Ich muss erst einmal schon von vornherein sagen, ich bin im Großen und Ganzen entsetzt von der Berichterstattung der deutschen Medien über die Geschehnisse in Griechenland.
Genau so entsetzt wie ich darüber bin, wie leichtgläubig und gedankenlos diese Berichterstattung von den Meisten akzeptiert und unreflektiert übernommen wird.
Genau so entsetzt wie ich darüber bin, wie unsere werte Frau Merkel es genießt, Druck auszuüben und zu welchen absurden Sparmaßnahmen wir die Griechen genötigt haben.

Wo wir es doch auf der anderen Seite lieben, astronomische Summen zu verschleudern, die im Nichts verpuffen und ihren Zweck vollkommen verfehlen, weil keinerlei Konsequenzen aus vergangenen Fehlern gezogen werden.
Ich kenne den genauen Betrag nicht, mein letzter Stand ist, dass der Staat den Banken inzwischen um die 400 Milliarden Euro in den Arsch geblasen hat.
Weil sie „systemrelevant“ sind. (Was eine Unzahl an Analysten und Wirtschaftsexperten als absurd zurückweist.)
Weil das ein „alternativloser Sachzwang“ ist, etwas, dass man nun mal einfach tun MUSS. (Was ich persönlich für eine dreiste Lüge halte. Alternativen gibt es immer, Alternativen hätte es auch damals gegeben.)
Zumal ich es einfach zum Kotzen finde, wie schnell diejenigen Vertreter aus der Wirtschaft, die sich zu Zeiten des Aufschwungs jede staatliche Einmischung strengstens verbieten, angerannt kommen und um Staatshilfe betteln, wenn die Kacke am Dampfen ist. Und sogar in der Situation bleiben sie zumeist arrogant und überheblich.
Und nicht zuletzt hätte es doch viel mehr dem Prinzip der freien Marktwirtschaft entsprochen, marode Banken, die sich pauschal gesagt durch schlechtes Wirtschaften und hirnrissige Spekulationen selbst in die Scheiße geritten haben, dem zu überlassen, was das System nun einmal für solche Unternehmen vorsieht: Konkurs.
Es gibt lauter werdende Stimmen, die die berechtigte Meinung äußern, dass andere Banken und das System, für dass diese „Bankster“ (toller Neologismus!) ach so relevant sind, deren Untergang relativ gut überstanden hätten, der Schaden wäre überschaubar gewesen, die übrigen Banken hätten vermutlich expandiert, Lücken gefüllt.
Damit wären eigentlich genau diejenigen, die diesen Schwachsinn verschuldet haben, vom System selbst bestraft worden.
…Oder auch nicht, denn ihr Gehalt haben sie ja so oder so sicher, am Arsch sind nur die, die weiter unten stehen.
Und irgendwie frage ich mich, wie viel ein System wert sein kann, dass von solchen Leuten abhängt.

Aber halt. Durchatmen. Konzentrieren, Eden. Nicht reinsteigern.
Denn es soll ja um die faulen, korrupten, arroganten, ignoranten und sowieso von Kopf bis Fuß BÖSEN Griechen gehen.
Und genau vor diesem Hintergrund finde ich es merkwürdig, nachdem wir jetzt einer Riege von faulen, korrupten, arroganten, ignoranten Idioten mit Handküsschen unzählige Milliarden geschenkt haben, und das verbunden mit lächerlichen Auflagen voller Hintertüren, damit sie auch ja weitermachen können wie bisher, bei den Griechen die Daumenschrauben anzulegen.

Tja, die sind eben nicht „systemrelevant“, hat es den Anschein.
Dumm gelaufen, Stavros.
Wobei es doch sehr fraglich ist, ob ein totaler Zusammenbruch Griechenlands nicht doch sehr interessante Folgen für die Währungsunion hätte.
Aber viel entzückender ist doch wieder einmal die Tatsache, dass die, die am wenigsten dafür können, am meisten von allen abbekommen.
Da wird in deutschen Medien munter von den faulen, arbeitsscheuen und korrupten Griechen berichtet, und in der Öffentlichkeit mokiert man sich, dass man diesen Faulpelzen, die doch eh den ganzen Tag nur Ouzo saufen, jetzt noch Geld in den Rachen schieben darf.
Und dann besitzen diese Schweine auch noch die Frechheit, auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren und zu randalieren, wo man ihnen doch so großzügig hilft.

Wie können Sie nur?!
Wo es doch nur um IHR Leben und IHRE Existenz geht und darum, dass SIE genug Geld haben, um noch über die Runden zu kommen?
Aber natürlich verstehen Deutsche das nicht. Denn Deutsche lieben es ja anscheinend, lethargisch vor sich hin zu leben und Moos anzusetzen, während sie fortwährend in immer größerem und dreisterem Stil verarscht werden.
Wir würden ja erst auf die Straßen gehen, wenn man uns DSDS, Popstars und GNTM wegnimmt, wenn die Bild verboten und der Alkohol seinen Stand als gesellschaftlich akzeptierte Droge einbüßen würde.
Dann wäre hier rambazamba, aber gehörig.

Kopfpauschale im Gesundheitswesen? – Pfff.
Massenentlassungen trotz wirtschaftlichen Aufschwungs entgegen aller Versprechen à la „Wachstum bringt Arbeitsplätze!“ – Scheiß drauf, solang’s nicht ich bin.
Abbau des Sozialstaats und zunehmende Umverteilung von unten nach oben? – Egal, noch kann ich gut leben.

Aber wenn Dieter Bohlen, Heidi Klum und Detlef D!!! Soost inhaftiert würden, dann käm’s wohl zum Barrikadenkampf.

Und alle, denen zunehmende soziale Ungerechtigkeit nicht am Arsch vorbeigeht, spinnen doch sowieso und übertreiben maßlos.
Und die Griechen gleich sowieso und überhaupt!
Wenn ich da teilweise lese, sehe oder höre, was die deutschen Medien an hirnrissiger Scheiße verbreiten, wird mir schlecht.
Von wegen die Korruption, die durchweg in der ganzen griechischen Bevölkerung so normal ist wie die zwei Liter Ouzo zum Frühstück, rächt sich jetzt.
Seht euch mal um, ihr Pflaumen, was bei uns alles vonstatten geht. Welcher Politiker bei welchem Unternehmen für wie viel Kleingeld im Betriebs- oder Aufsichtsrat sitzt, wer für Interviews oder Vorträge wie viel bekommt, von welchen Instituten mit eindeutig wirtschaftlichen Interessen welcher Wissenschaftler samt seiner Studien „finanziert“ wird, um was zu sagen, wer die Öffentlich-Rechtlichen wirklich kontrolliert, welche Konzerne welchen „Volksvertreter“ schmieren, um an Aufträge von Vater Staat zu kommen, was da bei der Bankenkrise alles hinter den Kulissen abgegangen ist, wie hoch die Prämie ist, die ein Krankenhaus an einen Arzt zahlt, wenn dieser im Gegenzug einen Patienten dorthin überweist, ob der jetzt dort eine Behandlung braucht oder nicht und was die alle von Pharma-konzernen zugesteckt bekommen – und ihr wollt mir sagen, es ist die Korruption in der breiten Masse, die Griechenlands Finanzen in Schieflage gebracht hat?
So ein Schwachsinn – wenn überhaupt ist es die Korruption, die sehr viel weiter oben in der Hierarchie und in unvergleichlich größerem Maßstab stattfindet. Wenn überhaupt, dann ist es die soziale Ungerechtigkeit, eine bestenfalls schockierende Arbeitslosenversicherung, Politik, die nur noch im Namen von Lobbyisten geführt wird und ein Lohnniveau, dass die Leute am unteren Ende der Leiter praktisch ZWINGT, einer inoffiziellen Nebentätigkeit nachzugehen, um irgendwie über die Runden zu kommen, die Griechenland in die Scheiße geritten haben.

In diesem Bezug an der Stelle eine Mail von einer Betroffenen aus Griechenland, freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Alles Schall und Rauch:

Hallo aus Hellas,

wo sich die Situation weit mehr zuspitzt, als in den deutschen Medien auch nur Ansatzweise berichtet wird.

Immer wieder lese ich beim Durchforsten der deutschen Berichterstattungen, dass „die Mehrheit der Griechen“ trotz aller Demonstrationen und trotz allen Widerstandes eben doch mit den Schritten der Regierung einverstanden sei. Das ist nicht einmal mehr eine Verdrehung der Tatsachen, das ist eine Lüge, wie ich sie selten gehört habe!!!

Viele kleine Geschäftsinhaber in den Städten geben auf, bevor sie zu weit in die roten Zahlen gerutscht sind, Ladenketten wie Lidl, Aldi, Praktiker und Media Markt können sich darüber freuen. Doch die Griechen sind bei den wahnsinnigen Einsparungen gezwungen, in Billigdiscounter zu gehen – wenn sie es auch gar nicht gern machen.

Einverstanden sind hier bestenfalls diejenigen, die von den Wahnsinnsschritten profitieren werden, das sind dann Geschäftsinhaber, die weniger Lohnkosten haben werden und die Oberschicht, die weder von den Steuererhöhungen (weil sie weiterhin ALLES werden absetzen können) noch von den erhöhten Lohnabzügen (weil sie davon nicht betroffen sein werden) profitieren werden.

Ein Beispiel aus der Praxis:

Mein Mann ist Grundschullehrer im elften Dienstjahr. Wir haben ein 12-jähriges Kind. Bis einschliesslich April dieses Jahres hat mein Mann ein monatliches Nettoeinkommen von etwa 1.450 Euro gehabt, das meiste davon waren Beamtenzuschläge, das Lehrergrundgehalt ist sehr niedrig. Das enthaltene Kindergeld liegt bei um die 40 Euro, wenn ich mich nicht täusche, es ist sehr schwer, das alles aus der Gehaltsabrechnung herauszurechnen.

In diesem Monat nun wurden 140 Euro weniger überwiesen, denn die Lehrer müssen die seit Januar 2010 erhaltenen Zuschläge zurückzahlen. Dasselbe dann noch im Juni. Also liegt das Nettoeinkommen in diesen beiden Monaten bei etwa 1.310 Euro. Danach soll sich das monatliche Einkommen bei etwa 1.370 bis 1.400 Euro einpendeln, so wurden wir von der zuständigen Stelle informiert – aber ganz klar sei das im Moment noch nicht.

Ich selbst arbeite als Privatlehrerin für Deutsch als Fremdsprache, kann jedoch nicht offiziell arbeiten, da ein Gesetz verbietet, dass der Ehepartner eines staatlichen Lehrers im selben Landkreis, wo der Lehrer angestellt ist, als Privatlehrer tätig ist.

So haben wir also zwei Möglichkeiten: Entweder wir versuchen, uns bei den steigenden Lebenshaltungskosten und dem niedrigeren Einkommen meines Mannes irgendwie zu dritt durchzuwurschteln, oder aber ich arbeite ebenso, wie es die meisten Griechen machen …

Die Sicherheit des Einkommens, und sei es auch noch so niedrig, ist übrigens auch der Grund dafür, warum die meisten Griechen schon immer versucht haben, Beamte zu werden – und sei es auch durch Beziehungen. Denn hier gibt es kein Arbeitslosengeld, das auch nur mit Hartz V vergleichbar wäre – nach einem Jahr Arbeitslosigkeit hören die ohnehin schon niedrigen Zahlungen ganz einfach auf, das war hier schon immer so. Und dann … na ja, meistens springt die Familie ein und hilft, anders geht´s halt nicht.

Uns geht es jedoch noch verhältnismässig gut, wir werden sogar beneidet, denn zumindest kann ein Lehrer seinen Job nicht verlieren. Es gibt genug Griechen, die mit einem monatlichen Gehalt von um die 700 bis 1.000 Euro eine Familie durchzubringen haben, was schon jetzt kaum mehr machbar ist. Nicht wenige versuchen jetzt, mit ihren Familien bei den Eltern unterzukommen, damit sie sich wenigstens die Miete sparen.

Andere denken darüber nach, in eine der Grossstädte zu ziehen, weil sie sich dort eine bessere Arbeit erhoffen – ein Trugschluss, denn es gibt schlicht und einfach kaum Arbeit in Griechenland, das industriell kaum entwickelt ist. Also bleibt nur noch … die Schwarzarbeit. Und dabei geht es in den wenigsten Fällen um einen Zuverdienst, es geht wirklich nur ums nackte Überleben.

Und nun lese ich in deutschen Schmierenblättern, dass die Mehrheit der Griechen mit den Einsparungsplänen einverstanden sei!

Ein kleines bisschen logisches Denken müsste einem schon klarmachen, dass das nicht der Wahrheit entsprechen kann.

Klar, den Profiteuren der Sache ist alles Recht, aber der Durchschnittsgrieche ist langsam bereit, sein Überlebensrecht mit allen Mitteln zu verteidigen und von Zustimmung kann keine Rede sein.

Ausserdem hat die Erfahrung dieses Volk gelehrt, dass kein einziger Cent, der ins Land fliessen wird, auch nur irgendetwas ändern wird – die Korruption hat nach Meinung der meisten Griechen das zu erwartende Geld bereits unter ihren Kindern aufgeteilt und das, was TATSÄCHLICH in den Staatssäckel fliessen wird, ist ebenso schon verplant.

Der einfache Mensch auf der Strasse weiss also ganz genau, dass die wahnsinnigen finanziellen Mehrbelastungen, die ihn ja ohnehin bereits getroffen haben, noch weiter steigen werden, aber das nur, um „die Reichen und Einflussreichen“ noch ein Stück nach oben zu schieben – und er, der einfache Grieche, soll das finanzieren.

Von einer Zustimmung kann in meinen Augen in keinem Fall die Rede sein, denn dann wären die Griechen entweder komplett blöde oder ganz einfach alle Selbstmörder.

Ich denke, die Schwarzarbeit wird im selben Masse aufblühen, wie der Konsum zurückgehen und die Verschuldung des Einzelnen steigen wird.

Mit freundlichen Grüssen aus Hellas

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich keineswegs versuche, Ausbrüche von willkürlichem Vandalismus und Gewalt mit Verletzten und Toten zu rechtfertigen.
Soweit sollte es nie kommen, bei aller berechtigten Wut.
Aber ich kann das hier zugrunde liegende Gefühl eines breiten Teils der griechischen Bevölkerung nur zu gut verstehen, zumal wir uns bei aller sozialen Ungerechtigkeit, die auch hier bei uns zunehmend um sich greift, vermutlich nicht einmal annähernd vorstellen können, was Armut in Griechenland bedeutet.
Und weil alles Geld der Welt nichts hilft, wenn es irgendwo versickert, wo es nicht hin sollte – Die Änderung muss an anderer Stelle herbeigeführt werden, aber ohne jetzt die griechischen Verhältnisse allzu genau zu kennen, würde ich vermuten, dass ein bemerkenswerter Anteil der dortigen Machtelite aus vollkommen schleierhaften Gründen nicht sonderlich einverstanden damit wäre, wenn Korruption und Lobbyismus im großen Stil der Kampf angesagt wird.

Aber die, die ihr jetzt in den Nachrichten demonstrieren und randalieren seht, das sind die, die ohnehin schon Probleme haben, ihre bloße Existenz zu finanzieren, das sind auch die, die von den rigorosen Sparmaßnahmen betroffen sein werden, die wir den Griechen abgepresst haben, und das sind vor allem die, die verdammt nochmal einfach die Fresse dick davon haben, von allen ständig verarscht zu werden.
Und jetzt sogar noch von uns, die wir so blind sind, nicht zu sehen, dass wir uns auf dem besten Weg befinden, ihnen zu folgen.

Aber tja, tut uns leid, wir haben schon alles Geld, das wir sowieso nicht haben, für unsere Banken verpulvert.
Ist ja auch naheliegend.
Immerhin scheinen einige Politiker ja richtig dicke mit denen zu sein.
Man kennt sich, man trifft sich, man hält zusammen, und wenn zum Beispiel Josef Ackermann das sechzigste Jubiläum seiner verhängnisvollen Geburt feiert, dann schmeißt Frau Merkel im Kanzleramt natürlich eine Sause auf Kosten des Steuerzahlers.
Nach den hunderten von Milliarden Euro macht das bisschen Kleingeld schließlich auch nichts mehr aus, nicht wahr?

Angesichts solcher Arroganz, Überheblichkeit und Selbstvergessenheit gepaart mit einem unfassbaren Mangel an moralischen Prinzipien bleibt mir nichts anders, als mich vor den betreffenden Vertretern in den Schaltzentralen der deutschen Wirtschaft, Politik und Medien zu verbeugen.
Gegen euch ist die Mafia ein Scheißdreck.

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