zimmer nebenan.
Und sie schleicht sich an, überall. Unbemerkt. Leise. Hinter jedem Menschen, den wir treffen.
Pass auf!
HINTER DIR!
AAAAAH!

Ja.
Was ich meine, ist eine Verhaltensweise, die ich selbst am liebsten als Idealisierung oder Vergöttlichung von Prominenten umschreibe.
Ich bin sicher, jeder kann so ungefähr umreißen, was ich damit meine, und jeder kennt Beispiele.
Denkt an Tokio Hotel.
Denkt an Twilight.
Denkt an Robert Pattinson.
Oder was weiß ich, an allerlei vergötterte Schauspieler und Stars der Musikbranche, es gibt ohnehin zu beinahe jedem WIRKLICH Prominenten die dazugehörigen fanatischen Verehrer.
Und nicht nur zu denen.
Teilweise ja auch zu GEGENSTÄNDEN.
Ich denke da an den in seiner Lächerlichkeit kaum mehr zu übertreffenden „Konsolenkrieg“, bei welchem es auf jeder Seite Vertreter gibt, die nicht nur regelmäßig die Grenzen angemessenen/sozialen Verhaltens überschreiten, sondern solche Grenzen schon gar nicht mehr wahrzunehmen scheinen.
Oder auch schwelende Konflikte zwischen Nerds der Microsoft oder Apple-fraktion.

Aber primär denke ich, und das mag daran liegen, dass es medial viel mehr Aufmerksamkeit zugesprochen bekommt, an Prominente.
Der Einfachkeit halber werde es also an halbwegs aktuellen Beispielen aus diesem Bereich deutlich gemacht.
Zumal ich denke, dass jeder noch die Tokio Hotel-Fanhorden in grausamer Erinnerung hat oder Weibchen der Gattung Homo Sapiens, die während eines Twilight-trailers oder auch nur angesichts eines Posters von Robert Pattinson so feucht werden wie sonst nur beim Duschen.
Besonders peinlich wird so etwas natürlich bei Frauen, die rein biologisch gesehen als volljährig angesehen werden MÜSSTEN. Bei Pubertätsopfern könnte man es entwicklungspsychologisch als Abkehr von den Eltern hin zu anderen Idolen/Idealen sogar noch irgendwie verstehen.
Was einem auch nicht unbedingt hilft, wenn man Zimmer sieht, die mit Postern von Tokio Hotel oder Twilight tapeziert sind. Mit Tokio Hotel oder Twilight-bettwäsche. Einem Bücherregal, dass neben allerlei „niedlicher, knuffiger“ Scheiße gerade mal die drei Twilight-teile beherbergt.
Gibt’s inzwischen schon Stoffpuppen von Bill oder Robert Pattinson?
So’n kleiner Edward zum Knuddeln? In Lebensgröße? Um zu kompensieren, dass jedes halbwegs zurechnungsfähige männliche Wesen bei so etwas die Flucht ergreift?
Mit aufpumpbarem Penis?
So käme die Erotikindustrie an die weibliche Zielgruppe ran.

Aber natürlich ist so etwas generell noch verschmerzbar. Visuell grausam, augenkrebserregend und für jeden Menschen mit Intelligenz über Zimmertemperatur äußerst beschämend angesichts der Tatsache, dass man biologisch zur selben Lebensform gehört.
Aber hinnehmbar.
Zwar nicht bei meiner Familie oder meinen Freunden, denen ich gerne etwas reiferes Verhalten attestieren würde (und teilweise auch kann), aber von mir aus bei Fremden. Ganz weit weg. Irgendwo da in Mecklenburg-Vorpommern.
Dummerweise werden allerdings durch das Internet Vertreter aus allen menschlichen Siedlungsgebieten praktisch willkürlich durcheinander gewürfelt.
So oder so kann man solchen Menschen einfach nicht entkommen, ob es jetzt im Alltag ist oder im Netz. Was für mich ja quasi von gleichrangiger Bedeutung ist.

Denn von mir aus können die ja mit ihrem Zimmer oder ihrer Wohnung machen, was sie wollen – solange ich sie nicht betreten muss.
Und ich werde sie nicht betreten.
Aber das Ganze drückt ja auch nur etwas aus und ist im Prinzip Teil eines größeren, allgemeiner gehaltenen Phänomens und – für mich – Problems.
Und das ist der Sachverhalt, den ich mit „Ideailisierung und Vergöttlichung“ umschreibe.
Denn ich bin durchaus kein Verfechter der Anti-bewegung, die sich wie zu Tokio Hotel so auch zu Twilight entwickelt hat, wenn auch in geringerem Umfang.
Von mir aus sollen die machen und mögen, was sie wollen. Aber die ganze Einstellung großer Fankreise ist für mich nicht nur höchst fragwürdig, sondern regelrecht nervtötend. Tokio Hotel ist nur eine Band. Twilight ist nur ein Film. Und Robert Pattinson nur ein Schauspieler. Und nicht mal einer der wirklich Guten, wenn man noch ETWAS Vertrauen in diverse Filmkritiker setzen darf.
Deal with it.

Und wenn ich Menschen sehe, die beim bloßen Anblick von Bill in Kreischorgien verfallen und alle höheren Denkfunktionen einbüßen oder solche, die ein sogenanntes Reaction Video von sich selbst zum Twilight-trailer aufnehmen, wo sie… naja, in Kreischorgien verfallen und alle höheren Denkfunktionen einbüßen, dann kommt mir auf gut deutsch gesagt einfach das Kotzen.
Menschen, bei denen die Verehrung dieser unerreichbaren Lichtfiguren einen bedeutenden Aspekt des Lebens (und auch des sozialen Umgangs, mit anderen ähnlich grenzdebilen Subjekten) ausmacht, die in den Medien alles darüber verfolgen, was ihnen unterkommt und jedwede Äußerung dieser Person wie ein Schwamm aufsaugen und als eigene Meinung wiedergeben, die dogmatische Ausmaße erreicht – sprich wer die nicht mag oder nicht der selben Meinung ist, der ist eh nur plöd und totaaaal neidisch, mit dem muss man sich auch nicht abgeben – sind mir einfach nur derart zuwider, dass ich es nicht mit Worten ausdrücken kann.
Und dabei ist mein Wortschatz das verbale Pendant zu John Holmes‘ Schwanz.
Am ehesten würden es wohl einfach nur lautstarke Würggeräusche treffen.

Und nicht zuletzt glaube ich, dass gerade das oft der stärkste motivatorische Aspekt für die entsprechenden Gegenbewegungen ist, die das zugehörige Objekt der Verehrung dann kategorisch ablehnen.
Was verständlich ist, aber genau so wenig richtig – zumal sie selbst dabei nicht selten in Dogmatismus verfallen.
Solcherlei Verhalten ist der Konfliktlösung eben in keinem Fall hilfreich, sondern verschäft und verkompliziert ihn viel eher.

Letztlich ist so etwas meiner Meinung nach, egal auf wen oder was es sich bezieht und wie es sich konkret äußert, ein Zeichen für mangelnde geistige Reife und Fähigkeit zur differenzierten Beurteilung.
Menschlich ist es möglicherweise bis zu einem gewissen Rahmen verständlich, allgemein gesprochen sucht sich eben fast jeder Leitfiguren, Vorbilder, als Orientierungshilfe für’s Leben – das können ja auch Schriftsteller oder Philosophen sein, die durchaus über eine gewisse Kompetenz in Lebensfragen verfügen (wobei das heutzutage vermutlich eher selten ist). Ich persönlich lehne das zwar ab und orientiere mich lieber an Idealen als an Idolen, aber bitte.
Aber es ist einfach absoluter Schwachsinn, die Aussagen eines Prominenten wie das Wort Gottes zu behandeln, zu welchem Thema auch immer er befragt wird. Zum einen, weil es auch nur Menschen sind, die sich irren und Fehler machen, zum anderen, weil es schlicht und ergreifend Idiotie ist, zu glauben, die hätten in jedem Bereich fachliche Kompetenz aufzuweisen. Das sind genauso armselige Idioten wie ihr und ich. Manchmal haben sie vermutlich von etwas sogar weniger Ahnung als man selbst und erzählen totalen Bullshit.
Ich bin ja zum Beispiel auch sehr angetan von Helmut Schmidt. Einerseits davon, wie er das Leben allgemein betrachtet und andererseits auch bei vielen politischen Themen.
In letzterem Fall bin ich aber in etwa genau so vielen Fällen einer deutlich anderen Meinung.
Und das ist auch gut so. Denn ich bin ja nicht Helmut Schmidt. Und ich will auch nicht so sein wie er. Ich bin ich und ich will so sein wie ich will, dass ich bin.
Oder irgendwie so.
Und ich mag auch ACDC. Trotzdem ist mir abseits der Musik eigentlich scheißegal, was Angus Young zu anderen Themen zu sagen hat. Trotzdem mag ich auch andere Bands und trotzdem ist deswegen nicht jede andere Musik scheiße oder minderwertig.
Ich liebe einfach nur die Musik. Mehr ist da nicht dran.

Wie gesagt, ohnehin finde ich es deutlich vernünftiger, sein Denken und Handeln mehr an Idealen auszurichten, die man für erstrebendswert hält, als an Vorbildern, die letzlich Menschen und damit genau so fehlbar sind wie jeder andere.
Und wenn ihr in euren Idolen etwas Bewundernswertes seht, dann fragt euch einfach, was das ist – schon habt ihr eure Ideale oder erstrebenswerten Charaktereigenschaften.

Aber verdammt nochmal, man müsste doch von einem denkenden Wesen erwarten können, dass es zu einer differenzierteren Beurteilung in der Lage ist als mit dem alten Schwarzweißraster. Sowohl was Personen als auch was Handlungen und Situationen angeht, ach, einfach was ALLES angeht.
Gute oder böse Menschen gibt’s einfach nicht. Auch keine klugen und keine dummen. Man kann nicht alles kategorisieren, den Charakter und die Psyche eines Menschen schon gar nicht. Ein Mensch hat nicht nur zwei oder drei, sondern unzählbar viele verschiedene Eigenschaften und Züge, die man persönlich als gut oder als schlecht beurteilen kann.
Wobei gut oder schlecht ja schon wieder Kategorien sind. Denn auch solche Eigenschaften und Züge haben ja mehrere Seiten, Vorteile und Nachteile.
Man sieht, das ist alles kompliziert. Und in der Realität auch gar nicht so leicht umzusetzen, solange man sich nicht daran macht, aktiv an seinem Verhalten zu arbeiten.
Was wahrscheinlich unter anderem ein schwerwiegender Grund ist, warum viele Menschen im Allgemeinen ins genaue Gegenteil gehen – zu kategorisieren. Macht eben alles einfacher, alles ist schön simpel vorgegeben und man hat eine deutliche Orientierung.
Nur richtig ist es in den allermeisten Fällen eben doch nicht.

Für den Anfang sollten sich solche Menschen einfach mal genau daran erinnern und versuchen, diese Tatsache kognitiv und emotional anzunehmen und in ihr Handeln einzubeziehen.
Die Mitglieder von Tokio Hotel sind einfach nur Musiker. Robert Pattinson ist einfach nur Schauspieler. So wie jeder Prominente eben diese eine Fähigkeit hat, die ihn prominent gemacht hat (wobei’s da bei B- und C-prominenz jetzt schon wieder schwierig wird…). Ob das jetzt ein Musiker, Schauspieler, Autor, Politiker oder was weiß ich ist.
Klüger als ihr sind die deswegen nicht. Die sind einfach nur prominent. Deswegen stimmt nicht automatisch alles, was die sagen, wenn sie zu irgendwelchen Themen befragt werden, die überhaupt nicht in ihr Fachgebiet fallen. Man sollte ja in der heutigen Medienlandschaft ohnehin immer vorsichtig sein und sich fragen, ob die Meinung, die jemand öffentlich vertritt, durch Fachwissen fundiert ist und welche Intention wohl dahinter stehen könnte, DASS er diese Meinung vertritt.

Der Gipfel des Nonsens ist in dieser Beziehung dann übrigens, was man bei Wahlkämpfen in Amerika und wohl auch hierzulande in geringerem Maße beobachtet, dass sich diverse Popstars für die eine oder andere Seite stark machen.
Zum Kotzen.
An diesem Punkt wird nämlich angefangen, genau diesen Sachverhalt der Idealisierung von Prominenten auszunutzen.
Dass das zu politischen Zwecken missbraucht wird, ist in meinen Augen das Letzte, aber DASS es missbraucht wird, ist beileibe nicht das einzige Beispiel.
So kommen wir nämlich ein bisschen zum Anfang zurück, zu Sachen wie Twilight-bettwäsche. Oder Shirts. Oder Federmäppchen. Oder Rucksäcken.
Und was der Merchandising-abteilung nicht alles für Dreck einfällt, wo man das Logo oder Robert Pattinson Fresse noch abdrucken könnte.
Jetzt sind Sachen wie Shirts und dergleichen ja vielleicht noch annehmbar, besonders was Bands angeht ist das ja halbwegs normal, aber wie überall ist es hier das gesunde Maß, dass eine fließende Grenze zum Schwachsinn bildet.
Ich habe mir früher ja auch Bandshirts gekauft. Heute nicht mehr, aber naja, von mir aus.
Dass es das Ganze allerdings mittlerweile auch zu Filmen gibt, habe ich erst heute schockiert im Saturn (!) feststellen müssen, als da tatsächlich über dem DVD-regal ein Plastiktorso mit einem Twilight-shirt ausgestellt war.
Jedem, der sich so etwas kauft und es trägt, möchte ich an der Stelle dann allerdings die Frage stellen:
Euch ist aber schon klar, dass ihr in der Hinsicht dann sozial und intellektuell etwa auf der selben Stufe steht wie der picklige Nerd mit Hornbrille und… was weiß ich, Star Wars-shirt, der von Sackhaaren noch nicht einmal GEHÖRT hat?
Nur im Hauptfall weiblich und mit anderen Klischeemerkmalen, eben.
Habt ihr auch ne Zahnspange? Wie wär’s mit einem Twilight-handtäschchen?
Und habt ihr eure Jungfräulichkeit mit vierzehn an den blassen, schweigsamen, komischen Außenseiter verloren, der euch weis machen wollte, er sei ein Vampir?

Schlussendlich bleibt mir eigentlich nur zu sagen, dass viele, wenn nicht gar die Meisten, in diesem Punkt – und in so vielen anderen – endlich begreifen müssen, dass der massive Fortschritt der Informationstechnologien nicht nur mit Vorteilen verknüpft ist, sondern dass wir genauso seine Nachteile, seine Begleiterscheinungen, seine Versuchungen erkennen und aktiv darauf achten müssen, wie wir mit ihnen umgehen.

Ende der Durchsage.

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