Der Preis der Freiheit Samstag, Aug 28 2010 

Eigentlich bringe ich ja ungern zwei Kurzgeschichten hintereinander auf dem Blog.

Nicht, weil ich nicht kreativ genug wäre, um so viele autoristische Ergüsse in Fließbandproduktion zu erschaffen, zeitlich.
Denn ich bin verflucht kreativ. Wirklich. Fragt meine Bastellehrerin aus der Grundschule.
So handwerklich gut gemachte Pappmaché-Penisse habt ihr in eurem ganzen Leben noch nicht gesehen.
Vielleicht sollte ich ja auf Dildofabrikation umsteigen, wo ich so darüber nachdenke. Individuell nach Kundenwünschen. Alles handgemacht, in jedem Exemplar Stunden von Handarbeit und gewaltiges Fachwissen.

Jedenfalls… was ich sagen wollte.
Eigentlich nutze ich die Kurzgeschichten hier ja im Regelfall eher als einen kleinen Spritzer von Unterhaltung zwischen den zynischen, bösen, ernüchternd hoffnungslosen Artikeln.
Oder irgendwie so denke ich mir das zumindest.

Aber momentan, nach dem angesprochenen Zeitraum von massivem Alkoholkonsum und gesellschaftlichen Festivitäten, mit denen ich mich mal zwei Wochen lang genau so von der grausamen Realität abgelenkt habe wie der große Rest… empfinde ich die grausame Realität in den letzten Tagen in der Tat als derart grausam, dass ich fast den Wunsch verspüre, gleich einfach so weiterzumachen und mich in ein möglichst frühes Grab zu rauchen, zu saufen, zu kiffen, zu kotzen, zu prügeln und was ich sonst noch so treibe.
Aber das geht ja nun auch nicht.
Zugegeben, es hätte wirklich eine ganze Menge Stil, wenn man es richtig macht.
Aber das erfährt ja keiner, wenn ich nicht mehr da bin, um es rauszuposaunen.
Auf der anderen Seite bin ich momentan einfach derart genervt, dass ich bei den entsprechenden Themen meistens einfach mit einer “Scheiß drauf.”-mentalität abwinke, ohne im Mindesten die Lust zu verspüren, noch zu erörtern, warum ich die Verantwortlichen alle zur Hölle wünsche.

Tja, ist irgendwie gerade so.
Ich schätze, die ganzen klugen Leute, die sich mit mir beschäftigen, würden mir da etwas wie einen “Rückfall” attestieren.
Egal.

Jedenfalls bringe ich deswegen im Bruch mit der eingangs erwähnten Regel nochmal eine Kurzgeschichte, diesmal tippfrisch aus der verklebten Suppe in meinem Kopf.
“Inspiration”, wenn man es denn so nennen will, war ein einigermaßen ergiebiges Gespräch mit einem klugen Menschen über… nun, so lustige Themen wie Freiheit, Freidenkertum, Folter, totalitäre Herrschaftssysteme und vieles mehr.
Bei unzählbar vielen Gläsern Whisky, aber das nur so nebenbei.

Wie auch immer.

- -

Der Preis der Freiheit

„Was haben wir falsch gemacht?“
Er zog schweigend an seiner Zigarette und stieß eine Qualmfontäne zwischen seinen Lippen hervor. Einige Augenblicke lang beobachtete er, wie der leicht bläuliche Dunst in dem Raum zwischen ihnen aufstieg und sich spielerisch verlor, Kreise und Spiralen zog wie eine ätherische Tänzerin.
Dann sah er dem Mann in die Augen, der ihm gegenüber saß und ihn mit stumpfem, hoffnungslosem Blick anstarrte.
„Denkst du denn, dass wir etwas falsch gemacht haben?“
„Wir haben versagt.“
„Findest du?“
Der Andere stützte sich mit den Armen auf seine Knie und vergrub das Gesicht in den Händen. Eine Weile blieb er regungslos so sitzen, und er fragte sich fast, ob er weinte. „Irgendetwas haben wir falsch gemacht. Irgendwann. Irgendwo. Sonst wären wir nicht hier.“
„Wir haben getan, was wir konnten. Was wir für richtig hielten. Für notwendig. Mehr steht nicht… stand nie in unserer Macht. Es gibt Dinge, die sich unserem Einfluss gänzlich entziehen. Letztlich … ist es einfach so, wie es ist.“
Er wandte den Blick ab und beobachtete wieder gedankenverloren den Tanz des Zigarettenrauchs in der Luft.
„Es kann doch nicht einfach… nicht einfach vorbei sein!“ Er hörte das leise Quietschen der schäbigen Pritsche neben ihm und dann das Geräusch von Schritten, die sich zu dem vergitterten Fenster entfernten, durch das sie in den Innenhof blicken konnten. „Ich meine… Ich… kann mich einfach nicht damit abfinden, dass wir nichts mehr tun können! Was passiert jetzt? Wer könnte jetzt noch Widerstand leisten? Wer könnte sich wehren? Sie haben alle erwischt! Alle sind entweder gefangen oder schon hingerichtet… Wir sind die Letzten.“
„So etwas wie die Letzten gibt es nicht. Es werden Neue kommen.“
„Wann? In Wochen, Monaten, Jahren? Nach Jahren der Unterdrückung, von Propaganda, Gehirnwäsche, Überwachung, von Mord und Terror, nach tausend Toten, hunderttausend vielleicht – oder noch später? Wann?“
„Wenn sie dazu bereit sind.“
„Verdammte Scheiße!“ Die Pritsche auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers erbebte scheppernd, als der Andere zornig dagegen trat. „Und was dann? Glaubst du, sie haben mehr Erfolg als wir? Oder werden sie wieder scheitern – und das Ganze geht von vorne los?“
„Das kann niemand sagen.“
„Ich versteh’ dich nicht.“ Es war dieser Satz, der ihn dazu brachte, seinen Blick wieder auf seinen Zellengenossen zu richten. Mit verschränkten Armen stand er in der Ecke des Zimmers und starrte ihn finster an. „Wie kannst du nur so gleichgültig sein? Du und ich, wir wissen beide, was das hier bedeutet. Das Ende des Widerstands. Das war’s! Jahrelang – dieses ewige Kämpfen, die ständige Angst, die vielen Toten, das ganze Geschwafel von Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Freiheit… für Nichts.“ Kopfschüttelnd lehnte er sich an die Wand und starrte niedergeschlagen zu Boden.
„Für Nichts? Denkst du das wirklich?“
„So ist es doch. Wir haben niemanden befreit. Wir haben keines unserer Ideale verwirklicht. Alles, was wir getan haben, hat nur zu noch mehr Leid… noch mehr Toten geführt.“
Einen Moment schwieg er, und dachte nach. Unwillkürlich spielte ein kleines Lächeln über seine Gesichtszüge. Ein kaltes, freudloses, trauriges Lächeln, wie das eines Sterbenden, der seine schönsten Erinnerungen noch einmal Revue passieren lässt.
„Ich denke, wir haben gewonnen“, sagte er dann leise. Er sah den Anderen lächelnd an, wie er verwirrt den Kopf hob und stirnrunzelnd zurückblickte. „Sind denn Ideale dazu da, Realität zu werden? Wenn es so wäre…“ Er zuckte mit den Schultern, als würde er nach den richtigen Worten suchen. „ Dann wären sie keine Ideale – Nichts in dieser Welt kann ideal oder perfekt sein. Sie geben uns nur eine Orientierung. Sie zeigen uns, welchen Weg wir gehen können. Ob wir uns nun für diesen oder für einen anderen entscheiden, das liegt bei uns.“ Er nahm noch einen letzten Zug und legte seine Zigarette fast liebevoll in die Kerbe des Aschenbechers, als er draußen auf dem Gang schwere Schritte hörte, die sich ihrer Zelle näherten. „Quäl dich nicht mit der Frage, wo wir gescheitert sind oder versagt haben. Denk stattdessen daran, was wir getan haben. Wir haben vielleicht nicht gewonnen – Vielleicht waren wir nicht einmal zu unseren besten Zeiten eine ernsthafte Bedrohung für sie. Aber wir haben ein Zeichen gesetzt. Wir wurden bemerkt. Sie haben es nicht geschafft, uns tot zu schweigen. Wir haben gezeigt, dass trotz allem, was sie tun, um genau das zu verhindern, es immer noch Widerstand gibt. Dass es immer noch Menschen gibt, die von Gerechtigkeit, Freiheit, von einer besseren Welt träumen, und dass sie bereit sind, dafür zu kämpfen. Dafür zu sterben. Wir haben den Gedanken am Leben gehalten und weitergetragen. Damit geben wir denen, die nach uns kommen, eine Chance. Und noch viel mehr – wir geben allen, die unter ihnen leiden… Hoffnung.“
Er sah den Anderen an, mit seinem kalten, traurigen Lächeln, und erhob sich, noch bevor der schwere Schlüssel im Schloss herumgedreht und die stählerne Tür aufgerissen wurde.
Kein einziges Wort fiel, als die beiden Männer den bewaffneten Soldaten folgten und ihre Zelle verließen, die leer und einsam zurückblieb. Niemand achtete auf die nicht einmal halb abgebrannte Zigarette im Aschenbecher, aus der der bläuliche Dunst spielerisch tanzend aufstieg. Der Widerhall ihrer Schritte verlor sich in der Ferne, irgendwo fiel eine schwere Tür ins Schloss.
Dann herrschte Stille.
Zwei Minuten und 37 Sekunden später, um exakt sechs Uhr morgens, krachte eine einzelne Gewehrsalve donnernd durch den Innenhof.
Genau in diesem Moment fiel auch der erste Sonnenstrahl durch das vergitterte Fenster und beschien die Zigarette, die verlassen vor sich hin glomm und den Rauch nährte, der lautlos in der kleinen Zelle tanzte.

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Der Pfeifenraucher Dienstag, Aug 24 2010 

So.

Ich weiß.
Hier ist lange nichts mehr gekommen.
Und ich denke ja gar nicht daran, mich dafür zu entschuldigen. Denn meine werten Leser und Leserinnen, sofern ich denn welche habe, sollten sich ja dadurch auszeichnen, dass sie ganz ohne meine Hilfe in den Wirren dieser Welt zurechtkommen.
Zugegebenermaßen, jeder kommt ohne mich in den Wirren dieser Welt besser zurecht als mit mir.
Das scheint ja auch das Problem zu sein – waum niemand einen zynischen, kulturpessimistischen Versager braucht, der nichts fertig bringt, nicht einmal, einen Blog wirklich regelmäßig zu betreiben.

Aber tja…. euer Problem ist, ich bin trotzdem noch da.
Nach einer kaum erwähnenswerten Zeit voll unberichtenswerter Ereignisse und trunkenhafter Geschehnisse, während derer ich mich von der Welt da draußen so gut wie möglich abgekoppelt habe, um mir etwas Ruhe zu gönnen, ist der gute alte Eden wieder da, so mies gelaunt und fies und sarkastisch wie eh und je.
Aber weil ich nunmal ein faules Schwein bin, schlage ich Folgendes vor;

Während ich daran arbeite, die Handschellen von meinem rechten Handgelenk zu entfernen (Fragt nicht, denn diese Geschichte ist viel zu lang und kompliziert und versaut und schmutzig, um sie hier zu berichten…), lest ihr euch in aller Ruhe eine meiner alten Kurzgeschichten durch.
Und vielleicht gefällt sie euch ja.
Und vielleicht kommen dann noch weitere Ergüsse meinerseits.
Ganz sicher sogar, ob sie euch gefallen oder nicht.

Wie dem auch sei.
Viel Spaß.

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Der Pfeifenraucher

Auf einer Bank saß er, abseits des Gewimmels der modernen Großstadtmenschen, und dachte nach. Blauer Dunst umschwebte ihn, während er regungslos dort hockte, tänzelte und schlängelte sich um ihn herum wie ein stummer ätherischer Gefährte, der dort seine Zeit mit ihm verbrachte. Wortlos wie jeden Tag beobachtete er das rege Treiben um sich herum, bedächtig an seiner alten Holzpfeife ziehend, während die Bewohner der Stadt ihren alltäglichen Geschäften nachgingen, während die Zeit dahin floss wie ein tosender, unaufhaltsamer Fluss, in dem sie alle nur Treibgut waren.
Doch nicht der alte Pfeifenraucher.
Er saß dort auf seiner Bank, wie jeden Tag, seit die Gesellschaft ihn nicht mehr brauchte, und um ihn herum allein schien die Zeit still zu stehen. Er verharrte an jenem Ort, auf der alten Parkbank, umgeben von einem Teppich aus niedergefallenen Blättern, die ein rotgoldenes Mosaik auf den grauen Pflasterboden zeichneten, rauchte seine alte Holzpfeife, beobachtete die Menschen, die an ihm vorübereilten ohne ihn zu beachten, und hing seinen eigenen melancholischen Gedanken nach.
Jeden Tag saß er hier, der alte Mann. Was sollte er auch sonst tun? Die Gesellschaft brauchte ihn nicht mehr. Sein Leben lang hatte er gearbeitet, und nun lebte er einsam und allein in seinen Ruhestand hinein, Tag für Tag seine Pfeife auf dieser Bank rauchend. Niemand brauchte die alten Menschen heutzutage noch, niemand wollte noch etwas von ihnen wissen. Die Welt gehörte den Anderen. Die Welt gehörte einer Gesellschaft, die ganz vergänglichen Schönheitsidealen und ewiger Jugend verfallen war. Niemand hatte mehr Verwendung für die Lebensweisheiten eines alten Mannes.
Die Menschen hasteten an ihm vorüber, gingen ihren Geschäften und Berufen nach, erledigten ihre Einkäufe und hetzten gedankenlos von Ort zu Ort. Niemand hielt inne, um den alten Pfeifenraucher auf seiner einsamen Bank anzusehen, die groß genug für mehrere Menschen wäre, niemand setzte sich, um sich selbst ein paar Minuten Ruhe und dem alten Mann etwas Gesellschaft zu leisten. Alle gingen sie vorüber, verschwendeten keinen Gedanken an den grauhaarigen Menschen, der nur wortlos dort saß, die Beine übereinander geschlagen und nachdenklich an seiner Pfeife ziehend.
Das war es, dachte der alte Mann traurig, das war es, was mit der Gesellschaft heutzutage nicht stimmte.
Alle eilten sie vorüber, von einer Sache zur Nächsten hetzend, ständig in Eile, ständig auf ihre Uhren blickend. Niemand nahm sich die Zeit, sich einfach mal zu setzen und in Ruhe den eigenen Gedanken freien Lauf zu lassen.
Niemand dachte mehr nach, über die Welt, die Menschen, über die Gesellschaft und alle die scheinbar nebensächlichen Probleme, die unausgesprochen ihrer Lösung harrten.
Das war es, was nicht stimmte.
Die Leute, die da an ihm vorübergingen, die Tag für Tag den breiten Bürgersteig vor seiner Bank überschwemmten – Sie alle funktionierten nur noch. Sie funktionierten wie Maschinen in einer mechanisierten Welt, jeder mit seinem Beruf, seinen Aufgaben, seiner ganz bestimmten Funktion, ohne zu denken, ohne die geistige Freiheit, das ungeheure, gewaltige, Normen und Konventionen niederreißende Potenzial der Menschheit zu entfesseln.
Und von der Freiheit des Geistes blieb schließlich nur – der alte Pfeifenraucher auf seiner Bank, den niemand mehr brauchte.

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Was dieser Blog-eintrag und die Kurzgeschichte eigentlich bewirken sollen?
Gar nichts.

Außer die Tatsache zu unterstreichen, dass ich wieder da bin, nachdem ich mir zwei Wochen Ruhe von all dieser Scheiße, die man Realität nennt, gegönnt habe.

Und jetzt.. weiß verdammt nochmal irgendjemand einen Trick, wie man Handschellen öffnen kann, ohne den Schlüssel zu besitzen?

Verdammte Scheiße, ich muss die Dinger los werden.

“Märchenvergewaltigung” – Die drei Schweinchen Donnerstag, Jul 15 2010 

Ich hatte schon vor längerer Zeit mal die Idee – als ich mich irgendwie mit dem Thema beschäftigt habe – klassische Märchen als Vorbild zu nehmen und deren moralische Botschaft umzudeuten. Sie anders zu interpretieren, ohne den Inhalt in großem Maßstab zu verändern.
Dieser Gedanke kam mir, als ich festgestellt habe, wie sehr Märchen von vorher definierten Rollenbildern leben. Nehmen wir als in diesem Fall sich anbietendes Beispiel die drei Schweinchen als fröhliche, unschuldige Opfer und den Wolf als bösen, hinterhältigen Antagonisten.
Nimmt man diese eingeprägten Rollenbilder weg, lässt sich das Verhalten der verschiedenen Figuren oftmals auch vollkommen anders interpretieren – zumal nicht selten aus ihren wörtlichen Reden die Intention überhaupt nicht herauszulesen ist und nur durch den Kontext, oder eben genau diese Rollenbilder klar wird.

Aber, naja, ich lasse mich jetzt nicht zu sehr darüber aus und stelle hier als Beispiel einfach mal meinen ersten Versuch in dieser Hinsicht online, sozusagen der Prototyp eines Unterfangens, das ich als “Märchenvergewaltigung” betiteln würde.
Dank an Daenerys, die die Gedichte hinzugefügt hat, bei denen ich erstaunlich schnell meine geringe Befähigung zum Reimen bemerkt habe. =>

Bitteschön.

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Die drei Schweinchen

Es war einmal eine alte, blinde Schweinemutter, die hatte drei kleine Schweinchen, die aßen und aßen, so viel sie nur konnten.
Da sie im Laufe ihres langen Lebens ihr Augenlicht eingebüßt hatte, blieb der fürsorglichen Schweinemutter die Maßlosigkeit und Gier ihrer Nachkommen lange Zeit verborgen. Liebevoll vertraute sie darauf, dass die drei kleinen Schweinchen ihre weisen Ratschläge zu Mäßigung und Nächstenliebe beherzigen würden. Als nun aber die drei kleinen Schweinchen so viel gefressen hatten und so groß wurden, dass ihr nicht mehr verborgen bleiben konnte, was geschehen war, so sagte sie zu ihnen:
„Ihr könnt jetzt nicht mehr bei mir bleiben, jedes muss die Welt für sich selber sehen und ein Haus für sich selber bauen.“
Und mit diesen Worten schickte sie die drei kleinen Schweinchen fort.

Das erste Schweinchen ging davon, es ging sehr lange und sehr weit, und was es von der Welt sah, gefiel ihm nicht sehr. Die Welt ist sehr kalt und hart, so sagte es sich, und als es einen Mann mit einem Bündel Stroh traf, sprach es ihn nach einigem Überlegen an:
„Bitte lieber Mann, gib mir das Stroh, das du trägst, denn ich will ein Haus daraus bauen.“
Der Mann überlegte kurz und sah das kleine Schweinchen an, dann antwortete er: „Gib mir erst von deinen Borsten, ich will mir eine Bürste daraus machen.“
Das kleine Schweinchen willigte ein, gab ihm von seinen Borsten und sie bauten zusammen ein Haus aus Stroh. Sie bauten vorne eine große Tür und hinten eine kleine, denn das Schweinchen vertraute der Sicherheit und Wärme des Strohs nicht aus vollem Herzen.

Das zweite Schweinchen ging davon, es ging lange und weit, und was es von der Welt sah, gefiel ihm nicht. Die Welt ist sehr ungerecht und grob, so sagte es sich, und als es einen Mann mit einem Bund Holz traf, sprach es ihn nach kurzem Zögern an:
„Bitte lieber Mann, gib mir das Holz, das du trägst, denn ich will ein Haus daraus bauen.“
Der Mann überlegte kurz und sah das kleine Schweinchen an, dann antwortete er: „Versprich mir, mir von Zeit zu Zeit bei meiner Arbeit zu helfen und du sollst es bekommen.“
Das kleine Schweinchen willigte ein und sie bauten zusammen ein Haus aus Holz. Sie bauten vorne eine große Tür und hinten eine kleine, denn das Schweinchen vertraute der Stabilität und Sicherheit des Holzes nicht aus vollem Herzen.

Das dritte Schweinchen ging davon, es ging weder lange noch weit, denn was es von der Welt sah, entsetzte es. Die Welt ist hässlich und grausam, so sagte es sich, und als es einem Mann begegnete, der einen Karren mit Ziegeln zog, sprach es ihn sogleich an:
„Bitte, bitte lieber Mann! Gib mir die Ziegel, die du ziehst, denn ich will ein Haus daraus bauen.“
Der Mann überlegte kurz und sah das kleine Schweinchen an, dann antwortete er: „Versprich mir, mir von jetzt an bei meiner Arbeit zu helfen, wie deine Nachkommen den meinen helfen werden, solange sie in diesem Haus leben, und du sollst es bekommen.“
Das kleine Schweinchen willigte ein und sie bauten zusammen ein Haus aus Ziegeln. Sie bauten vorne eine große Tür und hinten eine kleine, denn das Schweinchen vertraute dem Schutz und der Festigkeit der Ziegel nicht aus vollem Herzen.

So lebte nun jedes Schweinchen in seinem kleinen Haus, und jedes war glücklich und zufrieden.

Da kam eines Tages, als der Winter, ein besonders kalter und besonders lang dauernder Winter, über das Land hereingebrochen war, der Wolf aus dem Wald. Dünn und mager war er, das Fell verfilzt, und klopfte von der Kälte geschüttelt an die große Tür des kleinen Strohhauses:

Liebes gutes kleines Schwein,
lass mich doch zu dir hinein.
Ein Abend, eine Nacht, ein Morgen
nur etwas Wärme will ich borgen.

Das Schwein aber antwortete:

Bist ganz allein, bist ganz allein,
Dich ließ’ ich nie zu mir hinein!
Hast schließlich nichts für mich zu geben,
Viel mehr lieb’ ich mein eig’nes Leben!

Da sagte der Wolf:

Zu geben hab’ ich nichts,
sieh her.
Nur meinen Dank
und nicht viel mehr.

Als das Schwein nun hierauf keine Antwort mehr gab, entfernte sich der Wolf von der Tür und stellte sich in einiger Entfernung vor das kleine Strohhaus:

Ich werde strampeln, werde trampeln,
Husten werde ich und prusten
Und dir dein Haus zusammenpusten.
Der Rache wegen tät ich’s nicht,
Doch wohl, um zu belehren dich:
Dem Hause fehlt’s an starken Wänden,
Nur falscher Schutz soll dich verblenden.
Entgeht dir dies, so tut’s mir Leid.
Dies’ Haus ist nun dem Staub geweiht.

Und der Wolf strampelte und trampelte, er hustete und prustete und das ganze Strohhaus fiel in sich zusammen. Doch das kleine Schweinchen war nicht mehr da. Es war hinten durch die kleine Tür zum zweiten Schweinchen ins Holzhaus gelaufen.

Da schleppte sich der Wolf geplagt zum Holzhaus und klopfte an die große Tür:

Liebes gutes kleines Schwein,
lass mich doch zu dir hinein.
Ein Abend, eine Nacht, ein Morgen
nur etwas Wärme will ich borgen.

Das zweite Schweinchen aber antwortete:

Bist ganz allein, bist ganz allein,
Dich ließ’ ich nie zu mir hinein!
Hast schließlich nichts für mich zu geben,
Viel mehr lieb’ ich mein eig’nes Leben!

Da sagte der Wolf:

Zu geben hab’ ich nichts,
sieh her.
Nur meinen Dank
und nicht viel mehr.

Als weder das erste noch das zweite Schweinchen hierauf eine Antwort gaben, entfernte sich der Wolf von der Tür und stellte sich in einiger Entfernung vor das kleine Holzhaus:

Ich werde strampeln, werde trampeln,
Husten werde ich und prusten
Und dir dein Haus zusammenpusten.
’S ist nicht aus Zorn, dass ich es tu,
Ich sehnte nur ein wenig Ruh,
Doch kein Erbarmen hattest du.
Ich verstehe nicht den Stolz
Den du so widmest diesem Holz.
Ging ich her und fasst’s nur an,
Schon käm’ der Feind an dich heran.
Nun – da eitel und verfehlt du bist,
Es nun ums Haus geschehen ist.

Und der Wolf strampelte und trampelte, er hustete und prustete und das ganze Holzhaus fiel in sich zusammen. Doch die zwei kleinen Schweinchen waren nicht mehr da. Sie waren hinten durch die kleine Tür zum dritten Schweinchen ins Ziegelhaus gelaufen.

Da kämpfte sich der Wolf müde und erschöpft durch den Schnee zum Ziegelhaus und klopfte an die große Tür:

Liebes gutes kleines Schwein,
lass mich doch zu dir hinein.
Ein Abend, eine Nacht, ein Morgen
nur etwas Wärme will ich borgen.

Das dritte Schweinchen aber antwortete:

Bist ganz allein, bist ganz allein,
Dich ließ’ ich nie zu mir hinein!
Hast schließlich nichts für mich zu geben,
Viel mehr lieb’ ich mein eig’nes Leben!

Da sagte der Wolf:

Zu geben hab’ ich nichts,
sieh her.
Nur meinen Dank
und nicht viel mehr.

Als keines der Schweinchen hierauf eine Antwort gab, entfernte sich der Wolf behäbig von der Tür und stellte sich in einiger Entfernung vor das kleine Holzhaus:

Ich werde strampeln, werde trampeln,
Husten werde ich und prusten
Auch dieses Haus zusammenpusten!
Lächerlich, das sind sie alle,
vom Strohdach bis zur steinern’ Halle.
Kannst du nicht sehen, dass es dich
Beschützt vor deinen Feinden nicht?
Ein Hauch von mir, schon ging es ein,
Und dieses soll ein Heim dir sein?
Da du auf mich nicht hören magst
Und nur vor meinem Schatten zagst
Anstatt vor wirklicher Gefahr,
Leg ich des Hauses Knochen bar:
Mein Handeln macht dir schon bewusst,
Was du am meisten fürchten musst!

Und der Wolf strampelte und trampelte, er hustete und prustete, doch das Haus blieb stehen.

Da war der Wolf sehr erstaunt und dachte sich: „Und wenn sie mich nicht einlassen, so will ich doch einmal dies Haus von innen sehen, das so fest und sicher steht. Nur einmal will ich sehen wie es gebaut, nur einen Moment Wärme spüren, bevor ich wieder in den Wald ziehe.“ Und er machte sich schnaufend und schwer erschöpft daran, durch den Kamin ins Haus zu klettern.
Als die drei Schweinchen merkten, was der Wolf im Sinne hatte, sagte das erste Schweinchen: „Was sollen wir tun?“
Das zweite Schweinchen antwortete: „Ich will ein großes Feuer im Kamin anmachen.“
Und das dritte Schweinchen: „Ich will einen großen Topf mit Wasser in den Kamin hängen.“

Das taten sie auch.

Nicht lange danach – das Feuer prasselte schon lustig und das Wasser war gerade am Sieden -, da kletterte der Wolf den Kamin hinab. Er verlor den Halt und plumpste mitten ins heiße Wasser hinein. Und schnell gaben die drei Schweinchen noch den schweren Deckel hinauf, damit der Wolf nicht mehr herauskomme. Dann tanzten sie vor Freude um den großen Kamin herum und sangen:

Der Wolf ist tot, der Wolf ist tot,
ein Ende hat die große Not!

Und sie sangen und tanzten und übertönten die geplagten Schmerzensschreie des gepeinigten Wolfes, der bei lebendigem Leib im Wassertopf gekocht wurde, edelstes und freiestes aller Tiere, das nur Zuflucht vor dem kalten Winter gesucht hatte, den es ertragen hatte müssen, weil es sich nicht an die drei Männer hatte verkaufen wollen.
Kreischend und wimmernd verging er im siedenden Wasser, kratzte verzweifelt mit wundgescheuerten, blutigen Pfoten am schweren Deckel des Topfes, während die Haut an seinem Körper verbrüht wurde, und konnte sich doch nicht befreien.
So endete das Leben des Wolfes.

Dann baute sich das erste Schweinchen ein Ziegelhaus und das Zweite auch, und fortan lebten alle drei zufrieden und froh.

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Steinadler, die Zweite: Kunst oder Pseudovandalismus Montag, Mai 17 2010 

Ich hatte ja mit der Kurzgeschichte “Steinadler” von Anfang an einen perfiden, ja in seiner Bösartigkeit geradezu unübertrefflichen Plan, über den ich lange nachgedacht habe.
Einerseits, weil es irgendwie blöd und sinnlos und doch toll ist. Andererseits, weil es im schlimmsten Fall vielleicht wie Pseudovandalismus wirkt.
Wenn’s dann wenigstens RICHTIGER Vandalismus wäre!

Aber naja, allgemein ist man sich ja in meinem Umfeld einig, dass ich scheinbar zu viel Zeit habe… und ohnehin nimmt es dämlichen sinnfreien Aktionen nur den Spaß daran, wenn man zu viel darüber nachdenkt.

Naja, jedenfalls – wer mich kennt, weiß, dass in meinen KGs immer ziemlich viel einfließt, was ich selbst erlebt habe. Fünfzig Prozent Autobiografie, fünfzig Prozent dazugedichtet, das ist in etwa die Norm.
So auch beim Steinadler, den es, man höre und staune, auch in einer Welt außerhalb meines Kopfes gibt.
Aber seht’s euch einfach an, hab’ ja nicht umsonst die Kamera meiner Schwester… geborgt.


Die Tatwaffen.


Der Täter.


Das Opfer.


Der Tatort.


Nahaufnahme des Vergehens.


Das Hauptquartier des Terroristen, der sich inzwischen zu der Tat bekannt hat, der Ort, wo die ganze dämliche Aktion geplant wurde.
Polizeilichen Informationen zufolge steht er in der Tradition der RAF.

…ich weiß, ich hab’s nicht so mit’m Aufräumen.


Weitere Aufnahmen des Täters.
Wie Sie deutlich erkennen können, ist er nicht nur ein Raucher und damit von vornherein ultimativ böse, er ist sogar noch ein Poser.
Und ein schlechter obendrein!
Das SCHWEIN!


… und ein kleiner Insider.
Ich konnte nicht widerstehen. =>

(http://antiduckface.com/ , für alle, die wissen wollen, worum’s geht.)

Ja, jedenfalls, das war’s schon.

Ich überlege mir momentan, solche Aktionen öfter durchzuführen, je nachdem, wovon ich im Alltag eben inspiriert werde.
Dann pflastere ich diese Stadt mit meinem geistigen Durchfall zu.

BEWARE!

Steinadler Dienstag, Mai 11 2010 

Ohne viele einleitende Worte, lange als Konzept auf einem Schmierblatt gehabt, gerade geschrieben.

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Auf einem Podest stand er, einem steinernen Thron, der sich aus der Brüstung einer kreisrunden Empore erhob, am Ufer eines geschäftig dahinströmenden Flusses. Ein stummer Wächter, ein auf ewig schweigsamer Beobachter, der das Treiben der dahinbrausenden Zeitalter um sich herum mit kalter Gleichgültigkeit strafte.
Der Steinadler.
Er kam oft an diesen Ort, um ihn zu besuchen, wie er dort einsam auf der Brüstung thronte, die grauen Flügel halb gespannt, als wolle er jeden Moment davonfliegen, die spitzen Krallen in den Fels geschlagen, kurz davor, sich abzustoßen und der Gefangenschaft zu entfliehen, in die überhebliche, flachgeistige Menschenhand ihn gemeißelt hatte.
Sein Kopf war zur Seite gewandt wie in stummer Anklage, der Altstadt zu, an deren Grenze er seinen schmucklosen Thron hatte, eine kühle Verachtung lag in seinen Augen, eine verbitterte Geringschätzung für all das Vergängliche, das Aufblühende und Verwelkende dieser Welt.
Sie konnten nicht begreifen, was er begriff.
Sie fühlen uns nicht, Steinadler, so dachte er. Sie fühlen nicht, wer wir sind.
Wer du bist.
Und deshalb sind wir hier gefangen.

Der Steinadler schwieg traurig.

Oft, wenn er ihn besuchen kam, wenn er sich schweigend neben ihm auf die Brüstung setzte und zusah, wie die Schatten, die sie auf das verrottende gelbgrüne Gras unter sich warfen, länger wurden, musste er ja selbst miterleben, was der moderne Mensch ihm antat, dem Steinadler.
Nicht mehr als ein Fotomotiv war er für die meisten, eine Touristenattraktion. Wenn überhaupt, interessierten sie sich nur für historische Hintergründe, für Namen längst vergangener Steinmetze, die seine Ketten aus Stein geschlagen hatten, oder für das Posieren vor oder gar auf ihm für ihre lächerlich gestellten Fotos.
Und dann verschwanden sie wieder, lachend und scherzend, ohne die Tragik und das Leid des Steinadlers je zu begreifen.
Anders als die lokalen Jugendlichen, für die die alte Statue ein wohlbekannter Freund war.
Beinahe jeden Abend versammelten sich einige von ihnen in seinem Rücken und frönten ihren geistlosen Leidenschaften, die für ihn so fern und unbegreiflich waren. Unzählbare Zigarettenfilter, Glasscherben, halbvolle Bierflaschen im Gras, Schmierereien, Abfall und Unrat überall zeugten von ihren Gewohnheiten. Hin und wieder, meist kurz vor ihren großspurig inszenierten Wahlkämpfen, bezahlte die Stadtverwaltung das Geld, um den Adler und seinen Thron zu reinigen – aber das wurde zunehmend als unnötige Ausgabe erachtet.
Denn die Jugendlichen waren immer da.
Das Geld für die Reinigung nicht.
Und so wandte der Steinadler nur stumm den Blick ab und ignorierte die Verwahrlosung, die man ihm antat. Er ignorierte sie genau wie er all die Jahrzehnte die abgrundtief hässlichen modernen Gebäude ignoriert hatte, die ihn immer mehr von allen Seiten bedrängten, genau wie er die ekelerregend unästhetische Stahlbrücke ignoriert hatte, die sich unweit über den Fluss spannte, die Autos und Lastwagen, die sich heulend und krächzend und hupend wie stählerne Bestien tagaus tagein selbst jagten.
Du musst sie verstehen, Steinadler, dachte er dann manchmal. Wir müssen sie verstehen lernen, auch wenn sie uns nicht verstehen. Es nicht können.
Nicht wollen.

Der Steinadler schwieg verbittert.

Denn das war sie, die niederschmetternde Lektion, die alle Menschen, die eigentlich Steinadler waren, irgendwann lernen mussten.
Denn sie waren natürlich keine echten Menschen. Genau so wenig wie sie Vögel waren oder von Stein. Denn obwohl er ihnen allen gleichsah, obwohl er nichts lieber täte, als seine grauen, bleiern schweren Flügel auszubreiten und loszufliegen, schneller und weiter als alle anderen Vögel, so hoch wie es kein Lebewesen vor ihm auch nur zu träumen gewagt hätte, war er am Ende auch menschlichen Ursprungs.
Und wenngleich er nichts mehr ersehnte, als allen Menschen die Freiheit und die unvergleichliche Schönheit zu zeigen, die er sah und fühlte, wenn seine Gedanken schweiften, wenngleich er all ihre Leben nur besser und reichen machen wollte, war er auch von Stein.
Und wie aller Stein konnte er unnachgiebig hart sein in seiner Entschlossenheit, kalt und klamm, voller Verachtung und Wut für alles, das nicht Stein war.
Und je eisiger und unwirtlicher und hässlicher die Welt um ihn herum sich zeigte, desto kälter und abweisender wurde auch der Steinadler.
Nur, wenn manchmal die Sonne auf den einsamen Ort schien, an dem er stumm Wache hielt, ließ sich sein frostiges Herz erweichen.
Für ein paar Schläge vielleicht. Möglicherweise einige Atemzüge voller Freiheit. Ein oder zwei Gedanken von nichts als Glück und Schönheit.
Das ist unser Problem, Steinadler, dachte er.
Das ist unser Problem.
Wir brauchen eine Sonne, die immer für uns scheint.
Oder wir werden weiter leiden und zweifeln und stumm schreien in unserer ewigen Gefangenschaft, so lange, bis wir beide zu Staub zerfallen sind.

Der Steinadler schwieg.

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Und die Devise heißt: Leben. Samstag, Mar 27 2010 

Eine kleine Kurzgeschichte, heute Nachmittag in einem ziemlichen Kreativflash entstanden.
Muss ja auch nicht immer alles nur bitterer Zynismus und Kritik sein.

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Langsam fuhr er mit der Hand über die raue, verwitterte Steinfläche, auf der er saß. Lauwarm beschienen von der Sonne, die sich anschickte, endgültig die letzten Reste eines Winters zu vertreiben, der sich viel zu lange angefühlt hatte.
Ewig lange…
Er lächelte.
Früher hätte er den Ausdruck, der sich jetzt auf seinem Gesicht abzeichnete, während er den Kopf in den Nacken legte und die wärmenden Sonnenstrahlen genoss, die ihm durch jede einzelne Pore seiner Haut drangen, nur unterbrochen von einer angenehm kühlen Brise hin und wieder, wohl als bescheuert bezeichnet. Grenzdebil vielleicht. Möglicherweise sogar hirnlos. Ganz sicher unangemessen.
Aber früher hatte er ja so vieles anders gesehen, anders bezeichnet, anders gedacht.
Wenn sein altes Ich ihn jetzt so sehen würde, es würde ihn wahrscheinlich als Verräter beschimpfen… oder ihm einfach nur schreiend dieses grenzdebile Grinsen aus der bescheuerten Fresse schlagen.
Aber er konnte nicht anders – wenn er jetzt an sich herabsah, auf seinen Schoß, in den sie ihren Kopf gebettet hatte, die Augen geschlossen, der Gesichtsausdruck friedlich, fast als würde sie schlafen, dann musste er lächeln.
Alles andere wäre bescheuert gewesen.
Vielleicht auch grenzdebil.
Ja, möglicherweise sogar hirnlos.
Ganz sicher aber unangemessen.
Er veränderte leicht seine Sitzposition, um sich umsehen zu können, was von ihr mit einem schläfrigen Grummeln quittiert wurde, und ließ den Blick über die Umgebung schweifen – die Brüstung der alten steinernen Mauer entlang, auf der sie sich befanden. In einem großzügigen Halbkreis umschloss sie die wenigen alten Parkbänke in ihrer Mitte, sporadisch bevölkert von Menschen, die ähnlich wie sie die ersten Anzeichen des anbrechenden Frühlings genossen. Eine kurze Zeit ließ er sich von dem Gedanken treiben, dass sie alle, ganz egal was sie dachten, woher sie kamen oder wer sie waren, für diesen Moment, für die Dauer ihrer Anwesenheit hier, das gleiche Gefühl genossen, dieses vielleicht illusionäre, vielleicht trügerische, aber absolut wunderschöne Empfinden tiefen Friedens, das für ihn absolut neu war.
In diesem Moment waren sie alle, ganze ohne Blicke, ohne Gesten oder Worte, eine Gemeinschaft.
Nur durch diesen Gedanken.
Er wandte sich wieder um und ließ den Blick über seine übereinander gelegten Füße hinaus auf dem dahin strömenden Fluss auf der anderen Seite der Mauer ruhen, beobachtete die Vögel, die sich singend umkreisten und sich dann sanft auf der Wasseroberfläche niederließen, um sich einfach nur mit dem Strom davon treiben zu lassen.
Früher hätte er sich nicht vorstellen können, dass es mitten in einer Stadt einen Platz wie diesen geben könnte, wo er sich von den wechselnden, sich ständig bewegenden Menschenmengen in seiner Umgebung nicht bedrängt und gestört fühlte. Wo niemand vorbeigehen konnte, ohne wenigstens einen Moment stehen zu bleiben und dieses überwältigende Gefühl zu genießen. Wo er einfach loslassen und sich entspannen konnte.
Früher…
Er fuhr sich nachdenklich durch das zerzauste Haar und ließ seine Gedanken zurück in jene Zeit schweifen, an der er beinahe zerbrochen wäre.
Ja… es war ein langer Winter gewesen.
Endlos lang.
Einen Moment glaubte er fast, sich einzubilden, wie die Welt um ihn herum plötzlich all die berauschenden, bunten, aufblühenden Farben verlor und wieder in einem fahlen Schatten versank, so, wie er sie damals gesehen hatte. Er blickte fröstelnd auf und sah zu, wie eine schneeweiße Wolke gemächlich vor der Sonne vorbeizog und all die Wesen, Menschen genau so wie Tiere und Pflanzen, die nach ihrer wohltuenden Wärme gierten, von ihr abschirmten.
Ja, so war es früher gewesen. Nur Wolken und keine Sonne. Immer nur Wolken.
Eine heuchlerische Gesellschaft, die sich in Arroganz und Ignoranz erging, die sich an ihrer grenzenlosen Dummheit auch noch aufgeilte und vollkommen gleichgültig gegenüber Ungerechtigkeit oder menschlichem Leid geworden war – und sich nach außen hin als freie, tolerante, mitleidvolle Gemeinschaft aufgeklärter Bürger propagierte.
Und das Einzige, was sie dabei am Ende tolerierte, waren nur ihre eigenen gewaltigen, unübersehbaren Makel.
Ja, dachte er, das fasste wohl den Großteil dessen zusammen, was seine Gedankenwelt damals ausgemacht hatte.
Und wieder musste er lächeln.
Wenn er sich jetzt daran erinnerte, dann wunderte es ihn gar nicht mehr, wie gründlich und vollkommen diese Jahre ihn damals zugrunde gerichtet hatten. Ständig war er gegen all das angerannt, was ihm so unglaublich wichtig erschienen war, was seiner Meinung nach einfach nicht sein durfte. Immer und immer wieder mit dem Kopf gegen die Betonwand. Hatte von Idealen geredet, die in seinen Augen tagtäglich im Kleinen wie im Großen verraten wurden.
Und über all das hatte er all die Jahre vergessen, sich umzusehen und die Dinge wahrzunehmen, die in Ordnung waren in dieser Welt.
Mehr als in Ordnung.
Faszinierend. Atemberaubend. Wunderschön.
Er hatte sich am Ende immer konsequenter und erbarmungsloser allem versperrt, was ihm auch nur ansatzweise wieder in Erinnerung hätte rufen können, wofür er all das damals eigentlich hatte tun wollen.
Für eine Welt, die so wunderschön war wie sie sich ihm hier offenbarte.
Und für den Gedanken, dass alle Menschen sie irgendwann so genießen konnten wie er es in diesem Moment tat.
Vermutlich hatte er sich damit letzten Endes über die Jahre vieler Dinge… vieler Erlebnisse und Erfahrungen beraubt. Die Meisten davon vermisste er immer noch nicht und würde es wohl auch nie.
Aber bei einigen – und für einen kurzen Moment wanderten seine Augen zurück zu dem friedlichen Gesicht in seinem Schoß – begriff er erst jetzt langsam, wie sehr sie ihm gefehlt hatten.
Auch wenn er das damals so erfolgreich verdrängt hatte, dass nicht einmal er es wusste.
Also war es falsch? War er ein Verräter an seinen Idealen? War er bescheuert, grenzdebil, hirnlos – verhielt er sich unangemessen?
War es das?
Unangemessen, sich einfach mal die Zeit zu nehmen und Momente wie diesen zu genießen? Obwohl anderenorts Menschen verhungerten? Obwohl es auf dieser Welt so viel Unrecht gab, dass er früher am liebsten schreien und weinen und alles, was ihm unter die Augen kam, ob Gegenstand oder Lebewesen, kurz und klein hätte schlagen können und sich selbst zerreißen, wenn es irgendetwas gebracht hätte?
Konnte so ein Moment überhaupt falsch sein? Konnte es falsch sein, sich zurückzulehnen und die Sonne zu genießen, ihre wärmenden Strahlen, die kühlen Brisen hin und wieder und die Tatsache, dass er zum ersten Mal seit Langem so etwas wie Frieden und Glück empfand?
Er schloss die Augen, als die letzten Wolkenballungen endlich vorüber zogen und die Sonne wieder ihre tastenden, wohltuend streichelnden Finger nach ihnen allen ausstrecke.
Nein.
So etwas konnte nicht falsch sein.
Es durfte nicht falsch sein.
Und wenn Momente und Tage wie dieser auch noch so selten sein mochten – wenn sie kamen, dann musste man sie genießen. Egal wie kurz sie waren oder wie banal sein jetziges Glück ihm früher auch erschienen wäre.
Kämpfen konnte man immer noch.
Man wusste nur wieder, wofür.
Scheiß drauf, dachte er, aber nicht jetzt.
Nicht jetzt.
Das hier gehört mir.
„Scheiß drauf“, sagte er leise, fast unwillkürlich, flüsterte es vor sich hin, wie um es sich selbst noch einmal einzuschärfen.
Er blickte wieder hinab und sah, dass sie die Augen geöffnet hatte.
Sie sah ihn an und lächelte.
Und sie fragte ihn nicht, was er meinte. Das tat sie nie. Sie wusste es einfach. Auch so.
Er schloss die Augen, ließ sich zurücksinken auf das lauwarm beschienene Gestein, verschränkte die Arme hinter dem Kopf -
und lächelte.

- -

Die Krone der Evolution Donnerstag, Mar 19 2009 

So.

Das hat lange gedauert.

Ich wollte das zwar an einem einzelnen Wochenende durchziehen, aber zum einen wurde ich durch eine Vielzahl anderer Dinge davon abgehalten, und zum anderen gestaltet die ganze Sache sich weitaus schwieriger, als ich angenommen hatte. Mit Logik und Sachverstand komme ich gegen dieses Chaos sehr viel schlechter an als erwartet.

Aber vielleicht liegt es auch daran, dass sich das mit der Zeit zu legen scheint und es mir insgesamt besser geht.

Nunja, die ganze Sache wird trotzdem durchgezogen. Aber vorerst, als Einschub, eine kleine KG, die ich vor wenigen Tagen spontan geschrieben habe. Nichts Weltbewegendes, aber zumindest kommt die Lust am Schreiben nach der ganzen Sache langsam wieder zurück.

Bitte.

- -

Die Krone der Evolution

Sind Sie schon einmal abends auf dem Nachhauseweg stehen geblieben, um einen Betrunkenen zu beobachten, der sich auf dem Boden wimmernd in seinem eigenen Erbrochenen windet, während zwei andere nicht minder Betrunkene lachend um ihn herumtorkeln und an dem Versuch scheitern, ihm wieder auf die Beine zu helfen?

Haben Sie sich schon einmal die Zeit genommen, zu zählen, wie viele Menschen in teuren Anzügen und mit gekaufter Liebe im Arm wortlos an Bettlern vorbeigehen, die flehend ein Foto ihrer Familie hochhalten?

Haben Sie schon einmal beobachtet, wie gleichgültig ihre Mitmenschen auf Nachrichten über Selbstmordanschläge mit mehreren Toten und Schwerverletzten reagieren und sich dann dem sinnentleerten Abendprogramm zuwenden?

Sind Sie schon einmal schweigend in der Nähe gestanden, als Mitmenschen jemand anderen verbal und mitunter sogar körperlich drangsaliert haben?

Haben Sie schon einmal einen Bericht im Fernsehen gesehen, über einen Jugendlichen, der seine Mutter krankenhausreif geschlagen hat?

Sind Sie schon einmal im Internet auf eine Seite gestoßen, in der reale Vergewaltigungsszenen, von Überwachungsvideos oder Mittätern gefilmt, als Pornographie vertrieben werden?

Haben Sie schon einmal zugesehen, wie der Fahrer eines Schneeräumers über die Bordsteinkante gelenkt hat, um eine über die Straße rennende Katze noch zu erwischen?

Haben Sie schon einmal mit angehört, wie sich jemand über die Schäden an seinem Auto aufgeregt hat, während das Tier, das er überfahren hat, keine zehn Meter entfernt lag?

Waren Sie schon einmal anwesend, als erwachsene Menschen sich an Bildern von zerfetzten Menschen aufgegeilt haben?

Haben Sie schon einmal in einer Fernsehdokumentation mit angesehen, wie ein lebender Hund an den Hinterbeinen die Straße hinuntergezerrt und in eine Müllpresse geworfen wurde, weil er unerwünscht war?

Haben sie schon einmal ein Video gesehen, in dem einem amerikanischen Soldaten von Extremisten der Kopf mit einem Küchenmesser sorgfältig langsam abgeschnitten wird?

Haben Sie aufgepasst, wie lange er geschrien hat?

Haben Sie bemerkt, wie gleichgültig seine Mörder darauf reagiert haben?

Haben Sie sich schon einmal den zweifelhaften Spaß erlaubt, die Kriege zu zählen, die aus bloßer Gier um Macht geführt wurden, gleichgültig wie viele Menschen dabei zugrunde gehen?

Haben Sie schon einmal Bilder gesehen, in denen nackte Leichen zu meterhohen Haufen vor den Häusern gestapelt worden sind?

Und haben Sie bemerkt, wie wir uns selbst nennen?

Die Krone der Evolution.

Eden’s Odyssees # 1 Montag, Jan 28 2008 

Es gibt so Tage, da funktioniert einfach gar nichts.

Da beginnen Kriege. Da ereignen sich Terroranschläge. Da verabschiedet sich die halbe Welt mal ganz spontan von ihren zivilisierten Eigenschaften. Oder man tritt einfach nur auf dem Bürgersteig direkt in einen fetten Haufen Hundescheiße.

So Tage halt, wo man sich fragt, ob die Menschheit angesichts ihrer unglaublichen Ignoranz und Dummheit überhaupt noch eine Existenzberechtigung hat.

Oder warum diese verdammten Hunde nicht dreißig Zentimeter weiter links in den Rasen scheißen können.

Gestern war so ein Tag.

Kurz zusammengefasst, ich ging spät nachts aus dem Haus, wanderte in die Dunkelheit, und kam mit einer blutenden Beule am Schädel und einigen sehr schmerzhaften rektalen Verletzungen wieder zurück.

Jaja, ich weiß schon – aber bleibt da, in der Geschichte ist weit weniger homoerotischer Inhalt zu finden als man jetzt vielleicht denken mag.

Deshalb präsentiere ich jetzt, voller Stolz und mit einem unangenehmen Juckreiz um den Schließmuskel herum, den ersten Teil einer neuen Serie, die in Zukunft vermutlich sehr oft Zuwachs bekommt:

Eden’s Odyssees # 1:

Es war ein Samstag wie jeder andere. Nämlich ein beschissener.

Irgendwann im Laufe meines Lebens war meine Mutter der Meinung gewesen, dass ich an allen Wochenenden bis zu meiner Volljährigkeit Zeitungen austragen sollte. Um mir etwas Geld dazu zu verdienen. Um zu lernen, was Arbeit heißt. Um Verantwortungsbewusstsein zu erlangen. Die ganzen Schwachsinnsgründe, die einem Erziehungsberechtigten in dieser Hinsicht einfallen können. Denn ich habe samstags ja auch nichts anderes zu tun.

Ich tat es also für das Geld.

Und ich tue es für gewöhnlich nachts. Nicht, weil ich nur schwarz trage, so tue, als würde ich mich mit Satanismus auskennen und jedem, der es nicht hören will, erzähle, dass ich Sonnenlicht hasse. Nein, der Grund ist einfach – nachts trifft man keine Menschen.

Nicht, dass ich Menschen nicht mögen würde. Nein!

Nur gibt es in unserem Kaff nur diese ganz besondere Art von ländlichen Menschen. Rentner, Arbeitslose und noch Schlimmeres – Kinder! – die einen dann immer anschauen. Einen grüßen. Mit einem reden. Unsäglich schlechte Witze machen, über die man dann künstlich lachen muss, nur um möglichst schnell wegzukommen.

Es war also ein Samstag wie jeder andere. Nämlich ein beschissener.

Um zwei Uhr morgens verließ ich mein trautes Heim, leicht bis mittelstark alkoholisiert, wie ich es eigentlich generell etwas oft bin. Gehört in Bayern ja quasi zum guten Ton. Wie immer ging – oder torkelte – ich meine Runden, warf die Prospekte ein, ohne die die Leute anscheinend nicht leben können, denn wenn ich einmal ein Haus vergesse, ist die Hölle los.

Nur gab es ein Problem.

Winter. Kälte. Glatteis. Alkohol. Schlechte Kombinationen.

Außerdem ist es nachts generell nicht sehr angenehm, vor allem, wenn man sich beständig von Rammstein zudröhnen lässt und dann neben stockfinsteren Wäldern vorbeistolpert. Gar nicht auszudenken, was einer so attraktiven, wehrlosen Frau wie mir da zustoßen könnte!

Zudem scheinen die wenigstens Leute damit zu rechnen, dass um zwei Uhr morgens ein betrunkener Jugendlicher die Straßen abklappert und bei ihnen Werbung für Hundefutter mit Hühnchengeschmack einwirft. (Mögen Hunde eigentlich Hühnerfleisch? Davon hab’ ich noch nie gehört.)

Was sie dazu verleitet, die Tore zu ihren Einfahrten zu verschließen und zu verriegeln, einen Stacheldrahtzaun zu ziehen und die Selbstschussanlagen zu aktivieren.

Oder zumindest eins von dreien.

Was den vollkommen betrunkenen Jugendlichen wiederum dazu verleitet, sich mit dem Elan und der anmutigen Grazie eines vollkommen betrunkenen Jugendlichen über ihre Zäune und Tore zu hieven.

Was auf Dauer natürlich nicht gut gehen kann.

Vor allem bei Glatteis.

Denn früher oder später passiert ein Unglück – und wenn man dann bei diesem Unglück von einem scheiß hölzernen Zaunpfosten beinahe anal vergewaltigt wird, hört der Spaß irgendwo einfach auf.

Auch, wenn man vollkommen betrunken ist.

Aber man rafft sich natürlich auf. Man ist immerhin Werbeprospekte-austräger. Eine verdammt harte Sau -die Elite. Der Beste der Besten. Man bringt den Leuten jedes Wochenende ihre wertvollen kleinen Heftchen, bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit.

Man ist ja schließlich ein Held des Alltags.

Außerdem ist man vollkommen betrunken.

Was man allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht weiß, und auch eine Viertelstunde später noch nicht, wenn man die Strecke schon fast durchhat und sich auf den Weg nach Hause machen will, ist etwas sehr Interessantes: Viele Menschen sind selbst im Januar noch zu faul, ihren verfickten Weihnachtsschmuck abzuhängen.

Und wenn man dann um zwei Uhr morgens mit dem Tunnelblick eines vollkommen betrunkenen Jugendlichen nach Hause torkelt, ist das Letzte, womit man rechnet, ein fetter Stoffweihnachtsmann, der an einem Balkon über einem hängt und einen mit dem psychopathischsten Blick eines Weihnachtsmannes anstarrt.

Glaubt mir, damit rechnet man einfach nicht.

Natürlich erschrickt man, man rutscht beinahe aus, fängt sich gerade noch, erkennt den Weihnachtsmann. Man lacht noch recht dreckig über seine eigene Dummheit.

Dann dreht man sich um und rennt gegen den Laternenpfahl.

Und endlich bekommt das Glatteis doch noch seine Chance. Während man sich noch an die schmerzende Stirn greift, kracht man schon mit dem Hinterkopf auf den Bürgersteig.

Und dann bleibt man erstmal liegen, um diese unglaubliche Szenerie auf den Leser dieses Blogs wirken zu lassen. Ich meine, früher dachte ich immer, so was gäbe es nur in den schlechtesten Cartoons für die dümmsten Kinder. Aber ich schwöre hoch und heilig, man möge mir beide Eier abschneiden und zum Verzehr braten, wenn ich lüge – es war wirklich so.

Da lag ich also nun, und tat erstmal das, was jeder in meiner Situation machen würde.

Ich zündete mir eine Zigarette an und blieb liegen, um zu warten, bis die Welt aufhören würde, sich zu drehen. Was sie nicht tat. Ob das nun am Alkohol lag oder an dem Blut, das wohltuend wärmend in unglaublichen Massen aus meinem Hinterkopf strömte, ich weiß es nicht.

Na gut, eigentlich waren es nur ein paar Tropfen.

Jedenfalls stand ich irgendwann wieder auf.

Ich glaube zumindest, dass ich aufstand, denn als ich wieder aufwachte, war ich zu Hause, mit gleich zwei schmerzhaften Beulen am Schädel und einem unangenehmen Kratzen um den Schließmuskel herum.

Oder vielleicht ist das auch alles nur ein kranker Traum, den mein Unterbewusstsein sich ausgedacht hat, um mich vor der viel grausameren Wahrheit zu schützen.

Jedenfalls ein ganz normaler Samstag. Nämlich ein beschissener.

Von Kaugummis und Bombenanschlägen Donnerstag, Nov 22 2007 

Ohne einleitende Worte einfach mal aus meinem Kurzgeschichtenordner herauskopiert:

- -

Wie immer saß er dort.
Wie jeden Abend zusammengesunken in den ewig gleichen Sessel, erschöpft, müde, ausgelaugt und nicht mehr fähig, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen.
Wie nach jedem gottverdammten Tag seines Lebens, den er verschwendete, um sich von der Gesellschaft einen weiteren Atemzug, ein paar Momente Leben, ein bisschen Freiheit zu erkaufen.
Freiheit für Sklaverei.
Jeden Tag ein bisschen mehr sterben, nur um weiterzuleben.
Ein leiser Widerstand regte sich in seinem Kopf, er fühlte, wie sein erkaltetes Herz mit einem Mal schneller schlug, wie ein bitteres Lächeln die Miene seines faltigen Gesichts verzerrte.
Aber er hatte verloren, das wusste er – der Teil in ihm, der sich noch wehrte, hatte nur noch nicht begriffen, dass der Krieg längst zu Ende war.
Seine fahrige Hand griff nach der Fernbedienung, schaltete den Fernseher ein, auf den sein starrer, leerer Blick gerichtet war.
Das allabendliche Ritual begann.
Er wühlte sich mit schlaftrunkenem Geist durch Sender und Programme, verweilte kurz bei Bildern, die sein Interesse weckten, die auch nur ein wenig an der rauen Schale seines ermüdeten, gelangweilten Geistes kratzten, die noch fähig waren, einen kleinen Funken Begeisterung in ihm zu wecken.
Der Finger auf der Fernbedienung zuckte.
Dem Blick seiner blutunterlaufenen Augen offenbarten sich Bilder einer Schauspielerin auf irgendeiner nichts sagenden Veranstaltung irgendwo auf dieser gottverdammten Welt, deren Perversion ihn längst nicht mehr interessierte. Der Kameramann hielt mit zitternden Händen, als hätte er eine riesige Entdeckung vor sich, auf ihren Schuh und filmte den winzigen Kaugummi, der an ihrem Absatz klebte, begleitet von dem einschläfernden Kommentar irgendeiner Praktikantin eines zweitklassigen Boulevardmagazins.
London – Auch eine Angelina Jolie ist vor Peinlichkeiten nicht gefeit. So geschehen bei der gestrigen Premiere ihres Films “Beowulf”. Auf dem roten Teppich in London ließ sich Jolie von Freund Brad Pitt und einem Kaugummi begleiten. Laut der britischen Zeitung “The Sun” klebte der fiese Kaugummi am Absatz ihres linken Schuhs, leider bemerkte Jolie dies nicht und schleppte das Kauwerk bis in den Filmsaal. Die Fotografen sahen das Ganze natürlich und hielten drauf.
Begleitet von zahlreichen Nahaufnahmen Angelina Jolies aus allen erdenklichen Winkeln und Perspektiven.
Gefolgt von zahlreichen Nahaufnahmen des Kaugummis aus allen erdenklichen Winkeln und Perspektiven.
Das Lächeln auf seinem Gesicht schwand – der Finger auf der Fernbedienung zuckte.
Das Programm wechselte zu einem Nachrichtensender, einem jener halbwegs seriösen Bollwerke des Verstandes in einer stürmisch-dümmlichen Medienlandschaft. Ein transparenter Balken am unteren Bildschirmrand ließ unentwegt kurze Nachrichten über den Bildschirm flimmern.
Er kniff die Augen zusammen.
Eilmeldung: Weitere Bombenanschläge im Irak – fünf Tote und dreiundzwanzig Verletzte in Bagdad.
Es dauerte nur sieben Sekunden, sieben erbärmliche Sekunden, bis der Schriftzug durch das Bild gehuscht war. Als wäre er unerwünscht. Als wolle man nicht, dass die Menschen ihn lesen. Weil er unangenehm war.
Sieben Sekunden.
Der Finger auf der Fernbedienung zuckte, die Bilder wichen einem stummen, eindringlichen Schwarz.
Ächzend erhob er sich, legte die Fernbedienung langsam beiseite, bettete sie fast zärtlich auf das Sofa, auf dem er ohnehin nie saß, wie einen Schatz, wie das wertvollste Relikt seines Lebens.Fünf Tote, dreiundzwanzig Verletzte – sieben Sekunden.
Ein Kaugummi am Schuh einer gottverdammten Schauspielerin – mehr als eine Minute.
Er spürte den Widerstand in seinem Kopf, spürte das rasende Pochen seines Herzens, spürte, wie der alte Kampfgeist wieder Besitz von ihm ergriff.
Sieben Sekunden.
Diesmal lächelte er nicht.
Er nickte nur, nickte dem schreienden, kreischenden, um sich schlagenden Dämon in seinem Inneren zu, als müsse er ihm erst erlauben, aus seinem Körper auszubrechen.
Wie in Trance drehte er sich um, die faltigen Hände packten seinen Lieblingssessel, er riss das Möbelstück in die Höhe als wäre es federleicht und warf es direkt in die widerwärtige Schwärze, die ihm aus dem Fernseher entgegenstarrte.
Eine Explosion aus Splittern und Scherben stob durch das Zimmer, Funken sprühten wie ein kleines Feuerwerk aus dem Gerät, um seine Tat zu honorieren, das Klirren und Knirschen des zerstörten Fernsehers erfüllte den Dämon in seinem Inneren mit schierer Freude.
Er schrie, stieß mit dem Fuß in die funkenstiebende Bestie, trat nach, immer und immer wieder, packte den Fernseher, schleuderte ihn quer durch den Raum, dass er an der gegenüberliegenden Wand zerbarst.
Sieben Sekunden.
Der Dämon schrie.

- -

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