Ich esse ja allgemein sehr gerne an Plätzen, die ziemlich öffentlich sind.
Ich esse auch gerne zuhause, aber da ich unter der Woche in der Regel ständig irgendwie unterwegs bin, ist das meist nur an Samstagen und Sonntagen der Fall.

Der Grund ist ja auch nicht, dass mir das Zeug bei McDonalds, Burger King, Kantinen oder irgendwelchen Wirtshäusern besser schmeckt als das, was mir zuhause vorgesetzt wird.
Und billiger ist es schon mal gleich gar nicht, das ist vollkommen klar.
Aber ich mag es einfach, während ich auf mein Essen warte oder nachdem ich es gierig wie ein Schwein verschlungen habe, meine Umgebung ein bisschen zu beobachten.
Besonders natürlich die Menschen darin.

Dabei bekommt man vieles mit, von einzelnen Gegebenheiten, Absurditäten und Demonstrationen inhumaner Dummheit über ritualisierte Gewohnheiten, wenn man gewisse Personen immer wieder zur selben Zeit am selben Futtertrog vorfindet, bis hin zu Spiegelbildern ganzer Schicksale.

Es gibt da nämlich zum Beispiel eine alte Frau – ich bin nicht gut darin, das Alter von Menschen abzuschätzen, aber ich vermute, sie ist etwa achtzig, so um den Dreh – die man jeden einzelnen Tag der Woche, vom Moment der Öffnung an bis in den späten Nachmittag hinein in einer Filiale von McDonalds im Stadtzentrum sitzen sieht.
Manchmal einfach nur mit abwesendem Blick vor sich hin starrend, manchmal Zeitung lesend, je nach Tageszeit vielleicht mit einem Pappbecher Kaffee, einem anderen Getränk oder einem fein säuberlich zusammengefalteten Packpapier eines Cheeseburgers vor sich auf dem Tisch. Manchmal beobachtet sie auch nachdenklich einige andere Gäste – dann frage ich mich, ob sie am Ende dieselbe Gewohnheit hat wie ich – und manchmal bewegt sie sich so lange einfach überhaupt nicht, dass ich mich unwillkürlich ab und zu frage, ob sie nicht tot ist.
Aber immer ist sie allein.
Natürlich ist es jetzt auch nicht unbedingt sehr fundiert, aus solchen Beobachtungen Vermutungen über das Schicksal einer Person anzustellen, aber ich sehe darin oft das traurige Schicksal nicht weniger alter Menschen reflektiert, die in zunehmender sozialer Isolation und gefühlter Nutzlosigkeit apathisch ihrem Ende entgegenleben.
Von Tag zu Tag.
Dann tut mir diese Frau oft wirklich leid.
Aber wie der Rest der anderen Gäste fresse ich eben meistens doch nur schnell meinen Müll, sitze dann vielleicht noch ein paar Minuten herum und gehe wieder. Wenn nicht, spiele ich zwar tatsächlich ab und zu mit dem Gedanken, sie einfach mal unvermittelt anzusprechen, aber – zugegebenermaßen, ich bin eben wirklich nicht gut darin, auf fremde Menschen zuzugehen und Konversationen zu starten.
Zumal meine Kompetenzen im Smalltalk-bereich, mit dem die Allermeisten so etwas einleiten, tatsächlich erbärmlich sind. Was daran liegen mag, dass mich der übliche Smalltalk auch einen Scheißdreck interessiert.
Liegt vermutlich einfach daran, dass ich im Normalfall eher in meiner eigenen kleinen Welt herumirre und mich durch das gewaltige Chaos in meinem Kopf wühle, statt mich auf soziale Interaktion zu konzentrieren.
Sogar auf Parties. Wo ich meistens der klischeehafte schweigsame Typ bin, der rauchend vor einem Glas Whiskey an der Bar steht und vor sich hinstarrt.
Weshalb ich „normale“ Parties, also Massenbesäufnisse, bei denen die Hemmschwelle für jede Art gesellschaftlicher Reglementierung unter dem Erdboden versinkt und es am Ende irgendwann nur noch um sinnlosen Smalltalk zwischen läufigen Freizeitnutten und denkenden Schwänzen auf Beinen geht, der möglichst zum Ficken führen soll, im Regelfall inzwischen auch sehr erfolgreich meide.
Manchmal zieht das Klischee des schweigsamen rauchenden Typs mit dem Whiskeyglas zwar auch einige Menschen an, ob Männlein oder Weiblein, die dieses Klischee faszinierend finden mögen, ich weiß es nicht. Aber ich selbst mache wirklich fast nie aktiv den Versuch, auf andere Menschen zuzugehen.

Aber egal. Ich schweife ab.
Die alte Frau ist jedenfalls eines der interessanteren – und vielleicht euch etwas melancholisch stimmenden – Beispiele, was ich da so beobachte. Wie gesagt, sehr viel häufiger sind alltägliche Absurditäten, Lächerlichkeiten und offen zur Schau gestellte Dummheit.

Oder Ereignisse, die irgendwie alles miteinander kombinieren.
Wie vor Kurzem geschehen, als ich gegen Mittag an einer anderen Filiale des Restaurants zum goldenen M vorübergefahren bin und mir dachte, ich könnte da ja kurz mal Essen fassen.
Wie in vielen anderen Restaurants dieses Franchises war auch dieses in den letzten Jahren scheinbar stark modernisiert worden, um ihm irgendwie eine moderne Ästhetik zu verleihen.
Falls es so was gibt.
Das ging von verspiegelten Wand- und Deckenflächen über einen in Glas eingefassten Kamin mit einem elektrischen Feuer bis hin zu zahlreichen Flachbildschirmen, die in einem endlosen Stakkato Musikvideos, Promi-news und natürlich Werbung auf die Kundschaft abfeuerten.
Andere Sachen wie echte Nachrichten wären ja auch ungünstig, wie die Verantwortlichen sehr richtig realisiert haben. Das interessiert die Leute eben einfach lange nicht so sehr wie dieser Schwachsinn.
Und so wird der Untergang der Esskultur, der soziale Faktor des Mittagessens, das Familienideal eines gemeinsamen Mahls, durch elektronische Geräte ersetzt, die dir alles über die Leute erzählen, die du wahrscheinlich nie im Leben treffen wirst.
Aber, wie schon mal an anderer Stelle erwähnt… das ist man ja inzwischen alles gewohnt.
Der ganz normale Schwachsinn, sozusagen.

Nach kurzer Zeit saß ich dann also auf meiner Kunstlederbank vor meinem Kuntsstofftisch mit dem Kunststofftablet und dem Kunststoffessen darauf.
Und wie ich das eben gerne tue, beobachtete ich nebenbei, was so um mich herum geschah.
Dabei konnte selbst ich irgendwann nicht mehr verhindern, dass meine Aufmerksamkeit sich zeitweise den Bildschirmen zuwandte.
Zumal sie einfach ÜBERALL waren, verfluchte Scheiße.
Und da erfuhr ich dann so nützliche Sachen, wie das im lokalen Kino bald ein Film laufen würde, der tatsächlich „LOL“ heißt, dass es in Hollywood rumorte, Nicole Richie würde bald heiraten… und natürlich dass man nicht mal mehr beim Fressen von Werbung verschont wird.

Wieder mal blieb mir da Germany’s next Topmodel als herausragendes Negativbeispiel in Erinnerung.
Wir stellen uns folgende Szenerie vor:
Eine modisch gekleidete Frau mit Topfigur, professionell geschminkt und wahrscheinlich zudem digital überarbeitet, sitzt auf einer Bank in einem friedlichen Park und fummelt an ihrem Nintendo DS herum, wobei man ihr ansieht, dass sie fünf Minuten vor Drehbeginn nicht wusste, dass es so etwas überhaupt gibt.

Was sie spielt? „America’s Next Topmodel“, erhältlich für Wii und DS.

Und wie auf Kommando bricht plötzlich Chaos um sie herum aus. Journalisten, Kameramänner und Fotografen stürmen von allen Seiten ins Bild und umringen sie, Blitzlichtgewitter, Stimmengewirr, das Knipsen von Fotoapparaten. Sie sitzt da mit einem überraschten Gesichtsausdruck, den ich mit zwei Promille noch besser spielen könnte und fängt nach kurzer Zeit an, sich in Pose zu werfen, räkelt sich auf der Bank und spielt ihre Rolle an dieser Stelle zum ersten Mal wirklich überzeugend.
Es folgt der Übergang, das Spiel wird gezeigt und irgendeine verschlafene Praktikantin liest einen Text ab, an den ich mich nicht mehr erinnere, der aber wohl auf „Werde zum Topmodel blahblub sei ein Star wargh!“ hinausläuft.

Tja, da sitzt man dann, und vergisst fast, dass man eigentlich zum Essen hier ist.
Man wendet den Blick ab und beobachtet seine Umgebung, vornehmlich bevölkert von Menschen, über die genau die Leute, die diese Werbung erdacht haben, wohl die Nase rümpfen würden; Ungepflegte Unterschichtler, Handwerker mit Schweißgeruch der nicht mehr im ignorierfähigen Rahmen liegt, Menschen, die Klamotten anhaben, die aussehen, als wären sie von der Altkleidersammlung aus Afrika zurücktgeschickt worden.
Und alle tapsen sie durch den modernen Mastbetrieb, sitzen zufrieden grunzend um ihre Plastikfuttertröge herum und stopfen das billige Fressen in sich hinein, dass ihnen vorgeworfen wird, während der Bauer ihnen mit einem Megafon von einer Empore aus zuschreit, immer weiter zu fressen und sich vollzustopfen, weil sie nur schön sind, wenn sie so fett werden, dass sie aus allen Nähten platzen. „Fressen und schlafen, das ist euer Idealzustand, euer Paradies, und wir geben euch alles was ihr braucht in unserem grenzenlosen Altruismus!“
Und im Hinterraum wetzt der Schlächter schon seine Messer.

Nicht weit von mir, ein paar Tische weiter, zwei Weibchen der Gattung Homo sapiens, denen man auf den ersten Blick an ihrer hautengen, glitzernden und blinkenden, pelzigen Bekleidung und dem bröckelnden Putz auf ihren Gesichtern ansieht, dass sie die Beine schon breit machen würden, wenn man mit einem frisch gewaschenen, tiefergelegten Fiat Cinquecento vorführe.
Warum frisch gewaschen?
Weil er dann so krass glänzt.

Jedenfalls erkannte man sofort an dem glasigen Blick, mit dem eine von ihnen den Bildschirm fixierte, während die andere sich genüsslich und auf nicht gerade appetitliche Weise Nahrung zuführte, dass das System funktionierte.
Als sie dann auch noch mit einem Stupser, den ich persönlich als Kinnhaken definieren würde, die Aufmerksamkeit ihrer Freundin forderte, dem Bildschirm zunickte und wohl so etwas sagte wie „Schau mal, geil ey!“, musste ich einen Moment überlegen, ob ich jetzt weinen, aufstehen und die ganze Einrichtung zerlegen oder lachen sollte.

Ich entschied mich zu lachen.

Einfach, weil’s am angenehmsten ist.

Und man auf lange Sicht nicht überleben wird, wenn man sich für eine der anderen Alternativen entscheidet. So berechtigt sie auch erscheinen mögen.

Und man kann ja zum Beispiel auch darüber lachen – oder sich zumindest, gemein wie man ist, schadenfroh darüber freuen – dass die neue Staffel GNTM Berichten zufolge äußerst schlechte Quoten einfährt.
Vielleicht ist man sogar so optimistisch, zu hoffen, dass dies das Ende dieses Formats bedeuten könnte.

Womit man sich aber am Ende selbst belügen würde.

Denn der nächste Schwachsinn kommt bestimmt.

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