Eden’s Odyssees # 1 Montag, Jan 28 2008 

Es gibt so Tage, da funktioniert einfach gar nichts.

Da beginnen Kriege. Da ereignen sich Terroranschläge. Da verabschiedet sich die halbe Welt mal ganz spontan von ihren zivilisierten Eigenschaften. Oder man tritt einfach nur auf dem Bürgersteig direkt in einen fetten Haufen Hundescheiße.

So Tage halt, wo man sich fragt, ob die Menschheit angesichts ihrer unglaublichen Ignoranz und Dummheit überhaupt noch eine Existenzberechtigung hat.

Oder warum diese verdammten Hunde nicht dreißig Zentimeter weiter links in den Rasen scheißen können.

Gestern war so ein Tag.

Kurz zusammengefasst, ich ging spät nachts aus dem Haus, wanderte in die Dunkelheit, und kam mit einer blutenden Beule am Schädel und einigen sehr schmerzhaften rektalen Verletzungen wieder zurück.

Jaja, ich weiß schon – aber bleibt da, in der Geschichte ist weit weniger homoerotischer Inhalt zu finden als man jetzt vielleicht denken mag.

Deshalb präsentiere ich jetzt, voller Stolz und mit einem unangenehmen Juckreiz um den Schließmuskel herum, den ersten Teil einer neuen Serie, die in Zukunft vermutlich sehr oft Zuwachs bekommt:

Eden’s Odyssees # 1:

Es war ein Samstag wie jeder andere. Nämlich ein beschissener.

Irgendwann im Laufe meines Lebens war meine Mutter der Meinung gewesen, dass ich an allen Wochenenden bis zu meiner Volljährigkeit Zeitungen austragen sollte. Um mir etwas Geld dazu zu verdienen. Um zu lernen, was Arbeit heißt. Um Verantwortungsbewusstsein zu erlangen. Die ganzen Schwachsinnsgründe, die einem Erziehungsberechtigten in dieser Hinsicht einfallen können. Denn ich habe samstags ja auch nichts anderes zu tun.

Ich tat es also für das Geld.

Und ich tue es für gewöhnlich nachts. Nicht, weil ich nur schwarz trage, so tue, als würde ich mich mit Satanismus auskennen und jedem, der es nicht hören will, erzähle, dass ich Sonnenlicht hasse. Nein, der Grund ist einfach – nachts trifft man keine Menschen.

Nicht, dass ich Menschen nicht mögen würde. Nein!

Nur gibt es in unserem Kaff nur diese ganz besondere Art von ländlichen Menschen. Rentner, Arbeitslose und noch Schlimmeres – Kinder! – die einen dann immer anschauen. Einen grüßen. Mit einem reden. Unsäglich schlechte Witze machen, über die man dann künstlich lachen muss, nur um möglichst schnell wegzukommen.

Es war also ein Samstag wie jeder andere. Nämlich ein beschissener.

Um zwei Uhr morgens verließ ich mein trautes Heim, leicht bis mittelstark alkoholisiert, wie ich es eigentlich generell etwas oft bin. Gehört in Bayern ja quasi zum guten Ton. Wie immer ging – oder torkelte – ich meine Runden, warf die Prospekte ein, ohne die die Leute anscheinend nicht leben können, denn wenn ich einmal ein Haus vergesse, ist die Hölle los.

Nur gab es ein Problem.

Winter. Kälte. Glatteis. Alkohol. Schlechte Kombinationen.

Außerdem ist es nachts generell nicht sehr angenehm, vor allem, wenn man sich beständig von Rammstein zudröhnen lässt und dann neben stockfinsteren Wäldern vorbeistolpert. Gar nicht auszudenken, was einer so attraktiven, wehrlosen Frau wie mir da zustoßen könnte!

Zudem scheinen die wenigstens Leute damit zu rechnen, dass um zwei Uhr morgens ein betrunkener Jugendlicher die Straßen abklappert und bei ihnen Werbung für Hundefutter mit Hühnchengeschmack einwirft. (Mögen Hunde eigentlich Hühnerfleisch? Davon hab’ ich noch nie gehört.)

Was sie dazu verleitet, die Tore zu ihren Einfahrten zu verschließen und zu verriegeln, einen Stacheldrahtzaun zu ziehen und die Selbstschussanlagen zu aktivieren.

Oder zumindest eins von dreien.

Was den vollkommen betrunkenen Jugendlichen wiederum dazu verleitet, sich mit dem Elan und der anmutigen Grazie eines vollkommen betrunkenen Jugendlichen über ihre Zäune und Tore zu hieven.

Was auf Dauer natürlich nicht gut gehen kann.

Vor allem bei Glatteis.

Denn früher oder später passiert ein Unglück – und wenn man dann bei diesem Unglück von einem scheiß hölzernen Zaunpfosten beinahe anal vergewaltigt wird, hört der Spaß irgendwo einfach auf.

Auch, wenn man vollkommen betrunken ist.

Aber man rafft sich natürlich auf. Man ist immerhin Werbeprospekte-austräger. Eine verdammt harte Sau -die Elite. Der Beste der Besten. Man bringt den Leuten jedes Wochenende ihre wertvollen kleinen Heftchen, bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit.

Man ist ja schließlich ein Held des Alltags.

Außerdem ist man vollkommen betrunken.

Was man allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht weiß, und auch eine Viertelstunde später noch nicht, wenn man die Strecke schon fast durchhat und sich auf den Weg nach Hause machen will, ist etwas sehr Interessantes: Viele Menschen sind selbst im Januar noch zu faul, ihren verfickten Weihnachtsschmuck abzuhängen.

Und wenn man dann um zwei Uhr morgens mit dem Tunnelblick eines vollkommen betrunkenen Jugendlichen nach Hause torkelt, ist das Letzte, womit man rechnet, ein fetter Stoffweihnachtsmann, der an einem Balkon über einem hängt und einen mit dem psychopathischsten Blick eines Weihnachtsmannes anstarrt.

Glaubt mir, damit rechnet man einfach nicht.

Natürlich erschrickt man, man rutscht beinahe aus, fängt sich gerade noch, erkennt den Weihnachtsmann. Man lacht noch recht dreckig über seine eigene Dummheit.

Dann dreht man sich um und rennt gegen den Laternenpfahl.

Und endlich bekommt das Glatteis doch noch seine Chance. Während man sich noch an die schmerzende Stirn greift, kracht man schon mit dem Hinterkopf auf den Bürgersteig.

Und dann bleibt man erstmal liegen, um diese unglaubliche Szenerie auf den Leser dieses Blogs wirken zu lassen. Ich meine, früher dachte ich immer, so was gäbe es nur in den schlechtesten Cartoons für die dümmsten Kinder. Aber ich schwöre hoch und heilig, man möge mir beide Eier abschneiden und zum Verzehr braten, wenn ich lüge – es war wirklich so.

Da lag ich also nun, und tat erstmal das, was jeder in meiner Situation machen würde.

Ich zündete mir eine Zigarette an und blieb liegen, um zu warten, bis die Welt aufhören würde, sich zu drehen. Was sie nicht tat. Ob das nun am Alkohol lag oder an dem Blut, das wohltuend wärmend in unglaublichen Massen aus meinem Hinterkopf strömte, ich weiß es nicht.

Na gut, eigentlich waren es nur ein paar Tropfen.

Jedenfalls stand ich irgendwann wieder auf.

Ich glaube zumindest, dass ich aufstand, denn als ich wieder aufwachte, war ich zu Hause, mit gleich zwei schmerzhaften Beulen am Schädel und einem unangenehmen Kratzen um den Schließmuskel herum.

Oder vielleicht ist das auch alles nur ein kranker Traum, den mein Unterbewusstsein sich ausgedacht hat, um mich vor der viel grausameren Wahrheit zu schützen.

Jedenfalls ein ganz normaler Samstag. Nämlich ein beschissener.

Über die wirklich guten Spiele Sonntag, Jan 13 2008 

Ihr alle kennt es.

Ihr wisst, wovon ich rede, wenn ich sage, dass das Leben als Videospieler ein ständiges Spiel mit dem Feuer ist (vor allem in finanzieller Hinsicht).
Ihr wisst, wie es sich anfühlt, stundenlang vor dem Bildschirm zu hängen und ein Spiel wirklich zu genießen. Ein Spiel, das es versteht, mitzureißen, zu begeistern, vielleicht auch zu berühren, ein Spiel, das euch vergessen lässt, dass ihr eigentlich irgendwie auch ein RL haben könntet.
Ihr wisst, wie sich Enttäuschungen anfühlen, wenn man ein potenzielles Highlight monatelang erwartet und es sich als totaler Rohrkrepierer entpuppt.
Ihr kennt das ständige Auf und Nieder in der Welt der Videospiele, die Perlen der multimedialen Unterhaltung und die ekelerregenden Ausscheidungen fehlgeleiteter Entwicklerstudios.

Ihr alle kennt es.

Und ihr wisst auch, was ich meine, wenn ich sage, dass es unter all diesen tausenden Spielen, die im Laufe der Jahre erscheinen, immer wieder einige wenige geben wird, die mehr sind als eben nur das. Mehr als Unterhaltung. Mehr als Freizeitbeschäftigung. Mehr als nur ein Spiel.
Titel, die mit besonderen Momenten, mit grandiosen Erinnerungen und Gefühlen der Nostalgie verknüpft sind. Vielleicht auch obwohl – oder gerade weil – sie anderen nichts bedeuten.

Die Siedler war für mich so ein Spiel. Auch, wenn ich die neuen Teile der Serie heute skeptischer betrachte, niemand wird mir die Erinnerungen an damals nehmen, als ich als kleines dummes Arschloch vor einem vollkommen veralteten PC saß und stundenlang gezockt habe, teilweise sogar noch ohne wirklich zu verstehen, um was es ging.

Halo war für mich so ein Spiel. Denn Halo bedeutete für jemanden wie mich, der zuvor nie wirklich an Videospielen interessiert war, den Zugang zu etwas Neuem, etwas Faszinierendem. Ich habe es tage-, wochen-, ja monatelang gespielt, oft sogar immer wieder dieselben Levels, ohne dass es mir je langweilig geworden wäre. Ich bin heute noch mit demselben dämlichen Sack befreundet, mit dem ich zu jener Zeit nichts anderes getan habe als „Angriff auf den Kontrollraum“, „der schweigende Kartograph“ und „Doppelter Verrat“ zu spielen, immer und immer und immer wieder. Ich halte es heute noch für einen Meilenstein.

Und Mass Effect ist für mich so ein Spiel.

Natürlich nicht, weil mit Mass Effect irgendwelche wunderbaren Erinnerungen verbunden wären – das ginge ja irgendwie schlecht, in der kurzen Zeit.
Aber ich halte es für das beste Spiel, an das meine dreckigen Zockergriffel seit Jahren Hand anlegen durften.
Dieses Meisterstück der modernen Unterhaltung hatte mich länger, härter und umfassender an den Eiern als jedes Spiel der letzten Jahre, einschließlich Halo 3 und Bioshock und was weiß ich nicht was noch.
Das liegt nicht daran, dass es nicht seine zum Teil deutlichen Schwächen hätte wie jedes andere Videospiel auch. Natürlich gibt es Schwierigkeiten bei der Technik, der Umsetzung und dem Gameplay. Aber das ist es nicht, was dieses Spiel ausmacht.

Mass Effect erzählt. Es wird nicht einfach gespielt und dann vergessen. Es lässt sich Zeit. Die Entwickler versuchen nicht, eine gewisse Stundenanzahl mit möglichst viel möglichst beeindruckender und harter Action zu füllen, damit sie nicht von ihren Spielern gelyncht werden.

Mass Effect ist wie ein guter Film der alten Schule. Es erklärt, es zeigt, es lässt der Story Zeit, sich selbst zu entfalten. Es erschafft eine glaubhafte, interessante, auch mal emotionale Welt, führt dem Spieler ihre Eigenarten, ihre Seltsamkeiten und Sehenswürdigkeiten vor Augen.
Die Begleiter des Helden, wie auch beinahe alle anderen bedeutenden und storyrelevanten Figuren, sind nicht nur Marionetten, die man möglichst weit und effektiv aufzurüsten versucht. Sie alle, jeder einzelne von ihnen, hat eine eigene Vergangenheit, einen Charakter, und keiner von ihnen ist der in Videospielen so oft stilisierte makellose Held – von der leicht rassistischen menschlichen Soldatin bis zum außerirdischen Ermittler, der zivile Opfer ohne Zögern in Kauf nimmt. Und obwohl man ihre Schwächen und teilweise gravierenden Fehler kennt, ist jeder von ihnen auf seine Art sympathisch – und sei er auch ein grausamer, gnadenloser Söldner, der erst im Laufe des Spiels an Tiefe und Persönlichkeit gewinnt.
Jede Figur im Spiel hat ihre eigenen Beweggründe und Ziele, sogar der Antagonist (im Übrigen ist Saren meiner Meinung nach eine der faszinierendsten Figuren in der Geschichte der Videospiele) strebt im Grunde nur etwas Gutes, wenn auch Naives, an. Sein Scheitern, seine Zweifel, die ganze Tragik seiner Figur wie auch die der Protheaner, die in all ihrer Größe und Glorie doch nicht fähig waren, sich selbst zu retten, werden dem Spieler erst am Ende wirklich bewusst.
Denn wenn die Schlacht zu Ende und die Galaxie gerettet ist, wird nur eines klar: Die wirkliche Schlacht kommt noch. Und sie wird immer wieder kommen, solange wir oder irgendeine bewusstseinsfähige Spezies existieren. Den ultimativen Frieden, die Erlösung der Menschheit wird es niemals geben. Alles, was wir tun können, ist uns Atempausen zu erkämpfen. Atempausen vor dem nächsten Kampf.

Mass Effect ist nicht nur einfach ein Spiel. Es ist ein Symbol. Es bewegt. Es zeigt, zu welch emotionaler Bandbreite Videospiele fähig sind, wie sehr sie den Spieler in eine Geschichte hineinzuversetzen in der Lage sind, noch besser als jedes andere Medium es auch nur ansatzweise könnte. Und wenn es auch am Ende die Ketten zu einer neuen, größeren, besseren Art von Videospielen nicht sprengt, so merkt man doch langsam, dass viele der Glieder schon rostig sind und bald fallen werden.

Vielleicht ja schon in wenigen Jahren – wenn der zweite Teil kommt.