Einigkeit und Recht und Freiheit Sonntag, Okt 17 2010 

Kennt ihr diese wunderbaren, segensreichen Tage, an denen man aufsteht, die Vorhänge öffnet, der Welt einen fröhlichen Gruß entbietet und dafür einen Schlag in die Fresse bekommt?
Diese Tage, an denen man in einer Sphäre irgendwo zwischen dem Künstlerisch-Göttlichen, dem Idealismus, den ureigenen Träumen und Vorstellungen, wie die Welt sein KÖNNTE, und der grausam niederschmetternden, ernüchternden Erkenntnis, wie sie wirklich ist, schwebt, und sich weder dem Einen noch dem Anderen wirklich zugehörig fühlt?
Diese Tage, wo man sich von etwas Größerem inspiriert fühlt und von so ungreifbaren, schwer definierbaren, fernen Dingen wie Freiheit oder Gerechtigkeit träumt, während einen der Alltag mit all seinen banalen Belanglosigkeiten herunterdrückt, wo man in den Spiegel blickt und zum ungezählten Mal erkennt, dass alles nicht mehr ist als eben genau das?

Ein Traum?

Diese Tage, an denen einen die Welt einfach nur noch ankotzt?
Weil man unter die Oberfläche all dessen taucht, wofür sich unsere Gesellschaft hält und wofür sie zu stehen glaubt – Oder glaubt sie es überhaupt noch selbst?
Selbst die größten Arschlöcher und Flachwichser können sich selbst einreden, sie seien eigentlich ganz in Ordnung, um weiterhin Arschlöcher und Flachwichser bleiben zu können.
Ich habe des Gefühl, irgendwie so ist es oft auch mit dem, was wir unsere Gesellschaft oder Kultur nennen.
Wir wollen anderen weismachen, wir stünden für irgendwelche Ideale, drehen uns um und treten sie mit Füßen.
Wir reden davon, eine Sache zu verteidigen und spucken im nächsten Moment darauf.
Wir machen uns selbst vor, für die Menschen zu kämpfen – und kämpfen gegen sie.

Alles nur Lippenbekenntnisse, Populismus, Selbstbeschwichtigung. Die Titanic sinkt, die Kapelle spielt weiter.
Wir schminken ein Monster und reden uns ein, eine Schönheit vor uns zu haben.

Wir sprechen von Einigkeit, von Einheit, von Loyalität, wir diskutieren über Integration und sind selbst noch nicht einmal ein Volk. Wir sind entweder Westdeutsche oder Ostdeutsche, Bayern oder “Preußen”, Katholiken oder Protestanten, Arme oder Reiche.
Wir zerbrechen an Belanglosigkeiten und wollen anderen weismachen, sie sollten sich in ein Gesamtwesen integrieren, das nichts weiter als eine Illusion ist, aus nichts weiter als Gegensätzen und Konflikten besteht.

Wir sprechen von Recht und meinen Gesetz, wir sprechen von Moral und meinen Pflicht. Dabei ist unsere Gerechtigkeit nichts weiter als ein fahler, oberflächlicher Anstrich über den selben Makeln, die wir seit Jahrhunderten mit uns schleppen. Menschen stehlen etwas im Supermarkt und wir nennen es Ungerechtigkeit, Politiker beziehen Nebeneinkünfte von Unternehmen, in deren Namen sie denken, reden und handeln, und wir nennen es das System. Wir nennen es normal.
Unabänderlich.

Denn so läuft es nun mal, und was kann man als Einzelner schon dagegen tun.

Wir reden von Freiheit und meinen damit den kümmerlichen Rest von Möglichkeiten, die uns bleiben, wenn wir “sicher” sein wollen. Wir machen uns vor, sie zu verteidigen, und schränken sie ein, um uns vor illusionären, ungreifbaren Gefahren zu schützen.
Wir führen einen Krieg gegen die Mächte, die die Fundamente unserer Wertvorstellungen bedrohen, und geben sie auf, um zu gewinnen.
Und unser großer Sieg wird sein wie alles andere an uns – eine Niederlage, wenn man nur unter die Oberfläche taucht.

So erheben wir sie, stellen sie auf ein Podest, unsere Ideale, lassen uns immer mal wieder von unseren Politikern erzählen, wie großartig wir sie verfolgen und verteidigen, wie viel wir für sie getan haben, fühlen uns dann geschmeichelt und stimmen ihnen zu, denn wir haben sie ja verdient, diese Lobgesänge.
Danach drehen wir uns um und treten sie weiter mit Füßen.

Denn heute kämpft jeder für sich, aber kaum jemand mehr für etwas darüber hinaus.
Wir wollen immer mehr und sehen nicht, dass wir immer weniger haben.

Und diejenigen, die sich bemühen, das Wenige zu erhalten, stehen viel zu oft auf verlorenem Posten.

Und was ist das Ende der Geschichte?
Gibt es eines?
Schreiben wir es gerade?
Ist es schon geschrieben und muss sich nur noch ereignen?

Denkt ihr, ihr bekommt jetzt am Ende dieses Eintrags einen Hoffnungsschimmer, eine Lösung, ein Happy End?

Negativ. So sieht’s nämlich aus.
Das ist der Stand der Dinge.

Und heute ist so einer dieser Tage, wo mich das richtig ankotzt.

Ende.

Flaute. Flaute überall. Samstag, Jun 19 2010 

Äh…

Ja.

Hier läuft momentan nicht viel, nicht wahr?

Aber ich hab’ ein paar halbwegs gute Entschuldigungen parat, ausnahmsweise. Wenn ich mich für irgendwas, was ich tue, entschuldigen würde.
Was ich nicht tue.

Es ist auf jeden Fall nicht so wie früher, wo die Motivation nach kurzer Zeit steigender Aktivität wieder brutal absackte, bis ich den Blog quasi vergessen habe.
Eigentlich hätte ich schon noch einige Ideen im Hinterkopf, die abgearbeitet und niedergeschrieben wollen, aber irgendwie bin ich derzeit hin und hergerissen zwischen diversen banalen Tätigkeiten, die meine ach so kostbare Freizeit verschlingen wie Tine Wittler das Süßigkeitenlager, dass die psychischen Exhibitionisten auf RTL in ihren vier Wänden versteckt haben.
Meine Tine Wittler ist eine Mischung aus vielerlei mehr oder weniger interessanten Beschäftigungen.
Zum einen steht in meinem Zimmer seit Neuestem eine E-Gitarre herum, die ich mir nach längeren Zweifeln, ob ich dafür wirklich die nötige Langzeitmotivation aufbringen kann, zugelegt habe. Und wenn ich gezwungen werde, zwischen euch und meiner E-Gitarre zu entscheiden… diesen Kampf könnt ihr einfach nur verlieren.
Dann wollen wir natürlich nicht verschweigen, dass ich die letzten Wochen mit Arbeit in jedweder Form förmlich überhäuft wurde – Jaja, cry cry so sad, ich weiß, aber ich will ja gar kein Mitleid erschleimen. Ich habe nur einfach, wenn ich abends entweder mit Muskelkater und Ganzkörpersonnenbrand wie vor zwei Wochen oder pochenden Kopfschmerzen und scheißschlechter Laune wie die letzten Tage auf dem Zahnfleisch nach Hause krieche, meistens nicht mehr viel Lust auf etwas anderes als fressen und schlafen.
Und E-Gitarre spielen.
Und vielleicht Fußball schauen. Denn das raubt einem ja momentan auch einen bemerkenswerten Anteil der Freizeit. Selbst wenn man mit dem allgemeinen Hype nicht viel am Hut hat und nicht heulend in der Ecke sitzt, wenn Deutschlands Weltmeisterambitionen ins Wanken geraten.
Dann wäre da auch noch ein bisschen zeitintensives Rumwerkeln in den zukünftigen eigenen vier Wänden. Denn der Eden dürfte ja in etwa einem halben Jahr umziehen. Und wenn man ohnehin in seiner Jugend als Sohn eines Zimmerermeisters das ein oder andere gelernt hat, was gibt es da Näherliegenderes, als sein eigenes Zimmer auch selbst herzurichten?
Es nicht zu tun natürlich.
Aber ich bin immerhin die billigste Arbeitskraft, die mein alter Herr hat.
Der Pole der Familie, sozusagen.
Nur mit Fachwissen.

Den ganzen anderen Mist wie aufmerksamkeitsbedürftige neoamazonische Rasurfaschistinnen, ab und zu mal was Entspannendes wie Pokerrunden, DVD-abende und/oder Alkoholkonsum mit anderen Menschen, lesen, schreiben und so weiter erwähne ich nur mal am Rande.

Ihr seht – mein Leben dümpelt momentan so ein bisschen vor sich hin ohne nennenswerte Erkenntnisse, Erfahrungen oder Gedankengänge, über die sich zu berichten lohnen würde. Oder die Zeit, das zu tun.
Da kann ich nur sagen, die Hypothese, dass steigende Arbeitslosigkeit – trotz Sicherung der Existenz durch den “Sozialstaat” – zu politischer Instabilität führt und gesellschaftliche Betäubungsmittel wie Lena, die WM oder andere verlockende Aktivitäten ohne bemerkenswerte Tiefgeistigkeit der Regierung eine dringend benötigte Verschnaufpasse vor Unzufriedenheit in der Bevölkerung verschaffen, hat mit Sicherheit was für sich.
Ich bin der lebende Beweis.
Ich warte ohnehin schon darauf, dass der Bevölkerung irgendein politischer Knüppel des John Holmes-Kalibers in den Arsch geschoben wird, während sie so beschäftigt damit ist, Jogi Löws Schwanz zu lutschen, dass sie das gar nicht merkt. Bis sie geschluckt hat und wieder auf der Straße steht, um auf den nächsten Freier zu warten.
Ich gebe zu, obszöne Fickmetaphern haben auch ihre Grenzen.

Jedenfalls ist das der Grund, warum hier momentan mit einer kleinen Flaute gekämpft wird. Weil einfach Flaute IST. In meinem Leben. Irgendwie.
Aber naja, auch das ändert sich wieder.
Und immerhin ist morgen ja auch Sonntag.
Und sonntags hat man frei. Normalerweise.

Außerdem habe ich gerade Meinhard Miegels EXIT – Wohlstand ohne Wachstum zu Ende gelesen und halte den Inhalt und die dort entwickelten Gedankengänge durchaus für erwähnenswert.
Vielleicht eine kleine Buchrezension also.

Wir werden sehen.

Steinadler Dienstag, Mai 11 2010 

Ohne viele einleitende Worte, lange als Konzept auf einem Schmierblatt gehabt, gerade geschrieben.

- -

Auf einem Podest stand er, einem steinernen Thron, der sich aus der Brüstung einer kreisrunden Empore erhob, am Ufer eines geschäftig dahinströmenden Flusses. Ein stummer Wächter, ein auf ewig schweigsamer Beobachter, der das Treiben der dahinbrausenden Zeitalter um sich herum mit kalter Gleichgültigkeit strafte.
Der Steinadler.
Er kam oft an diesen Ort, um ihn zu besuchen, wie er dort einsam auf der Brüstung thronte, die grauen Flügel halb gespannt, als wolle er jeden Moment davonfliegen, die spitzen Krallen in den Fels geschlagen, kurz davor, sich abzustoßen und der Gefangenschaft zu entfliehen, in die überhebliche, flachgeistige Menschenhand ihn gemeißelt hatte.
Sein Kopf war zur Seite gewandt wie in stummer Anklage, der Altstadt zu, an deren Grenze er seinen schmucklosen Thron hatte, eine kühle Verachtung lag in seinen Augen, eine verbitterte Geringschätzung für all das Vergängliche, das Aufblühende und Verwelkende dieser Welt.
Sie konnten nicht begreifen, was er begriff.
Sie fühlen uns nicht, Steinadler, so dachte er. Sie fühlen nicht, wer wir sind.
Wer du bist.
Und deshalb sind wir hier gefangen.

Der Steinadler schwieg traurig.

Oft, wenn er ihn besuchen kam, wenn er sich schweigend neben ihm auf die Brüstung setzte und zusah, wie die Schatten, die sie auf das verrottende gelbgrüne Gras unter sich warfen, länger wurden, musste er ja selbst miterleben, was der moderne Mensch ihm antat, dem Steinadler.
Nicht mehr als ein Fotomotiv war er für die meisten, eine Touristenattraktion. Wenn überhaupt, interessierten sie sich nur für historische Hintergründe, für Namen längst vergangener Steinmetze, die seine Ketten aus Stein geschlagen hatten, oder für das Posieren vor oder gar auf ihm für ihre lächerlich gestellten Fotos.
Und dann verschwanden sie wieder, lachend und scherzend, ohne die Tragik und das Leid des Steinadlers je zu begreifen.
Anders als die lokalen Jugendlichen, für die die alte Statue ein wohlbekannter Freund war.
Beinahe jeden Abend versammelten sich einige von ihnen in seinem Rücken und frönten ihren geistlosen Leidenschaften, die für ihn so fern und unbegreiflich waren. Unzählbare Zigarettenfilter, Glasscherben, halbvolle Bierflaschen im Gras, Schmierereien, Abfall und Unrat überall zeugten von ihren Gewohnheiten. Hin und wieder, meist kurz vor ihren großspurig inszenierten Wahlkämpfen, bezahlte die Stadtverwaltung das Geld, um den Adler und seinen Thron zu reinigen – aber das wurde zunehmend als unnötige Ausgabe erachtet.
Denn die Jugendlichen waren immer da.
Das Geld für die Reinigung nicht.
Und so wandte der Steinadler nur stumm den Blick ab und ignorierte die Verwahrlosung, die man ihm antat. Er ignorierte sie genau wie er all die Jahrzehnte die abgrundtief hässlichen modernen Gebäude ignoriert hatte, die ihn immer mehr von allen Seiten bedrängten, genau wie er die ekelerregend unästhetische Stahlbrücke ignoriert hatte, die sich unweit über den Fluss spannte, die Autos und Lastwagen, die sich heulend und krächzend und hupend wie stählerne Bestien tagaus tagein selbst jagten.
Du musst sie verstehen, Steinadler, dachte er dann manchmal. Wir müssen sie verstehen lernen, auch wenn sie uns nicht verstehen. Es nicht können.
Nicht wollen.

Der Steinadler schwieg verbittert.

Denn das war sie, die niederschmetternde Lektion, die alle Menschen, die eigentlich Steinadler waren, irgendwann lernen mussten.
Denn sie waren natürlich keine echten Menschen. Genau so wenig wie sie Vögel waren oder von Stein. Denn obwohl er ihnen allen gleichsah, obwohl er nichts lieber täte, als seine grauen, bleiern schweren Flügel auszubreiten und loszufliegen, schneller und weiter als alle anderen Vögel, so hoch wie es kein Lebewesen vor ihm auch nur zu träumen gewagt hätte, war er am Ende auch menschlichen Ursprungs.
Und wenngleich er nichts mehr ersehnte, als allen Menschen die Freiheit und die unvergleichliche Schönheit zu zeigen, die er sah und fühlte, wenn seine Gedanken schweiften, wenngleich er all ihre Leben nur besser und reichen machen wollte, war er auch von Stein.
Und wie aller Stein konnte er unnachgiebig hart sein in seiner Entschlossenheit, kalt und klamm, voller Verachtung und Wut für alles, das nicht Stein war.
Und je eisiger und unwirtlicher und hässlicher die Welt um ihn herum sich zeigte, desto kälter und abweisender wurde auch der Steinadler.
Nur, wenn manchmal die Sonne auf den einsamen Ort schien, an dem er stumm Wache hielt, ließ sich sein frostiges Herz erweichen.
Für ein paar Schläge vielleicht. Möglicherweise einige Atemzüge voller Freiheit. Ein oder zwei Gedanken von nichts als Glück und Schönheit.
Das ist unser Problem, Steinadler, dachte er.
Das ist unser Problem.
Wir brauchen eine Sonne, die immer für uns scheint.
Oder wir werden weiter leiden und zweifeln und stumm schreien in unserer ewigen Gefangenschaft, so lange, bis wir beide zu Staub zerfallen sind.

Der Steinadler schwieg.

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Und die Devise heißt: Leben. Samstag, Mar 27 2010 

Eine kleine Kurzgeschichte, heute Nachmittag in einem ziemlichen Kreativflash entstanden.
Muss ja auch nicht immer alles nur bitterer Zynismus und Kritik sein.

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Langsam fuhr er mit der Hand über die raue, verwitterte Steinfläche, auf der er saß. Lauwarm beschienen von der Sonne, die sich anschickte, endgültig die letzten Reste eines Winters zu vertreiben, der sich viel zu lange angefühlt hatte.
Ewig lange…
Er lächelte.
Früher hätte er den Ausdruck, der sich jetzt auf seinem Gesicht abzeichnete, während er den Kopf in den Nacken legte und die wärmenden Sonnenstrahlen genoss, die ihm durch jede einzelne Pore seiner Haut drangen, nur unterbrochen von einer angenehm kühlen Brise hin und wieder, wohl als bescheuert bezeichnet. Grenzdebil vielleicht. Möglicherweise sogar hirnlos. Ganz sicher unangemessen.
Aber früher hatte er ja so vieles anders gesehen, anders bezeichnet, anders gedacht.
Wenn sein altes Ich ihn jetzt so sehen würde, es würde ihn wahrscheinlich als Verräter beschimpfen… oder ihm einfach nur schreiend dieses grenzdebile Grinsen aus der bescheuerten Fresse schlagen.
Aber er konnte nicht anders – wenn er jetzt an sich herabsah, auf seinen Schoß, in den sie ihren Kopf gebettet hatte, die Augen geschlossen, der Gesichtsausdruck friedlich, fast als würde sie schlafen, dann musste er lächeln.
Alles andere wäre bescheuert gewesen.
Vielleicht auch grenzdebil.
Ja, möglicherweise sogar hirnlos.
Ganz sicher aber unangemessen.
Er veränderte leicht seine Sitzposition, um sich umsehen zu können, was von ihr mit einem schläfrigen Grummeln quittiert wurde, und ließ den Blick über die Umgebung schweifen – die Brüstung der alten steinernen Mauer entlang, auf der sie sich befanden. In einem großzügigen Halbkreis umschloss sie die wenigen alten Parkbänke in ihrer Mitte, sporadisch bevölkert von Menschen, die ähnlich wie sie die ersten Anzeichen des anbrechenden Frühlings genossen. Eine kurze Zeit ließ er sich von dem Gedanken treiben, dass sie alle, ganz egal was sie dachten, woher sie kamen oder wer sie waren, für diesen Moment, für die Dauer ihrer Anwesenheit hier, das gleiche Gefühl genossen, dieses vielleicht illusionäre, vielleicht trügerische, aber absolut wunderschöne Empfinden tiefen Friedens, das für ihn absolut neu war.
In diesem Moment waren sie alle, ganze ohne Blicke, ohne Gesten oder Worte, eine Gemeinschaft.
Nur durch diesen Gedanken.
Er wandte sich wieder um und ließ den Blick über seine übereinander gelegten Füße hinaus auf dem dahin strömenden Fluss auf der anderen Seite der Mauer ruhen, beobachtete die Vögel, die sich singend umkreisten und sich dann sanft auf der Wasseroberfläche niederließen, um sich einfach nur mit dem Strom davon treiben zu lassen.
Früher hätte er sich nicht vorstellen können, dass es mitten in einer Stadt einen Platz wie diesen geben könnte, wo er sich von den wechselnden, sich ständig bewegenden Menschenmengen in seiner Umgebung nicht bedrängt und gestört fühlte. Wo niemand vorbeigehen konnte, ohne wenigstens einen Moment stehen zu bleiben und dieses überwältigende Gefühl zu genießen. Wo er einfach loslassen und sich entspannen konnte.
Früher…
Er fuhr sich nachdenklich durch das zerzauste Haar und ließ seine Gedanken zurück in jene Zeit schweifen, an der er beinahe zerbrochen wäre.
Ja… es war ein langer Winter gewesen.
Endlos lang.
Einen Moment glaubte er fast, sich einzubilden, wie die Welt um ihn herum plötzlich all die berauschenden, bunten, aufblühenden Farben verlor und wieder in einem fahlen Schatten versank, so, wie er sie damals gesehen hatte. Er blickte fröstelnd auf und sah zu, wie eine schneeweiße Wolke gemächlich vor der Sonne vorbeizog und all die Wesen, Menschen genau so wie Tiere und Pflanzen, die nach ihrer wohltuenden Wärme gierten, von ihr abschirmten.
Ja, so war es früher gewesen. Nur Wolken und keine Sonne. Immer nur Wolken.
Eine heuchlerische Gesellschaft, die sich in Arroganz und Ignoranz erging, die sich an ihrer grenzenlosen Dummheit auch noch aufgeilte und vollkommen gleichgültig gegenüber Ungerechtigkeit oder menschlichem Leid geworden war – und sich nach außen hin als freie, tolerante, mitleidvolle Gemeinschaft aufgeklärter Bürger propagierte.
Und das Einzige, was sie dabei am Ende tolerierte, waren nur ihre eigenen gewaltigen, unübersehbaren Makel.
Ja, dachte er, das fasste wohl den Großteil dessen zusammen, was seine Gedankenwelt damals ausgemacht hatte.
Und wieder musste er lächeln.
Wenn er sich jetzt daran erinnerte, dann wunderte es ihn gar nicht mehr, wie gründlich und vollkommen diese Jahre ihn damals zugrunde gerichtet hatten. Ständig war er gegen all das angerannt, was ihm so unglaublich wichtig erschienen war, was seiner Meinung nach einfach nicht sein durfte. Immer und immer wieder mit dem Kopf gegen die Betonwand. Hatte von Idealen geredet, die in seinen Augen tagtäglich im Kleinen wie im Großen verraten wurden.
Und über all das hatte er all die Jahre vergessen, sich umzusehen und die Dinge wahrzunehmen, die in Ordnung waren in dieser Welt.
Mehr als in Ordnung.
Faszinierend. Atemberaubend. Wunderschön.
Er hatte sich am Ende immer konsequenter und erbarmungsloser allem versperrt, was ihm auch nur ansatzweise wieder in Erinnerung hätte rufen können, wofür er all das damals eigentlich hatte tun wollen.
Für eine Welt, die so wunderschön war wie sie sich ihm hier offenbarte.
Und für den Gedanken, dass alle Menschen sie irgendwann so genießen konnten wie er es in diesem Moment tat.
Vermutlich hatte er sich damit letzten Endes über die Jahre vieler Dinge… vieler Erlebnisse und Erfahrungen beraubt. Die Meisten davon vermisste er immer noch nicht und würde es wohl auch nie.
Aber bei einigen – und für einen kurzen Moment wanderten seine Augen zurück zu dem friedlichen Gesicht in seinem Schoß – begriff er erst jetzt langsam, wie sehr sie ihm gefehlt hatten.
Auch wenn er das damals so erfolgreich verdrängt hatte, dass nicht einmal er es wusste.
Also war es falsch? War er ein Verräter an seinen Idealen? War er bescheuert, grenzdebil, hirnlos – verhielt er sich unangemessen?
War es das?
Unangemessen, sich einfach mal die Zeit zu nehmen und Momente wie diesen zu genießen? Obwohl anderenorts Menschen verhungerten? Obwohl es auf dieser Welt so viel Unrecht gab, dass er früher am liebsten schreien und weinen und alles, was ihm unter die Augen kam, ob Gegenstand oder Lebewesen, kurz und klein hätte schlagen können und sich selbst zerreißen, wenn es irgendetwas gebracht hätte?
Konnte so ein Moment überhaupt falsch sein? Konnte es falsch sein, sich zurückzulehnen und die Sonne zu genießen, ihre wärmenden Strahlen, die kühlen Brisen hin und wieder und die Tatsache, dass er zum ersten Mal seit Langem so etwas wie Frieden und Glück empfand?
Er schloss die Augen, als die letzten Wolkenballungen endlich vorüber zogen und die Sonne wieder ihre tastenden, wohltuend streichelnden Finger nach ihnen allen ausstrecke.
Nein.
So etwas konnte nicht falsch sein.
Es durfte nicht falsch sein.
Und wenn Momente und Tage wie dieser auch noch so selten sein mochten – wenn sie kamen, dann musste man sie genießen. Egal wie kurz sie waren oder wie banal sein jetziges Glück ihm früher auch erschienen wäre.
Kämpfen konnte man immer noch.
Man wusste nur wieder, wofür.
Scheiß drauf, dachte er, aber nicht jetzt.
Nicht jetzt.
Das hier gehört mir.
„Scheiß drauf“, sagte er leise, fast unwillkürlich, flüsterte es vor sich hin, wie um es sich selbst noch einmal einzuschärfen.
Er blickte wieder hinab und sah, dass sie die Augen geöffnet hatte.
Sie sah ihn an und lächelte.
Und sie fragte ihn nicht, was er meinte. Das tat sie nie. Sie wusste es einfach. Auch so.
Er schloss die Augen, ließ sich zurücksinken auf das lauwarm beschienene Gestein, verschränkte die Arme hinter dem Kopf -
und lächelte.

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Schlagzeilen: Eden wieder da! Neuer hoffnungsloser Versuch Dienstag, Jan 26 2010 

Okay, ich bin wirklich ein faules Arschloch.
Ich will gar nicht versuchen, den exorbitanten Zeitraum, der seit dem letzten Eintrag vergangen ist, zu entschuldigen. Nicht, weil ich das nicht könnte. (Natürlich könnte ich das, ich kann ja sowieso alles.) Vielmehr, weil es wahrscheinlich ohnehin keinen interessiert, da dieser Blog nie wirklich eine feste Lesergemeinschaft hatte.
Womit wir natürlich wieder bei den exorbitanten Zeiträumen sind, die zwischen den Einträgen vergehen.
So kann das auch nicht funktionieren, Eden.
Irgendwo bin ich hier zwischen dem Bestreben, halbwegs sinnvolle, interessante und anspruchsvolle Einträge gestalten, um es nicht zur puren Selbstdarstellung à la “Was habe ich heute zu Mittag gegessen?” verkommen zu lassen, und meiner eigenen Faulheit gescheitert.
Warum das dann diesmal anders sein sollte?
Keine Ahnung, wirklich. Wahrscheinlich ist das ähnlich wie eine der vielen Entschuldigungen und Versprechungen von Süchtigen an Bekannte, dass sie sich bessern werden.
Jedenfalls sitze ich grade hier, höre Beethovens neunte Sinfonie und drücke mir eine Packung tiefgekühltes Fertiggerichtspantschmischgemüse in meinen Nacken, der sich… nun, nicht angenehm anfühlt. Wie allgemein viele Stellen meines Körpers momentan.
Edens Freundin fand es nämlich heute angebracht, ihr Auto und ein Straßenschild vollkommen zu zerlegen. Das findet Eden prinzipiell nicht gut, weil er Straßenschilder, Autos und ja, sogar seine Freundin (!) eigentlich mag, aber noch weniger gefällt es ihm, wenn er währenddessen daneben sitzt.
Naja, wie sich das in einer heterosexuellen Beziehung nach der alten Rollenverteilung eben so gehört, habe natürlich ich als Mann die Auswirkungen des Unfalls sehr viel deutlicher zu spüren bekommen, während sie bis auf ein paar Schrammen unverletzt ist. Und das soll sich dann Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern nennen.
Aber egal, es hätte ja auch anders laufen können. Sehr anders sogar. Wäre das Schild einen halben Meter weiter links gestanden, hättet ihr doch tatsächlich euren heißgeliebten und verehrten Eden verloren! Und das zwei Tage vor dem Release von Mass Effect 2! Die Realität kann tragischer und dramatischer sein als jeder Schnulzenroman.
Keine Ahnung, was das jetzt damit zu tun hat, warum ich hier wieder mal schreibe.
Vielleicht, weil mir langweilig ist.
Vielleicht auch, weil mich verdammt nochmal jemand bemitleiden soll.
Los!

Um den Eintrag also letztendlich zusammenzufassen:
Re.

…übrigens hatte ich heute Steaks zum Mittagessen. Sie waren gut.

Die Ästhetik des Schreibens Dienstag, Mar 24 2009 

Ich. fühle. mich. fabelhaft.

Nicht, weil meine absurde Selbstfindungsaktion endlich Früchte trägt – obwohl sie voran schreitet – oder die abklingenden Depressionen wie durch ein Wunder ein Ende gefunden haben.
Aber mit “Die Krone der Evolution”, zu finden im letzten Eintrag, ist endlich etwas passiert, das längst überfällig war – ich kann wieder schreiben. Die geistige Blockade ist endlich weg, es kommen wieder Ideen, Geistesblitze, die Sätze formulieren sich wie von selbst. Wie früher.
Und es sind nicht nur die Ideen, die wieder kommen.
Es macht mir wieder Spaß, zu schreiben. Während dem Verlauf der Depression verwandelte sich das vom Hobby immer mehr zur Arbeit – und ich bin nun mal ein faules Schwein. Irgendwann habe ich nur noch geschrieben, um die Stimmen zum Schweigen zu bringen, die endlich wieder etwas zum Lesen von mir haben wollten.
Aber auch das ist jetzt anders. Ich habe endlich wieder Spaß an der Aktivität an sich. Das Beschreiben, das Formulieren, das Ausschmücken, die stilistischen Mittel, alles kommt wieder zurück.
Ich bin wieder da.
Und ich habe nicht vor, das so schnell wieder zu ändern.

Die Krone der Evolution Donnerstag, Mar 19 2009 

So.

Das hat lange gedauert.

Ich wollte das zwar an einem einzelnen Wochenende durchziehen, aber zum einen wurde ich durch eine Vielzahl anderer Dinge davon abgehalten, und zum anderen gestaltet die ganze Sache sich weitaus schwieriger, als ich angenommen hatte. Mit Logik und Sachverstand komme ich gegen dieses Chaos sehr viel schlechter an als erwartet.

Aber vielleicht liegt es auch daran, dass sich das mit der Zeit zu legen scheint und es mir insgesamt besser geht.

Nunja, die ganze Sache wird trotzdem durchgezogen. Aber vorerst, als Einschub, eine kleine KG, die ich vor wenigen Tagen spontan geschrieben habe. Nichts Weltbewegendes, aber zumindest kommt die Lust am Schreiben nach der ganzen Sache langsam wieder zurück.

Bitte.

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Die Krone der Evolution

Sind Sie schon einmal abends auf dem Nachhauseweg stehen geblieben, um einen Betrunkenen zu beobachten, der sich auf dem Boden wimmernd in seinem eigenen Erbrochenen windet, während zwei andere nicht minder Betrunkene lachend um ihn herumtorkeln und an dem Versuch scheitern, ihm wieder auf die Beine zu helfen?

Haben Sie sich schon einmal die Zeit genommen, zu zählen, wie viele Menschen in teuren Anzügen und mit gekaufter Liebe im Arm wortlos an Bettlern vorbeigehen, die flehend ein Foto ihrer Familie hochhalten?

Haben Sie schon einmal beobachtet, wie gleichgültig ihre Mitmenschen auf Nachrichten über Selbstmordanschläge mit mehreren Toten und Schwerverletzten reagieren und sich dann dem sinnentleerten Abendprogramm zuwenden?

Sind Sie schon einmal schweigend in der Nähe gestanden, als Mitmenschen jemand anderen verbal und mitunter sogar körperlich drangsaliert haben?

Haben Sie schon einmal einen Bericht im Fernsehen gesehen, über einen Jugendlichen, der seine Mutter krankenhausreif geschlagen hat?

Sind Sie schon einmal im Internet auf eine Seite gestoßen, in der reale Vergewaltigungsszenen, von Überwachungsvideos oder Mittätern gefilmt, als Pornographie vertrieben werden?

Haben Sie schon einmal zugesehen, wie der Fahrer eines Schneeräumers über die Bordsteinkante gelenkt hat, um eine über die Straße rennende Katze noch zu erwischen?

Haben Sie schon einmal mit angehört, wie sich jemand über die Schäden an seinem Auto aufgeregt hat, während das Tier, das er überfahren hat, keine zehn Meter entfernt lag?

Waren Sie schon einmal anwesend, als erwachsene Menschen sich an Bildern von zerfetzten Menschen aufgegeilt haben?

Haben Sie schon einmal in einer Fernsehdokumentation mit angesehen, wie ein lebender Hund an den Hinterbeinen die Straße hinuntergezerrt und in eine Müllpresse geworfen wurde, weil er unerwünscht war?

Haben sie schon einmal ein Video gesehen, in dem einem amerikanischen Soldaten von Extremisten der Kopf mit einem Küchenmesser sorgfältig langsam abgeschnitten wird?

Haben Sie aufgepasst, wie lange er geschrien hat?

Haben Sie bemerkt, wie gleichgültig seine Mörder darauf reagiert haben?

Haben Sie sich schon einmal den zweifelhaften Spaß erlaubt, die Kriege zu zählen, die aus bloßer Gier um Macht geführt wurden, gleichgültig wie viele Menschen dabei zugrunde gehen?

Haben Sie schon einmal Bilder gesehen, in denen nackte Leichen zu meterhohen Haufen vor den Häusern gestapelt worden sind?

Und haben Sie bemerkt, wie wir uns selbst nennen?

Die Krone der Evolution.

Wir schaffen uns einen neuen Eden – Schritt 1: Vergessen, Schritt 2: Analysieren Donnerstag, Feb 19 2009 

Ich denke, wir sind uns einig, dass ich ein verlogenes Arschloch bin und die Sache hier ziemlich habe schleifen lassen.
Gut, allein diese Feststellung ist momentan schon Einiges wert.

Denn jetzt kommt etwas, das als Selbststudie und hoffentlich für einige wenige, die vielleicht wirklich mal hier lesen, interessant werden könnte.

Die Ausgangssituation ist Folgende: Ich habe Depressionen. Schon seit langer Zeit, was ich auch mal ganz nebenbei als Vorwand benutzen könnte, dass ich in vielem, was ich mir vorgenommen habe, sehr inaktiv geworden bin. Und wir alle kennen ja den tollen Spruch, dass alles erst immer schlimmer wird, bevor es besser wird.
Es ist schlimmer geworden.
Und jetzt wird es wieder besser.
Viel weiter will ich hier jetzt auch nicht darauf eingehen.

Zumindest bin ich jedoch wieder aus dem Loch des totalen Zusammenbruchs heraus und fähig, auf einer menschenmöglichst objektiven Ebene über mich selbst zu reflektieren – eine Fähigkeit, die mir in den schlimmeren Zeiten der Depression komplett verloren gegangen ist. Wenn ich dramatisch wäre, könnte ich sagen, ich stehe vor den Trümmern meines eigenen Selbst.
Aber ich bin nicht dramatisch.
Deshalb formuliere ich hier einfach eine Tatsache als Ausgangslage, die mir heute klar geworden ist und mich ziemlich getroffen hat:
Ich habe große Schwierigkeiten, mir selbst die Frage zu beantworten, wer ich bin und was meine Ziele sind. Ich saß die letzten eineinhalb Stunden in meinem dunkler werdenden Zimmer, habe darüber nachgedacht, und ich bin absolut unfähig, mir diese Frage zu beantworten. In meinem Kopf herrscht eine ziemliche Gedankenflut mit derartigen Konflikten, dass ich mich wie innerlich zerrissen fühle und gar nicht mehr weiß, wie ich mich mir selbst und anderen gegenüber verhalten soll. Vieles davon ist zu persönlich, als dass ich es hier schreiben würde, aber ich nehme mal ein simples Beispiel:

Position 1: Ich hasse die Menschheit und die Gesellschaft, die mir beide als globale Plage erscheinen.
Position 2: Ich werde wohl als Mensch nie umhin kommen, einzelne andere Menschen sympathisch zu finden. Das ergibt sich eben.

Daraus resultieren Fragen. Fragen wie “Wie soll ich mich anderen gegenüber verhalten? Gibt es für mich persönlich einen Kompromiss, den ich akzeptieren kann? Muss ich mich nicht im Grunde selbst hassen und mögen, weil ich ein einzelner Mensch und doch Teil der gesamten Gesellschaft bin?”
Interessante Fragen, die ich momentan aus dem Stegreif nicht beantworten kann.

Deshalb habe ich mir selbst vorgenommen, mich in den Ferien intensiv darum zu kümmern, diese Fragen und viele mehr zu beantworten, während andere Menschen kostümiert und dämlich grinsend durch die Straßen rennen und sich zulaufen lassen. Ich werde aufschreiben, welche Positionen sich in meinem Kopf gegenüberstehen, ich werde meine Ziele aufschreiben, ich werde mich selbst gewissermaßen analysieren und so versuchen, endlich wieder ein halbwegs intaktes “Ich” zusammenzuschustern, das mir durch die Depression irgendwie abhanden gekommen zu sein scheint.

Nehmt es als eine Art “Selbstfindung”, wenn man so einen abgetakelten Begriff verwenden will. Und ich denke, ich werde nicht in der Lage sein, all diese Gedanken wirklich wieder zu ordnen und meinen Kopf frei zu bekommen, wenn ich sie nicht schriftlich festhalte.

Das hier wird mehr ein Logbuch mit Zwischenberichten, wie’s gerade läuft. Vieles, das zu persönlich ist, wird niemals hier erscheinen. Warum ich es trotzdem hier als Beitrag reinsetzte? Zum einen, weil ich mir gerade eben damit selbst klar gemacht habe, wie ich vorgehe und was mein Ziel bei der Sache ist.
Zum anderen bin ich eine Attention Whore.

Wir fangen an mit den ersten beiden Schritten, die ich über das Wochenende und vielleicht darüber hinaus betreiben werde:

Schritt 1: Vergessen – Vergessen, wer ich vorher war, Vorurteile, altes Gedankengut, an dem ich festgehalten habe und das mir überholt scheint…einfach vergessen und mich darauf konzentrieren, was jetzt ist.

Schritt 2: Analysieren – Mich selbst erkennen, die Gedanken aufschreiben, die sich in meinem Kopf scheinbar unvereinbar gegenüberstehen, erst einmal in der Form einer bloßen Bestandsaufnahme, alles Weitere kommt später.

So viel dazu, mehr in den folgenden Tagen.

Will mich jemand heiraten? Mittwoch, Okt 31 2007 

Ich habe hier gerade Post vom Kreiswehrersatzamt Regensburg neben mir auf dem Tisch liegen.
Das macht mich traurig.
Zum einen, weil mich der Reichsadlerverschnitt vom Faltblatt seit mittlerweile zwei Tagen ständig böse anstarrt, während ich am PC sitze – und ich wäre kein Nerd, wenn ich nicht oft am PC sitzen würde.
Zum anderen, weil ich irgendwie nicht so recht Lust darauf habe, mich nach dreizehn Jahren geistiger Vergewaltigung in der Schule danach auch noch wirklich vergewaltigen zu lassen. Naja…ich meine – ihr wisst schon.
Nicht, weil ich Pazifist wäre. Im Gegenteil, ich denke, Gewalt sollte ein wesentlicher Bestandteil des menschlichen Lebens sein; Gegen Kinder, gegen Frauen, gegen Minderheiten, gegen Sony-Fanboys und wenn es möglich ist, gegen jeden, der sich nicht wehren kann. Machen die Guten in den Videospielen doch auch.
Aber halt nicht gegen mich.

Allerdings sieht es düster aus.

Denn dummerweise bin ich kerngesund.
Mist aber auch! Dabei hatte ich Möglichkeiten!
Wie ich durch das tolle vorgefertigte Formular festgestellt habe, bin ich nämlich weder schwerbehindert noch arbeitslos, Spätaussiedler oder beim Katastrophenschutz.

Also was tun?
Na, wenn kein Fall bis jetzt zutrifft, ändern wir das halt spontan.
Und da steht ja auch was:
” [ ] Ich bin verheiratet/eingetragener Lebenspartner und möchte vom Wehrdienst befreit werden.”

Na also, das ist doch mal was. Ich muss nur in den nächsten zwei Jahren irgendwann mal heiraten und schon bin ich aus dem Schneider.
Also, gibt’s Interessenten?
Vielleicht jemanden, der sich auch drücken will?
Nur keine falsche Schüchternheit, meldet euch in den Comments!
Natürlich wären Frauen bevorzugt, aber manchmal muss man halt Opfer bringen.
Ich denke, ich frage auch einfach mal quer durch die elfte Jahrgangsstufe, irgendwo findet sich schon eine, die mir auf die Frage nicht direkt eine schmiert.
Vielleicht mache ich ja Urlaub in Las Vegas.
Wir werden sehen…

Ich könnte übrigens auch meine böse Saat in die Welt setzen und mich dann als Erziehungsberechtigter vor dem Wehrdienst drücken.
…gibts’ Interessenten?

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