Der Preis der Freiheit Samstag, Aug 28 2010 

Eigentlich bringe ich ja ungern zwei Kurzgeschichten hintereinander auf dem Blog.

Nicht, weil ich nicht kreativ genug wäre, um so viele autoristische Ergüsse in Fließbandproduktion zu erschaffen, zeitlich.
Denn ich bin verflucht kreativ. Wirklich. Fragt meine Bastellehrerin aus der Grundschule.
So handwerklich gut gemachte Pappmaché-Penisse habt ihr in eurem ganzen Leben noch nicht gesehen.
Vielleicht sollte ich ja auf Dildofabrikation umsteigen, wo ich so darüber nachdenke. Individuell nach Kundenwünschen. Alles handgemacht, in jedem Exemplar Stunden von Handarbeit und gewaltiges Fachwissen.

Jedenfalls… was ich sagen wollte.
Eigentlich nutze ich die Kurzgeschichten hier ja im Regelfall eher als einen kleinen Spritzer von Unterhaltung zwischen den zynischen, bösen, ernüchternd hoffnungslosen Artikeln.
Oder irgendwie so denke ich mir das zumindest.

Aber momentan, nach dem angesprochenen Zeitraum von massivem Alkoholkonsum und gesellschaftlichen Festivitäten, mit denen ich mich mal zwei Wochen lang genau so von der grausamen Realität abgelenkt habe wie der große Rest… empfinde ich die grausame Realität in den letzten Tagen in der Tat als derart grausam, dass ich fast den Wunsch verspüre, gleich einfach so weiterzumachen und mich in ein möglichst frühes Grab zu rauchen, zu saufen, zu kiffen, zu kotzen, zu prügeln und was ich sonst noch so treibe.
Aber das geht ja nun auch nicht.
Zugegeben, es hätte wirklich eine ganze Menge Stil, wenn man es richtig macht.
Aber das erfährt ja keiner, wenn ich nicht mehr da bin, um es rauszuposaunen.
Auf der anderen Seite bin ich momentan einfach derart genervt, dass ich bei den entsprechenden Themen meistens einfach mit einer “Scheiß drauf.”-mentalität abwinke, ohne im Mindesten die Lust zu verspüren, noch zu erörtern, warum ich die Verantwortlichen alle zur Hölle wünsche.

Tja, ist irgendwie gerade so.
Ich schätze, die ganzen klugen Leute, die sich mit mir beschäftigen, würden mir da etwas wie einen “Rückfall” attestieren.
Egal.

Jedenfalls bringe ich deswegen im Bruch mit der eingangs erwähnten Regel nochmal eine Kurzgeschichte, diesmal tippfrisch aus der verklebten Suppe in meinem Kopf.
“Inspiration”, wenn man es denn so nennen will, war ein einigermaßen ergiebiges Gespräch mit einem klugen Menschen über… nun, so lustige Themen wie Freiheit, Freidenkertum, Folter, totalitäre Herrschaftssysteme und vieles mehr.
Bei unzählbar vielen Gläsern Whisky, aber das nur so nebenbei.

Wie auch immer.

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Der Preis der Freiheit

„Was haben wir falsch gemacht?“
Er zog schweigend an seiner Zigarette und stieß eine Qualmfontäne zwischen seinen Lippen hervor. Einige Augenblicke lang beobachtete er, wie der leicht bläuliche Dunst in dem Raum zwischen ihnen aufstieg und sich spielerisch verlor, Kreise und Spiralen zog wie eine ätherische Tänzerin.
Dann sah er dem Mann in die Augen, der ihm gegenüber saß und ihn mit stumpfem, hoffnungslosem Blick anstarrte.
„Denkst du denn, dass wir etwas falsch gemacht haben?“
„Wir haben versagt.“
„Findest du?“
Der Andere stützte sich mit den Armen auf seine Knie und vergrub das Gesicht in den Händen. Eine Weile blieb er regungslos so sitzen, und er fragte sich fast, ob er weinte. „Irgendetwas haben wir falsch gemacht. Irgendwann. Irgendwo. Sonst wären wir nicht hier.“
„Wir haben getan, was wir konnten. Was wir für richtig hielten. Für notwendig. Mehr steht nicht… stand nie in unserer Macht. Es gibt Dinge, die sich unserem Einfluss gänzlich entziehen. Letztlich … ist es einfach so, wie es ist.“
Er wandte den Blick ab und beobachtete wieder gedankenverloren den Tanz des Zigarettenrauchs in der Luft.
„Es kann doch nicht einfach… nicht einfach vorbei sein!“ Er hörte das leise Quietschen der schäbigen Pritsche neben ihm und dann das Geräusch von Schritten, die sich zu dem vergitterten Fenster entfernten, durch das sie in den Innenhof blicken konnten. „Ich meine… Ich… kann mich einfach nicht damit abfinden, dass wir nichts mehr tun können! Was passiert jetzt? Wer könnte jetzt noch Widerstand leisten? Wer könnte sich wehren? Sie haben alle erwischt! Alle sind entweder gefangen oder schon hingerichtet… Wir sind die Letzten.“
„So etwas wie die Letzten gibt es nicht. Es werden Neue kommen.“
„Wann? In Wochen, Monaten, Jahren? Nach Jahren der Unterdrückung, von Propaganda, Gehirnwäsche, Überwachung, von Mord und Terror, nach tausend Toten, hunderttausend vielleicht – oder noch später? Wann?“
„Wenn sie dazu bereit sind.“
„Verdammte Scheiße!“ Die Pritsche auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers erbebte scheppernd, als der Andere zornig dagegen trat. „Und was dann? Glaubst du, sie haben mehr Erfolg als wir? Oder werden sie wieder scheitern – und das Ganze geht von vorne los?“
„Das kann niemand sagen.“
„Ich versteh’ dich nicht.“ Es war dieser Satz, der ihn dazu brachte, seinen Blick wieder auf seinen Zellengenossen zu richten. Mit verschränkten Armen stand er in der Ecke des Zimmers und starrte ihn finster an. „Wie kannst du nur so gleichgültig sein? Du und ich, wir wissen beide, was das hier bedeutet. Das Ende des Widerstands. Das war’s! Jahrelang – dieses ewige Kämpfen, die ständige Angst, die vielen Toten, das ganze Geschwafel von Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Freiheit… für Nichts.“ Kopfschüttelnd lehnte er sich an die Wand und starrte niedergeschlagen zu Boden.
„Für Nichts? Denkst du das wirklich?“
„So ist es doch. Wir haben niemanden befreit. Wir haben keines unserer Ideale verwirklicht. Alles, was wir getan haben, hat nur zu noch mehr Leid… noch mehr Toten geführt.“
Einen Moment schwieg er, und dachte nach. Unwillkürlich spielte ein kleines Lächeln über seine Gesichtszüge. Ein kaltes, freudloses, trauriges Lächeln, wie das eines Sterbenden, der seine schönsten Erinnerungen noch einmal Revue passieren lässt.
„Ich denke, wir haben gewonnen“, sagte er dann leise. Er sah den Anderen lächelnd an, wie er verwirrt den Kopf hob und stirnrunzelnd zurückblickte. „Sind denn Ideale dazu da, Realität zu werden? Wenn es so wäre…“ Er zuckte mit den Schultern, als würde er nach den richtigen Worten suchen. „ Dann wären sie keine Ideale – Nichts in dieser Welt kann ideal oder perfekt sein. Sie geben uns nur eine Orientierung. Sie zeigen uns, welchen Weg wir gehen können. Ob wir uns nun für diesen oder für einen anderen entscheiden, das liegt bei uns.“ Er nahm noch einen letzten Zug und legte seine Zigarette fast liebevoll in die Kerbe des Aschenbechers, als er draußen auf dem Gang schwere Schritte hörte, die sich ihrer Zelle näherten. „Quäl dich nicht mit der Frage, wo wir gescheitert sind oder versagt haben. Denk stattdessen daran, was wir getan haben. Wir haben vielleicht nicht gewonnen – Vielleicht waren wir nicht einmal zu unseren besten Zeiten eine ernsthafte Bedrohung für sie. Aber wir haben ein Zeichen gesetzt. Wir wurden bemerkt. Sie haben es nicht geschafft, uns tot zu schweigen. Wir haben gezeigt, dass trotz allem, was sie tun, um genau das zu verhindern, es immer noch Widerstand gibt. Dass es immer noch Menschen gibt, die von Gerechtigkeit, Freiheit, von einer besseren Welt träumen, und dass sie bereit sind, dafür zu kämpfen. Dafür zu sterben. Wir haben den Gedanken am Leben gehalten und weitergetragen. Damit geben wir denen, die nach uns kommen, eine Chance. Und noch viel mehr – wir geben allen, die unter ihnen leiden… Hoffnung.“
Er sah den Anderen an, mit seinem kalten, traurigen Lächeln, und erhob sich, noch bevor der schwere Schlüssel im Schloss herumgedreht und die stählerne Tür aufgerissen wurde.
Kein einziges Wort fiel, als die beiden Männer den bewaffneten Soldaten folgten und ihre Zelle verließen, die leer und einsam zurückblieb. Niemand achtete auf die nicht einmal halb abgebrannte Zigarette im Aschenbecher, aus der der bläuliche Dunst spielerisch tanzend aufstieg. Der Widerhall ihrer Schritte verlor sich in der Ferne, irgendwo fiel eine schwere Tür ins Schloss.
Dann herrschte Stille.
Zwei Minuten und 37 Sekunden später, um exakt sechs Uhr morgens, krachte eine einzelne Gewehrsalve donnernd durch den Innenhof.
Genau in diesem Moment fiel auch der erste Sonnenstrahl durch das vergitterte Fenster und beschien die Zigarette, die verlassen vor sich hin glomm und den Rauch nährte, der lautlos in der kleinen Zelle tanzte.

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“Märchenvergewaltigung” – Die drei Schweinchen Donnerstag, Jul 15 2010 

Ich hatte schon vor längerer Zeit mal die Idee – als ich mich irgendwie mit dem Thema beschäftigt habe – klassische Märchen als Vorbild zu nehmen und deren moralische Botschaft umzudeuten. Sie anders zu interpretieren, ohne den Inhalt in großem Maßstab zu verändern.
Dieser Gedanke kam mir, als ich festgestellt habe, wie sehr Märchen von vorher definierten Rollenbildern leben. Nehmen wir als in diesem Fall sich anbietendes Beispiel die drei Schweinchen als fröhliche, unschuldige Opfer und den Wolf als bösen, hinterhältigen Antagonisten.
Nimmt man diese eingeprägten Rollenbilder weg, lässt sich das Verhalten der verschiedenen Figuren oftmals auch vollkommen anders interpretieren – zumal nicht selten aus ihren wörtlichen Reden die Intention überhaupt nicht herauszulesen ist und nur durch den Kontext, oder eben genau diese Rollenbilder klar wird.

Aber, naja, ich lasse mich jetzt nicht zu sehr darüber aus und stelle hier als Beispiel einfach mal meinen ersten Versuch in dieser Hinsicht online, sozusagen der Prototyp eines Unterfangens, das ich als “Märchenvergewaltigung” betiteln würde.
Dank an Daenerys, die die Gedichte hinzugefügt hat, bei denen ich erstaunlich schnell meine geringe Befähigung zum Reimen bemerkt habe. =>

Bitteschön.

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Die drei Schweinchen

Es war einmal eine alte, blinde Schweinemutter, die hatte drei kleine Schweinchen, die aßen und aßen, so viel sie nur konnten.
Da sie im Laufe ihres langen Lebens ihr Augenlicht eingebüßt hatte, blieb der fürsorglichen Schweinemutter die Maßlosigkeit und Gier ihrer Nachkommen lange Zeit verborgen. Liebevoll vertraute sie darauf, dass die drei kleinen Schweinchen ihre weisen Ratschläge zu Mäßigung und Nächstenliebe beherzigen würden. Als nun aber die drei kleinen Schweinchen so viel gefressen hatten und so groß wurden, dass ihr nicht mehr verborgen bleiben konnte, was geschehen war, so sagte sie zu ihnen:
„Ihr könnt jetzt nicht mehr bei mir bleiben, jedes muss die Welt für sich selber sehen und ein Haus für sich selber bauen.“
Und mit diesen Worten schickte sie die drei kleinen Schweinchen fort.

Das erste Schweinchen ging davon, es ging sehr lange und sehr weit, und was es von der Welt sah, gefiel ihm nicht sehr. Die Welt ist sehr kalt und hart, so sagte es sich, und als es einen Mann mit einem Bündel Stroh traf, sprach es ihn nach einigem Überlegen an:
„Bitte lieber Mann, gib mir das Stroh, das du trägst, denn ich will ein Haus daraus bauen.“
Der Mann überlegte kurz und sah das kleine Schweinchen an, dann antwortete er: „Gib mir erst von deinen Borsten, ich will mir eine Bürste daraus machen.“
Das kleine Schweinchen willigte ein, gab ihm von seinen Borsten und sie bauten zusammen ein Haus aus Stroh. Sie bauten vorne eine große Tür und hinten eine kleine, denn das Schweinchen vertraute der Sicherheit und Wärme des Strohs nicht aus vollem Herzen.

Das zweite Schweinchen ging davon, es ging lange und weit, und was es von der Welt sah, gefiel ihm nicht. Die Welt ist sehr ungerecht und grob, so sagte es sich, und als es einen Mann mit einem Bund Holz traf, sprach es ihn nach kurzem Zögern an:
„Bitte lieber Mann, gib mir das Holz, das du trägst, denn ich will ein Haus daraus bauen.“
Der Mann überlegte kurz und sah das kleine Schweinchen an, dann antwortete er: „Versprich mir, mir von Zeit zu Zeit bei meiner Arbeit zu helfen und du sollst es bekommen.“
Das kleine Schweinchen willigte ein und sie bauten zusammen ein Haus aus Holz. Sie bauten vorne eine große Tür und hinten eine kleine, denn das Schweinchen vertraute der Stabilität und Sicherheit des Holzes nicht aus vollem Herzen.

Das dritte Schweinchen ging davon, es ging weder lange noch weit, denn was es von der Welt sah, entsetzte es. Die Welt ist hässlich und grausam, so sagte es sich, und als es einem Mann begegnete, der einen Karren mit Ziegeln zog, sprach es ihn sogleich an:
„Bitte, bitte lieber Mann! Gib mir die Ziegel, die du ziehst, denn ich will ein Haus daraus bauen.“
Der Mann überlegte kurz und sah das kleine Schweinchen an, dann antwortete er: „Versprich mir, mir von jetzt an bei meiner Arbeit zu helfen, wie deine Nachkommen den meinen helfen werden, solange sie in diesem Haus leben, und du sollst es bekommen.“
Das kleine Schweinchen willigte ein und sie bauten zusammen ein Haus aus Ziegeln. Sie bauten vorne eine große Tür und hinten eine kleine, denn das Schweinchen vertraute dem Schutz und der Festigkeit der Ziegel nicht aus vollem Herzen.

So lebte nun jedes Schweinchen in seinem kleinen Haus, und jedes war glücklich und zufrieden.

Da kam eines Tages, als der Winter, ein besonders kalter und besonders lang dauernder Winter, über das Land hereingebrochen war, der Wolf aus dem Wald. Dünn und mager war er, das Fell verfilzt, und klopfte von der Kälte geschüttelt an die große Tür des kleinen Strohhauses:

Liebes gutes kleines Schwein,
lass mich doch zu dir hinein.
Ein Abend, eine Nacht, ein Morgen
nur etwas Wärme will ich borgen.

Das Schwein aber antwortete:

Bist ganz allein, bist ganz allein,
Dich ließ’ ich nie zu mir hinein!
Hast schließlich nichts für mich zu geben,
Viel mehr lieb’ ich mein eig’nes Leben!

Da sagte der Wolf:

Zu geben hab’ ich nichts,
sieh her.
Nur meinen Dank
und nicht viel mehr.

Als das Schwein nun hierauf keine Antwort mehr gab, entfernte sich der Wolf von der Tür und stellte sich in einiger Entfernung vor das kleine Strohhaus:

Ich werde strampeln, werde trampeln,
Husten werde ich und prusten
Und dir dein Haus zusammenpusten.
Der Rache wegen tät ich’s nicht,
Doch wohl, um zu belehren dich:
Dem Hause fehlt’s an starken Wänden,
Nur falscher Schutz soll dich verblenden.
Entgeht dir dies, so tut’s mir Leid.
Dies’ Haus ist nun dem Staub geweiht.

Und der Wolf strampelte und trampelte, er hustete und prustete und das ganze Strohhaus fiel in sich zusammen. Doch das kleine Schweinchen war nicht mehr da. Es war hinten durch die kleine Tür zum zweiten Schweinchen ins Holzhaus gelaufen.

Da schleppte sich der Wolf geplagt zum Holzhaus und klopfte an die große Tür:

Liebes gutes kleines Schwein,
lass mich doch zu dir hinein.
Ein Abend, eine Nacht, ein Morgen
nur etwas Wärme will ich borgen.

Das zweite Schweinchen aber antwortete:

Bist ganz allein, bist ganz allein,
Dich ließ’ ich nie zu mir hinein!
Hast schließlich nichts für mich zu geben,
Viel mehr lieb’ ich mein eig’nes Leben!

Da sagte der Wolf:

Zu geben hab’ ich nichts,
sieh her.
Nur meinen Dank
und nicht viel mehr.

Als weder das erste noch das zweite Schweinchen hierauf eine Antwort gaben, entfernte sich der Wolf von der Tür und stellte sich in einiger Entfernung vor das kleine Holzhaus:

Ich werde strampeln, werde trampeln,
Husten werde ich und prusten
Und dir dein Haus zusammenpusten.
’S ist nicht aus Zorn, dass ich es tu,
Ich sehnte nur ein wenig Ruh,
Doch kein Erbarmen hattest du.
Ich verstehe nicht den Stolz
Den du so widmest diesem Holz.
Ging ich her und fasst’s nur an,
Schon käm’ der Feind an dich heran.
Nun – da eitel und verfehlt du bist,
Es nun ums Haus geschehen ist.

Und der Wolf strampelte und trampelte, er hustete und prustete und das ganze Holzhaus fiel in sich zusammen. Doch die zwei kleinen Schweinchen waren nicht mehr da. Sie waren hinten durch die kleine Tür zum dritten Schweinchen ins Ziegelhaus gelaufen.

Da kämpfte sich der Wolf müde und erschöpft durch den Schnee zum Ziegelhaus und klopfte an die große Tür:

Liebes gutes kleines Schwein,
lass mich doch zu dir hinein.
Ein Abend, eine Nacht, ein Morgen
nur etwas Wärme will ich borgen.

Das dritte Schweinchen aber antwortete:

Bist ganz allein, bist ganz allein,
Dich ließ’ ich nie zu mir hinein!
Hast schließlich nichts für mich zu geben,
Viel mehr lieb’ ich mein eig’nes Leben!

Da sagte der Wolf:

Zu geben hab’ ich nichts,
sieh her.
Nur meinen Dank
und nicht viel mehr.

Als keines der Schweinchen hierauf eine Antwort gab, entfernte sich der Wolf behäbig von der Tür und stellte sich in einiger Entfernung vor das kleine Holzhaus:

Ich werde strampeln, werde trampeln,
Husten werde ich und prusten
Auch dieses Haus zusammenpusten!
Lächerlich, das sind sie alle,
vom Strohdach bis zur steinern’ Halle.
Kannst du nicht sehen, dass es dich
Beschützt vor deinen Feinden nicht?
Ein Hauch von mir, schon ging es ein,
Und dieses soll ein Heim dir sein?
Da du auf mich nicht hören magst
Und nur vor meinem Schatten zagst
Anstatt vor wirklicher Gefahr,
Leg ich des Hauses Knochen bar:
Mein Handeln macht dir schon bewusst,
Was du am meisten fürchten musst!

Und der Wolf strampelte und trampelte, er hustete und prustete, doch das Haus blieb stehen.

Da war der Wolf sehr erstaunt und dachte sich: „Und wenn sie mich nicht einlassen, so will ich doch einmal dies Haus von innen sehen, das so fest und sicher steht. Nur einmal will ich sehen wie es gebaut, nur einen Moment Wärme spüren, bevor ich wieder in den Wald ziehe.“ Und er machte sich schnaufend und schwer erschöpft daran, durch den Kamin ins Haus zu klettern.
Als die drei Schweinchen merkten, was der Wolf im Sinne hatte, sagte das erste Schweinchen: „Was sollen wir tun?“
Das zweite Schweinchen antwortete: „Ich will ein großes Feuer im Kamin anmachen.“
Und das dritte Schweinchen: „Ich will einen großen Topf mit Wasser in den Kamin hängen.“

Das taten sie auch.

Nicht lange danach – das Feuer prasselte schon lustig und das Wasser war gerade am Sieden -, da kletterte der Wolf den Kamin hinab. Er verlor den Halt und plumpste mitten ins heiße Wasser hinein. Und schnell gaben die drei Schweinchen noch den schweren Deckel hinauf, damit der Wolf nicht mehr herauskomme. Dann tanzten sie vor Freude um den großen Kamin herum und sangen:

Der Wolf ist tot, der Wolf ist tot,
ein Ende hat die große Not!

Und sie sangen und tanzten und übertönten die geplagten Schmerzensschreie des gepeinigten Wolfes, der bei lebendigem Leib im Wassertopf gekocht wurde, edelstes und freiestes aller Tiere, das nur Zuflucht vor dem kalten Winter gesucht hatte, den es ertragen hatte müssen, weil es sich nicht an die drei Männer hatte verkaufen wollen.
Kreischend und wimmernd verging er im siedenden Wasser, kratzte verzweifelt mit wundgescheuerten, blutigen Pfoten am schweren Deckel des Topfes, während die Haut an seinem Körper verbrüht wurde, und konnte sich doch nicht befreien.
So endete das Leben des Wolfes.

Dann baute sich das erste Schweinchen ein Ziegelhaus und das Zweite auch, und fortan lebten alle drei zufrieden und froh.

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“Zeit der Amateure” oder die Eigendynamik der Verdummung Donnerstag, Jun 3 2010 

Ab und zu empfinde ich ja trotz meiner unfassbaren Abneigung gegen des Verhalten des Homo Sapiens innerhalb größerer Herden so etwas wie Hoffnung.
Oder zumindest weniger Verzweiflung, könnte man sagen.

Manchmal geschieht so etwas, wenn irgendein politischer Sonderschülervorstoß im Keim erstickt wird, sei es durch Protest der Bevölkerung, durch Widerstand der regierenden Parteien oder durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts.
Selten betrifft es auch Dinge, Situationen, Begebenheiten, wo unsere Gesellschaft beweist, dass außer Lifestyle- und Prominentenobsession, Ficken und Saufen und seichter Unterhaltung auch noch andere Werte vorhanden sind.
Ab und zu sind das auch persönliche Sachen.

Dann kommt es durchaus vor, dass ich mich ein paar Momente zurücklehne und vor mich hingrinse wie ein bettnässendes Balg.
Manchmal hab’ ich dann sogar den Rest des Tages gute Laune!
Man stelle sich vor!
In einer Vielzahl von Fällen ist es dann zwar meistens so, dass der kleine Funken Hoffnung unter einem massiven Haufen Scheiße begraben wird und erlischt.
Aber so ist das Leben eben.

Zugegeben, beim Zeitung lesen kommt das alles wirklich selten vor, da finde ich mit viel höherer Wahrscheinlichkeit mehrere Nachrichten, bei denen ich mir unwillkürlich so ein aufblasbares Stehaufmännchen zum Verprügeln wünsche.
Aber auch das gibt es noch.

Nämlich zum Beispiel in der heutigen Zeitung auf Seite 2, ein Leitartikel verfasst von einem gewissen Prof. Dr. Martin Balle, der darin ein Thema behandelt, über das ich so oder so demnächst schreiben wollte.
Und wenn das jemand anders schon treffend formuliert hat, umso besser.
Immerhin gewinne ich da doppelt – ich sage, was ich sagen will, und ich muss selbst nicht so viel schreiben.
Fuck yeah.
Zudem trifft es der werte Prof. Dr. Balle meiner Meinung nach ziemlich gut und umreißt ein unglaublich komplexes Thema doch sehr präzise, was mir nicht so leicht gefallen wäre, vermute ich.
Aber immerhin ist er ja ein Prof.
Und dazu noch ein Dr.!

Wie dem auch sei, wer Augen hat, der lese:

Zeit der Amateure

In seiner zauberhaften Erzählung “Narziss und Goldmund” lässt Schriftsteller Hermann Hesse seine Figur Goldmund, der entgegen dem im Geistprinzip stehenden Narziss die Lust am Leben verkörpert, auch der Kunst begegnen. In einer Kirche sieht der Landstreicher und Streuner Goldmund eine wunderbar geschnitzte Marienfigur und so verdingt sich der Hochbegabte für drei Jahre bei deren Schöpfer, dem Meister Niklaus, um auch selbst die Schnitzerei zu erlernen. Das Gesellenstück Goldmunds, eine Figur nach dem inneren Bilde seines Freundes Narziss, ist zugleich sein Meisterstück. Goldmund liebt das Leben aber zu sehr, um beim Leisten des Schnitzers zu bleiben, er zieht weiter, und doch weiß er am Schluss: “In der Kunst und im Künstlersein lag für Goldmund die Möglichkeit einer Versöhnung seiner tiefsten Gegensätze, oder doch eines herrlichen, immer neuen Gleichnisses für den Zwiespalt seiner Natur. Aber die Kunst war kein reines Geschenk, sie war nicht umsonst zu haben, sie kostete sehr viel, sie verlangte Opfer.”
Wie ein Märchen mutet dagegen die Geschichte unserer Lena an, die mit einem einzigen Lied ohne jede musikalische Auzsbildung, nicht in drei Jahren, sondern in drei Monaten, ins Rampenlicht einer europäischen Öffentlichkeit gestoßen wurde. Dabei ist es nicht nur außergewöhnlich, wie sympathisch dieses 19-jährige Mädchen im Gesangswettbewerb des Grand Prix d’Eurovision den ersten Platz errang, sondern vor allem auch, mit welcher intuitiven Souveränität sie auf die anschließende Massenbegeisterung in Deutschland reagierte.
Solches darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, welche Bürde ihr so von unserer hysterisierten Medien-Öffentlichkeit auf ihren Lebensweg mitgegeben wird. Es ist kaum zu glauben, in welcher Art dieses junge Mädchen von den Medien in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt wird: Da werden bei Lenas Rückkehr nach Hannover Sondersendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen anberaumt und selbst die altehrwürdige Frankfurter Allgemeine Zeitung widmet ihren Leitartikel vom Montag dem neuen Superstar unter dem Titel “Unser Mädchen”, die Sonderseite im Innenteil trägt die BILD-ähnliche Überschrift “Du bist Deutschland”, während das Feuilleton auf seiner ersten Seite beschwört: “Herkules oder Die Marke Raab: Jetzt müssen wir ihn ernst nehmen.”
Eher trägt da freilicht der an anderer Stelle gebrachte Vergleich von Lenas Promoter Stefan Raab mit dem sagenhaften König Midas, dem sich alles zu Gold verwandelt, was er berührt. Denn diese Sage erzählt immerhin auch von der Kehrseite solchen Vorzugs, nämlich der Seelenlosigkeit, zu der diese Verwandlungskunst führt. Der überehrgeizige Stefan Raab, der nach erfolgreicher Berufsausbildung und abgebrochenem Jura-Studium erst beim Musiksender Viva seine scheinbar feinsinnigere Bestimmung fand, erscheint dabei als der typische Repräsentant eines Teils unserer Gesellschaft, die im vergnügten, aber doch immer bloß vordergründigen Spiel alle tieferen Sinnbezüge des Lebens vor sich selbst verbirgt. Der Ansatz von Raabs Show ist so immer konsumptiv, er verbraucht Leben, niemals wird es wirklich von innen her in seiner eigentlichen Bedeutungsfülle erfasst. Dazu passt auch gut Lenas eigener Satz: “Vor einem halben Jahr war noch nichts, und jetzt ist Es (!) so groß”, der die Ausgangsfrage der Philosophie: “Warum ist nicht nichts, sondern vielmehr etwas?” ins blanke Gegenteil verkehrt. Es war nie nichts, und es ist auch jetzt nicht so groß, möchte man dem lieben Mädchen zurufen, aber das allgemeine Mediengetöse würde einen schnell zum Schweigen bringen. “Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss” war vor Jahren ein schöner Filmtitel, den man als einfaches Gegenbild vor solches Treiben stellen wollte. Aber wo am Montagmorgen gleichzeitig Angela Merkels fernseh-besorgter Blick auf die anschwellenden Fluten der Oder die einzige politische Botschaft aus Berlin in denselben Zeitungen war, ist es nicht ganz unverständlich, dass in Krisenzeiten die Menschen zu den kleinen Freuden des Alltags immer hysterischer Zuflucht nehmen. Spätestens wenn Deutschlands Fußballer in der Vorrunde Australiens Zwergenmannschaft in Grund und Boden gespielt haben werden, werden in München wieder die Massen über die Leopoldstraße ziehen, als habe man im Endspiel gerade gegen Maradonnas Argentinien gewonnen.
Es gibt schon einen Zusammenhang zwischen der Oberflächlichkeit der Politikangebote heute, einer von innen her erodierenden Gesellschaft, die sich immer schwerer tut, das Maß für ein gelungenes Leben zu finden, und einer Medienwelt, die diesen Prozess wechselseitiger Erosion verstärkt, statt ihn kritisch zu hinterfragen. Es ist ein merkwürdiges Paradox, dass in den Sonntagsreden der Politik eine Wissensgesellschaft und nachhaltige Ausbildung regelmäßig beschworen werden, während der gesellschaftliche Trend ganz gegenteilig zu einer Instant-Kultur verkommt, die in bewusstloser Unmittelbarkeit Leben bloß noch genießen will. Als der 17-jährige Boris Becker vor gefühlten 2000 Jahren im Aktuellen Sportstudio in wunderbarer Unbefangenheit nach seinem ersten Wimbledon-Sieg dem damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker so großartig begegnete, hatte er immerhin seine ganze Kindheit der asketischen Strenge einer Ausbildung zum Tennisspieler unterworfen und empfing jetzt den berechtigten Lohn für solche entbehrungsreiche Zeiten. Wo Angela Merkel und Christian Wulff sich heute fernsehgerecht über Lenas Erfolg freuen, dienen sie sich auch in schönen Bildern einer Gesellschaft an, an deren Entfremdungsprozess sie nicht unbeteiligt sind und der ihnen am Ende ihre Wiederwahl sichern soll. Wenigstens verhinderte der überraschende Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler Angela Merkels Besuch im Trainingslager der deutschen Nationalmannschaft in Südtirol nur zwei Tage nach ihrem bedeutungsschweren Blick auf die Hochwasser führende Oder.
Auch wie jetzt bei der Kandidatenauswahl für das Bundespräsidentenamt verfahren wird, macht da keine Ausnahme. Ursula von der Leyen ist für die Koalition vor allem deshalb von Vorteil, da sie sich medial bestens zu inszenieren versteht. Es wirft aber auch ein seltsames Licht auf die Politik, dass nach gerade erfolgtem Wechsel der Politikerin in ein neues wichtiges Ministerium, vom Familienministerium ins Arbeitsressort, der jetzt wieder vorzeitige Abschied nach kurzer Einarbeitungsphase gar kein Thema ist.
Interessant ist auch, dass unsere Medienwelt sich teilweise genauso ihrer professionellen und ernsthaften Vorbedingungen entledigt wie Politik und Gesellschaft. Wo das Internet mit seinen Blogs (Anm.: Welch Ironie.) und Chats immer mehr Aufmerksamkeit erhält, wird auch die Messlatte unserer Informationskultur tiefergelegt. Wo jeder alles ins Netz stellt und Aufmerksamkeit für sich einfordert, spricht die “Süddeutsche Zeitung” ironisch vom “Web 0.0″ und der Journalist Nicholas Carr von einem “Kult der Amateure”. Für unseren derzeitigen Lieblingsamateur Lena aber wollen wir hoffen, dass der Kult um sie für sie gut ausgeht.

Ahja.
Nun, da steckt viel drin.
Über Lena Meyer-Landrut und Stefan Raab schweige ich mich aus, ich denke, von denen haben wir die letzten Tage genug gehört.
Mir geht es vielmehr um die Aspekte bezüglich Gesellschaft, Medien und Politik, die er anspricht.
Und wo ich jetzt irgendwie gerade scharf überlegen muss, wie ich richtig formuliere, hoffe ich, dass die Leserschaft begreift, was ich meinte, als ich eingangs die unüberschaubre Komplexität der Thematik erwähnt habe.
Da wären zum einen die Medien, über deren Entwicklung und aktuelles Erscheinungsbild ich in vergangenen Einträgen genug Worte verloren habe, denke ich.
Da wäre andererseits auch die Politik, die sich in der Öffentlichkeit ebenfalls immer flacher und inhaltsloser präsentiert. Wo es immer mehr darum geht, den Gegenspieler in ein negatives und sich selbst in ein postives Licht zu rücken, wo Polit-talkshows immer trivialer und wie ihre Gäste immer niveauloser werden, nimmt die Bedeutung der wirklichen Inhalte immer weiter ab. Zunehmend fällt einem da auf, dass die verschiedenen Parteien sich trotz aller Versprechen und verbalen Konfrontationen bei Prinzipienfragen inhaltlich doch überraschend ähnlich sind.
Von ihnen vertreten fühlt sich dann irgendwann kein Schwein mehr.
Da spricht man dann von “Politikverdrossenheit”, von mangelndem Interesse.
Ich würde eher von Desillusionierung und einem durchaus berechtigten Mangel an Vertrauen sprechen.

Und in der Mitte zwischen beiden, der Politik und den Medien, steht dann natürlich noch die Gesellschaft, sprich die Menschen, die sich irgendwo zwischen apathischer Hoffnungslosigkeit und der Zuwendung zu seichter, anspruchsloser Unterhaltung widerfinden, weil sie die Angewohnheit haben, sich früher oder später sowieso mit allem abzufinden.
Nicht nur erodiert diese Gesellschaft, wie Balle es so treffend formuliert, hinsichtlich ihrer Tiefsinnigkeit und Feingeistigkeit, sie verfällt auch hinsichtlich Allgemeinbildung und vor allem Moral.
Hinsichtlich ihrer Grundwerte.
Wo Politik und Medien immer von gewaltigen Herausforderungen und nahenden Katastrophen kreischen, schaltet die Gesellschaft irgendwann ab und wendet sich den letzten Bastionen von Spaß und Zerstreuung zu, die ihr bleiben. Die Medien unterstützen und bekräftigen diese Entwicklung, die Politiker passen sich der Flachgeistigkeit an und leisten oberflächliche Öffentlichkeitsarbeit, um sich gut darzustellen.
Und so bekräftigen sich alle Seiten gegenseitig, nur immer tiefer zu sinken.
Alle ziehen wir so unseren Vorteil daraus.
Alle gewinnen wir.
Und alle verlieren wir dadurch am Ende.

Und wer mir jetzt sagt, wie diese wechselseitige Spirale der Hirnlosigkeit aufgehalten oder wenigstens daran gehindert werden könnte, sich weiterzudrehen, dem blas’ ich sofort einen.
Oder lecke sie.
Je nachdem.

Das wäre nämlich mein ganz persönlicher Heiliger Gral.

Aber vermutlich bleibt es, wie auch beim Echten, dabei immer nur bei einem Traum.

Steinadler Dienstag, Mai 11 2010 

Ohne viele einleitende Worte, lange als Konzept auf einem Schmierblatt gehabt, gerade geschrieben.

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Auf einem Podest stand er, einem steinernen Thron, der sich aus der Brüstung einer kreisrunden Empore erhob, am Ufer eines geschäftig dahinströmenden Flusses. Ein stummer Wächter, ein auf ewig schweigsamer Beobachter, der das Treiben der dahinbrausenden Zeitalter um sich herum mit kalter Gleichgültigkeit strafte.
Der Steinadler.
Er kam oft an diesen Ort, um ihn zu besuchen, wie er dort einsam auf der Brüstung thronte, die grauen Flügel halb gespannt, als wolle er jeden Moment davonfliegen, die spitzen Krallen in den Fels geschlagen, kurz davor, sich abzustoßen und der Gefangenschaft zu entfliehen, in die überhebliche, flachgeistige Menschenhand ihn gemeißelt hatte.
Sein Kopf war zur Seite gewandt wie in stummer Anklage, der Altstadt zu, an deren Grenze er seinen schmucklosen Thron hatte, eine kühle Verachtung lag in seinen Augen, eine verbitterte Geringschätzung für all das Vergängliche, das Aufblühende und Verwelkende dieser Welt.
Sie konnten nicht begreifen, was er begriff.
Sie fühlen uns nicht, Steinadler, so dachte er. Sie fühlen nicht, wer wir sind.
Wer du bist.
Und deshalb sind wir hier gefangen.

Der Steinadler schwieg traurig.

Oft, wenn er ihn besuchen kam, wenn er sich schweigend neben ihm auf die Brüstung setzte und zusah, wie die Schatten, die sie auf das verrottende gelbgrüne Gras unter sich warfen, länger wurden, musste er ja selbst miterleben, was der moderne Mensch ihm antat, dem Steinadler.
Nicht mehr als ein Fotomotiv war er für die meisten, eine Touristenattraktion. Wenn überhaupt, interessierten sie sich nur für historische Hintergründe, für Namen längst vergangener Steinmetze, die seine Ketten aus Stein geschlagen hatten, oder für das Posieren vor oder gar auf ihm für ihre lächerlich gestellten Fotos.
Und dann verschwanden sie wieder, lachend und scherzend, ohne die Tragik und das Leid des Steinadlers je zu begreifen.
Anders als die lokalen Jugendlichen, für die die alte Statue ein wohlbekannter Freund war.
Beinahe jeden Abend versammelten sich einige von ihnen in seinem Rücken und frönten ihren geistlosen Leidenschaften, die für ihn so fern und unbegreiflich waren. Unzählbare Zigarettenfilter, Glasscherben, halbvolle Bierflaschen im Gras, Schmierereien, Abfall und Unrat überall zeugten von ihren Gewohnheiten. Hin und wieder, meist kurz vor ihren großspurig inszenierten Wahlkämpfen, bezahlte die Stadtverwaltung das Geld, um den Adler und seinen Thron zu reinigen – aber das wurde zunehmend als unnötige Ausgabe erachtet.
Denn die Jugendlichen waren immer da.
Das Geld für die Reinigung nicht.
Und so wandte der Steinadler nur stumm den Blick ab und ignorierte die Verwahrlosung, die man ihm antat. Er ignorierte sie genau wie er all die Jahrzehnte die abgrundtief hässlichen modernen Gebäude ignoriert hatte, die ihn immer mehr von allen Seiten bedrängten, genau wie er die ekelerregend unästhetische Stahlbrücke ignoriert hatte, die sich unweit über den Fluss spannte, die Autos und Lastwagen, die sich heulend und krächzend und hupend wie stählerne Bestien tagaus tagein selbst jagten.
Du musst sie verstehen, Steinadler, dachte er dann manchmal. Wir müssen sie verstehen lernen, auch wenn sie uns nicht verstehen. Es nicht können.
Nicht wollen.

Der Steinadler schwieg verbittert.

Denn das war sie, die niederschmetternde Lektion, die alle Menschen, die eigentlich Steinadler waren, irgendwann lernen mussten.
Denn sie waren natürlich keine echten Menschen. Genau so wenig wie sie Vögel waren oder von Stein. Denn obwohl er ihnen allen gleichsah, obwohl er nichts lieber täte, als seine grauen, bleiern schweren Flügel auszubreiten und loszufliegen, schneller und weiter als alle anderen Vögel, so hoch wie es kein Lebewesen vor ihm auch nur zu träumen gewagt hätte, war er am Ende auch menschlichen Ursprungs.
Und wenngleich er nichts mehr ersehnte, als allen Menschen die Freiheit und die unvergleichliche Schönheit zu zeigen, die er sah und fühlte, wenn seine Gedanken schweiften, wenngleich er all ihre Leben nur besser und reichen machen wollte, war er auch von Stein.
Und wie aller Stein konnte er unnachgiebig hart sein in seiner Entschlossenheit, kalt und klamm, voller Verachtung und Wut für alles, das nicht Stein war.
Und je eisiger und unwirtlicher und hässlicher die Welt um ihn herum sich zeigte, desto kälter und abweisender wurde auch der Steinadler.
Nur, wenn manchmal die Sonne auf den einsamen Ort schien, an dem er stumm Wache hielt, ließ sich sein frostiges Herz erweichen.
Für ein paar Schläge vielleicht. Möglicherweise einige Atemzüge voller Freiheit. Ein oder zwei Gedanken von nichts als Glück und Schönheit.
Das ist unser Problem, Steinadler, dachte er.
Das ist unser Problem.
Wir brauchen eine Sonne, die immer für uns scheint.
Oder wir werden weiter leiden und zweifeln und stumm schreien in unserer ewigen Gefangenschaft, so lange, bis wir beide zu Staub zerfallen sind.

Der Steinadler schwieg.

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