Ich habe vor wenigen Tagen für eine mehr oder weniger gute Freundin zu ihrem Geburtstag ein mehr oder weniger interessantes Gerät bei einem mehr oder weniger seriösen Anbieter erstanden.
Ja. Ihr habt schon richtig gesehen. Ein Nintendo 64. Im Pokémondesign.
Und das Ding hat mich sogar ein ganzes Stückchen mehr gekostet, als ich erwartet habe… was mich natürlich zu der Frage bringt, ob besagte Freundin eher mehr oder eher weniger gut ist.
Aber das übersehen wir einfach mal, denn darum geht es heute nicht.
Nun, das Ding ist dieses Wochenende angekommen, und misstrauisch wie ich als deutscher Konsument nun mal bin, habe ich es gleich Mal angeschlossen, mir irgendein Spiel aus der verstaubten Ecke meines Regals gegriffen und es in den Modulschacht gerammt, um zu testen, ob es auch funktioniert.

Und auf geht’s.

Nun, erst einmal war ich etwas irritiert, als ich das Ding anwarf (und der Schalter sieht tatsächlich wie ein Pokéball aus. Heilige…) und mir Pikachus Wangen in einem alarmierenden Warnrot entgegenblinkten. Was sich aber nach ein paar Sekunden in ein anhaltendes Glühen umwandelte und anscheinend normal ist.
Aha.
Habe ich schon erwähnt, dass Pikachus rechter Fuß der Reset-Knopf ist? Nintendo traut uns nicht einmal zu, das selbst rauszukriegen, nein, es steht in einer fetten Sprechblase mit Ash’s Hackfresse auf der Vorderseite der Konsole.
Es gibt doch wirklich Menschen, die ziehen ihre Ideen konsequent durch…

Nun saß ich also da in meinem Zockersessel, neben mir lagen neue und blutige Errungenschaften der Videospielgeschichte – Halo 3, Bioshock, die Orange Box – und ich spielte – na?
Super Mario 64.
Was mich, nachdem ich es wie ein wahrer Nintendofanboy an einem Tag durchgespielt habe, zu drei wesentlichen Erkenntnissen führt:

1. Ich werde alt.
Nein, wirklich, ich passe wohl so langsam nicht mehr in die Zielgruppe des Nintendo 64. Das fällt mir schon auf, wenn ich mir so einige Dialoge ansehe, die ja in dem Spiel wirklich selten vorkommen. Zum Beispiel, ich zitiere frei aus dem Gedächtnis:
König Bob-Omb: „Hahaha! Ich herrsche nun über dieses Land! Du wirst es niemals schaffen, meine Schwachstelle auszunutzen und mich am Rücken zu packen. Haha.
Äh, ja, genau. Kann mir eigentlich jemand sagen, warum jeder Bösewicht in einem finalen Gespräch immer seinen teuflischen Plan und die einzige Schwachstelle darin verrät? Haben die etwa Mitleid mit uns? Ist ihnen langweilig? Masochismus? Ich verstehe es nicht.

2. Ich hasse Toad.
Daran hat mich das Spiel endlich wieder erinnert. Ich habe damals sogar bei Mario Kart immer versucht, zu verhindern, dass dieser verdammte Pilzkopf die Strecke lebend verlässt. Was natürlich nicht ging, weil das Spiel ihn immer zurück auf die Rennstrecke setzt.
Hachja
, wunderbare Kindheitserinnerungen.

3. (und darauf will ich eigentlich hinaus) Videospiele entwickeln sich heutzutage rasend schnell.

Wenn ich mir nur ansehe, was für Welten zwischen diesen etwa zehn Jahren liegen:
Niemand ist je darauf gekommen, die Grafik von Super Mario 64 zu kritisieren. Es war 3D. Und damit war es aktuell. Und damit war es gut. Fertig. 3D, YAY!
Heute regen wir uns auf, weil ein Halo 3 nicht ganz mit den hochglanzpolierten Grafiken anderer Blockbustertitel mithalten kann und ein kleines bisschen weniger umwerfend aussieht.
Niemand hat je nach der Story von Super Mario 64 gefragt. War doch auch scheißegal, Sterne sammeln, Bösewicht töten, Prinzessin retten. Passt. Und dafür hat man dann am Ende…einen Kuchen bekommen. wtf?
Heute kritisieren wir, dass es einige Logiklücken und ungeklärte Fragen in einer komplexen, gigantischen Trilogie gibt, deren Bedeutung wir als wichtig empfinden, obwohl sie mit dem eigentlichen Spielverlauf nichts mehr zu tun haben.
Und überhaupt: Hat es uns damals interessiert, warum Bowser böse war? War er vielleicht neidisch auf die Schönheit von Peach, wollte er tief in seinem Inneren auch nur eine reiche, hübsche Prinzessin sein? Haben ihn die anderen Monsterschildkröten in seiner Kindheit gehänselt? Was hat überhaupt ein italienischer Klempner mit der ganzen Sache zu tun? Ein sprechender Pilz? Und WAS ist Yoshi eigentlich?

Aber was soll’s – was ich eigentlich sagen will:
Erst in der direkten Gegenüberstellung wird klar, was für Riesenschritte die Videospielindustrie in den letzten zehn Jahren gemacht hat. Und genau dieser Vergleich jagt mir einen kalten Schauer über den Rücken, wenn ich daran denke, wo wir in weiteren zehn Jahren sein werden.
Werden wir es schaffen, Spiele zu kreieren, die endlich vollkommen fotorealistisch sind? Bis keine Steigerung mehr möglich ist? Werden wir an die Grenzen unserer Technologie stoßen (was zugegebenermaßen schon zu 64-bitzeiten prophezeit wurde)?

Was wird dann passieren?

Wird endlich die große Zeit der Stilblüte anbrechen, die sich die schärfsten Kritiker schon so lange erhoffen? Werden Spiele, sobald sie nicht mehr mit Grafik auftrumpfen und punkten können (die dann ja zugegebenermaßen bei jedem Spiel gleich sein müsste), anfangen, sich mehr auf eine ausgefallene, intelligente Story zu konzentrieren? Werden die Welten komplexer, größer, vielschichtiger und interessanter? Werden die Spielemacher sich gegenseitig mit bahnbrechenden Innovationen überbieten, weil sie sich nur noch damit von der Konkurrenz abheben können?

Discuss!

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