Nachdem meine eigentliche Planung für Freitag Nacht ins Wasser gefallen ist und ich keine wirklich interessante Alternative hatte, habe ich die letzten Stunden meines Lebens bis gerade eben damit verbracht, mir einen privaten DVD-abend mit dreien meiner Lieblingsfilme zu gönnen.
Hintereinander.
Ohne nennenswerte Unterbrechung.

Wir wollen jetzt mal die sich aufdrängende Frage, wie bemerkenswert sozial unangepasst derlei Abendgestaltung am Wochenende für einen Neunzehnjährigen ist, beiseite schieben zugunsten einer Tatsache, die einfach mal ausgesprochen werden muss.

Ich liebe Western.

. . .

Also gut, Männer, spätestens jetzt haben sich alle weiblichen Leser anderen Beschäftigungen zugewandt, wir können aufhören, den Bauch einzuziehen und anfangen, ungeniert geruchsintensive Luft aus allen erdenklichen Körperöffnungen entweichen zu lassen.
Und nebenbei weiterlesen, selbstverständlich.

Denn eigentlich stimmt das ja so gar nicht.
Den größten Teil aller Western halte ich gelinde gesagt für durchschnittlich, bestenfalls geeignet für Kinder dieser Zeit, die in Nostalgie schwelgen wollen. Relativ unbedeutende Massenware, die ständig nach dem selben Muster verläuft, besonders was amerikanische Produktionen angeht.
Es mag daran liegen, dass ich Schwarzweißzeichnung in der Charakterdarstellung weder bei Filmen noch bei literarischen Werken oder Videospielen ausstehen kann, dass mir generell zu viele Indianer erschossen werden und das Muster des altruistischen Sheriffs/Cowboys, der das terrorisierte kleine Städtchen vom ultimativ bösen Gauner (optional mit zugehöriger Bande) befreit und dabei irgendeine Frau flachlegt – ganz zu schweigen von den paar Indianern, die er im Vorbeigehen noch schnell umlegt – nach spätestens drei Filmen ETWAS vorhersehbar wird.
Jedenfalls fallen mir abgesehen von einigen Perlen wie High Noon nicht allzuviele amerikanische Western ein, die ich für wirklich empfehlenswert halte.
Anders sieht die Sache bei dem Genre aus, das sich mit dem Namen „Italo-western“ – oft auch mit dem etwas abwertenden Begriff „Spaghetti-western“ tituliert – vom klassischen Western abgrenzt, denn dort verstecken sich einige der meiner bescheidenen Meinung nach besten Filme, die je von Menschenhand gemacht wurden.
Natürlich sieht man allen davon das Alter an und einige Szenen sind nicht mehr zeitgemäß, wirken gar unfreiwillig komisch (Ich muss da gerade an die Szene aus Für eine Handvoll Dollar denken, in der ein ganzes Reiterschwadron von einem Maschinengewehr niedergemäht wird, inklusive amüsanten Overactings der Statisten beim Sterben.), aber nicht zuletzt haben Filme wie die Dollar-trilogie oder Django bis in die Gegenwart hinein filmhistorische Bedeutung.
Siehe Quentin Tarantino, einem Kenner von Italo-Western kommen viele der Szenen in seinen Filmen durchaus bekannt vor. Bestes Beispiel ist die unangenehme Sache mit dem Ohr in Reservoir Dogs, wo er sich wohl von Django inspirieren ließ.

So erschufen nicht nur erst sie einige Dinge, die heute fälschlicherweise mit dem klassischen Western assoziiert werden (wie die sogenannte Italienische Einstellung, bei der nur die Augen der Protagonisten zu sehen sind), sondern in gewisser Weise auch den Archetypen einer neuen Art Held – den schweigsamen, einsamen Einzelgänger, den Fremden mit rätselhafter Vergangenheit, dessen Intentionen sich erst nach und nach im Laufe der Handlung aufklären, den verbitterten, zynischen Rächer mit dem Stoppelbart und der Zigarre im Mundwinkel, der bis zuletzt kaum zu durchschauen ist.
Nicht von ungefähr verkörpert der junge Clint Eastwood in der Dollar-trilogie diesen Charaktertyp quasi bereits in Perfektion.
In gewisser Weise könnte man die furiose Entstehung der Italo-Western Mitte der Sechzigerjahre mit dem letzten Aufbäumen eines Genres vergleichen, das zur damaligen Zeit bereits als tot galt.
Der klassische Western jedenfalls hatte seinen Zenit weit überschritten, als Sergio Leone 1964 mit „Für eine Handvoll Dollar“ den ausschlaggebenden Impuls für die Entwicklung dieses Genres gab – und zwar nicht mit einer Rückorientierung auf die typischen Merkmale etwaiger John Wayne-Filme, sondern mit einer dazu im krassen Gegensatz stehenden Neudefinierung des Westerns.
So wichen die strahlenden Helden, wie bereits angedeutet, in der Mehrheit zwielichtigen Gestalten, Ideale wie Uneigennützigkeit und Selbstlosigkeit wurden verdrängt von Rachsucht und Habgier. Die Protagonisten werden vermehrt zu regelrechten Anti-Helden, sind selbst Banditen oder Kopfgeldjäger, die für ein paar Dollar töten, ohne Fragen zu stellen. Ehemalige Lichtgestalten wie lokale Gesetzeshüter werden schnell zu korrupten Schweinen, die mit den eigentlichen Widersachern unter einer Decke stecken.
Wirkliche Ideale gibt es in den Italo-Western nicht mehr, das gesamte Genre ist auf gewisse Weise ein Abgesang auf den Untergang seines Vorgängers – Die Helden sterben aus, werden korrumpiert oder sind unfähig, etwas an der Situation zu ändern, die Sitten verrohen, die Darstellung des Westerns wird insgesamt rauer, dreckiger, unerbittlicher, die Brutalität nimmt zu (Wenn man übrigens einige Szenen aus den damaligen Filmen mit heutigem Standard vergleicht, kann man über den Umstand, dass der hohe Grad der gezeigten Gewalt seinerzeit drastisch krisitiert wurde, nur noch müde lächeln.).

Es ist eine Welt, die nur noch von Gier, Rachsucht und Hass getrieben wird, Frauen kommen entweder nur als Prostituierte vor oder sind genau wie ehrliche, anständige Männer nichts als Spielfiguren und Opfer der verräterischen, egoistischen und gefühlskalten Anti-Helden, die sich gegenseitig an die Kehle gehen.
Schwarz oder weiß, gut oder böse gibt es nicht mehr. Alles, was bleibt, ist grau in grau, der eine fehlerbehaftete, von Gier und Hass getrieben Anti-Held gegen den anderen.
Fabelhaft gezeigt wird das vor allem in Zwei glorreiche Halunken, im Übrigen ein wunderschönes Beispiel der Unsitte der Eindeutschung von Filmtiteln, da es eigentlich um drei Protagonisten – im Englischen The Good, the Bad and the Ugly – geht, die sich auf der Jagd nach 200.000 Dollar einen ganzen Film lang gegenseitig verraten und gegeneinander ausspielen.
Zu wem der Zuschauer letztlich hält, das entscheidet sich vor allem durch einige kleine Gesten von Menschlichkeit, die bei dem ein oder anderen Charakter aufblitzen, Zeichen, dass sich in ihm zumindest noch ein kleines Fünkchen Moral finden lässt.
Oder aus purer Sympathie.

Bemerkenswert ist hier vor allem der Showdown, ein Bruch des klassischen Western-duells mit den drei Charakteren, die sich in Dreiecksformation gegenüber stehen. Hier spielt der Film seinen entscheidenden Trumpf aus, die Tatsache, dass es – obwohl Sympathien natürlich vorhanden sind – keinen klassischen Helden gibt, der am Ende zwangsweise triumpfieren muss. Bis zum entscheidenden Schuss weiß der Zuschauer so nicht wirklich, wer leben darf und wer sterben muss. In Verbindung mit einer genialen Inszenierung, die extreme Nahaufnahmen, von den Augen der Protagonisten über Hände und Revolver, mit spektakulären Distanzaufnahmen, die den ganzen Platz und die dahinter liegende Steppe überblicken, kombiniert, und einer schlicht umwerfenden musikalischen Untermalung von Ennio Morricone ergibt das für mich persönlich die beste Szene, die ich mir in all den Jahren als Filmliebhaber zu Gemüte geführt habe.

Das und eine sehr angenehme Offenheit und Experimentierfreude der Verantwortlichen, was Genre-kreuzungen angeht, beispielsweise mit Krimi- oder Horrorelementen, etwas, das ich heute irgendwie zunehmend vermisse, macht eine erstaunlich große Anzahl der Vertreter des Italo-Western-Genres für mich zu zeitlosen Lieblingen.

Da bleibt mir eigentlich nur noch zu sagen, schade, dass es heute keine wirklich ernstzunehmenden Versuche mehr gibt, dieses Genre wieder etwas aufleben zu lassen.
Oder vielleicht auch nicht, vermutlich käme es dabei ohnehin nur zum filmischen Äquivalent der Leichenschändung.

Es müsste einfach mal wieder ein paar junge Sergio Leones, Ennio Morricones, Clint Eastwoods, Sergio Corbuccis und Franco Neros geben.
Aber das ist vermutlich zu viel auf einmal verlangt.

Zum Abschluss noch ein grandioses Beispiel für die fabelhaften Soundtracks von Morricone und ein kleiner Auszug aus… naja… „Zwei“ gloreiche Halunken.
*shudder
Ihr wisst schon.

Besonders toll ab 1:30.

’nuff said.

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