Ohne einleitende Worte einfach mal aus meinem Kurzgeschichtenordner herauskopiert:

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Wie immer saß er dort.
Wie jeden Abend zusammengesunken in den ewig gleichen Sessel, erschöpft, müde, ausgelaugt und nicht mehr fähig, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen.
Wie nach jedem gottverdammten Tag seines Lebens, den er verschwendete, um sich von der Gesellschaft einen weiteren Atemzug, ein paar Momente Leben, ein bisschen Freiheit zu erkaufen.
Freiheit für Sklaverei.
Jeden Tag ein bisschen mehr sterben, nur um weiterzuleben.
Ein leiser Widerstand regte sich in seinem Kopf, er fühlte, wie sein erkaltetes Herz mit einem Mal schneller schlug, wie ein bitteres Lächeln die Miene seines faltigen Gesichts verzerrte.
Aber er hatte verloren, das wusste er – der Teil in ihm, der sich noch wehrte, hatte nur noch nicht begriffen, dass der Krieg längst zu Ende war.
Seine fahrige Hand griff nach der Fernbedienung, schaltete den Fernseher ein, auf den sein starrer, leerer Blick gerichtet war.
Das allabendliche Ritual begann.
Er wühlte sich mit schlaftrunkenem Geist durch Sender und Programme, verweilte kurz bei Bildern, die sein Interesse weckten, die auch nur ein wenig an der rauen Schale seines ermüdeten, gelangweilten Geistes kratzten, die noch fähig waren, einen kleinen Funken Begeisterung in ihm zu wecken.
Der Finger auf der Fernbedienung zuckte.
Dem Blick seiner blutunterlaufenen Augen offenbarten sich Bilder einer Schauspielerin auf irgendeiner nichts sagenden Veranstaltung irgendwo auf dieser gottverdammten Welt, deren Perversion ihn längst nicht mehr interessierte. Der Kameramann hielt mit zitternden Händen, als hätte er eine riesige Entdeckung vor sich, auf ihren Schuh und filmte den winzigen Kaugummi, der an ihrem Absatz klebte, begleitet von dem einschläfernden Kommentar irgendeiner Praktikantin eines zweitklassigen Boulevardmagazins.
London – Auch eine Angelina Jolie ist vor Peinlichkeiten nicht gefeit. So geschehen bei der gestrigen Premiere ihres Films „Beowulf“. Auf dem roten Teppich in London ließ sich Jolie von Freund Brad Pitt und einem Kaugummi begleiten. Laut der britischen Zeitung „The Sun“ klebte der fiese Kaugummi am Absatz ihres linken Schuhs, leider bemerkte Jolie dies nicht und schleppte das Kauwerk bis in den Filmsaal. Die Fotografen sahen das Ganze natürlich und hielten drauf.
Begleitet von zahlreichen Nahaufnahmen Angelina Jolies aus allen erdenklichen Winkeln und Perspektiven.
Gefolgt von zahlreichen Nahaufnahmen des Kaugummis aus allen erdenklichen Winkeln und Perspektiven.
Das Lächeln auf seinem Gesicht schwand – der Finger auf der Fernbedienung zuckte.
Das Programm wechselte zu einem Nachrichtensender, einem jener halbwegs seriösen Bollwerke des Verstandes in einer stürmisch-dümmlichen Medienlandschaft. Ein transparenter Balken am unteren Bildschirmrand ließ unentwegt kurze Nachrichten über den Bildschirm flimmern.
Er kniff die Augen zusammen.
Eilmeldung: Weitere Bombenanschläge im Irak – fünf Tote und dreiundzwanzig Verletzte in Bagdad.
Es dauerte nur sieben Sekunden, sieben erbärmliche Sekunden, bis der Schriftzug durch das Bild gehuscht war. Als wäre er unerwünscht. Als wolle man nicht, dass die Menschen ihn lesen. Weil er unangenehm war.
Sieben Sekunden.
Der Finger auf der Fernbedienung zuckte, die Bilder wichen einem stummen, eindringlichen Schwarz.
Ächzend erhob er sich, legte die Fernbedienung langsam beiseite, bettete sie fast zärtlich auf das Sofa, auf dem er ohnehin nie saß, wie einen Schatz, wie das wertvollste Relikt seines Lebens.Fünf Tote, dreiundzwanzig Verletzte – sieben Sekunden.
Ein Kaugummi am Schuh einer gottverdammten Schauspielerin – mehr als eine Minute.
Er spürte den Widerstand in seinem Kopf, spürte das rasende Pochen seines Herzens, spürte, wie der alte Kampfgeist wieder Besitz von ihm ergriff.
Sieben Sekunden.
Diesmal lächelte er nicht.
Er nickte nur, nickte dem schreienden, kreischenden, um sich schlagenden Dämon in seinem Inneren zu, als müsse er ihm erst erlauben, aus seinem Körper auszubrechen.
Wie in Trance drehte er sich um, die faltigen Hände packten seinen Lieblingssessel, er riss das Möbelstück in die Höhe als wäre es federleicht und warf es direkt in die widerwärtige Schwärze, die ihm aus dem Fernseher entgegenstarrte.
Eine Explosion aus Splittern und Scherben stob durch das Zimmer, Funken sprühten wie ein kleines Feuerwerk aus dem Gerät, um seine Tat zu honorieren, das Klirren und Knirschen des zerstörten Fernsehers erfüllte den Dämon in seinem Inneren mit schierer Freude.
Er schrie, stieß mit dem Fuß in die funkenstiebende Bestie, trat nach, immer und immer wieder, packte den Fernseher, schleuderte ihn quer durch den Raum, dass er an der gegenüberliegenden Wand zerbarst.
Sieben Sekunden.
Der Dämon schrie.

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